Dirigentin und Autorin Graziella Contratto

Graziella Contratto: «Die Schwyzer Pfarrkirche hat meine Jugend getaktet»

International bekannt ist Graziella Contratto als Dirigentin. Jetzt hat die bald 60-Jährige aus einer Krise heraus ihren ersten Roman publiziert. Darin schreibt sie über ihre Kindheit in Schwyz in den 1970er-Jahren. Im Gespräch sagt sie auch, wie sich ihr Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche verändert hat.

 Weitere Themen:

  • Der Alltag war getaktet durch kirchliche Festtage, heidnische Bräuche und Musik: Wie hat dieses Schwyz sie geprägt?
  • Als Mädchen spielte sie Klavier, Geige und später auch Orgel. Im Roman fokussiert sie auf die Geige. Warum?
  • Andere leiden Qualen beim Schreiben, Contratto empfindet grosses Glück. Wie das?
  • Was ist der Unterschied zwischen Dirigieren und Schreiben?
  • Die ehemalige Töchternschule Theresianum Ingenbohl ist heute offen für alle Geschlechter: Was hat Contratto dort fürs Leben gelernt?
  • Welche Rolle spielte der christliche Glaube im Schulalltag?
  • Neben Micheline Calmy-Rey und Carla Del Ponte gehört auch Contratto zu den prominenten Absolventinnen: Macht sie das stolz?
  • Seit zwanzig Jahren gibt sie Dirigier-Workshops für Manager: Welches sind ihre Erkenntnisse?
  • Die Institution Kirche hat viele Fehler gemacht. Trotzdem ist Contratto immer noch Mitglied: Warum?
  • Der Roman von Graziella Contratto: «Meitsch», Atlantis-Verlag, 173 Seiten.
Transcript
Speaker:Graziella Contratto [:

Wenn man heute einen Roman schreibt,

2

:

und darin kommt nur schon der Begriff katholische 

Kirche vor. . . Die Kirche ist großen Angriffen

3

:

ausgesetzt und ob das zu Recht ist oder zu 

Unrecht, das muss nicht ich entscheiden,

4

:

aber ich glaube, tatsächlich, mir 

war einfach auch wichtig zu sagen,

5

:

dass die Erfahrung in der kirchlichen 

Umgebung, wie wir sie erlebt haben,

6

:

die war von außerordentlichen Persönlichkeiten 

geprägt. Wir hatten wirklich Glück, vielleicht,

7

:

ich weiß es nicht. Unsere Pfarrer und Vikare, 

die waren einfach tolle Persönlichkeiten,

8

:

die hätten aber auch einen Betrieb 

oder ein Unternehmen genial geleitet.

9

:Sandra Leis [:

Das sagt Graziella Contratto.

10

:

Die international bekannte Dirigentin hat 

soeben ihren ersten Roman veröffentlicht.

11

:

Darin schreibt sie über ihre katholische Kindheit 

in Schwyz und verrät, wie sie die Tonhöhe der

12

:

Kirchenglocken erkennt. Im Podcast «Laut + Leis» 

spricht Graziella Contratto auch über ihre Zeit

13

:

im Mädchengymnasium Theresianum Ingenbohl und 

sagt, was sie Managern in ihren Dirigierkursen

14

:

beibringt. Ich bin Sandra Leis, und wir treffen 

uns im Katholischen Medienzentrum in Zürich.

15

:

Graziella Contratto, ganz herzlich 

willkommen zu unserem Gespräch.

16

:Graziella Contratto [:

Vielen Dank für die Einladung, Frau Leis.

17

:Sandra Leis [:

Zum Einstieg ein paar wenige

18

:

Eckpunkte aus Ihrer beruflichen Biografie. 

Sie haben als Dirigentin Karriere gemacht,

19

:

in Frankreich als erste Frau überhaupt 

ein Staatsorchester geleitet, in vielen

20

:

Sinfonieorchestern dirigiert. Und zwölf Jahre lang 

den Fachbereich Musik der Hochschule der Künste

21

:

Bern geleitet. Und jetzt überraschen Sie uns mit 

Ihrem ersten Roman. Warum nun plötzlich Literatur?

22

:Graziella Contratto [:

Also die Literatur ist natürlich eine uralte

23

:

Liebe von mir. Ich muss auch sagen, es gab, als 

ich klein war, so eine Verbindung zwischen Noten

24

:

lesen lernen und Buchstaben lesen lernen. Das hat 

sich mit dem Alter, würde ich sagen, von sechs,

25

:

sieben Jahren eigentlich so als eine miteinander 

verschränkte Liebe, die bis heute anhält,

26

:

hat sich damals schon entwickelt. Und jetzt der 

Roman ist quasi – ja, jetzt mal ein Hinüberschauen

27

:

auf die andere Seite, nachdem ich in der Musik 

schon sehr, sehr viele Jahre verbracht habe.

28

:Sandra Leis [:

Man darf es, glaube ich,

29

:

sagen, Sie werden im Herbst 60 Jahre alt und haben 

jetzt Ihr Debüt geschrieben. Also die Liebe zur

30

:

Literatur ist das eine, aber dann selber ein Buch 

schreiben, ist doch schon noch mal was anderes.

31

:Graziella Contratto [:

Ja, es ist auch so, ich habe sehr

32

:

viele Texte in meinem Leben schon verfasst, 

aber das waren meistens fachspezifische Texte,

33

:

zum Beispiel Konzerteinführungen oder 

ich habe ein Label gegründet mit meinem

34

:

Mann zusammen und dort brauchte es 

manchmal Booklet-Texte oder an der

35

:

Hochschule habe ich sehr viele strategische 

Hochschul-manageriale Texte verfasst. Aber

36

:

das Schreiben über die eigene Kindheit, 

das ist eigentlich erst, würde ich sagen,

37

:

vor drei, vier Jahren, ist das Bedürfnis oder 

die Idee überhaupt mal bei mir aufgetaucht.

