Stefan Betschon
Kommentar

Das Leitbild als Leidzirkular

Ein Leitbild soll die Kluft zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand überwinden. Ein Leitbild zeichnet, wer nicht mehr weiss, wie’s weitergeht. Ein Leitbild soll Mut machen. Jetzt haben auch die Schweizer Bischöfe ein Leitbild.

Stefan Betschon

Zwischen Leitfaden und Leitantrag, Leitersprosse und Leitvermögen gibt es eine eigene Leitkultur. Es ist eine Kultur, die weit um sich greift und ein grosses Wortfeld besetzt. Sie umfasst etwa auch noch die Leiter und die Leitplanke, das Leitungsrohr und den Leitartikel. Den Leithammel nicht zu vergessen. Und ganz im Kern: das Leitbild.

Es gibt in diesem Wortfeld das «Leitbild» als Erstglied oder als Letztglied. Die Autoren des Wörterbuchs erläutern diese Fachbegriffe mit Hilfe von Beispielen: «leitbildhaft» macht Erstglied verständlich, für das Letztglied steht «Unternehmensleitbild». Hier hätte man auch das «Bischofsleitbild» beispielhaft erwähnen können.

Zeugnis christlicher Hoffnung

Ein Bischofsleitbild gibt es in der Schweiz seit kurzem auch ausserhalb der Lexikografie. Die Schweizer Bischofskonferenz hat ein solche Leitbild im Sommer erarbeitet, es ist seit dem ersten Sonntag im September auf der Website dieser Organisation abrufbar.

Dieses Leitbild solle als «Orientierungshilfe» für die tägliche Arbeit dienen. Es beschreibt das Ziel dieser Arbeit: «Wir schaffen optimale Rahmenbedingungen für die Förderung der Verkündigung des Evangeliums». Und es nennt die Prinzipien, von denen sich die Bischöfe bei ihrer Arbeit leisten lassen: «Unser Handeln gründet auf der Heiligen Schrift, der dynamischen Tradition der Kirche, dem ordentlichen Lehramt, all dies in einer synodalen Haltung. In tätiger Nächstenliebe möchten wir ein lebendiges Zeugnis christlicher Hoffnung sein, als Ausdruck des Glaubens an den dreieinigen Gott.»

Die Schweizer Bischofskonferenz – gegründet 1863 – gilt als die älteste Bischofskonferenz der Welt. Nach 163 Jahren hat nun dieses oberste Gremium der katholischen Kirche in der Schweiz herausgefunden, dass es für die tägliche Arbeit einer Orientierungshilfe bedarf. Seit einer Woche besitzen nun die Schweizer Diözesanbischöfe und Weihbischöfe sowie die Äbte von Einsiedeln und Saint-Maurice erstmals über ein Leitbild.

Nichts an diesem Leitbild ist aufregend, überraschend, neu. Und das gerade ist verwunderlich. Warum müssen jahrtausendealte Grundtatsachen des katholischen Glaubens nun als Leitbild neu aufgelegt werden?

Angela Merkel und die Hausfrauenehe

Was ist ein Leitbild? Die Wikipedia kennt das Leitbild als Zustandsbeschreibung für Fliessgewässer, «für das Leitbild, an dem man sich orientiert», so erfährt man auf Nachfrage, «siehe Idee». Die Erklärung, was eine Idee ist, umfasst fast 30’000 Zeichen. Das sind mehr als zehn A4-Seiten. Es ist kompliziert!

Die Mitarbeitenden des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache haben es einfacher: Um zu erklären, was ein Leitbild ist, können sie einfach Belege aneinanderreihen, Ausschnitte aus Zeitungen und Büchern, in denen von Leitbildern die Rede ist. Diese Belege zeigen, dass Leitbilder eine Sache der jüngsten Vergangenheit sind.

Die Menschen des 19. Jahrhunderts kamen noch ohne Leitbilder aus. Die Sozialutopisten dieser Zeit hatten wohl ihre Zukunftsvisionen, aber sie setzten, um die Menschenmassen zu mobilisieren, nicht auf die Verlockungen der Zukunft, sondern auf die Nöte der Gegenwart.

Das Leitbild gewinnt gegen Ende des 20. Jahrhunderts immer mehr Anhänger. Es soll handlungsunfähigen Wohlstandsbürgern das Imaginieren von Handlungsmöglichkeiten erleichtern. Unter den Belegen im Wörterbuch findet sich aus einer deutschen Zeitung der Satz: «Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einst die schwäbische Hausfrau zu ihrem Leitbild erkoren.» Vielleicht erklärt dieser Zeitungsausschnitt, warum unter den mittels statistischer Berechnungen ermittelten «typischen Verbindungen zu Leitbild» die «Hausfrauenehe» genannt wird.

