Pater Theo Flury
Schweiz

Abschied und Aufbruch: Pater Theo Flury über Musik, Liturgie und den Übergang

Nach 32 Jahren im Dienst als Stiftsorganist und künstlerischer Leiter des Einsiedler Orgelsommers beginnt für Pater Theo Flury ein neuer Lebensabschnitt. Indem er diese Aufgaben in jüngere Hände übergibt, endet sein musikalisches und geistliches Wirken jedoch nicht. Als Organist, Komponist und profunder Kenner der Liturgie hat Flury die Kirchenmusik über viele Jahre entscheidend mitgeprägt und weit über seinen unmittelbaren Wirkungsort hinaus Impulse gesetzt. Im Gespräch blicken wir auf seinen Weg zurück – und nach vorne.

Sabine-Claudia Nold

Pater Theo Flury, Sie waren über 30 Jahre als Stiftsorganist tätig. Wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken: Was war Ihr bedeutendster Auftrag – Organist zu sein, Liturg zu sein oder Glauben durch Musik erfahrbar zu machen?

Pater Theo Flury: Diese drei Dimensionen gehören für mich grundsätzlich untrennbar zusammen.

Kirchenmusik steht immer im Spannungsfeld zwischen Kunst und Liturgie. Wann dient Musik dem Gottesdienst – und wann läuft sie Gefahr, zum Selbstzweck oder Konzert zu werden?

Flury: Das ist dann der Fall, wenn die Musik nicht mehr Teil der Liturgie ist, sozusagen aus ihr entspringt, sondern wenn, im Gegenteil, die Liturgie als Aufhänger für aufzuführende Kompositionen herhalten muss. Ein grosses Problem ist übrigens die Tatsache, dass die bis 1962 komponierte liturgische Musik vom tridentinischen Messritus ausgeht und nicht immer leicht in die erneuerte Liturgie einzufügen ist.

«Das Kirchenjahr ist ein geordneter Kosmos, zu dem grosse Feste, aber auch bescheidene Feiern gehören.»

Pater Theo Flury und Alois Koch beim Jubiläum des Schweizerischen Katholischen Kirchenmusikverband
Pater Theo Flury und Alois Koch beim Jubiläum des Schweizerischen Katholischen Kirchenmusikverband

Gab es in all den Jahren als Stiftsorganist und künstlerischer Leiter des Einsiedler Orgelsommers ein Erlebnis, die Sie nachhaltig geprägt hat?

Pater Flury: Das prägendste Erlebnis ist gewiss das Gesamt aller Dienste. Das Kirchenjahr ist ein geordneter Kosmos, zu dem grosse Feste, aber auch bescheidene Feiern gehören. Es ist, wenn man das sagen darf, selbst ein einziges Kunstwerk. Mein Amt und die Zugehörigkeit zum Kloster haben mir aber auch gestattet, immer wieder grössere Werke, die aus meiner Feder geflossen sind, konzertant aufzuführen. Die Benediktiner haben stets Kultur gepflegt, die aus dem Kult geflossen ist und sich wie ein Mantel um diesen herum gelegt hat. Es war mir stets ein Herzensanliegen, dass unser Kloster nicht als etwas Museales wahrgenommen wird, sondern als ein lebendiger Organismus, der sich weiterentwickelt – durch seine einzelnen Mitglieder. Jeder soll das beitragen können, was er zum Wohl des Ganzen beitragen kann.

Ihre Abschiedskompositionen kreisen um das Thema des Übergangs. Welche geistliche Bedeutung hat der Übergang für Sie persönlich? Ist er eher Abschied, Verwandlung oder Hoffnung?

Flury: Auch hier: dieses Dreigestirn gehört zusammen. Das Thema passt gut in unser Jubiläumsjahr des Neuaufschwungs unserer Gemeinschaft vor 500 Jahren, der sich einem von St. Gallen herkommenden neuen Abt, Ludwig Blarer, verdankt. Es passt aber auch zu meiner persönlichen Situation: 2025 konnte ich mein 70. Altersjahr vollenden. Damit hatte ich in Rom am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik, wo ich – als Pendler zwischen der Schweiz und dem Vatikan – 23 Jahre lang Orgelimprovisation und Literaturspiel unterrichtete, die Pensionsgrenze erreicht. Ich schlug Abt Urban vor, mich gleichzeitig vom Amt des verantwortlichen Hauptorganisten zu entbinden. Das Konzert vom 25. August wird beide Ereignisse, das erwähnte grosse, und das unverhältnismässig kleinere ins Licht heben.

