Freelance-Schwester Veronika Ebnöther

Schwester Veronika über ihr Leben als geweihte Jungfrau

Sie lebt zölibatär und trägt den Schleier einer Ordensfrau, dazu Jeans und Sneakers. Veronika Ebnöther nennt sich Freelance-Schwester, denn sie lebt nicht in einem Kloster und kommt für ihren Lebensunterhalt selber auf.

Themen dieser Folge:

  • Ein Priester bezeichnete sie einmal «Pippi Langstrumpf der Kirche»: Ist da etwas dran?
  • Nach der Matura erlebte sie ihre Berufung: Was ist passiert?
  • Sieben Jahre Ungewissheit: Findet sie eine passende religiöse Gemeinschaft?
  • Der Stand der geweihten Jungfrau: Was ist der Reiz daran?
  • Hochzeit ohne physischen Bräutigam: Was bedeutet das?
  • Sie lebt in keinem Kloster und ist in keiner Kirchgemeinde aktiv: Ist Schwester Veronika eine Solo-Katholikin?
  • Sie trägt einen Habit, dazu Jeans und Sneakers: Warum nur die halbe Uniform?
  • Sie ist seit 23 Jahren geweihte Jungfrau: Hat sie sich einmal verliebt und mit dem Zölibat gehadert?
  • Die Lebensexistenz: Wie und was arbeitet sie?
  • Sie ist selbständig unterwegs: Hat sie trotzdem Erwartungen oder Wünsche an die römisch-katholische Kirche?
Transcript
Schwester Veronika [:

Ich bin sicher Männern begegnet, die mir gefallen haben, mit denen ich mir ein Leben hätte vorstellen können. Auf der anderen Seite ist da ja immer die Beziehung mit Jesus und diese Berufung, die unumstößlich war, immer. Ich habe gehadert mit Lebensumständen, aber das konnte ich nie umstoßen, dass da mal dieser Moment war, wo mich Jesus ganz persönlich angesprochen und eingeladen hat, mit ihm diesen Weg zu gehen. Und da. Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen, hätte ich mit jemandem eine Affäre gehabt oder so.

Sandra Leis [:

Das sagt Schwester Veronika Ebnöther. Sie lebt zölibatär und trägt den Schleier einer Ordensfrau. Dazu Jeans und Sneakers. Im Winter, jetzt Winterstiefel. Sie nennt sich Freelance-Schwester, denn sie lebt nicht in einem Kloster und kommt für ihren Lebensunterhalt selber auf. Ich bin Sandra Leis und besuche Schwester Veronika in ihrem Gesprächsatelier mitten in Zürich. Schwester Veronika, schön sind Sie zu Gast im Podcast «Laut + Leis».

Schwester Veronika [:

Vielen Dank. Freue mich.

Sandra Leis [:

Ein Priester hat einmal gesagt, Sie seien die Pippi Langstrumpf der katholischen Kirche. Ist da etwas dran?

Schwester Veronika [:

Ich selber hätt’s nicht erfunden, Aber ja, vielleicht ein bisschen. Ein bisschen, ich falle ein bisschen aus dem Raster, glaube ich.

Sandra Leis [:

Die Pippi Langstrumpf macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Ist das bei Ihnen auch ein bisschen so?

Schwester Veronika [:

Ich glaube eher im Gegenteil. Ich nehme die Menschen, den Menschen, der vor mir sitzt oder steht, so wie er ist, und versuche, ihn nicht zu machen, wie ich möchte.

Sandra Leis [:

Doch Sie suchen die Freiheit, haben Sie mal gesagt. Die absolute Freiheit sei Ihnen sehr wichtig.

Schwester Veronika [:

Ja, immer im Dienst des Menschen, glaube ich. Und immer im, ich versuche, im Willen Gottes zu sein, da die Freiheit zu finden.

Sandra Leis [:

Sie sind eine sogenannte geweihte Jungfrau. Bevor wir besprechen, was das genau ist, möchte ich zurückschauen in Ihrem Leben. Sie sind heute 51 Jahre alt und haben mit 20 die Matur gemacht, wollten Kunstgeschichte studieren. Und dann ist etwas ganz Einschneidendes passiert, das die Pläne über den Haufen geworfen hat. Können Sie uns erzählen, was da passiert ist, als Sie 20 Jahre alt waren?

