Dürre legt Gräber in Tschechien frei: «Der See birgt noch viele Geheimnisse»
Ein steinerner Schatz ist im tschechischen Lipno-Stausee bei Horní Planá aufgetaucht: Gleich zwei Friedhöfe, die lange versunken waren, erzählen von Vertreibung und Abschied, aber auch von neuer Hoffnung.
Wolfgang Duschl
(KNA) Still ruht er am Morgen, der Lipno-Stausee. Noch wolkenverhangen mit Nebelfetzen gibt sich der herbstliche Böhmerwald. Ein Fischer ist bereits hinausgefahren. Fährboot und Ausflugsschiff liegen wie aufgebahrt viel zu weit an Land.
Es ist auch deswegen ruhig, weil die hier bei Horní Planá – im südböhmischen Kreis Ceský Krumlov in Tschechien – aufgestaute Moldau kaum mehr Wasser in den Speichersee spült. Der trockene Sommer liess den Pegel um über drei Meter absinken. Wäre nicht ein Bagger am Ufer im Einsatz, könnte man geradezu von Friedhofsruhe sprechen. Und würde damit den Nagel auf den Kopf treffen.
Früheren Friedhof freigegeben
Denn die in den 1950er Jahren aufgestaute Moldau hat in der Dürre einen früheren Friedhof freigegeben. Plötzlich ragten vor wenigen Wochen Grabsteine und die Reste der gefluteten Ortschaft Dolní Vltavice (Untermoldau) aus dem Wasser. Historiker Jan Stifter wusste sofort: «Das ist etwas ganz Besonderes, ein Schatz».
Der 46-Jährige war als einer der ersten an der Fundstelle neben der Schiffanlegestelle mit Strandgastronomie. Dort stand bis vor rund 80 Jahren das Böhmerwalddorf Untermoldau.
Tipp einer aufmerksamen Leserin
Über die Geschichte dieses Ortes und seiner Menschen hat der Schriftsteller Stifter den Roman «Vltavice» verfasst, der im August erschienen ist. Wie das Leben so spielt: Eine Leserin stiess beim Spaziergang am Ufer auf die Grabsteine. Sie erinnerte sich an Stifters Roman, rief ihn an und brachte so die Rettungsaktion in Gang.
«Eile war angesagt», berichtet Stifter. Sein erster Gedanke: «Wir müssen die Gräber schützen, sichern und Vorkehrungen treffen, um sie für die Nachwelt zu erhalten». Nur keine Sensationsmeldung: Im Böhmerwald sind Grabräuber mitunter mit dem Metalldetektor auf Raubzug. «Die Leute hätten auch die Grabsteine mitgenommen», ist der Historiker überzeugt. Mit Bulldozern wurden die Steine vorsichtig geborgen und in ein Depot gebracht.
Pietät im Umgang mit den Toten ist allen Beteiligten aus der Wissenschaft wichtig. Die Steine werden gesichtet, Namen und Daten erfasst, Familien informiert. Stifter berichtet von Tauchern der Wasserwacht, die in den vergangenen Jahren unter Wasser schon Blumen versenkt und mit Steinen verankert haben. Die Toten sollen nicht vergessen sein. Wie etwa die drei- oder vierjährige Leopoldine Brunner. Deren Grabstein ist so gut erhalten, dass ihr Name klar les- und nachweisbar ist.
Mit blossen Händen die tote Mutter exhumiert
In den 1950er Jahren war das Erinnern meist weniger wichtig. Beim Bau des Stausees wurde die Ortschaft Dolní Vltavice geräumt und mit jedem Meter Wasserstand tiefer versenkt – auch der Friedhof aus dem 19. Jahrhundert und damit Generationen von Menschen.
Der Historiker weiss von dramatischen Szenen damals. Eine Frau soll mit bloßen Händen die sterblichen Überreste ihrer Mutter ausgegraben und nach Budweis transportiert haben, um der Toten ewige Ruhe zu schenken. Die meisten sollen von der kommunistischen Verwaltung exhumiert und in einen nahegelegenen Friedhof umgebettet worden sein. Doch Stifter bezweifelt, ob wirklich pietätvoll mit den Toten umgegangen worden ist.
Zeugnisse der Vertreibung
Nur einen Steinwurf von der Fundstelle entfernt, ist ein zweiter – wesentlich älterer Friedhof -aufgetaucht, wie der Heimatforscher berichtet. Rund um die gotische Dorfkirche, deren Bruchstücke in der frühherbstlichen Sonne ihre Schatten werfen. Untermoldau, im Jahr 1263 gegründet, ist unter dem Namen «Hirschau» 1268 erstmals urkundlich erwähnt.
Als Gemeinde an der «Guldenen Strass» (güldenen Strasse), einem wichtigen Handelsweg im Dreieck Linz, Passau und Budweis und gleichzeitig an einem Moldauübergang, besass der Ort ab 1355 ein eigenes Gotteshaus. Bis zu 30’000 Menschen, so der Historiker, könnten im Lauf der Jahrhunderte hier bestattet worden sein.
Es ist, als ob die Menschen dieses Landstriches mehrfach vertrieben worden sind. Nach der nationalsozialistischen Diktatur wurden die Böhmerwäldler davongejagt. Die kommunistischen Diktatoren versuchten die Übrigen und auch die sterblichen Überreste auszulöschen. Doch, so scheint es, selbst die Natur stemmt sich dagegen.
Ein neuer Erinnerungsort soll entstehen
Die Geschichten tauchen wieder auf. Und Jan stifter, Nachfahre des berühmten Schriftstellers Adalbert Stifter, schreibt sie fort. Zum einen in Romanen und Interviews mit Zeitzeugen. Zum anderen aktuell mit den Lipno-Gräbern. Zusammen mit Archäologie, Denkmalpflege, kommunaler Verwaltung, Nachfahren und Familien plant er einen runden Tisch. Dort soll erarbeitet und entschieden werden, wie ein pietätvoller Ort der Erinnerung und des Gedenkens aussehen kann.
Jetzt steht erst einmal die Sichtung im Vordergrund. In diesen Tagen werden alle Steine, die noch am Ufer liegen, geborgen. Dabei gilt das Prinzip: Sehen, Urteilen, Handeln. Es gibt noch viel Arbeit rund um den Lipno-Stausee. Jan ·tifter ist sich ganz sicher: «Der See birgt noch viele Geheimnisse».
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