Schweiz

«Alles als Frage des Klerikalismus darzustellen, ist wieder Vertuschung»

Dietikon ZH, 28.8.18 (kath.ch) Die Äusserungen des Churer Weihbischofs Marian Eleganti über einen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität sind umstritten. Gegenüber kath.ch präzisiert er nun seine Aussagen und beruft sich dabei auf die Statistik: Missbrauchsopfer von Klerikern seien mehrheitlich männliche Heranwachsende und Seminaristen und «die Täter selbstredend homosexuell veranlagte Männer». Er räumt aber ein, dass auch Klerikalismus eine Rolle spiele.

Barbara Ludwig

In der katholischen Kirche gibt es Stimmen, die den sexuellen Missbrauch durch Priester auf den Klerikalismus zurückführen. Wie sehen Sie das?

Marian Eleganti: Macht und Prestige schaffen einen Vertrauensbonus, der für sexuelle Verhältnisse ausgenutzt wird. Ebenso sind sie hilfreich, letztere zu vertuschen, mit Einfluss, Beziehungen und Geld sich aus der Affäre zu ziehen oder sich in der Öffentlichkeit möglichst schadlos zu halten. Das ist doch auch in der Politik so und überhaupt im gesellschaftlichen Leben.

«Macht schafft einen Vertrauensbonus, der für sexuelle Verhältnisse ausgenutzt wird.»

Man sollte aber nicht Rauch und Feuer in der Frage nach der Erstursache verwechseln. Dahinter stehen natürlich Interessen. Die Sexualität in dieser Frage auszuklammern und alles als eine Frage des Machtmissbrauchs beziehungsweise Klerikalismus darzustellen, ist wieder eine Vertuschung.

Auf dem Feld der Missbrauchskrise ist ein innerkirchlicher Kampf zwischen rechts und links entbrannt. Einem rechten Flügel wird vorgeworfen, er mache Homosexualität für den Missbrauch verantwortlich. Sie führen dieses Argument auch an. Aus welchen Gründen?

Eleganti: Es geht hier nur um die Wahrheit, nicht um rechts oder links. Sowohl Heterosexuelle wie Homosexuelle sind frei und können im Hinblick auf unser Thema immer auch anders handeln. Bei allem Respekt gegenüber dem einzelnen homosexuell veranlagten Menschen: Ich spreche hier nur statistische Fakten an ohne polemische Pauschalisierungen.

«Ich spreche hier nur statistische Fakten an ohne polemische Pauschalisierungen.»

Es ist aber auffallend, dass Missbrauchsopfer von Klerikern mehrheitlich männliche Heranwachsende und Seminaristen sind und die Täter selbstredend homosexuell veranlagte Männer. Zu behaupten, es gehe hier vor allem um das Ausleben klerikalistischer Macht und nicht auch um sexuelle Bedürfnisse und Affektivität ist ideologisch und interessengeleitet. Beides trifft zu: Machtmissbrauch (Klerikalismus) und sexuelle und affektive Bedürfnisse.

Gegenüber dem TV-Sender EWTN sagten Sie, 90 Prozent (der Übergriffe in Pennsylvania) stünden in einem direkten Zusammenhang mit einer homosexuellen Veranlagung; denn die Opfer seien nicht Kinder gewesen, sondern Heranwachsende und Seminaristen im Alter von 16 oder 17 Jahren. Woher haben Sie diese Information? Sie widerspricht den Angaben im Bericht der Jury.

Eleganti: In meinem Facebook-Post vom 28. August nenne ich einige von meinen Quellen. Pennsylvania ist nur einer der Schauplätze, Chile, Honduras, Kolumbien weitere. Von Kolumbien aus wurden sogar Seminaristen systematisch in homosexuell-freundliche Seminare in den USA platziert. Überall das gleiche Bild.

«Der Journalist Andrea Galliarduci schreibt: ‹Die Seminare erweisen sich am Ende als Problem.›»

Der Journalist Andrea Galliarduci, der nach meiner Wahrnehmung eine mittlere Position einnimmt, schreibt im «Monday Vatican» (27. August) zu dem Pennsylvania-Bericht ausführlicher und differenzierter: «Die Seminare erweisen sich am Ende als das Problem. Die schwule Subkultur hinter dem Phänomen des Missbrauchs wurde angeprangert. Man könnte sagen, es sei politisch falsch und einwenden, dass Pädophilie und Homosexualität zwei verschiedene Situationen sind. Allerdings geht es bei sexuellem Missbrauch durch Geistliche fast immer um homosexuelle Beziehungen – Missbrauch von Männern gegen andere Männer – wie in den Daten des John Jay-Berichts von 2011 festgestellt werden kann, obwohl der Bericht auch präzisiert, dass klinische Daten «die Hypothese nicht unterstützen, dass Priester mit homosexueller Identität oder solche, die gleichgeschlechtliches Sexualverhalten mit Erwachsenen begangen haben, Kinder wesentlich häufiger sexuell missbrauchen als solche mit heterosexueller Orientierung oder heterosexuellem Verhalten.». Die letzte Aussage bestätigt nur die menschliche Freiheit im Ausleben der eigenen sexuellen Bedürfnisse, nicht aber stellt sie die statistische Frequenz homosexueller Übergriffe von Klerikern in Frage.

Das Weltfamilientreffen wurde ziemlich überschattet vom Missbrauchsskandal. Wie haben Sie «diesen Schatten» wahrgenommen?

Eleganti: Ich habe diesen Schatten nur in persönlichen Gesprächen, vor allem mit amerikanischen Bischöfen wahrgenommen, und auch durch den Umstand, dass ich die Nachrichten in den Medien verfolge. Es ist für mich, für die Bischöfe wie auch für die Gläubigen eine schmerzliche Angelegenheit.

Welche Bilanz ziehen Sie nach dem Abschluss des Treffens?

Eleganti: Das Treffen hat inspirierende Impulse gegeben und uns aufgezeigt, wie wichtig die kirchliche Arbeit für die Familie, die Ehe und die Kinder ist. Nun ist es ausschlaggebend, wie diese Impulse auf lokaler Ebene umgesetzt werden. (Übersetzung: rp)

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.


Weihbischof Marian Eleganti | © Jacques Berset
28. August 2018 | 15:39
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