38

:Sandra Leis [:

Das Buch heißt «Meitsch»,

39

:

das ist der Titel, und darin gibt 

es eine Ich-Erzählerin. Sie hat,

40

:

wie Sie es schon angetönt haben, doch 

etliche Gemeinsamkeiten mit Ihnen selber.

41

:ichte spielt in Schwyz in den:

Jahren. Was für ein Schwyz war das vor 50 Jahren?

42

:Graziella Contratto [:

Der Name «Schwitz» wird ja eigentlich im

43

:

Buch nie genannt. Da sage ich immer «der Flecken». 

«Der flecken» ist die offizielle Flurbezeichnung,

44

:

oder war es zumindest, weil es von der Grösse her, 

auch schon damals, genau zwischen einem Dorf und

45

:

einer kleinen Stadt war. Und diese Einbindung 

einerseits in eine sehr ländliche Umgebung.

46

:

Schwyz ist natürlich sehr bergumlagert quasi. Und 

gegen den Süden gibt es aber die Öffnung hin zum

47

:

Vierwaldstättersee. Und das war damals für mich 

als Kind schon genau die Art von Naturgemisch,

48

:

würde ich sagen, zwischen so ein bisschen fest und 

granitmäßig und auf der anderen Seite mit dieser

49

:

Öffnung hin zum Wasser, zum Fließenden. Mein Onkel 

hat mal gesagt, mein Name würde das beides schon

50

:

irgendwie auch beinhalten, weil Graziella klingt 

so ein bißchen weich, würde ich jetzt mal sagen,

51

:

eher fliessend und Contratto heisst eigentlich der 

Vertrag. Und er sagte genau diese beiden Aspekte,

52

:

eben so ein bisschen Fels und Stein und auf 

der anderen Seite das Fliessende dann in Bezug

53

:

auf den Vornamen. Ich hätte das seit meiner 

Geburt sozusagen in mir mit herumgeschleppt.

54

:Sandra Leis [:

Wenn man das Buch liest, merkt man,

55

:

dass der Alltag, der war getaktet von kirchlichen 

Festtagen. Welches Fest war Ihnen das liebste?

56

:Graziella Contratto [:

Also auf alle Fälle Weihnachten. Es ist auch das

57

:

Fest, das sozusagen im letzten Kapitel auftaucht. 

Wir hatten eine sehr lebendige Familie und obwohl

58

:

ich natürlich trotz allem eine romanspezifische 

Veränderung und teilweise auch Variationen über

59

:

Menschen oder Figuren und so weiter, die damals 

tatsächlich gelebt haben. Es ist ganz klar, sehr,

60

:

sehr viele Elemente sind natürlich eins zu eins 

übernommen worden von damals. Unter anderem eben,

61

:

was Sie schon gesagt haben, diese Taktung durch 

das Kirchenjahr. Und ursprünglich wollte ich

62

:

sogar den Roman eigentlich einteilen nach zwölf 

Kapiteln, also zwölf Monate, ein Kirchenjahr.

63

:Sandra Leis [:

Und warum haben Sie diese Idee verworfen?

64

:Graziella Contratto [:

Irgendwie war das dann einfach

65

:

plötzlich nicht mehr von der Dramaturgie her. 

Es war dann irgendwie wie nicht mehr opportun

66

:

und auch meine Lektorin Daniela Koch vom 

Atlantis-Literaturverlag hat dann gefunden,

67

:

eigentlich würde sie von dieser allzu 

gestrengen monatlichen Einteilung abkommen,

68

:

weil das auch etwas moderneres Erzählen 

offenbar ist, das habe ich dann gelernt im

69

:

Lektoratsprozess, dass ich auch kürzere 

Episoden dann noch eingestreut habe.

70

:Sandra Leis [:

Weihnachten, das ist für

71

:

viele Kinder ja das Highlight, 

das schönste Fest. Wie ist das

72

:

heute für Sie? Welches kirchliche 

Fest ist Ihnen heute das liebste?

73

:Graziella Contratto [:

Ich habe natürlich mit der Zeit ein anderes

74

:

Verhältnis entwickelt zur ganzen Kirchen- oder 

religiösen Einstellung, aber ich bin immer noch

75

:

Teil der römisch-katholischen Kirche. Also ich 

bin nicht ausgetreten wie viele andere, aus ganz

76

:

verschiedenen Gründen, vielleicht können wir 

nachher noch darüber sprechen. Aber ich glaube,

77

:

was für mich damals sehr spezifisch war, ist 

einfach diese Bindung an diese Pfarrkirche.

78

:

Das Gebäude, das ist so zentral an diesem Ort. 

Es ist auch eine wunderschöne Barockkirche,

79

:

muss ich ehrlich sagen. Wir haben dort einfach 

alles erlebt. Das war wirklich ein Ort,

80

:

wo wir getauft wurden. Kommunion, Firmung, Heirat 

von Freundinnen. Ich habe nur zivil geheiratet.

81

:

Aber meine Freundinnen, meine Geschwister. 

