Vatikan-Experte Andreas Englisch
Schweiz

Auf Tuchfühlung mit vier Päpsten

Vatikanjournalisten kommen dem Papst nahe, sie dürfen das Oberhaupt der katholischen Kirche auch auf Auslandsreisen begleiten. Andreas Englisch kann auf vier Jahrzehnte Tätigkeit zurückschauen. In der Pfarrei St. Felix und Regula Zürich hat er jüngst seine Erlebnisse mit den letzten vier Päpsten geschildert.

Francesco Papagni

Beim Lesefestival «Zürich liest» machen auch einige Pfarreien mit. In St. Felix und Regula trat der bekannte Vatikanjournalist und Buchautor Andreas Englisch auf und erzählte lebendig von seinen Begegnungen mit Päpsten.

Er sei als junger Mann vor vier Jahrzehnten nach Rom gekommen, um sein Italienisch zu verbessern. Als ihm das Geld auszugehen drohte, sah er eine Stellenausschreibung der Agentur UPI für einen Vatikankorrespondenten und meldete sich. Obwohl er keine Ahnung und kein Interesse an der katholischen Kirche bekundete, wurde er angestellt. Mittlerweile hat er vier Päpste erlebt und viele Bücher geschrieben.

«Ein Triumphzug»

«Wojtyla war mein erster Papst», sagt Englisch. 1991 besuchte Papst Johannes Paul II. Polen, im Schlepptau ein ganzer Tross von Journalisten. «Es war ein Triumphzug». Doch das Programm sei sehr streng gewesen: von morgens bis abends Messen, Andachten und unzählige Reisen mit dem Helikopter – kein Ort, kein Kindergarten, kein Altersheim sei zu unbedeutend gewesen, als dass Papst Wojtyla nicht Station gemacht hätte.

«Die Menschen waren ihm zutiefst dankbar, dass er beigetragen hatte, das kommunistische System zum Einsturz zu bringen. Diese Einschätzung bestätigte Michail Gorbatschow, letzter Generalsekretär der Sowjetunion, bei seinem Besuch in Rom. «Ohne Sie wäre die Mauer nicht gefallen», soll er zum polnischen Papst gesagt haben.

Kein Verständnis für Missbrauchskandale

In der Zeit Wojtylas fällt auch der Beginn des Missbrauchsskandals. «Wir haben das Ausmass nicht geahnt, aber wir wussten von den ersten prominenten Fällen», bekennt Englisch. Die Vatikanjournalisten verbringen Zeit mit dem Papst, so ergeben sich auch Gespräche. Sie hätten das Thema benannt, aber Johannes Paul II wollte nicht hören: Das hätten die Kommunisten seinen Priestern in seiner Zeit als Bischof vorgeworfen, soll der Papst geantwortet haben.

Tatsächlich war die Fabrikation von falschen Anschuldigungen eine Strategie der kommunistischen Regimes gegen die Kirche. Tragischerweise waren die Anschuldigungen im Missbrauchsskandal begründet, aber das konnte und wollte Karol Wojtyla nicht erkennen.

Ein prophetisches Wort

Menschlich war Johannes Paul II. spontaner, menschlicher als die Fernsehbilder zu erkennen gaben. Während seiner Reise nach Brasilien wollte die dortige Regierung unbedingt vermeiden, dass der Papst die Elendsviertel besuchte. Die Fernsehbilder sollten das Land in bestem Licht zeigen.

Pfarrer Franco Luzzatto von der Pfarrei St. Felix und Regula in Zürich und der Journalist Andreas Englisch bei seinem Vortrag
Pfarrer Franco Luzzatto von der Pfarrei St. Felix und Regula in Zürich und der Journalist Andreas Englisch bei seinem Vortrag

Doch Papst Wojtyla setzte sich darüber hinweg und ging mit dem ganzen Gefolge in die Favela de Rocinha in Rio de Janeiro. Mit einer Frau, die zwei Kinder an den Händen hatte, kam er ins Gespräch. Sie erzählte ihm von ihrer Not, er zog spontan seinen Fischerring aus und schenkte diesen ihr – zum Entsetzen seiner Entourage. Den Fischerring gibt es immer nur einmal, beim Tod des Papstes wird dieser zerstört. Für Wojtyla musste nolens volens ein zweiter hergestellt werden.