«Die sogenannten drei heiligen Tage, also Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag sind Mitte und Höhepunkt des Kirchenjahres und des Lebens der Glaubenden.»

Am 25. August werden wir die Uraufführung der überarbeiteten Fassung der «Einsiedler Osternacht» erleben. Warum war es Ihnen wichtig, gerade dieses Werk an den Schluss Ihrer Amtszeit zu stellen?

Flury: Der eigentliche Transitus, der Übergang im christlichen Glauben, ist tatsächlich Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, welche seit der Taufe auch uns sakramental prägen. Die sogenannten drei heiligen Tage, also Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag sind Mitte und Höhepunkt des Kirchenjahres und des Lebens der Glaubenden.

Mauritiusorgel in der Klosterkirche Einsiedeln
Mauritiusorgel in der Klosterkirche Einsiedeln

Sie vertonen Texte von Schwester Hedwig Silja Walter und eigene Texte. Was geschieht für Sie, wenn ein theologischer Text zur Musik wird? Kann Musik etwas ausdrücken, was Worte allein nicht vermögen?

Flury: Das Wort allein kann zum dürren Begriff verkommen, die Musik zu einer mehrdeutigen Wolke unfasslichen Gefühls. In Kombination aber erhält die Musik etwas, das sie sich nicht wirklich selbst geben kann, während das Wort durch die Musik einen Klangleib erhält, der es gewissermassen zum Leuchten bringt. Es handelt sich um einen Prozess gegenseitiger Deutung, wobei noch überdies drei weitere «Deutende» dazukommen: der Komponist, der Interpret und, nicht zu vergessen, die Hörenden: Das Ereignis Musik stiftet ein Geflecht von Bezügen, von Kommunikation, von Leben.

«Ich glaube, dass der Gregorianische Gesang auch heute noch eine Matrix für zeitgenössisches Musikschaffen sein kann.»

Ein weiterer Programmpunkt ist der Hymnus des heiligen Johannes des Täufers der aus der Feder des Benediktinermönchs Guido von Arezzo (11. Jh.) stammt – jenem Musiktheoretiker, der das moderne Notensystem und die Solmisation (Singen mit do-re-mi …) begründete. Welche Verbindung sehen Sie zwischen der jahrtausendealten Tradition des gregorianischen Gesangs und einer zeitgenössischen geistlichen Tonsprache?

Flury: Ich glaube, dass der gregorianische Gesang auch heute noch eine Matrix für zeitgenössisches Musikschaffen sein kann. Er ist ohnehin eine der wichtigsten Wurzeln für das europäische Musikschaffen. Das Wundersame ist die Tatsache, dass er sich in den verschiedenen Etappen der musikalischen Entwicklung durch die Jahrhunderte hindurch bis heute immer wieder unermüdlich neu inkarniert hat.

Das Kloster Einsiedeln ist der grösste Wallfahrtsort der Schweiz.
Das Kloster Einsiedeln ist der grösste Wallfahrtsort der Schweiz.

Das gilt für seine Interpretation, aber auch für sein Erscheinen sogar im ausserliturgischen Musikschaffen. Das Problem ist allerdings, dass der gregorianische Gesang in unseren Gottesdiensten nicht mehr eine gängige Praxis darstellt. Einige Klöster und kleinere oder auch grössere Gruppierungen tragen dieses Erbe aber weiter. Einige sehr einfache Gesänge sind allerdings immer noch recht verbreitet bekannt und haben Eingang in die für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmten Gesangbücher gefunden.

«Rom als prägende Erfahrung hat mir den Königsweg gezeigt, wie Humanismus, Glaube und Lebensfreude miteinander verbunden werden können – und dies in einer ungeahnten Grosszügigkeit.»

Sie sind Benediktiner. Die Regel des heiligen Benedikt fordert, dass dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden soll. Wie hat diese benediktinische Spiritualität Ihr Komponieren und Ihr Musizieren geprägt?

