Der Dominikaner und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (†1274) war zentral für die Ausformulierung der Lehre vom Gerechten Krieg. Sie ist bis heute gültig.
Schweiz

Eine katholische Moderne

2026 wird das fünfhundertjährige Jubiläum der Schule von Salamanca begangen, die auch als Spanische Spätscholastik bekannt ist. Dies ist weit mehr als eine akademische Angelegenheit: Die iberische Denkschule hat die Grundlagen für den Menschenrechtsgedanken gelegt. Dazu haben sich jüngst zwei Schweizer Theologen geäussert.

Francesco Papagni

Die Verwirrung beginnt schon beim Namen: Spanische Spätscholastik suggeriert ein Verfallsphänomen. Aber die Schule von Salamanca war das Gegenteil davon, nämlich die höchst kreative Wiederaufnahme des Thomas von Aquin (1225-1274) in Theologie, Philosophie und Recht.

Mariano Delgado
Mariano Delgado

Mariano Delgado, kürzlich emeritierter Professor in Fribourg, veranschaulicht dies mit einer Wendung, die Francisco de Vitoria (1483-1546) gebraucht. Nachdem er die Lehre des Aquinaten referiert hat, schreibt er «ego enim dico», ich aber sage – Zeichen des eigenständigen Weiterdenkens. Neben Thomas stellt das Kirchenrecht, das im Mittelalter systematisiert wurde, eine wesentliche Quelle für das Denken dieser Schule dar.

Neue theologische und juristische Fragen

1526 besteigt de Vitoria den Lehrstuhl an der Universität von Salamanca, damals das intellektuelle Zentrum Spaniens. Es ist eine Zeit des Umbruchs: 1492 hatte Kolumbus Amerika entdeckt, 1526 war die blutige Kolonisierung der Neuen Welt in vollem Gange. Dabei stellten sich auch rechtliche Fragen: Welchen Rechtsstatus haben die Menschen in jenen Gebieten? Darf man ihr Land umstandslos annektieren?

Diese rechtlichen Fragen waren nicht abzutrennen von theologischen. Diese Menschen hatten keine Möglichkeit gehabt, die frohe Botschaft kennenzulernen. Hat es für sie einen Weg zum Heil auch ohne Offenbarung gegeben? Im Mittelalter hatten sich solche Probleme nicht gestellt, ging man doch davon aus, dass praktisch alle Menschen mit der christlichen Botschaft in Kontakt gekommen seien.

Gibt es Rechte von Natur aus?

Die juristische Frage lautete zugespitzt: Haben die Einwohner Amerikas von Natur aus Rechte? Uns Heutigen scheint die Antwort darauf selbstverständlich, gerade weil wir in einer Tradition stehen, die mit den «spanischen Klassikern des Naturrechts» (Adrian Loretan) begonnen hat.

Adrian Loretan
Adrian Loretan

Oder sogar etwas vorher, denn dass neben dem objektiven Recht subjektive Rechte existieren, wurde kurz zuvor zum ersten Mal von Wilhelm von Ockham (1288-1347) und seinen Schülern gedacht. De Vitoria war an der Sorbonne in Paris, wo er studiert hatte, mit dem Ockhamismus, der sogenannten via moderna in Kontakt gekommen.

Gegen Absolutheitsansprüche

Die Parteigänger der beiden universalistischen Mächte des Mittelalters, Kaiser und Papst, verteidigten den absoluten Herrschaftsanspruch der jeweiligen Institution. Was die päpstliche Macht betrifft, so hatten schon die Ockamisten und die Konziliaristen, die den Primat des Konzils gegenüber dem Papst vertraten, diesen Anspruch eingeschränkt.

Es gibt zwei Gesellschaften, so argumentierten sie, die weltliche und die geistliche, und jede Gesellschaft ist souverän, aber nur in ihrer jeweiligen Sphäre. Das war schon eine erste Einschränkung von Absolutheitsansprüchen. Die Spanier Domingo de Soto (1494-1560), Melchior Cano (1509-1560), Francisco Suàrez (1548-1617) sowie der erwähnte de Vitoria dachten hier weiter.

Eine Lehre mit Sprengkraft

Naturrechtlich war ihre Argumentation, weil die faktische Macht am Recht gemessen wurde, und zwar nicht am positiven, geltenden Recht sondern an einem Massstab, das unabhängig von den herrschenden Verhältnissen existiert. Dieser Massstab wird Naturrecht genannt, wobei der Terminus Natur missverständlich sein kann. Angemessener ist es, von einem Vernunftrecht zu sprechen.

Schon Thomas von Aquin hatte eine lex naturalis postuliert, die Gott den Menschen in die Vernunft promulgiert, sprich bekannt gemacht hat. Ein rechtlich-moralischer Kompass, über den jeder Mensch verfügt. Die Sprengkraft dieser Lehre wurde bald sichtbar, denn damit hatte man eine Norm zur Verfügung, um das geltende Recht auf seine Gerechtigkeit hin zu prüfen.

