Christian Rutishauser kritisiert vatikanisches Dialog-Dokument
Kritik am jüngst veröffentlichten vatikanischen Dokument «Ein Weg der Hoffnung» übt der Schweizer Jesuit und Judaist Christian M. Rutishauser. Vor allem aus jüdischer Sicht gebe es einen schalen Beigeschmack, wie Rutishauser in einem Beitrag für das Portal «communio.de» schreibt.
(KAP) Rutishauser moniert zum einen, dass in dem 60 Paragrafen starken Dokument religionstheologische Überlegungen weitgehend fehlen. Dort, wo es sie ansatzweise gibt, nämlich in den Ausführungen zum Judentum, ist Rutishauser aus inhaltlichen Gründen unzufrieden und kritisiert zudem, dass jüdische Dialogpartner in die Entstehung des Dokuments nicht eingebunden waren.
Kirchliche Positionen zum Judentum
Die am 16. September veröffentlichte Note «Ein Weg der Hoffnung. 60 Jahre Dialog und interreligiöse Geschwisterlichkeit im Licht der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra Aetate» zieht Bilanz über die Weiterentwicklung der Konzilserklärung «Nostra Aetate» und der kirchlichen Positionen zum Judentum und zu anderen Religionen.
Das Schreiben wurde gemeinsam von den Dikasterien für die Glaubenslehre, für die Förderung der Einheit der Christen und für den interreligiösen Dialog erarbeitet. Es ist mit 22. Juni 2026 datiert und von Papst Leo XIV. sowie den drei zuständigen Präfekten, Kardinal Víctor Manuel Fernández, Kardinal Kurt Koch und Kardinal George Jacob Koovakad, unterzeichnet.
Theologische Inhalte fehlen
Rutishauser fehlen vor allem theologische Inhalte. Von den Religionstraditionen Asiens und Afrikas werde etwa nur gesagt, dass der Dialog geführt werde, «ohne irgendeine theologische Fragestellung zu nennen». Der Islam erscheine nur zwei Mal, wobei die Hochachtung für den Glauben der Muslime aus dem Konzilsdokument Nostra aetate zitiert wird.
«Die jüdische Tradition wird theologisch nicht genauer bestimmt und der umstrittene ‘Heilsstatus’ nicht weiter angesprochen.»
Es gehe um gesellschaftliches Zusammenleben, wenn danach betont wird, es müsse zwischen Islamisten und Muslimen unterschieden werden, die als Einwanderer in Europa mit «Zuneigung und Achtung» aufzunehmen seien. Rutishauser: «Das Fehlen theologischer Fragestellungen lässt den glaubensinteressierten Leser unbefriedigt zurück, zumal die allgemeine Menschenwürde und die Geschwisterlichkeit aller Geschöpfe schöpfungstheologische begründet wird, ohne sich dem Phänomen Religion eigens zuzuwenden.»
Allein das Verhältnis zum Judentum führe der Text theologisch aus. Was den Judaisten aber stört: «Die jüdische Tradition wird theologisch nicht genauer bestimmt und der umstrittene ‘Heilsstatus’ nicht weiter angesprochen. Doch genau hier kann und muss die theologische Arbeit heute weitergeführt werden.»
Schweigen zu Land und Staat Israel
Noch gravierender: Dass das gegenwärtige katholisch-jüdische Verhältnis angespannt ist und unter Druck steht, dürfe nicht verschwiegen werden. Das Vatikan-Dokument schweige aber wie andere Vatikandokumente wieder zur Frage von Land und Staat Israel.
Juden und Jüdinnen monierten dies bereits vor zehn Jahren lautstark. Angesichts der akuten Auseinandersetzung um Israel seit dem Massaker der Hamas würden sie umso mehr, von der Kirche nur als Religion und nicht als jüdisches Volk und als jüdische Kultur wahrgenommen und angesprochen werden, so Rutishauser.
Rutishauser wörtlich: «Wenn Papst Franziskus sich auf die palästinensische Konfliktseite stellte, heute ‘Priester gegen den Genozid’ in Rom demonstrieren und Kardinal Parolin vor der UNO sich für die Zwei-Staaten-Lösung einsetzt, ohne einen Zusammenhang zwischen Antizionismus und Antisemitismus anzuerkennen, dann ist nur leicht zu verstehen, dass gewichtige jüdische Stimmen, wie zum Beispiel Oberrabbiner Di Segni von Rom, die Note bei allen guten Aussagen als unglaubwürdig kritisieren.»
«Die politische Theologie ist in der globalisierten Postmoderne gerade rund um den Nahostkonflikt längst zurück».
Dabei mache sich die Kritik etwa an der unglücklichen Aussage von der «jüdisch-palästinensischen Umwelt» Jesu fest (5). Es handle sich um ein Zitat aus dem Jahr 1985. Doch die Problematik liege tiefer, wie Rutishauser erläutert, und zwar auf zwei Ebenen: Einerseits könne die Kirche im Dialog die theologische Auseinandersetzung um Land und Staat Israel nicht weiter ignorieren und in der säkular-liberalen Haltung verharren, man wolle Religion und Politik trennen. Sie seien zu unterscheiden, «doch die politische Theologie ist in der globalisierten Postmoderne gerade rund um den Nahostkonflikt längst zurück».
Fehlende Einbindung jüdischer Dialogpartner
Andererseits könne die Kirche nicht ein Dialogpapier erarbeiten und veröffentlichen, ohne die Dialogpartner aktiver in den Prozess einbeziehen, so Rutishauser. Seit Nostra aetate seien jüdische Experten als Konsultoren an der Entstehung kirchliche Dokumente beteiligt und bei ihrer Veröffentlichung zuweilen Gesprächspartner gewesen. Dies sei heute zu einer unabdingbaren Notwendigkeit geworden «und gehört zur Professionalität der Dialogführung», befindet der Judaist.
*Christian Rutishauser ist seit 2024 Professor für Theologie und Judaistik an der Universität Luzern. Er trat 1992 in den Jesuitenorden ein, 1998 folgte die Priesterweihe. Theologiestudium in Jerusalem und New York, Promotion in Judaistik. Von 2012 bis 2021 war er Provinzial der Schweizer Jesuitenprovinz, danach Delegat der Zentraleuropäischen Provinz.
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