Schwester Veronika [:

Ja, ich war in einer Kirche und hatte eine sogenannte Berufung. Aber es hat sich auch angebahnt. So ein halbes Jahr vorher oder so ein Jahr vorher habe ich mich vermehrt für den Glauben interessiert. Obwohl ich in einer katholischen, praktizierenden Familie aufgewachsen bin, habe ich mich dann immer wieder mit einem Priester getroffen, meine Fragen gestellt, und ich bin dann immer wieder auch über Mittag und am Morgen früh in die Kirche gegangen, um alleine mit Jesus im Tabernakel zu sprechen und einfach seine Präsenz zu genießen. Und das kulminierte dann wahrscheinlich irgendwann in diesem Punkt, wo ich einfach einmal am Samstagmorgen in einer Kirche saß und vor dem Tabernakel. Und da kam so eine Art Ruf, eine Einladung, wirklich von Jesus aus in diesem geweihten Brot mein Leben ganz ihm zu schenken, im Dienst für den Menschen da zu sein. Und das war so wie ein Heiratsantrag. Ich war wirklich freudig überrascht. Und alles sprach Ja in mir, obwohl ich noch überhaupt nicht wusste, wohin es führen, wie das ausschaut, wohin es führt.

Sandra Leis [:

Und wie haben da Ihre Familie und Ihre Freunde und Freundinnen reagiert?

Schwester Veronika [:

Ganz, ganz unterschiedlich. Die einen haben sich mitgefreut, die anderen haben sich distanziert oder den Kontakt abgebrochen oder es gar nicht kommentiert.

Sandra Leis [:

Die ganze Bandbreite gab es alles Ja. Nach Ihrer Berufung, die ja wirklich einschneidend gewesen ist, haben Sie, nehme ich an, Klostergemeinschaften besucht. Wo könnte ich hingehen? Wie ging das bei Ihnen dann weiter?

Schwester Veronika [:

Ich habe dann wirklich mich vermehrt damit befasst: Welche Spiritualität möchte ich kennenlernen, und bin dann auf den Karmel gekommen. Das ist ein sehr strenges Kloster, habe das auch ausprobiert. Ich bin da in die Klöster gegangen, habe mit denen geredet und einfach nirgends gemerkt: Wow, das ist mein Platz. Zwar, es war interessant, es war anziehend, aber es war nicht mein Platz. Und ich wusste sieben Jahre lang nicht, wo mein Platz ist.

Sandra Leis [:

Das ist nämlich eine lange Zeit.

Schwester Veronika [:

Ja, man weiss es ja nicht. Man sucht, und gleichzeitig machte ich die Ausbildung zur Religionspädagogin. Also man hat ja zu tun, aber innerlich, das geistliche Leben, ja, da ist man wirklich auf der Suche und auf der Suche nach dem Willen Gottes.

Sandra Leis [:n war es dann soweit, im Jahr:Schwester Veronika [:

Es waren zum einen die erstaunten Blicke, weil ich bin allein in die Kirche gegangen, also der Einzug. Ich war allein in einem Hochzeitskleid ohne Bräutigam

Sandra Leis [:

Also allein ohne Bräutigam, ohne physischen.

Schwester Veronika [:

Genau. Die Priester waren alle da. Aber ich habe eine alte Tradition des Karmels aufgenommen und bin in einem Hochzeitskleid als Braut Christi hineingegangen. Und die Leute haben sich umgedreht. Ich kam mir durch den Mittelgang hinein, und es war so, die wussten das ja nicht, und sie waren so völlig erstaunt und Fragezeichen. Und das war irritierend. Natürlich. Aber ich wusste ja, ich bin die Braut Christi. Ich werde einfach so genannt und das ist mein Weg und ich bin nicht allein. Ich bin sichtbar allein. Aber ich bin innerlich nicht allein.

Sandra Leis [:

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Leute irritiert waren. Es gibt ja auch solche Filmszenen, wo plötzlich bekommt der Bräutigam kalte Füße bekommt und nicht kommt, zum Beispiel.

Schwester Veronika [:

Im Gegenteil. Er ist da und ich wusste, ich gehe diesen Weg mit ihm. Und es ist eine Beziehung. Es ist nicht einfach ein Single-Leben, das ich jetzt vor mir habe. Natürlich hat es viele Faktoren davon, aber ich bin nicht allein. Ich bin in Beziehung mit ihm. Er ist mein Partner, mein geistlicher Partner, und mit ihm gehe ich diesen Weg, weil natürlicherweise hätte ich, hätte ich gerne eine Partnerschaft gehabt und Familie und ein klassisches Leben natürlich. Aber da war ich eingeladen, einen ganz anderen Weg zu gehen. Und das kann man nicht ohne dieses Wissen. Da ist ein Du. Da ist einer, der wirklich da ist. Durch dick und dünn.