Natürlich, mit der Zeit kamen dann auch die

82

:

Beerdigungen. Also wir hatten eigentlich so 

eine Art menschliche Parallelebene zu dem,

83

:

was man im Alltag oder in einem normalen Leben 

erlebt, wurde dort irgendwie immer verankert,

84

:

in diesem Gebäude. Und ich muss Ihnen ganz 

ehrlich sagen, als ich dann mit der Zeit

85

:

nicht mehr in Schwyz wohnte, aus beruflichen 

Gründen, ich habe nie mehr so eine Bindung

86

:

zu einem Gebäude wieder gefunden. Es 

hat mich alles irgendwie irritiert.

87

:Sandra Leis [:

Also mehr zum Gebäude als zu den Menschen, zu

88

:

den Priestern, zu den Vikaren. Sie werden ja alle 

ausführlich beschrieben. Die Details, die müssen

89

:

wir nicht alle jetzt aufzählen. Man kann das Buch 

dann selber lesen, aber Sie beschreiben ja auch

90

:

die Persönlichkeiten sehr genau. Aber offenbar 

ist das Gebäude noch wichtiger gewesen.

91

:Graziella Contratto [:

Ich glaube, es hing alles ein bisschen

92

:

zusammen. Also ich muss auch wirklich sagen, ich 

meine normalerweise, wenn man heute einen Roman

93

:

schreibt und darin kommt nur schon der Begriff 

katholische Kirche vor. Die Kirche ist großen

94

:

Angriffen ausgesetzt und ob das zu Recht ist 

oder zu Unrecht, das muss nicht ich entscheiden.

95

:

Aber ich glaube tatsächlich, mir war einfach 

auch wichtig zu sagen, dass die Erfahrungen in

96

:

der Kirchenumgebung, wie wir sie erlebt haben, 

die war von außerordentlichen Persönlichkeiten

97

:

geprägt. Wir hatten wirklich Glück vielleicht, 

ich weiss es nicht. Unsere Pfarrer und Vikare,

98

:

die waren einfach tolle Persönlichkeit. Die hätten 

aber auch einen Betrieb oder ein Unternehmen

99

:

genial geleitet. Das waren wirklich einfach 

Führungspersönlichkeiten mit einer starken

100

:

Glaubwürdigkeit, Authentizität, und da war nichts 

Frömmlerisches und auch nicht irgendwie, wie soll

101

:

ich sagen, das, was heute alles kritisiert wird. 

Auch wir hier wieder wahrscheinlich nicht ganz zu

102

:

Unrecht bei gewissen Protagonisten, wo man sich 

wirklich manchmal die Frage stellt, was soll das

103

:

eigentlich noch? Also ich bin da sehr sensibel, 

eben gerade in Bezug auf Führungsaufgaben und

104

:

Verantwortung, die man gegenüber Menschen 

hat. Und in dem kirchlichen Sinne könnte

105

:

man vielleicht sogar noch sagen, auch in Bezug 

auf das seelische Wohlbefinden von Menschen.

106

:Sandra Leis [:

Ihre Ich-Erzählerin, die kann die Tonhöhe

107

:

der Kirchglocken bestimmen. Graziella Contratto, 

können Sie das auch? Oder ist das Fiktion?

108

:Graziella Contratto [:

Absolut Fiktion. Ich glaube, das ist etwas, was

109

:

ich nicht kann. Ich habe ein relativ gutes Gehör. 

Das nennt man übrigens auch relatives Gehör. Im

110

:

Unterschied zum Absoluten. Auf der Geige kann ich 

sie unter Umständen tatsächlich erkennen. Aber

111

:

weder im Klavier noch im Orchester, das habe ich 

dieser fiktiven oder autofiktiven Figur geschenkt.

112

:Sandra Leis [:

113

:

Und in der Realität haben Sie als Kind 

Klavier, Geige und später auch Orgel

114

:

gespielt. Im Roman allerdings fokussieren Sie 

ganz auf die Geige, die Geigenkästen. Warum das?

115

:Graziella Contratto [:

Ich glaube, ich habe mich entschieden die

116

:

Geige ins Zentrum zu stellen, weil mit dem Klavier 

ist tatsächlich noch mal eine ganz andere Welt

117

:

dazugekommen. Die wollte ich jetzt aber für diese 

spezifische Figur, ich wollte es nicht überladen.

118

:

Und es gibt auch noch einen Erzählstrang, 

der mit den beiden Eltern zu tun hat, dann

119

:

die Freundinnen, und es gibt so erste Anzeichen 

einer Verliebtheit. Das sind vielleicht Elemente,

120

:

die mir fast wichtiger waren, als jetzt 

dieses Klavier-Element auch noch einzubauen.

121

:Sandra Leis [:

Stichwort Eltern,

122

:

Sie widmen den Roman Ihren Eltern. Sie sind 

schon verstorben, das muss man vielleicht

123

:

auch erwähnen. Inwiefern ist der Roman 

denn auch ein Denkmal an die beiden?

124

:Graziella Contratto [:

Der allererste Impuls, mit dem

125

:

Schreiben anzufangen, geschah bei mir eigentlich 

aus einer Krise heraus. Und zwar, als ich 22 die

126

:

Hochschule auf eigenen Wunsch nach zwölf Jahren 

verlassen habe, dachte ich eigentlich, ja super,

127

:

jetzt werde ich wieder voll Einladungen erhalten, 

und ich werde wieder überall dirigieren und mein

128

:

Leben als Künstlerin nimmt wieder quasi Aufwind. 