Wo der Obstwein versteckt ist

Es gibt zwischen Leitartikel und Leitfaden, zwischen Bankleitzahl und Leithammel, es gibt in diesem Wortfeld, das rund um Leitbild herum sich ausbreitet, auch ein paar Fremdkörper. Es gibt gleich nach der Leitfigur und dem Leitfossil und noch vor dem Leithund und der Leitidee den Leitgeb und den Leitkauf.

Diese Wörterbuch-Einträge, so erklärt der «Duden» in Klammern, seien «veraltet», sie hätten etwas zu tun mit Obstwein. Der Leitgeb ist also ein Wirt, der Leitkauf verweist auf den Umtrunk, mit dem ein Handel abgeschlossen wird. Auch wenn Etymologen jetzt die Stirne runzeln: Der Obstwein ist innerlich und bedeutungsmässig eng mit dem Leitbild verwand. Denn ein guter Leitgeb, der mit dem Nachschenken nicht zu lange zögert, kann die Erarbeitung von Leitbildern befördern.

Ein Leitbild zeichnet, wer nicht mehr weiss, wie’s weitergeht. Wer nicht mehr weiterweiss aber weitergehen zu müssen glaubt. Ein Leitbild ist eine Übersprungshandlung.

Ein Leitbild soll die Kluft zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand überwinden. Ein Leitbild soll Mut machen. Ein Leitbild ist wie Pfeifen im dunklen Keller, wo das Fass mit dem Obstwein vermutet wird.

Der Engel der Geschichte

Viele, die ein Leitbild zeichnen, wissen nicht, was sie tun. Genauer: sie wissen nicht, was sie sonst tun sollen. Aber immerhin: Es ist ein Tun. Denn der Kern des Leitbildes ist ein Tätigkeitswort: leiten. Die Wörterbuch-Autoren sprechen von einem Kausativ, das ist ein Veranlassungswort. «Leiten» bedeutet – nicht selber etwas tun, aber: – andere dazu zu bringen, etwas zu tun.

Die Bischöfe haben ihr Leitbild an der Vergangenheit festgemacht. So gehen sie rückwärts, wie Walter Benjamins Engel der Geschichte. Sie gehen rückwärts in die Zukunft, den Blick auf die Vergangenheit gerichtet. Ihre Leitung wäre als antikausativ zu beschreiben. Dieses Wort gibt es, wie die Wikipedia weiss: Es beschreibt eine grammatikalische Operation, bei der ein Verb mit kausaler Bedeutung um seine Dimension des Veranlassens reduziert wird.

«Im Unterschied zum Passiv wird beim Antikausativ aber nicht nur das Agens, sondern auch die Bedeutungskomponente des verursachenden Geschehens eliminiert», so die Wikipedia, die sich hier zu linguistischen und nicht zu kirchenpolitischen Fragen äussert.

Kreuzweg-Bild

Wenn man das Leitbild-Wortfeld mit der Brille des Ethymologen betrachtet, wenn man sich nicht nur für das Wort, sondern auch für die im Wort angelegte Wahrheit interessiert, zeigt sich einem die Leitkultur als Leidkultur, das Leitbild gibt sich als ein Bild des Leides zu erkennen, als Kreuzweg-Bild, wenn man so will.

Denn das mittelhochdeutsche «leiten» war noch mittelniederdeutsch ein «leden», mittelniederländisch ein «leiden», altenglich ein «laedan». Dem Explosivlaut ist dann die Stimmhaftigkeit abhandengekommen. «To lead» sagen denn auch die Menschen heute im angelsächsischen Kulturraum, wenn es darum geht, eine Fortbewegung zu veranlassen. Diese Fortbewegung wurde einst auch ins Jenseits verlängert, wie das althochdeutsche «leita» bezeugt: Es bedeutet Leichenbegräbnis.

Herausforderungen der Zukunft

Ein Leitbild ist der Versuch, eine Differenz zu vermessen zwischen einem Hier und einem Dort. Ein Leitbild ist keine Landkarte. Das Bild zeigt nicht, wie man ans Ziel kommt. Aber es zeigt, was man sähe, wäre man dort. Ein Leitbild ist der Versuch, sich auf die Herausforderungen der Zukunft zu wappnen, ein Leitbild ist eine Zukunftsprojektion.

Ein Leitbild ist zuallererst ein Eingeständnis, nicht dort zu sein, wo man sein möchte. Wo möchten die Bischöfe sein? Wohin sind sie unterwegs? Man weiss es nicht. Ihr Leitbild verweist nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit.

Wer die Orientierung verloren hat, ist gut beraten, sich umzudrehen und den Weg, der bereits zurückgelegt wurde, zu überblicken. Aber das Wissen um die Herkunft erschliesst einem noch nicht die Zukunft. Die Bischöfe benennen in ihrem Leitbild altbekannte Erkenntnisquellen der Theologie und ewig gültige Grundlagen des Glaubens. Diese Herkunft ist identitätsstiftend. Aber das Leitbild erklärt nicht, wie diese Identität angesichts der Herausforderungen der Zukunft bewahrt werden kann.


Stefan Betschon | © S.B.
13. September 2026 | 17:00
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