Sandra Leis [:

Darf ich doch eine profane Frage stellen: Bei der Hochzeit, hatten Sie da auch Gäste oder waren Sie ganz allein mit Jesus und dem Bischof, der Sie geweiht hat?

Schwester Veronika [:

Nein, da waren 300 Leute.

Sandra Leis [:

300?

Schwester Veronika [:

Ja. Und es soll auch eingebettet sein in die Öffentlichkeit. Es stand nicht in den Zeitungen oder so, aber es soll. Weil man ja in der Welt lebt, soll es auch bekannt sein, dass das jetzt eine geweihte Jungfrau ist mit dieser Lebensform, das soll bekannt sein und in der Öffentlichkeit stattfinden.

Sandra Leis [:

Und Ihre Familie, Eltern und Geschwister. Sie haben ja mehrere Geschwister, hab ich gelesen. Waren die alle da?

Schwester Veronika [:

Ja, alle waren da. Sie waren vorbereitet und wussten, worum es ging.

Sandra Leis [:

In der Schweiz leben heute etwa 80 geweihte Jungfrauen. Vor sieben Jahren waren es noch 66. Das heißt, es gibt eine Zunahme. Anders als bei den klassischen Nonnen in den Klöstern, wo man ja kämpft um den Nachwuchs. Wie erklären Sie sich das? Dass die geweihten Jungfrauen, dass die zunehmen, dass es da mehr gibt? Also nicht gigantisch, aber doch, es gibt einen Anstieg.

Schwester Veronika [:

Es ist sicher eine Form, die dem modernen Lebensstil entspricht. Man hat mehr Freiheiten, man muss sich aber auch besser strukturieren. Man muss selber alles machen. Und ich glaube, das kommt dem modernen Menschen entgegen. Berufungen bleiben, glaube ich. Die sind da, aber nicht die Form dazu, da müssen wir immer, da sind wir Suchende.

Sandra Leis [:

Sind die geweihten Jungfrauen miteinander in Kontakt? Unterstützen Sie sich? Also kennen Sie die anderen 79 in der Schweiz?

Schwester Veronika [:

Ja, also man kennt sich. Man trifft sich mindestens einmal im Jahr offiziell im Bistum. Und dann gibt es auch die diözesanen Treffen oder internationale Treffen. Und klar hat man auch untereinander privat Kontakt.

Sandra Leis [:

Ist das eng oder ist das zwanglos?

Schwester Veronika [:

Ja, zwanglos. Ja, das ist unterschiedlich. Je nachdem, je nachdem.

Sandra Leis [:

Gibt es auch etwas Ähnliches für junge Männer, weil die geweihte Jungfrau, die gibt es schon seit dem frühen Christentum. Gibt es da eine Alternative für Männer?

Schwester Veronika [:

In dieser Form nicht. Weil ich denke, es ist ganz klar die Spiritualität der Braut Christi. Und so etwas hat man offenbar nicht so erfunden und gefunden.

Sandra Leis [:

Ja, Sie tragen ja auch den Ehering. Das ist ja dann klassisch. Genau wie die Nonnen im Kloster. Sie haben es gesagt: Sie leben nicht in einer religiösen Gemeinschaft und sind auch nicht in einer Kirchgemeinde aktiv. Kann man sagen, Sie sind eine Solo-Katholikin?

Schwester Veronika [:

Überhaupt nicht. Ich bin durchaus sehr verbunden mit ganz vielen Katholiken, auch mit Pfarreien. Aber das ist eine volatile Sache. Und ich glaube, ich bin durchaus wirklich eingebunden, Ja.

Sandra Leis [:

Können Sie das ein bisschen näher beschreiben, wie, wie Sie da eingebunden sind?

Schwester Veronika [:

Also ich habe klar ein soziales Netz, einem privaten Freundeskreis. Der setzt sich, sagen wir, vom Atheisten bis hin zum gläubigen Katholiken zusammen. Und da ist man natürlich ständigem Austausch.