Diese Hoffnung, dass eben nachdem ich quasi wieder

129

:

Freelancerin sei, dass das alles wieder wunderbar 

in Fahrt kommen könnte, das war nur zum Teil

130

:

der Fall, eigentlich viel zu wenig und viel zu 

langsam. Und in der Zeit, mein Mann ist Franzose

131

:

und Frédéric sagte irgendwann mal, du, jetzt 

musst du langsam aufpassen, «tu es un peu amère»,

132

:

du bist ein bisschen verbittert. Dann dachte ich 

so, jetzt muss ich was machen und dann habe ich

133

:

tatsächlich ein Coaching besucht bei Désirée 

Meiser, eine wunderbare Opernregisseurin,

134

:

und sie hat die Gare du Nord in Basel geleitet, 

ganz viele Jahre, wirklich zu einem absoluten

135

:

Zentrum für modernes Musiktheater und überhaupt 

für Performance und neue Musik gemacht. Und sie

136

:

hat nebenbei eine Coaching-Ausbildung 

gemacht, und dann ging ich zu ihr.

137

:Sandra Leis [:

Und dann hat es Ihnen geraten,

138

:

einen Roman zu schreiben?

139

:Graziella Contratto [:

Nur indirekt, also in diesem

140

:

systemischen Coaching nach Viktor 

Frankl ging es eigentlich darum,

141

:

dass man verschiedene Räume in sich ausfindig 

macht. Also es gibt einen Zukunftsraum,

142

:

ein Problemraum, einen Wunschraum und so weiter. 

Und des Öfteren haben wir so Bilder gesucht,

143

:

und mir ist einfach aufgefallen, ihr eben auch, 

dass ich immer mehr in die Kindheit zurückging.

144

:Sandra Leis [:

Graciela Contratto,

145

:

was ist für Sie der Unterschied 

zwischen Dirigieren und Schreiben?

146

:Graziella Contratto [:

Das ist wirklich etwas unglaublich

147

:

Wichtiges gewesen für mich als Erfahrung, als 

Anfängerin jetzt. Eben als Dirigentin bin ich

148

:

wirklich, das ist mein Beruf, das mache ich 

seit vielen, vielen Jahren. Was mich beim

149

:

Dirigieren auf der einen Seite natürlich 

motiviert, ist, dass wir die Chance haben,

150

:

als klassische Interpretinnen geniale Werke 

zu interpretieren. Interpretieren heisst aber

151

:

nichts anderes als übersetzen. Das ist nicht 

Komponieren. Und ich habe auch nie komponiert,

152

:

ehrlich gesagt. Und aus diesem Grund diese 

hohe Messlatte, die man hat, eine Sinfonie,

153

:

zum Beispiel von einem Johannes Brahms, dirigieren 

zu dürfen. Einerseits weiß man von der Historie

154

:

her, das gibt schon hunderttausend geniale 

Interpretationen, ob aufgenommen oder nicht.

155

:

Man weiß aber auch, das Orchester hier, das jetzt 

live vor mir sitzt, das muss ich in irgendeiner

156

:

Form in kürzester Zeit zu einem Klangkörper 

bündeln können, indem ich auf der einen Seite die

157

:

Leistung des Orchesters oder die Musikalität der 

einzelnen Musikerinnen und Musiker respektiere,

158

:

einsammle sozusagen, bündle und dann aber 

wieder als Interpretation mit einem gewissen

159

:

Führungsanspruch wieder zurückgebe. Und das 

Publikum sollte auch noch berührt werden davor.

160

:

Das ist also immer gebunden an eine Vorlage. 

Und beim Schreiben gab es jetzt keine Vorlage.

161

:Sandra Leis [:

Sind Sie auch ganz allein

162

:

mit sich. Also gut, Sie haben noch die Lektorin, 

aber im Prinzip ist es eine ganz einsame Arbeit.

163

:Graziella Contratto [:

Ja, und trotzdem habe ich mich so wahnsinnig

164

:

glücklich gefühlt in der Zeit des Schreibens, weil 

ich erstens mal, das war auch einer der Gründe,

165

:

dass ich halt einfach die Menschen, die nicht 

mehr da sind, unter anderem eben meine Eltern,

166

:

aber auch die Großmütter, verschiedene junge 

Menschen, die damals schon verstorben sind,

167

:

die kamen ganz nahe an mich heran, irgendwie 

durch den Schreibakt quasi. Und das ist eben,

168

:

wenn ich Dinge erzähle, wenn Sie jetzt das einem 

erfahrenen Schriftsteller, einer Schriftstellerin

169

:

sagen, dann heisst es: ja klar, am Anfang 

war ich auch so drauf. Aber für mich ist

170

:

es wirklich essenziell gewesen, jetzt mal, oder 

existenziell gewesen, mal eben keine Auflage zu

171

:

haben. Nicht nur die Vorlage nicht, sondern 

keine Auflagen. Und ich konnte einfach mal

172

:

selber zusammensuchen in meinen Erinnerungen. 

Und dann entscheiden, welche Begebenheit

173

:

könnte sich eignen, welche Figur könnte ich 

eventuell mit einer anderen verschmelzen,

174

:

damit sie in dieses Buch hineinpasst. Das 

war sehr beglückend, muss ich ehrlich sagen.

175

:Sandra Leis [:

Schön! Kommen wir zu einem

176

:

anderen Abschnitt ihres Lebens, der auch in der 

Jugend spielt, aber nicht im Roman vorkommt,

177

:

nämlich ihre Zeit im Mädchengymnasium 

m-Ingenbohl. Da waren sie von:

178

:bis:

Wikipedia geschaut, wie dieses Mädchengymnasium,

179

:

was heute kein Mädchen-Gymnasium mehr ist. Heute 

ist es offen, wie es auf der Website heißt,

180

:

für alle Geschlechter seit dem Schuljahr 24, 25. 

Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Aber

181

:

das spannendste Kapitel ist natürlich das, wo sie 

prominente Schülerinnen hervorstreichen. Ich lese

182

:

Ihnen das ganz kurz vor. Da ist Micheline 

Calmy-Rey, Bundesrätin, Carla Del Ponte,

183

:

Eveline Hasler. Emilie Lieberherr, Graziella 

Contratto und noch andere. Macht Sie das stolz?

184

:Graziella Contratto [:

Also da bin ich jetzt wirklich

185

:

fast ein bisschen berührt, wirklich. Gerührt auch, 

ja. Ich muss ganz ehrlich sagen, damals hieß es ja

186

:

noch Töchternschule, noch nicht Mädchengymnasium. 

Und es war tatsächlich eine für mich tolle Zeit,

187

:

weil wir eine exzellente Art und Weise erlebt 

haben, wie Wissen vermittelt werden konnte.

188

:

Und ich mochte es auch sehr, wir hatten auf der 

einen Seite Klosterfrauen, also Mitglieder der

189

:

dortigen Klostergemeinschaft, die unterrichtet 

haben. Ich hatte zum Beispiel Cécile Leimgruber

190

:

in der Musik: sensationell, so toll vorbereitet 

in der Musikgeschichte, ich konnte gleich meinen

191

:

Abschluss in zweieinhalb Jahren statt in vier 

machen am Konservatoirum dank ihr. Also gut,

192

:

ich war auch sehr gut durch meine Klavierlehrerin 

natürlich auch sehr gut vorbereitet worden.

193

:

Aber rein theoretisch brauchte man normalerweise 

damals vier Jahre vor der Bologna-Reform. Und dann

194

:

hatten wir noch Schwester Zoé Haas, die einen sehr 

spannenden Religionsunterricht, aber unter anderem

195

:

auch über Befreiungstheologie, hat sie uns damals 

in der 80er-Jahre, muss sich das mal vorstellen,

196

:

hat uns bereits schon unterrichtet. Sie 

hat uns aber auch mal gesagt, «ach, ihr

197

:

seid so abgrundtief oberflächlich». Das fand ich 

grossartig. Benutze ich immer noch sehr gerne als

198

:

Adjektivverschränkung, finde ich toll. Und dann... 

Einer der besten Lehrer war mein Deutschlehrer,

199

:

Dr. Pius Rohner, der mir eigentlich die Liebe zur 

Literatur nicht nur einfach – Leseratte, war ich

200

:

eh schon – aber der einfach die Einsichten, wie 

die Literatur sich entwickelt hat, vor allem in

201

:

der Klassik, das war sein Spezialgebiet, 

die Entwicklung eigentlich. Jakob Bodmer

202

:

und Jakob Breitinger, zwei wichtige Schweizer 

Sprachtheoretiker, kann man vielleicht sagen,

203

:

oder Literaturtheoretiker. Das hat 

mich alles wahnsinnig inspiriert und,

204

:

wenn ich ganz ehrlich bin, dass ich nachher 

Musiktheorie studiert habe und vielleicht auch

205

:

eine recht anständige Theoriedozentin wurde, hat 

sehr viel mit diesem Unterricht im Theresianum

206

:

auch zu tun gehabt. Weil was erstaunlich war 

damals, glaube ich, für alle uns, und wir werden

207

:

uns dieses Jahr zum 40. Maturatreffen, werden 

wir uns alle wieder sehen aus der damaligen

208

:

Klasse. Was für uns alle sehr erstaunlich war, 

ist, dass es eigentlich darum ging, dass alle

209

:

Schülerinnen dieser Schule später Karriere machen 

sollten. Es ging überhaupt nicht in Richtung, ja,

210

:

jetzt machst du mal eine schöne Vorbereitung, dann 

gehst du schnell heiraten und wirst Mutter. Nein,

211

:

es war die Idee, ihr studiert, ihr macht 

Karrieren und werdet auch noch Mutter.

212

:

Und das war eigentlich ein erstaunlich modernes 

Frauenbild, das uns damals schon vermittelt wurde.

213

:Sandra Leis [:

Und welche Rolle spielte

214

:

denn eigentlich der christliche 

Glaube im Schulalltag?

215

:Graziella Contratto [:

Ich würde sagen, er spielte

216

:

keine grosse Rolle, weil wir tatsächlich 

natürlich – wir hatten Philosophieunterricht,

217

:

wir hatten Psychologieunterricht – wir 

sind auch in der Naturwissenschaft weit weg

218

:

gewesen von irgendwelchen kreationistischen oder 

keine Ahnung, wie man das heute bezeichnen sollte,

219

:

Ansätzen. Der Religionsunterricht war 

ebenfalls lustigerweise so gestaltet,

220

:

dass man eher den Eindruck hatte, es passiert 

etwas auf der Welt. Und Befreiungstheologie

221

:

ist ein ganz anderer Ansatz, der eigentlich 

ziemlich Rom-kritisch war, muss ich sagen.

222

:Sandra Leis [:

Aber das war ja auch

223

:

typisch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil,

224

:

dass man auch über die Befreiungstheologie 

gesprochen hat, aber offenbar auch in Ingenbohl.

225

:Graziella Contratto [:

Absolut Und ich bin aber nicht sicher, ob

226

:

diese Religionsschwester, die wir damals hatten, 

ob die von allen so geduldet wurde. Sie wurde,

227

:

glaube ich, geduldet, aber ich glaube, es gab 

auch kritische Stimmen. Natürlich hatten wir am

228

:

Ende jedes Schulsemesters einen Schulunterricht 

in der Klosterkirche. Und es gab hier und da auch

229

:

Exerzitien, wo auch immer ein geistlicher Betreuer 

mitkam. Aber wie soll ich sagen, ich hatte auch

230

:

hier nie den Eindruck, ich bin irgendwie unter 

Druck und ich kann mich nicht frei entwickeln.