Schockierende Gewalt

Die genannten Dominikaner und Jesuiten waren Universitätsprofessoren. Die Schule von Salamanca wäre wohl ein akademisches Phänomen geblieben, wenn nicht Bartolomé de Las Casas aufgetreten wäre.

Bartolomè de las Casas, Spanischer Dominikaner und Indianermissionar
Bartolomè de las Casas, Spanischer Dominikaner und Indianermissionar

Er begann als Kolonist in der Neuen Welt, wandelte sich aber vom Profiteur zum grossen Kritiker der Ausbeutung der Indios. Ihr Elend und die Gewalt, die die Eroberer gegen sie ausübten, hatte er mit eigenen Augen gesehen. Zudem predigten Dominikaner schon zu seiner Zeit als Kolonisten gegen die Entrechtung der Einheimischen. Ihre Predigten trugen zu seiner Wandlung bei.

Verteidiger der Indios

Denkwürdig ist sein Zusammentreffen mit Juan Ginès de Sepúlveda, der die Rechtmässigkeit der Versklavung der Ureinwohner verteidigte. An der öffentlichen Diskussion, die als  Disput von Vallaloid 1550/51 in die Geschichtsbücher eingegangen ist, trat Las Casas entschieden für die Rechte der Indios ein.

Die Frage, ob sie von Natur aus Rechte hätten, beantwortete er im Sinne der Schule von Salamanca: Die Einwohner Amerikas sind vollgültige Rechtssubjekte. Das schliesst auch Eigentumsrechte ein. Sie dürfen, sie sollen evangelisiert werden, aber ohne Zwang und mit friedlichen Mitteln. Und sie haben ein Recht auf ihre eigene Kultur. Die Bemühungen von Las Casas führten zu einer zeitweiligen Besserstellung der Indios, aber die Interessen der Eroberer behielten auf Dauer die Oberhand.

Kritik

Die Schule von Salamanca vertrat die Würde aller Menschen und legte so das Fundament des Menschenrechtsdenkens. Überdies machte sie sich Gedanken zur Legitimität politischer Herrschaft. Souverän sei am Anfang das Volk, das seine politischen Rechte dann einem Herrscher überträgt.

Protestmärsche mit den Indios gegen den Staudamm Belo Monte in Altamira
Protestmärsche mit den Indios gegen den Staudamm Belo Monte in Altamira

Damit widersprachen sie der absolutistischen Theorie und auch einer bestimmten Lektüre des Römerbriefes, wonach die Obrigkeit direkt von Gott eingesetzt ist. Bei aller Modernität dieser Überlegungen gibt es auch Grenzen: Mariano Delgado weist darauf hin, dass die Frage, welche Rechte einer Minderheit bleiben, die diesem Souveränitätstransfer nicht zustimmt, nicht gestellt wird. Doch diese Frage wird auch bei Thomas Hobbes (1588-1679), oft als Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit angesehen,  nicht gestellt.

Adrian Loretan spricht in seinem Buch «Der demokratischer Rechtsstaat – eine Ideengeschichte» von ” spätscholastischer Demokratietheorie», die ihre Wurzeln in der mittelalterlichen Kanonistik habe. Das ist etwas überscharf formuliert, doch steht der Luzerner Emeritus damit in einer Auslegungstradition.

Wirkungsgeschichte

Die Geschichte des politischen Denkens einschliesslich des Menschenrechtsgedankens wurde lange in der Linie Hobbes-Locke-Rousseau-Kant erzählt. John G.A. Pocock hat 1975 mit «The Machiavellian Moment» eine andere Genese rekonstruiert, ausgehend von Machiavelli über England zu den Gründervätern der USA.

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In Abgrenzung zur liberalen Linie nannte er diese republikanisch. In beiden Genealogien kommen die Spanier nicht vor, und das ist kein Zufall. Ihr naturrechtliches Denken hatte zwar über Hugo Grotius (1583-1645) und John Locke (1632-1704) einen grossen Einfluss auf das Völkerrecht bzw. auf die politische Philosophie, sie selbst fielen aber weitgehend dem Vergessen anheim.

Die protestantisch geprägte Neuzeit hatte kein Interesse, an ihre katholischen Ideengeber zu erinnern. Und auch katholische Herrscher hatten kein Interesse, ihr protodemokratisches Denken bekanntzumachen. Heute erleben sie eine Wiederentdeckung – eine längst verdiente, die endlich auch mit zweisprachigen Textausgaben einhergeht.


Der Dominikaner und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (†1274) war zentral für die Ausformulierung der Lehre vom Gerechten Krieg. Sie ist bis heute gültig. | © Wikimedia Commons
18. September 2026 | 16:01
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