Sandra Leis [:

Sie tragen einen Habit und sind sofort als Nonne erkennbar. Wegen des Schleiers natürlich vor allem. Dazu tragen Sie Jeans und jetzt eben Winterstiefel, im Sommer Sneakers und T’Shirt. Das ist so wie eine halbe Uniform. Warum?

Schwester Veronika [:

Ich denke, es muss nicht so, ich muss ja die Klöster nicht nachahmen. Ich muss nicht ihren Habit tragen. Auf der anderen Seite ist es durchaus uniformähnlich, weil ich doch immer ähnlich gekleidet bin, immer in Schwarz, immer ähnlicher Stil. Es darf aber auch flexibel sein. Ich denke, heutzutage kommt es gar nicht mehr so drauf an, dass man ganz genau immer so klosterähnlich gekleidet ist, um als Schwester erkannt zu werden. Es ist gar nicht so wichtig. Der Mensch dahinter ist wichtig.

Sandra Leis [:

Man erkennt Sie ja, das ist offensichtlich. Das ist ja wichtig. Genau. Im Kloster gibt es ja jeden Tag regelmäßig das Gebet, gemeinsame Gebete. Wie gehen Sie damit um in Ihrem Alltag?

Schwester Veronika [:

Ich habe auch das Stundengebet, und ich betet das auch durch den Tag durch, durch diese Zeiten. Allein natürlich in diesem Fall. Dann gehe ich in die Heilige Messe, wenn es zeitlich geht und wenn das Angebot da ist, und ich bete den Rosenkranz. Also ich habe durchaus meine Tagesstruktur.

Sandra Leis [:

Das haben Sie dann schon. Sie versuchen das dann einfach auch jeden Tag zu gliedern, dass es passt in den Alltag rein, ja, aber ein bisschen flexibler als jetzt im Kloster, nehme ich an. Müssen Sie ja, wenn zum Beispiel ich jetzt hier bin.

Schwester Veronika [:

Richtig, dann wird halt die Vesper mal um 7 oder 8 Uhr abends gebetet. Aber sie wird gebetet.

Sandra Leis [:

Sie leben nun seit 23 Jahren als geweihte Jungfrau. Haben Sie sich in dieser Zeit auch mal verliebt oder mit dem Zölibat, mit der Ehelosigkeit gehadert?

Schwester Veronika [:

Ich bin sicher Männern begegnet, die mir gefallen haben, mit denen ich mir ein Leben hätte vorstellen können. Auf der anderen Seite ist da ja immer die Beziehung mit Jesus und diese Berufung, die unumstößlich war, immer. Ich habe gehadert mit den Lebensumständen, aber das konnte ich nie umstoßen, dass da mal dieser Moment war, wo mich Jesus ganz persönlich angesprochen und eingeladen hat, mit ihm diesen Weg zu gehen. Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen, hätte ich mit jemandem eine Affäre gehabt.

Sandra Leis [:

Also fast schon einen Ehebruch. Wenn ich Sie richtig verstehe.

Schwester Veronika [:

Genau.

Sandra Leis [:

Also haben Sie ja nie richtige Zweifel gehabt an ihrer Lebensform?

Schwester Veronika [:

Das fragt man sich immer wieder. Natürlich. Aber am Kern der Lebensform, um diese Beziehung mit Jesus habe ich nie gezweifelt.

Sandra Leis [:

Eine geweihte Jungfrau, wir haben es gesagt, ist auf sich selber gestellt, organisiert sich selber. Das heißt auch, dass Sie für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen müssen. Haben Sie da nie Existenzängste geplagt?

Schwester Veronika [:

Doch, natürlich. Ich bin ja ausgewandert nach Bolivien. Und bei der Rückkehr stand ich vor dem Nichts. Das war eine überraschende Rückkehr. Und da muß man sich, ja. Da braucht es viel Gottvertrauen. Aber man muss auch etwas unternehmen für seine Situation.