231

:Sandra Leis [:

Sie haben vorhin Ihren

232

:

Deutschlehrer erwähnt, der die Liebe geweckt 

hat zur Literatur. Ich bin ihm begegnet in

233

:n Fernsehsendung aus dem Jahr:

wurden Sie porträtiert, und da kam er auch vor,

234

:

auch ihre Eltern waren in dieser Sendung, und 

er hat gesagt damals:

235

:

mit der Note 6 abgeschlossen, und das sei die 

einzige Schülerin, die das in den in den letzten

236

:

30 Jahren im Kanton Schwyz geschafft habe. 

Graziealla Contratto. Wie ehrgeizig sind Sie?

237

:Graziella Contratto [:

Ja, also ich muss das immer ein

238

:

bisschen relativieren. Natürlich habe ich 

tatsächlich, es hat mir Freude gemacht,

239

:

diese gute Note zu erhalten, aber damals war es 

auch so, es waren nur ganze Noten. Das heisst,

240

:

mit einer 5,6 hatte man dann schon eine 6, und 

ich hatte bestimmt nicht in allen Fächern eine 6.

241

:

Mein Ehrgeiz ist eigentlich so, das spürt man 

auch ein bisschen im Roman. Meine Mama war eine

242

:

sehr ehrgeizige Mutter. Ich war auch das älteste 

Kind. Und für sie war eine gute Note das Zeichen,

243

:

dass ich unproblematisch sein würde als Kind. 

Weil ich hatte mal eine Kindergärtnerin,

244

:

die hatte irgendwie ein Problem mit mir. Es war 

sehr seltsam. Und sie hat meiner Mutter gesagt,

245

:

ich würde sicher mal große Probleme 

kriegen als Kind, und das hat sie,

246

:

sie war gerade schwanger mit meiner 

Schwester, Ich kann mich daran erinnern.

247

:

Sie hatte große Sorge, dass die quasi wie ein 

Orakel. Dass sie das irgendwie zu Recht verlauten

248

:

hätte lassen. Deswegen wollte sie einfach, dass 

ich gute Noten nach Hause bringen würde. Und aus

249

:

irgendeinem Grund ist es mir gelungen, in dem 

damaligen Schulsystem wirklich zu reüssieren.

250

:Sandra Leis [:

Waren Sie nicht gestresst?

251

:

Durch diesen mütterlichen Druck, meine ich jetzt.

252

:Graziella Contratto [:

Doch, das hat mich schon eine Zeit lang gestresst.

253

:

Aber bis zu dem Zeitpunkt, als ich wusste, jetzt 

bin ich quasi von der Bildung her, sie hat einen

254

:

kaufmännischen Abschluss gehabt. Vom Bildungsstand 

her war ich irgendwann weiter als sie.

255

:Sandra Leis [:

Vielleicht war sie gerade deshalb so ehrgeizig.

256

:Graziella Contratto [:

Ja, und ich muss aber auch sagen,

257

:

ohne sie hätte ich wahrscheinlich auch nicht 

Klavier geübt und auch nicht Geige geübt. Ich

258

:

habe eine Tendenz zum Faulenzen und eben lieber 

zum Lesen und Herumliegen als mich aktiv irgendwo

259

:

einzusetzen. Also ich verdanke ihr auf der einen 

Seite sehr viel. Andererseits ist es natürlich

260

:

schon so, ich habe Kinder oder Jugendliche in 

meiner Umgebung erlebt, die absolut genial begabt

261

:

waren. Es gab einen Jungen, der zum Beispiel 

einfach künstlerisch wirklich, das war ein Genie.

262

:

In jüngsten Jahren konnte der schon Zeichnungen 

machen, basteln, irgendwelche Figuren, Skulpturen

263

:

usw. herstellen. Der war jetzt einfach für die 

damalige Zeit, für dieses Schulsystem, es hat

264

:

nicht funktioniert. Es hat nichts gegeben, was ihn 

irgendwie hätte sonderfördern können. Heute würde

265

:

man das einrichten können. Und manchmal denke 

ich, ich hatte vielleicht einfach auch Glück,

266

:

dass ich mit einer solch ehrgeizigen Mutter 

aufwachsen durfte, obwohl es nicht einfach

267

:

war. Mit Zeit wollte ich es einfach selber lernen. 

Ich wollte herausfinden, was diese Lehrer von mir

268

:

haben wollen in der Prüfung, damit es gut wird. 

Es war fast wie ein geistiger Sport. Irgendwann

269

:

hat es dann funktioniert. Aber an einer anderen 

Schule hätte ich vielleicht nicht so reüssiert.

270

:Sandra Leis [:

Sie machen noch etwas anderes,

271

:

was mich auch sehr beeindruckt, und 

zwar schon 20 Jahre lang. Sie geben

272

:

Workshops für Managerinnen und Manager, 

die sollen dirigieren lernen. Ganz kurz

273

:

auf den Punkt gebracht. Was kann 

ein Manager beim Dirigieren lernen?

