Pfarrei Greifensee-Nänikon-Werrikon, 13.05.2019, 08:54

Offener Brief der Pfarrei Johannes XXIII Greifensee-Nänikon-Werrikon

Medienmitteilung

Offener Brief an alle Entscheidungsträger in der römisch-katholischen Kirche und an alle, denen die Zukunft dieser Kirche am Herzen liegt.
Wir, die Unterzeichnenden der Pfarrei Johannes XXIII. Greifensee – Nänikon – Werrikon, wollen nicht schweigen. Die in immer grösserem Ausmass publik gewordenen Missbrauchsfälle in der römischkatholischen Kirche haben uns aufgerüttelt und empört. Zu den in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern ist nun auch der systematische Missbrauch von Erwachsenen durch Priester bekannt geworden. Der Film «Gottes missbrauchte Dienerinnen», der auf arte und in gekürzter Fassung auf SRF in Sternstunden Religion gezeigt wurde, hat uns erschüttert, sprachlos, traurig und letztlich auch wütend gemacht. Ist das unsere Kirche, haben wir uns gefragt. Es scheint uns, dass diese Situation symptomatisch ist für eine reformunfähige Kirche, die sich immer mehr von der Botschaft Jesu entfernt.
Die Zahl derer in der Katholischen Kirche der Schweiz, die diese Besorgnis öffentlich ausdrücken, nimmt zu und es gibt uns Kraft und bestärkt uns, dass wir in unserer Reaktion nicht alleine sind. Mit Unverständnis erfüllt uns die fehlende Reaktion des Bistums Chur. Umso mehr begrüssen wir den offenen Brief des Generalvikariats und des Synodalrates der Katholischen Kirche im Kanton Zürich an Papst Franziskus. Den darin geäusserten Aufruf zur drängenden Erneuerung der Kirche unterstützen wir voll und ganz.
Wir fühlen uns als Pfarrei unserem Namenspatron Johannes XXIII. und dem Geist des von ihm einberufenen II. Vatikanischen Konzil verpflichtet. Er hat den Mut gehabt, einen Erneuerungsprozess in der Kirche einzuleiten. Er hat erkannt, dass Kirche für die Menschen von heute da sein muss und nicht die Menschen für eine Kirche von gestern. Das Konzil hat festgehalten, dass wir alle Kirche sind und das allgemeine Priesteramt aller Gläubigen bestätigt. Aus diesem Bewusstsein ist vor mehr als fünfzig Jahren unsere Pfarrei entstanden. Damals haben engagierte Christinnen und Christen in Greifensee die Initiative ergriffen und Kirche vor Ort gebildet. Dieser Geist ist in unserer Pfarrei lebendig, ja sozusagen die DNA unserer Pfarrei.
Wir stehen ein für eine Kirche, die zu ihren Wurzeln zurückkehrt, zu einer Gemeinschaft nach dem Vorbild Jesu. Dieser «Rückschritt» bedeutet für uns den grössten Fortschritt, den die katholische Kirche machen kann. In den Leitgedanken unserer Pfarrei heisst es: «Jesu tiefes Wurzeln in seinem Vater, sein ermächtigendes und befreiendes Vertrauen in die Menschen, sein Engagement für sie und sein klares und unerschrockenes Auftreten sind uns denn auch Vorbild». Wir stehen ein für eine Kirche, die wie Jesus befreit und nicht einengt, die dem Einzelnen Verantwortung überlässt und ihn und sie ihren ganz persönlichen Weg mit Gott gehen lässt, eine Kirche, die die Menschen nicht mit Dogmen und Vorschriften, die bis in den Intimbereich gehen, belastet. Eine Kirche, die offen ist und sich nicht auf eine auserwählte Gruppe der Rechtgläubigen zurückzieht.