Sandra Leis [:

Sie waren drei Jahre in Bolivien, und dann sind Sie zurückgekommen. Sie haben als Pfarreihelferin gearbeitet, beispielsweise in Graubünden. Sie haben Religionsunterricht gegeben. Das sind Sie ja auch ausgebildet. Sie haben auch mal als Putzfrau gearbeitet, wie ich gelesen habe. Und die letzten zehn Jahre haben Sie vor allem als Gefängnisseelsorger gearbeitet. Heute bzw. seit letztem Juni haben Sie ein Gesprächsatelier aufgebaut, ein Start-up letztlich. Und darf ich fragen: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Schwester Veronika [:

Es ist ausdrücklich ein Angebot für Menschen, die mit dem klassischen, traditionellen Angebot der Kirche einfach nichts mehr anfangen können oder das sie als lebensfremd vielleicht empfinden. Diese Menschen sind aber trotzdem auf der Suche nach Sinn, nach Spiritualität, nach dem Mehr im Leben, nach mehr Tiefe, nach Gott. Und das sind Menschen, die zu mir ins Gespräch kommen, weil sie da eine niederschwellige Form von Gespräch finden, ohne dass sie gleich in eine Kirche gehen müssen. Aber es ist möglich. Natürlich, man kann auch weiterverweisen. Es ist ja nicht ein Alternativangebot.

Sandra Leis [:

Sie sagen, Sie wollen Leute ansprechen, die nichts mehr mit der katholischen Kirche anfangen können. Aber weshalb gehen sie denn gerade zu einer Schwester? Sie sind ja eine gläubige Katholikin. Warum kommen sie dann doch zu Ihnen? Sie könnten ja doch sonst eine Therapie machen.

Schwester Veronika [:

Ja, ich denke, sie wissen, dass ich Werte vertrete, die zeitlos sind und mit denen sie sich auch identifizieren können weitgehend. Und das gibt auch eine gewisse Form von Sicherheit. Ja, die ist nicht aus irgendeiner Sekte oder irgendwoher, sondern die hat diesen Hintergrund, der auch vertrauenswürdig ist, letztendlich.

Sandra Leis [:

Also Sie sind tief beseelt von Gott. Das spürt man, wenn man mit Ihnen spricht. Versuchen Sie, Ihren Kundinnen und Kunden auch den Weg zu Gott zu weisen? Auf eine feine Art natürlich. Ich sehe Sie jetzt nicht missionarisch unterwegs, aber ja, vielleicht subtil.

Schwester Veronika [:

Bei Bedarf ja, es kommt ganz sicher nicht von mir aus. Aber wenn jemand signalisiert, dass er da interessiert ist oder einfach auch die Fragen hat, dann kommt das ins Spiel, aber vorher nicht. Ich bin da primär für die Nöte, für die Ängste, für die Sorgen der Menschen. Und wenn sich dann ein Link zu Gott, wenn gewünscht ist, das aus dieser Perspektive zu betrachten, dann bin ich da mit meinem Wissen.

Sandra Leis [:

Sie haben da natürlich auch große Erfahrung als Gefängnisseelsorgerin. Und Sie sind beispielsweise aktiv auch auf dem Social-Media-Kanal LinkedIn. Und da stellen Sie sich selber auch vor, und da kann man lesen, Sie seien eine Expertin für innere Gefangenschaften. Können Sie da ein Beispiel nennen? Ein konkretes?

Schwester Veronika [:

Es gibt Menschen, die in ganz guten Partnerschaften sind, die einen Job haben, die Erfolg haben und doch irgendwie merken am Abend oder so, sie haben dem Partner nichts mehr zu sagen, oder man spricht nur noch über Einkaufslisten und Wochenendplanungen oder so, aber so relativ oberflächlich. Aber man hat diese Resonanz mit dem Partner nicht oder nicht mehr. Und da merkt man, kommt vielleicht doch an einen Punkt, wo man merkt ja, das liegt nicht nur am Partner, sondern an mir irgendwo drin bin ich blockiert oder habe ich diese gläserne Decke, und ich weiß nicht, was es ist, die kann ich nicht durchstoßen. Da ist etwas, was mich bremst. Es ist diffus, man weiß nicht, worum es geht. Und da bin ich dann an der Seite, denn da können wir auf die Spur gehen.

Sandra Leis [:

Wie? Wie machen Sie das denn?

Schwester Veronika [:

Das ist sehr individuell. Da schauen wir die die Situation an, die Person, die Geschichte. Und dann mal schauen oder was da, was da für Ebenen da sind, die man anschauen kann und wo man Lösungen finden kann.

Sandra Leis [:

Sie sind ja keine Psychologin oder eine Psychiaterin, nicht?

Schwester Veronika [:

Ich bin psychologische Beraterin. Das fließt sicher ein und ich denke, wenn es um innere Gefangenschaften gehen. Letztendlich haben die mit Spiritualität, mit dem Mehr, mit Gott zu tun. Und da kommt man früher oder später an den Punkt, wo man sich die Frage stellen muss: Ja, was ist es denn, was mich wirklich blockiert?