274

:Graziella Contratto [:

Zuerst einmal sich selber kennenlernen. Es

275

:

gibt wahrscheinlich keine brutalere Umgebung als 

ein Orchester im Sinne einer sekundenschnellen,

276

:

vielleicht sogar mikrosekundenschnelle 

Einschätzung, ob ein Mensch etwas vorspielt

277

:

oder ob er echt ist. Also Authentizität ist 

eigentlich eines der ganz grossen Schlüsselwörter

278

:

in dieser Tätigkeit. Und ich bringe den 

Managern eigentlich nur einen Zweiertakt bei,

279

:

wie sie einen Zweiertakt dirigieren können. 

Das ist ganz einfach. Das könnte ich jetzt. . .

280

:Sandra Leis [:

Könnte ich auch lernen.

281

:Graziella Contratto [:

Sicher, auf alle Fälle. In zwei

282

:

Sekunden kann ich das zeigen. Aber nachher geht 

es darum, dass man klar ist, dass man stabil ist,

283

:

dass man nicht willkürlich Tempi ändert, 

obwohl der Komponist das so nicht möchte.

284

:

Und es geht um den Augenkontakt, es geht um die 

Ausstrahlung. Und ich habe da wirklich schon

285

:

wahre Wunder erlebt. In beide Richtungen. Also es 

gibt manchmal Manager- oder Kaderpersönlichkeiten,

286

:

die stellen sich hin, haben in irgendeinem 

vielleicht Weiterbildungskurs gelernt, wie man

287

:

cool herüberkommt und stellen sich so ein bisschen 

breitbeinig vor das Orchester und versuchen

288

:

irgendwas zu machen. Und das funktioniert einfach 

nicht. Ich weiß auch immer noch nicht genau nach

289

:

20 Jahren, warum es nicht funktioniert. Ich 

glaube, es hat etwas zu tun mit dem allgemeinen

290

:

Wertschätzungsfaktor für dieses Musikstück. 

Meistens dirigieren Sie ein Stück von Mozart

291

:

aus der Kleinen Nachtmusik. Und wenn jemand sich 

vorne hinstellt und dieses Werk nicht respektiert,

292

:

dann ist das Orchester einfach nicht fähig, dem 

Menschen zu folgen. Das ist so gesund, gerade wenn

293

:

jemand denkt, er muss irgendetwas vorspielen. Und 

das andere, das positive Beispiel ist auch schon

294

:

sehr, sehr oft passiert, dass jemand kommt, etwas 

schüchtern, sich vorne hinstellt und dann einfach

295

:

findet irgendwie eine magische Öffnung statt und 

die Person wird wahnsinnig schön. Also ich finde,

296

:

alle Menschen werden schön, wenn sie dirigieren, 

das ist etwas ganz Seltsames, total unabhängig von

297

:

der ästhetischen Allgemeinwirkung. Und man merkt 

einfach, ein Orchester möchte gerne gut spielen,

298

:

wenn der Mensch echt ist und wenn er eine 

gewisse Demut zeigt und gleichzeitig ist er. . .

299

:Sandra Leis [:

300

:

Demut auch dem Werk gegenüber. Das ist ja 

etwas, was Ihnen ein zentrales Anliegen

301

:

ist. Sehen Sie auch Unterschiede zwischen 

Managerinnen und Managern in Ihren Kursen?

302

:Graziella Contratto [:

Ja, ich mache ja auch zuerst meistens so

303

:

eine Einführung, einen Vortrag und dort habe ich 

ein Beispiel von einer jungen Dirigentin, die sehr

304

:

gut kommuniziert mit dem Orchester, aber sie tanzt 

ein bisschen mit beim Dirigieren. Und das ist zum

305

:

Beispiel immer einer meiner Schlüsselmomente, weil 

irgendwie auf der einen Seite ist man fasziniert,

306

:

aber es stimmt irgendetwas nicht ganz. Und das 

Geheimnis lautet eben, und das machen meistens

307

:

Frauen, ich kenne das von mir selber auch. Machen 

diesen Fehler manchmal, dass es ihnen wichtig ist,

308

:

dass sie mit ihrem Team oder mit dem Orchester 

so eine Art perfekte Synchronizität erleben, also

309

:

gemeinsam im gleichen Moment exakt das Gleiche 

fühlen. Das ist irgendwie so ein Traum, glaube

310

:

ich. Etwas Weibliches, ich bin auch wirklich 

sehr, sehr oft habe ich mich dabei ertappt. Das

311

:

Problem ist aber, Führen ist nicht Tanzen. Führen 

heißt, Sie müssen voraus sein. Sie dürfen nicht

312

:

die Emotionen teilen zur gleichen Zeit. Sie müssen 

sie vorausahnen, Sie müssen sie vorausplanen und

313

:

auch führen, eben im Sinn von antizipieren. Und 

das ist etwas, was männliche Persönlichkeiten

314

:

allgemein schneller verstehen, weil sie immer 

so ein bisschen vorangehen müssen. Also viele

315

:

mögen das einfach. Sie mögen vorangehen und mir 

nach. Das ist ein typischer männlicher Spruch.

316

:Sandra Leis [:

Hier geht's lang.

317

:Graziella Contratto [:

Hier geht es lang, absolut. Das

318

:

ist der schönste Ausdruck, genau. Und das ist 

etwas, was ich sehr oft auch bei Frauen oder

319

:

bei Manager-Persönlichkeiten zum Beispiel, aber 

auch bei Dirigentinnen übrigens, das ist was, was

320

:

ich sehr wichtig finde, dass sie es lernen. Das 

hat mal ein Dirigierlehrer von mir gesagt, wenn

321

:

in Puccinis «La Bohème» in der letzten Szene 

stirbt, Mimi. Und das hört man im Orchester,

322

:

weil es klingt an einen Moll-Dreiklang in 

den Trompeten. Und er hat immer gesagt,

323

:

in diesem Moment möchte er immer weinen, wenn 

er das dirigiert, weil das so traurig ist,

324

:

und Puccini ist wirklich ein Meister der 

menschlichen Emotionen und der menschlichen

325

:

Seelenzeichnung. Aber er hat gesagt, ich darf 

nicht weinen. Sondern das Publikum muss weinen!