Die Favela baute der Frau ein Restaurant, das es heute noch gibt. Für den Ring wurde eine Kapelle errichtet. «Weiht sie auf den heiligen Franziskus. Es wird ein Papst kommen, der die Armen ins Zentrum stellen wird», soll Johannes Paul II. geantwortet haben, als die Bewohner ihn fragten, wem die Kapelle geweiht werden sollte. Papst Franziskus betete bei seiner eigenen Reise nach Brasilien dort.

Der überforderte Papst

Den Nachfolger des polnischen Papstes, Joseph Ratzinger, erlebte Andreas Englisch als zutiefst scheuen Menschen. Bei einer Geburtstagsfeier soll Ratzinger weggegangen sein, bevor man ihm die Geschenke überreichen konnte. Er wolle nicht im Zentrum stehen, erklärte er im Nachhinein.

Obwohl in Rom lebend und arbeitend, war Ratzinger den Vatikanjournalisten nicht persönlich bekannt. Denn der Deutsche arbeitete in seiner Glaubenskongregation und liess sich nicht blicken. Überhaupt soll er wenig Kontakt im Vatikan gehabt haben.

Nach seiner Wahl zum Papst überforderten ihn die Generalaudienzen mit ihrem Gedränge. Nach seinem Amtsverzicht soll der «papa emeritus» zu einer Belastung für Papst Franziskus geworden sein. Englisch bestätigt, was viele vermuten: Joseph Ratzinger konnte Jorge Bergoglio nicht ausstehen.

Ratzinger kontra Bergoglio

Papst Franziskus war ganz anders – unvorhersehbar, spontan, ein Menschenfischer. So hatte er die Gewohnheit, jeweils einen ganz normalen Angestellten des Vatikans bei seinen Reisen mitzunehmen, was zu paradoxen Situationen führte.

Nach der Landung ist es diplomatisches Protokoll, dass der Papst seine Delegation vorstellt. Dann sagte Franziskus jeweils: «Das ist die Frau, die sich um die Wäsche im Vatikan kümmert». Die Staats- und Ministerpräsidenten glaubten, nicht richtig gehört zu haben.

Unglücklich war der Ausgang der Amazonas-Synode. Folgt man Englisch, so wollte Bergoglio viri probati, verheiratete Männer, zu Priestern weihen für den riesigen Amazonas, wo es praktisch keine Priester gibt. Aber Ratzinger und seine Leute hätten das verhindert. «Ich kann die Kirche nicht zusammenhalten und sie gleichzeitig reformieren», soll Papst Franziskus bemerkt haben.

«Einer von uns»

Die Wahl von Robert Francis Prevost zum Papst war eine Sensation, auch für Englisch, der ihn schon damals gut kannte. Als Generalprior der Augustiner war Prevost oder «Bob», wie ihn Englisch nennt, im Vatikan nämlich eine bekannte Figur.

«Der war einer von uns», sagt der Vatikanjournalist und betont damit die unprätentiöse Art des Amerikaners. Dann wurde er Bischof der unbedeutenden Diözese Chiclayo in Peru. Als Einziger wagte er es dort, einen landesweiten klerikalen Pädophilenring zu denunzieren. Papst Franziskus verhalf ihm dafür zu einer Blitzkarriere.

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Im Umgang sei der jetzige Papst ganz unkompliziert, verrät Englisch, der mit seiner Familie schon in die päpstlichen Privatgemächer eingeladen wurde. Und er sei technikaffin. Man wusste im Vatikan schon zu seiner Zeit als Generalprior, Computerprobleme konnte Prevost selbst lösen. Seine K.I.-Enzyklika «Magnifica Humanitas» entspringt denn auch einem echten Interesse und einer ebenso echten Sorge, die Maschinen könnten die Kontrolle über die Schöpfung gewinnen.


Vatikan-Experte Andreas Englisch | © Musacchio und Ianniello
23. Oktober 2026 | 17:00
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