Sandra Leis [:

Genau das ist ein wichtiger Punkt. Sie empfehlen sich auch als Farbsommelière. Da kann ich mir jetzt wenig drunter vorstellen. Aber das ist ein ganz klares Angebot, das Sie machen. Erzählen Sie mir darüber etwas. Was heißt das genau?

Schwester Veronika [:

Ich bin Synästhetikerin. Also, ich habe einen ganz klar und fein ausgebildeten Sinn für Farben und Farbnuancen und begleite in meinem Gesprächen eigentlich Menschen mit Farben. Es kann sein, dass man im Gespräch die Farben und Pigmente, die ich in meinem Gesprächsatelier habe, beizieht, weil Farben auch Empfindungen auslösen und ein Spiegel sind für innere Prozesse. Das ist wie ein äußeres Hilfsmittel, das einem hilft, über die inneren Prozesse zu reden. Und da bin ich die Expertin für die Nuancen. Ich interpretiere nicht, aber ich begleite Menschen, ihre eigenen in Anführungszeichen «inneren» Farben zu entdecken und wieder zum zur Entfaltung und zum Leuchten zu bringen.

Sandra Leis [:

Kommen Sie vielleicht auch der inneren Gefangenschaft näher mit dieser Farbtechnik?

Schwester Veronika [:

Möglicherweise. Es ist lustigerweise immer positiv, positiv auf die Lösung ausgerichtet, wenn es um Farben geht. Aber natürlich hängt das damit zusammen.

Sandra Leis [:

Sie haben gerade gestern auf LinkedIn einen neuen Aufruf gemacht und nach weiteren Möglichkeiten gesucht zum Arbeiten. Sie müssen den ganzen Lebensunterhalt selber suchen und verdienen. Das heißt, Sie sind permanent auf der Suche nach Arbeit?

Schwester Veronika [:

Im Moment ja, weil ich dieses eine Gesprächsatelier habe. Das möchte ich aufbauen. Da bin ich dran. Es ist aber noch nicht so entfaltet, dass ich davon leben könnte. Und darum suche ich noch eine Stelle nebenbei.

Sandra Leis [:

Was könnten Sie sich so vorstellen? Und was wünschen Sie sich?

Schwester Veronika [:

Es wäre schön, in der Seelsorge, in der kreativen Seelsorge zu arbeiten, weil ich ja auch ein kreativer künstlerischer Mensch bin. Aber da bin ich sehr offen.

Sandra Leis [:

Brauchen Sie nicht noch einen Ausgleich, Sie sind so viel in Gesprächen und werden ja auch ein Stück weit belastet, nehme ich an mit all diesen Problemen. Es ist klar, im Glauben finden Sie den Ausgleich. Aber gibt es beruflich eine Möglichkeit, noch etwas anderes zu machen?

Schwester Veronika [:

Also ich glaube, das mit dem Künstlerischen wäre ein super schöner Ausgleich. Ich bin auch in der Ausbildung zur Kunsttherapeutin und das ist natürlich ein wunderschöner Ausgleich. Klar kann ich noch nicht auf diesem Beruf arbeiten, aber bereits die Ausbildung ist ein sehr wohltuender Ausgleich.

Sandra Leis [:

Auch spannend, das noch zu lernen, oder? Es ist ganz toll, wenn Sie da noch etwas Neues entdecken. Ja, Schwester Veronika, zum Schluss: Sie bezeichnen sich als katholische Freelance-Schwester, sind also eben selbstständig unterwegs. Trotzdem: Haben Sie Wünsche oder Erwartungen an die römisch-katholische Kirche?

Schwester Veronika [:

Eine schwierige Frage. Ich versuche, die Kirche so zu nehmen, wie sie ist. Und zwar auch die Menschen, die darin sind. Natürlich weiß ich. Was ich mir wünsche ist, dass wirklich diese Mutter Kirche, also die Kirche, wo ich hingehen kann und wo ich empfangen werde, wie ich bin, wo ich eine Wärme spüre, die mehr ist als menschliche Wärme, die mir diese Wärme Gottes gibt. Und ich spüre das immer wieder. Und immer wieder auch nicht. Also die Vertreter sind ja oft nicht immer so warmherzig, aber es gibt auch ganz gute Menschen, die, wo das zu spüren ist, dieses Evangelische, was im Evangelium drin ist, das, was Jesus gelebt und vorgezeigt hat, das spüre ich immer wieder in dieser Kirche. Dieses ganz Andere, dass Menschen nicht machen können, aber durch Menschen vermittelt wird.