Wir stehen ein für eine Kirche, die das Andenken Jesu als das Wertvollste, was sie hat, bewahrt. Eine Kirche, die bereit ist loszulassen, die auf Pomp, Amtsinsignien und liebgewordene Selbstdarstellungen verzichtet. Eine Kirche, in der die Macht der Hierarchie und des Klerus durch die Macht der Liebe ersetzt wird. Eine Kirche, in der es keine Tischordnung gibt, bei der die Wichtigeren oben sitzen. Eine Kirche ohne unten und oben. Eine Kirche der Gleichwertigkeit, in der Männer und Frauen gleichberechtigt gestalten und wirken können und in der die Weihe keine Rolle für die Stellung spielt.
Wir stehen ein für eine Kirche, die bescheiden ist und sich selbst nicht so wichtig nimmt. Die nicht darauf besteht, eine göttliche und heilige Institution zu sein. Die sich im Gegenteil bewusst ist und auch offen zugibt, dass kein Mensch und keine menschliche Institution die volle Wahrheit für sich beanspruchen kann. Die ihre Fehler und Unzulänglichkeiten eingesteht. Die bereit ist Abbitte zu leisten und Veränderungen anzugehen. Die nicht rechthaberisch und ausgrenzend, sondern gerecht ist. Die Verantwortung übernimmt und Schutzbedürftige schützt.
Wir stehen ein für eine lebensfrohe Kirche, die die Menschen nicht primär als Sünderin und Sünder sieht, sondern als bedingungslos von Gott angenommen und geliebt. Für die Sexualität nicht primär nur der Reproduktion dient. Für die Sexualität ein Geschenk Gottes ist, das froh und lustvoll angenommen werden darf. Ein Geschenk, das menschliche Liebesbeziehungen bereichern und vertiefen kann. Wir stehen ein für eine Kirche, die gerade in diesem intimen Bereich Menschen die Eigenverantwortung überlässt und ja sagt zu verantworteter Sexualität.
Nicht zuletzt stehen wir ein für eine risikofreudige Kirche, die vor mutigen Entscheidungen nicht zurückschreckt. Veränderung und Experiment sollen nicht als gefährlich empfunden werden. Krampfhaftes Festhalten an Bestehendem und am Bekannten aus Angst vor Kontrollverlust und mit zweifelhaften theologischen Argumenten ist eine gefährliche Haltung. Sie führt in die Erstarrung. Und hat Jesus denn nicht gesagt: Ich bin gekommen, um die Welt zu verändern?
Obwohl wir überzeugt sind, dass es in der Kirche einen Strukturwandel braucht, haben wir hier nicht Strukturen angesprochen. Strukturen bilden das Denken ab. Die grosse Herausforderung an die Kirche besteht darin, zuerst das Denken zu ändern. Wie wir Kirche denken, haben wir in knapper Form versucht in diesem Brief darzulegen. Wir wissen, dass wir auch in unserer Pfarrei viel zu tun haben, um die Botschaft Jesu zu verwirklichen. Das braucht Innehalten, Hinschauen, Beurteilen und Handeln. Und immer wieder Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen. Wir werden auch nicht ruhen, die Veränderungsprozesse im Bistum, in der Schweiz und in der globalen Kirche zu beobachten und auch hier hartnäckig zu sein. Ostern bedeutet für uns: Wir wollen auferstehen dazu, wie wir von Gott her gemeint sind. Dafür werden wir immer wieder auf- und einstehen.
Wir denken an die Menschen, die von Mitarbeitenden der Kirche missbraucht worden sind, die von kirchlicher Seite unter Druck gesetzt wurden zu schweigen, die ringen mussten, um in einem langen Prozess ihre Würde wieder zu finden und die teilweise erst spät den Mut hatten zu reden. Für diesen Mut sind wir ihnen sehr dankbar und ihnen gilt unsere uneingeschränkte Solidarität. Wir sehen die derzeitige Situation, in der die Kirche buchstäblich nackt da steht, als grosse Chance für ein Umdenken und für Veränderungen. Diese Chance darf nicht ungenutzt bleiben.

Greifensee, Kar- und Ostertage im April 2019

Missbrauch und Kirchenkrise: Offener Brief u.a.

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