326

:

Das ist eben in einer Führungsaufgabe auch 

ein bisschen so. Also sie haben schon ihre

327

:

Emotionen, aber die müssen sie irgendwie 

transformieren in eine Antizipation,

328

:

indem sie ein bisschen voraus sind. Das schlägt 

sich in der Schlagtechnik nieder, aber auch in

329

:

der Haltung, in der ganzen Selbstwirksamkeit 

und vor allem im Selbstbild, das sie haben.

330

:Sandra Leis [:

Sie haben am Anfang von

331

:

unserem Gespräch gesagt, Sie seien immer noch 

in der katholischen Kirche und vielleicht

332

:

würden wir nochmals drüber sprechen. 

Zum Schluss: Warum sind Sie geblieben?

333

:Graziella Contratto [:

Einerseits weiß ich, dass es für

334

:

meinen Vater sehr traurig gewesen wäre, wenn ich 

den Austritt gegeben hätte. Ich muss aber auch

335

:

sagen, es ist Teil meiner Jugend. Ich habe heute 

vielleicht eine eher philosophischere Einstellung

336

:

zu gewissen Themen. Ich habe eine Zeit lang mich 

sehr beschäftigt mit den apokryphen Evangelien,

337

:

ich bin fasziniert gewesen von den Katharern, 

also alles eigentlich so ein bisschen nicht ganz

338

:

Rom-getreue Bewegungen, weil ich einfach immer 

dachte auf der einen Seite, es ist ganz wichtig,

339

:

dass man die Ursprünge, es gab auch übrigens mal 

eine tolle Sendereihe auf Arte, «Der Ursprung des

340

:

Christentums», das habe ich alles wirklich, das 

habe mit meinem Mann, der übrigens religionsfrei

341

:

aufgewachsen ist, wir haben das mit größter 

Faszination verfolgt, wie jüdische, reformierte,

342

:

katholische und atheistische Persönlichkeiten, 

Theologen, Philosophen und Philosophinnen,

343

:

das ganze Thema betrachtet haben. Aber ich muss 

auch sagen, ich habe die Kirche nicht verlassen,

344

:

weil ich denke, es wäre irgendwie wie wenn 

ich meine eigene Kindheit in einem gewissen

345

:

Sinn verlassen würde. Und das wäre irgendwie 

nicht natürlich. Also ich bin auch überhaupt

346

:

keine Regelbrecherin. Ich kann auch ganz 

schlecht alle Brücken hinter mir abbrechen.

347

:

Ich bin eher so ein bisschen ein fließender 

Typ. Wieder mehr Bezug auf den Vornamen.

348

:Sandra Leis [:

Graziella.

349

:Graziella Contratto [:

Genau. Und das andere ist auch,

350

:

ich habe als Organistin natürlich, ich hab sowohl 

bei den Protestanten als auch bei den Katholiken

351

:

georgelt, und die Dramaturgie einer liturgischen 

Gestaltung, das ist etwas, was so eng ist an

352

:

allem, was man in einer Psychoanalyse erleben 

könnte, in einem irgendwie schamanischen Prozess,

353

:

in einer Initiation und so weiter. Ich glaube, 

das ist etwas, was ebenfalls ganz nahe einfach

354

:

mit meiner Person verbunden bleibt. Von daher 

glaube ich, es wäre irgendwie unsinnig gewesen.

355

:

Und ich mag es auch immer noch zu wissen, dass man 

einfach seine eigenen Bezüge oder Bezugspunkte,

356

:

nur weil innerhalb der Institution viele Fehler 

gemacht wurden, glaube ich kann man trotzdem immer

357

:

wieder versuchen, einzelne Aspekte neu anzuschauen 

und wieder neu im eigenen Leben zu verorten.

358

:Sandra Leis [:

Graziella Contratto,

359

:

vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch.

360

:

Das ist die 69. Folge des Podcasts «Laut 

+ Leis». Zu Gast war die Dirigentin und

361

:

Musikpädagogin Graziella Contratto. Ihr 

literarisches Debüt heisst «Meitsch» und

362

:

ist im Atlantis-Verlag erschienen.

Über Feedback freuen wir uns:

363

:

Schreibt gerne per Mail an podcast@kath.ch 

oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.

364

:

Und: Abonniert den Podcast und bewertet 

ihn positiv, wenn er euch gefällt.

365

:

In der nächsten Folge von «Laut + Leis» reise 

ich ins Kloster Einsiedeln und spreche mit dem

366

:

neuen Geschäftsführer Bruno Hensler. Wer ist 

der Mann, der die wirtschaftlichen Geschicke

367

:

des Klosters leitet? Soviel sei verraten: Er 

ist ehemaliger Stiftsschüler und war bis vor

368

:

kurzem Verwaltungsdirektor der Hochschule St. 

Gallen. Im Podcast spricht er über seine neue

369

:

Aufgabe und wie er das Kloster für die Zukunft 

fit machen möchte. Ein grosses Anliegen ist

370

:

ihm «eine echte Willkommenskultur». Bis in zwei 

Wochen – und bleibt laut und manchmal auch leise.

Dirigentin und Autorin Graziella Contratto | © Sandra Leis
8. Mai 2026 | 05:30
Lesezeit : ca. 19  Min.
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