Sandra Leis [:

Ja, ich spreche jetzt noch mehr von der Institution, also die Kirche, die katholische Kirche hat einen Imageschaden. Spätestens seit der Pilotstudie, der Missbrauchsstudie. Braucht es Reformen, um wieder glaubwürdig zu sein als Kirche jetzt?

Schwester Veronika [:

Ich glaube, man ist dran. Und da bin ich einfach auch keine Expertin darin, das beurteilen zu können. Was ich mache, ist einfach, ich nehme meinen Platz in der Kirche ein. Und ich arbeite da. Ich habe wie keine Zeit, über etwas anderes nachzudenken. Ich bin da für die Menschen. Ich tue meinen Teil für die Kirche, für Gott und habe mehr als genug damit zu tun und schaffe damit ja auch Kirche. Und das erfüllt mich. Das ist für mich die beste Art, die Kirche zu verändern, so wie ich sie mir wünsche.

Sandra Leis [:

Das ist aber sehr individuell, wie Sie arbeiten. Sie haben also keine Wünsche ans, ans Größere, ans Ganze, wo Sie sagen, hier muss sich die Kirche ändern. Sie sind eine Frau. Sie könnten ja auch sagen, ich kämpfe jetzt für die Gleichberechtigung. Das ist ein Menschenrecht. Aber da investieren Sie sich weniger, wenn ich Sie richtig verstehe.

Schwester Veronika [:

Also ich vertraue einfach voll und ganz auf den Heiligen Geist, der diese Kirche führt. Und ich fühle mich als Frau in dieser Kirche wohl. An meinem Platz habe ich meine volle Freiheit. Da fühle ich mich nicht eingegrenzt als Frau.

Sandra Leis [:

Das glaube ich Ihnen auf jeden Fall. Aber dass Sie denken, ich muss dafür kämpfen.

Schwester Veronika [:

Ich glaube, kämpfen ist der falsche Begriff. Ich wandle es um an meinem Platz, meine Vision von Kirche zu leben. Und das ist, glaube ich, letztendlich viel effizienter, als an einer Front zu kämpfen. Kann sein. Es ist vielleicht die Berufung von anderen, aber es ist nicht mein Platz. Ja.

Sandra Leis [:

Meine letzte Frage an Sie, Schwester Veronika. Sie sind in enger Verbindung mit Jesus. Sie sind mit ihm verheiratet und wollen ja auch seinen Willen umsetzen. Wie wissen Sie jeweils, was Gott, was Jesus von Ihnen möchte?

Schwester Veronika [:

Ich weiß es genauso wenig wie jeder andere Mensch. Aber ich habe so diese Haltung vom Trade off. Also ich mache, bis ich ausgebremst werde von einem Fehler oder von einer Erkenntnis, dass es nicht der richtige Weg war. Ich glaube, das möchte Gott von uns auch, dass wir ins Machen kommen, aber immer im Hören auf ihn, in enger Resonanz mit ihm. Und dann merkt man, glaube ich, wo es durchgeht. Das ist meine Erfahrung.

Sandra Leis [:

Schwester Veronika. Vielen Dank für den Einblick in Ihr Leben und Wirken.

Schwester Veronika [:

Danke. Vielen Dank.

Sandra Leis [:

Das war die 42. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Schwester Veronika Ebnöther. Sie ist eine geweihte Jungfrau, gehört keiner religiösen Gemeinschaft an und verdient ihren Lebensunterhalt selbst.

Über Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail an podcast@kath.ch oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.

Und: Abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt.

Für die nächste Folge von «Laut + Leis» reise ich nach St. Gallen und besuche Bischof Markus Büchel. Seit 19 Jahren ist er im Amt. Wir ziehen Bilanz, denn der 75-Jährige hat beim Papst seinen Rücktritt eingereicht und bleibt nur noch so lange Bischof des Bistums St. Gallen, bis sein Nachfolger gewählt und geweiht ist.

Bis in zwei Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

Freelance-Schwester Veronika Ebnöther | © Sandra Leis
28. Februar 2025 | 05:30
Lesezeit : ca. 16  Min.
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