«Kirchen lassen sich nicht steuern wie Konzerne»: Bischof Beat Grögli zur neuen Kirchenstatistik
Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in St. Gallen hat die neuen Zahlen von 2025 zur Entwicklung in der katholischen Kirche in der Schweiz erhoben. Dabei gibt es auch Erfreuliches: Die Kirchenaustritte sind zum zweiten Mal in Folge stark gesunken. Und es wächst ein neuer Trend heran, den auch Bischof Beat Grögli für wichtig hält.
Wolfgang Holz
«Nach 2024 sind die Kirchenaustritte 2025 nochmals und überraschend stark zurückgegangen.» So lautet eine der aktuellen Feststellungen des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen.
2025 knapp 9’000 katholische Austritte weniger
In der katholischen Kirche gab es 27’878 Kirchenaustritte, in der reformierten Kirche waren 26’243 Austritte zu verzeichnen. «Das sind 2025 knapp 9000 katholische Austritte weniger als 2024 und fast 40’000 weniger als 2023, dem Jahr der Publikation der Pilotstudie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in der Schweiz», postuliert das SPI. Ein Grund zur Freude.
«Der Rückgang der Austrittszahlen ist erfreulich und kein Grund, Veränderungen nicht anzugehen.»
Das sieht auch Bischof Beat Grögli vom Bistum St. Gallen so. «Der Rückgang der Austrittszahlen ist erfreulich und kein Grund, Veränderungen nicht anzugehen», kommentiert der Oberhirte die neuesten Zahlen des SPI für kath.ch. Die langjährigen Trends im Bereich der Kirchenstatistik würden sich fortsetzen. Das müsse man anerkennen – und zugleich realistisch suchen, was man als Kirche tun könne und was nicht.
«Kirchen lassen sich nicht steuern wie Konzerne», ist Grögli überzeugt. «Das heisst, dass wir zwar handwerklich in unserer Arbeit und in unserer Verantwortung unser Bestes geben müssen, aber vor allem heisst es, dass wir bei allem notwendigen Management zuerst offen sein müssen für das, was passiert, das hören müssen, was Menschen beschäftigt, erfreut oder besorgt, ängstigt oder hoffen lässt.»
Erwachsenentaufen – neuer Glaubensboom?
Dazu sei der Blick auf das zahlenmässig kleine Phänomen der Erwachsenentaufen hilfreich – als «Lerngelegenheit», so der St. Galler Bischof: «Was selbstverständlich war, bedarf immer mehr der Begründung. Begründungen sind eine notwendige Selbstvergewisserung. Sie schaffen eine zuverlässige Basis für den Glauben.»
Ein begründeter Glaube braucht laut Grögli echte Erfahrung und Lernräume, um Gutes und Schlechtes in Religion, Glaube und Kirche zu erkennen und auseinanderzuhalten, so der Bischof. «Solche Lernorte des Glaubens müssen wir vermehrt entwickeln.»
Apropos. Verkörpern die Erwachsenentaufen in diesem Sinn einen neuen Glaubensboom? Laut Erhebungen des SPI zeigt sich bei Erwachsenentaufen sich ein Weg auf, wie sich die Kirchen verändern und verändern können. Die Erwachsenentaufen seien 2025 angestiegen – ein Allzeithoch auf niedrigem Niveau: 2025 wurden 339 Erwachsene in der Schweiz katholisch getauft. Im Vorjahr waren es noch 261. Keine Revolution in Sachen Taufe, aber durchaus ein neuer Trend, der im benachbarten Frankreich schon seit einigen Jahren beobachtbar ist, wo sich Tausende Erwachsene neuerdings taufen lassen.
«Erlebbarkeit und Sichtbarkeit des Glaubens»
Statistisch gesehen seien die Erwachsenentaufen zwar nicht wichtig – wohl aber in der Resonanz bei Öffentlichkeit und Kirchen, konstatiert das SPI in seiner Medienmitteilung. «Glaube und Kirche werden sichtbarer. Die Gestaltung von Erwachsenentaufen schafft ein Gemeinschaftserlebnis. Erwachsenentaufen werden kirchlich selbstbewusster gefeiert.»
«Über Social Media werden die Zugänge zum Glauben und zur Taufe vielfach geteilt und kommentiert.»
Und: Die Erlebbarkeit und Sichtbarkeit des Glaubens fänden in einer säkularen Kultur auf diese Weise Aufmerksamkeit. Die bewussten Entscheidungen Erwachsener für den Glauben und für die Zugehörigkeit zur Kirche würden auf breites Interesse und auf Nachfragen stossen, wie das SPI festhält. «Über Social Media werden die Zugänge zum Glauben und zur Taufe vielfach geteilt und kommentiert. Die digitale Glaubenskommunikation verlebendigt das Sprechen über den Glauben.»
Neue Formate des Glaubens nötig
Die herausfordernden Bedürfnisse und Erfahrungen junger Erwachsener gegenüber der Kirche fordern und verändern die Kirche aus der Sicht des SPI bereits. «Es ist wichtig, neue Formate kirchlichen und spirituellen Lebens zu gestalten, Kirche als Resonanzort für Fragen und Sehnsüchte kann Heimat geben», findet Bischof Beat Grögli. Erwachsener Glaube spreche vor allem durch persönliches Zeugnis. «Die Zeugnisse Jugendlicher und Erwachsener fordern uns heraus, sie hinterfragen unsere Praxis und setzen Impulse für Veränderungen.»
Auf dem Weg zu einer neuen Kirchengestalt muss man sich laut Grögli von alten Bildern trennen. «In einer Gesellschaft, die immer säkularer wird, steigt auch das Interesse am sichtbaren Ausdruck von Glauben. Wo der persönliche Glaube früher eher verschämt zurückgehalten wurde, ist heute ein gutes Selbstbewusstsein gefragt, das einhergeht mit einer respektvollen Haltung gegenüber anderen. Das verändert das Verständnis von Mission.» Will heissen: Kirche müsse missionarischer und respektvoller, selbstbewusster, synodaler und dialogischer werden.
Das Nachwuchsmodell der Kirche fängt die Mitgliederverluste nicht mehr auf. Die Austritts- und Bestattungszahlen übersteigen die Taufzahlen bei Weitem. Daher gelingt die intergenerationelle Mitgliedererneuerung nicht mehr. Der kirchliche Nachwuchsmotor stockt. Die Migration kann diese Entwicklung zwar dämpfen, so das SPI, aber nicht mehr (über-)kompensieren, wie es in der katholischen Kirche noch bis in die 2010er Jahre der Fall war. Die Taufzahlen und die Zahlen kirchlicher Trauungen sind in beiden grossen christlichen Kirchen zurückgegangen, wie das SPI im Rahmen seiner jüngsten Zahlen erhoben hat. Die Entwicklung liegt im langjährigen Trend. Bei den Taufen zählt die katholische Kirche 2025 noch 12’809 Taufen (2024: 13’548), die reformierte Kirche 2025: 6’261 Taufen (2024: 7’111). Auch bei den kirchlichen Trauungen setzt sich der Rückgang fort: In der katholischen Kirche registrierte man 2025 1’651 Trauungen (2023: 1’846), in der reformierten Kirche 2025: 1’318 Trauungen (2024: 1’547). Untern Strich heisst das: Die Kirchen werden kleiner. 2025 zählte die katholische Kirche in der Schweiz 2,68 Millionen Mitglieder (2024: 2,73 Millionen). Die reformierte Kirche kam 2025 auf 1,77 Millionen Mitglieder (2024: 1,78 Millionen). (woz)Die Kirchen werden kleiner
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