Flury: Durch Osmose! Ich bewege mich zusammen mit meinen Mitbrüdern täglich in dieser Welt; das liegt auf der Hand. Mindestens ebenso wichtig waren für mich aber die Studienjahre in Rom. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis mit meinem Kompositionslehrer Domenico Bartolucci, dem damaligen Dirigenten des Päpstlichen Sängerchores der Cappella Sistina. Er hat mir die Schätze nicht nur der altklassischen Vokalpolyphonie erschlossen, sondern auch die Welt der Oratorien und der Oper. Rom als prägende Erfahrung hat mir den Königsweg gezeigt, wie Humanismus, Glaube und Lebensfreude miteinander verbunden werden können – und dies in einer ungeahnten Grosszügigkeit.

«Die Musik ist sanfter, offener – sie kann tatsächlich zu einem Fenster werden – ganz im Sinn des Bildes von Kardinal Aveline.»

In einer Zeit, in der sich viele Menschen von der Kirche abgewendet haben, berührt die geistliche Musik nach wie vor. Worin liegt Ihrer Ansicht nach die besondere Kraft der geistlichen Musik? Kann sie Menschen dort erreichen, wo Worte oder Predigten nicht mehr ankommen?

Flury. In Frankreich gibt es zurzeit eine unerwartete Häufung von Taufen junger Erwachsener. Der Kardinal von Marseille, Jean-Marc Aveline, hat kürzlich in einer Ansprache darauf hingewiesen, dass die Wege zum Hauptportal der Kirche, welche von den Glaubenden und ihren Hirten unter beträchtlichem Aufwand und Einsatz gebaut wurden, von diesen Menschen gar nicht benutzt worden sind. Sie seien gewissermassen sehr unerwartet durch die Fenster eingestiegen. Predigten, Worte und Begriffe vereinnahmen oder trennen leider sehr oft. Damit rufen sie gelegentlich eine verständliche spontane Abwehr hervor. Die Musik ist sanfter, offener – sie kann tatsächlich zu einem Fenster werden – ganz im Sinn des Bildes von Kardinal Aveline.

Mit dem Ende Ihres Dienstes beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Haben Sie bereits Pläne für die unmittelbare Zukunft – wenn ja, möchten Sie diese verraten?

Flury: Sehr gern! Eigentlich hatte ich mich seit gut zwei Jahren auf die anstehenden Wechsel vorbereitet und dachte an nichts anderes, als nach meinem Pendlerleben zwischen Rom und Einsiedeln hier im Kloster sesshaft zu werden. Abt Urban hatte mich dann einmal zu sich bestellt und mir gesagt, der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, habe darum gebeten, dass ich jährlich für mehrere einzelne Wochen nach S. Anselmo, dem Sitz des Primas in Rom, kommen könnte, um im Bereich der Kirchenmusik und der Lehre am Päpstlichen Liturgischen Institut der dortigen Benediktinerhochschule zu wirken. Damit schliesst sich ein Kreis – hatte ich doch in S. Anselmo meine glückliche und reiche Studienzeit verbringen dürfen. So fiel mir die Pensionierung am Pontificio Istituto di Musica sacra nicht allzuschwer: Ich konnte Rom arrivederci sagen – das Addio wurde mir erspart!

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*Am 25. August findet zum Abschied von Stiftsorganist Pater Theo Flury ein Konzert im Rahmen des Jubiläums «500 Jahre Wiederaufblühen» in der Klosterkirche Einsiedeln statt. Die drei Kompositionen von Flury stehen im Zeichen des Übergangs: Drei Motetten mit Texten der Benediktinerin Hedwig Silja Walter und Flury sind eingebettet in eine überarbeitete und gekürzte Fassung der Komposition «Einsiedler Osternacht», die bislang noch nie aufgeführt wurde. Ebenso wird eine Vertonung des dem heiligen Johannes dem Täufer gewidmeten Hymnus von Guido von Arezzo (um 992) zu hören sein. Das Konzert endet mit «Preisung – Konzertstück in zwei Sätzen» für drei Orgeln, Chor und Bläser.


Pater Theo Flury | © zVg
22. August 2026 | 17:00
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