Weihbischof Josef Stübi, Mario Galgano und RKZ-Präsident Roland Loos (v.l.) in der Rotonda der Berner Dreifaltigkeitspfarrei.
Schweiz

Wahrheitssucher in der Berner Rotonda

«Babel oder Wahrheit?» war der Titel einer Informationsveranstaltung über KI, die am Montagabend in der Berner Dreifaltigkeitspfarrei stattfand. Eingeladen hatten die Bischofskonferenz und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz. Noch fast wichtiger als die Wissensvermittlung war an diesem Abend die Möglichkeit, bei der Beurteilung von gefakten Bildern die Begrenztheit des eigenen Wissens festzustellen.

Stefan Betschon

«Künstliche Intelligenz» ist als Name für ein Teilgebiet der Informatik 70 Jahre alt. Doch seit erst rund fünf Jahren hat diese Software-Technik angefangen, den Alltag der Menschen rund um die Welt zu verändern. Wie diese Veränderung sich auf den Arbeitsmarkt, auf die Politik, auf die Wissenschaft und auch auf das Zusammenleben der Menschen auswirken wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Es wird wohl so sein, wie auch bei früheren Innovationen, dass die kurzfristigen Veränderungen überschätzt, die langfristigen unterschätzt werden.

Grosse Verunsicherung

Die Verunsicherung ist gross. Und so jagen sich die Informationsveranstaltungen, Fachtagungen, Podiumsdiskussionen. Hier kommen Informatikprofessoren zu Wort, die die Technik erklären, dann auch noch Theologen, die ethische Fragen behandeln.

Am Montagabend fand in der Rotonda der Pfarrei Dreifaltigkeit in Bern zum Thema KI ein Info-Abend statt. Eingeladen hatten die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). Dieser Abend unterschied sich wohltuend von thematisch ähnlich gelagerten Veranstaltungen. Denn hier konnte sich das Publikum einbringen. Mit einer App auf dem Handy konnten eigene Erfahrungen mit KI beschrieben werden, die Resultate wurden auf einem Grossbildschirm dargestellt.

So konnte man erfahren, dass Menschen aus allen Landesteilen nach Bern gekommen waren. Sie gaben sich als eifrige KI-Nutzer zu erkennen. Mehr als 90 Prozent nutzen KI bereits beruflich oder privat. Doch als es dann darum ging, die Authentizität anhand von Beispielen zu prüfen, die der Hauptreferent und Moderator des Abends – Mario Galgano – mitgebracht hatte, wurde klar, dass auch erfahrene KI-Nutzer sich hinters Licht führen lassen.

Galgano arbeitet seit 2006 als Journalist bei Vatican News und als Moderator bei Radio Vatikan. Der promovierte Historiker hat sich auch als Buchautor hervorgetan. In Bern zeigte er Fotos und Filmaufnahmen – unter anderem von Papst Leo XIV. – und liess das Publikum die Authentizität dieser Dokumente beurteilen. Viele liessen sich täuschen.

Bei Vatican News verzichtet man nach Möglichkeit auf die Nutzung von KI. Klar kommen auch diese Medienschaffenden nicht ohne Google aus, selbstverständlich benutzen auch sie Hilfe etwa für die Übersetzung. Aber das Schreiben bleibt den Menschen überlassen.

Der Papst als KI-Autorität

Bei technischen Innovationschüben war es früher meistens so, dass Ingenieurinnen und Techniker in die Initiative gingen und die Theologen erst sehr viel später sich des Themas annahmen. Bei der KI aber hat sich die katholische Kirche schon sehr früh mit ethischen Überlegungen eingebracht.

Papst Leo XIV. hat sich in einem im Mai 2026 publizierten Lehrschreiben sehr gründlich mit dieser Technik beschäftigt. Seine Ausführungen in der Enzyklika «Magnifica humanitas» hat weit über die katholische Kirche hinaus Menschen angesprochen.

