Somalische Frauen in der Schweiz | © 2014 Heike Grasser
Schweiz
Somalische Frauen in der Schweiz | © 2014 Heike Grasser

Genitalverstümmelung in der Schweiz: 15'000 Frauen betroffen

Luzern/Bern, 5.2.16 (kath.ch) Weibliche Genitalverstümmelung ist auch in der Schweiz ein Thema: 15’000 Frauen und Mädchen in der Schweiz sind laut Caritas Schweiz davon betroffen oder bedroht. Aus diesem Grund ruft das katholische Hilfswerk für Samstag, 6. Februar, zu einer Mahnwache in Bern auf, wie Caritas Schweiz am 5. Februar mitteilte.

Gemäss den jüngsten UNO-Schätzungen sind weltweit mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung. Das sind rund 70 Millionen mehr als bislang angenommen. «Nie zuvor war es so dringlich, diese Praxis zu beenden», sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon am Donnerstag, 4. Februar, in New York.

Auch in der Schweiz sind etwa 15’000 Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen oder leben in der Gefahr, beschnitten zu werden. Die Frauen in der Schweiz stammten vor allem aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, dem Sudan und Ägypten, wie Nadia Bisang, Projektleiterin bei Caritas Schweiz gegenüber kath.ch sagte, während weltweit gesehen Indonesien zu den am stärksten betroffenen Ländern zählt, wie der jüngtse UNO-Bericht festhält. Die betroffenen Fragen brauchten Schutz und Unterstützung von Fachpersonen, so Caritas weiter. Zwar hat der Bundesrat laut Caritas entschieden, ein Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung in der Schweiz zu finanzieren, jedoch fehlt es laut Caritas an einer nationalen Strategie sowie an kantonalen Programmen.

Als Fluchtgrund anerkannt

Weibliche Genitalverstümmelung ist laut Caritas in der Schweiz verboten und auch als Fluchtgrund anerkannt, in der Praxis käme diese Regelung jedoch selten zur Anwendung. Oft fehle den Fachpersonen in den Bereichen Gesundheit, Asyl, Integration, Kinderbetreuung oder Bildung, die mit Betroffenen konfrontiert seien, das nötige Spezialwissen. Diese Personen müssten gezielt geschult werden.

Auch in den Gemeinschaften, also den Migrantengruppen, die aus dem jeweils gleichen Herkunftsland kommen, brauche es Präventionsmassnahmen. Hier ist Caritas tätig, indem das Hilfswerk «mit viel Geduld und Respekt für Traditionen» bei betroffenen Müttern, Vätern, Mädchen und Jungen eine Vertrauensbasis aufzubauen versucht. Erst auf dieser Basis könne ein Gespräch über Traditionen, Menschenrechte und die dramatischen Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung erfolgen.

Indonesien: Die Hälfte der Mädchen unter 11 Jahren betroffen

Weltweit gesehen gehört gemäss dem jüngsten UNO-Bericht Indonesien zu den am stärksten betroffenen Ländern, das wesentlich zur Zunahme der Fallzahl beigetragen habe. Etwa die Hälfte aller indonesischen Mädchen bis zu elf Jahren seien beschnitten, heisst es in dem UNO-Report. Zusammen mit Ägypten und Äthiopien gehöre Indonesien zu jenen drei Ländern, in denen mehr als die Hälfte der weltweit 200 Millionen Opfer lebten.

Eine Ursache für die Genitalverstümmelung indonesischer Mädchen liegt in einer unklaren Gesetzeslage. Das Gesundheitsministerium hatte das Ritual 2006 verboten. Eine Fatwa des höchsten theologischen Gremiums des indonesischen Islam erlaubte jedoch zwei Jahre später ausdrücklich die Beschneidung von Mädchen. Seitdem verzichtet das Gesundheitsministerium laut eigener Aussage mangels Zuständigkeit auf eine Durchsetzung des Verbots. Bei der Beschneidung von Mädchen handle es sich «nicht um einen medizinischen Eingriff», teilte das Gesundheitsministerium 2015 mit.

Mahnwache in Bern

Für Samstag, 6. Februar, ruft Caritas Schweiz zusammen mit «Terre des Femmes» und Amnesty International zu einer Mahnwache gegen weibliche Genitalverstümmelung auf. (17.30 bis 18.30 Uhr, Bahnhofplatz Bern). Anlass ist der «Internationale Tag der Nulltoleranz gegen weibliche Genitalverstümmelung» vom 6. Februar. (sys/kna)

 

Kein religiöses Phänomen

Beschneidungen von Frauen und Mädchen können nach Ansicht der Geschäftsführerin der deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Renate Bähr, nicht mit einer bestimmten Religion in Verbindung gebracht werden. Die Hälfte der Fälle weltweit komme in Äthiopien, Ägypten und Indonesien vor, sagte Bähr am Samstag, 6. Februar, im Deutschlandradio Kultur. Äthiopien sei christlich geprägt, Ägypten indes eindeutig islamisch. «Womit auch klar ist: Man kann es einer Religion direkt nicht zuordnen», sagte Bähr. Die Beschneidungen von Frauen und Mädchen seien vielmehr «ein Ausdruck von patriarchalischen Strukturen». (kna)

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