Der Papst hat zwei Visionen vorgestellt, die eine verbindet sich mit Babel, die andere mit Jerusalem. In der einen überlassen sich die Menschen der technischen Überheblichkeit und finden dabei den Untergang. In der anderen tun sie sich zusammen und nutzen die Technik zum Wohle aller. Der Titel der Veranstaltung nahm Bezug auf diese Visionen des Papstes: «Babel oder Wahrheit?»

Anzeige ↓     Anzeige ↑

Techniker suchen Ethiker

In seinem Referat unternahm es Galgano, das rund 50-seitige Lehrschreiben des Papstes prägnant zusammenzufassen. Es gehe darum, der Gefahr des technischen Reduktionismus zu widerstehen. Es dürfe nicht sein, dass der Mensch und die Beziehungen zwischen Menschen auf mathematische Wahrscheinlichkeiten reduziert würden. «Entscheidungen über Leben, Tod, Vergebung oder Trost brauchen Herz, Gewissen und Empathie. Diese Qualitäten sind ausschliesslich dem Menschen vorbehalten.»

Galgano wies auch darauf hin, dass sich die Aktivitäten des Vatikans nicht nur auf die Herausgabe der Enzyklika «Magnifica humanitas» beschränkte. Es wurde heuer auch eine interdikasterielle Kommission zum Thema Künstliche Intelligenz eingerichtet. Sie ist dem Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen angegliedert und untersteht der Leitung des kanadischen Kurienkardinals Michael Czerny.

Wie Galagano berichtete, pflegt der Vatikan Beziehungen zu grossen amerikanischen Technik-Firmen, die sich für die ethischen Einschätzungen der katholischen Kirche interessierten.

KI als Meta-Algorithmus

Aus Lausanne, von der Fakultät für Informatik und Kommunikationswissenschaften der EPFL, war Professor Rachid Guerraoui nach Bern gereist. Er war für den Untertitel der Veranstaltung zuständig: «Wie KI funktioniert». Das klingt nach einem langweiligen technischen Vortrag. Doch Guerraoui, der frei sprach, vermochte mit einem viele Jahrhunderte umfassenden Blick in die Geschichte der Mathematik die Zuhörerschaft mitzureissen.

In dieser Sichtweise ist die Erfindung der Large Language Models, der jüngste Durchbruch der KI, nur einer von vielen Schritten. In der Darstellung Guerraouis erscheint die Leistung eines arabischen Gelehrten namens al-Chwarizmi fast noch bedeutender. Er hat die Wissenschaft der Algebra begründet und dafür gesorgt, dass die arabischen Ziffern zusammen mit der indischen Null gegen Ende des ersten Jahrtausends in Europa Verbreitung fanden. Al-Chwarizmi hat für die Lösung wichtiger mathematischer Probleme Rechenregeln entwickelt, für die sich in Europa dann – ausgehend vom Namen des Gelehrten – der Name Algorithmus einbürgerte.

Weitere wichtige Persönlichkeiten in diesem historischen Abriss waren Blaise Pascal und Wilhelm Leibnitz. Sie unternahmen es, Maschinen zu bauen, die Addition und Multiplikation mechanisch erledigen konnten. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte sich dann in den 1930er Jahren eine Maschine ausgedacht, die beliebige Algorithmen abarbeiten kann. Von hier aus lässt sich die KI als Meta-Algorithmus verstehen, der Algorithmen erzeugen kann.

Nostalgische Erinnerungen

In seiner Begrüssung machte Weihbischof Josef Stübi den Anwesenden klar, dass sie Experten seien, die über ein rares historisches Spezialwissen verfügten, weil sie sich noch erinnern können, wie eine mechanische Schreibmaschine funktioniert oder wie man sich in einer Bibliothek das richtige Buch besorgt. Wenn er heute mit Jugendlichen rede, dann erhalte er den Eindruck, als ob dieses Spezialwissen bereits entsorgt worden sei in einer verstaubten Schublade mit der Aufschrift: «Lasst hören aus alter Zeit».


Weihbischof Josef Stübi, Mario Galgano und RKZ-Präsident Roland Loos (v.l.) in der Rotonda der Berner Dreifaltigkeitspfarrei. | © Stefan Betschon
3. November 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!