Holger Sievert
Schweiz

Holger Sievert: «Die Kirche hinkt der digitalen Entwicklung um Jahre hinterher»

Die Kirche nutzt zwar digitale Möglichkeiten, bleibt aber strategisch hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurück. «Wer die digitale Präsenz vernachlässigt, schliesst gezielt Menschen aus», sagt Kommunikationswissenschaftler Holger Sievert. Und erklärt, weshalb Digitalisierung kein Zusatzprojekt ist.

Jacqueline Straub

Sie forschen zu Kirche und Digitalisierung. Wo steht die Kirche derzeit?

Holger Sievert*: Die Kirche läuft digital mit, hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung aber um Jahre hinterher. Unsere aktuellen Studiendaten aus dem Jahr 2026 zeigen ein paradoxes Bild: Nur etwa ein Drittel der kirchlichen Einrichtungen misst Sozialen Medien eine sehr grosse Bedeutung in der externen Kommunikation zu. Das entspricht in etwa dem Entwicklungsstand, den die Unternehmen in der Gesamtheit vor zehn bis 15 Jahren hatten. Gleichzeitig erleben wir beim Thema Künstliche Intelligenz eine «gelebte Grauzone».

«Digitalisierung ist kein zusätzliches Projekt.»

Was bedeutet das?

Sievert: Zwar nutzen bereits 54 Prozent der kirchlichen Mitglieder und Mitarbeitenden generative KI-Anwendungen wie ChatGPT für ihre Arbeit, aber meist völlig punktuell, im Verborgenen und ohne strategische Verankerung oder ethische Leitlinien. Die Kirchenmitglieder selbst sind in ihrem Alltag oft wesentlich digitaler als die Institutionen, die sie betreuen.

Viele Gemeinden sehen Digitalisierung als Zusatzaufgabe. Warum ist das aus Ihrer Sicht ein Denkfehler?

Sievert: Weil Digitalisierung kein zusätzliches Projekt ist, das man am Freitagabend auch noch erledigen muss, sondern die Basisinfrastruktur unserer heutigen Kultur. Wenn Gemeinden Digitalisierung vor allem als «Extra-Arbeit» begreifen, ist das menschlich zwar verständlich. Aber letztlich missversteht die lokale Pastoral hier die Realität ihrer Mitglieder. Die Menschen leben nicht in zwei getrennten Welten, sondern in einer fluiden Wirklichkeit. Die Zukunft der Kirche wird hybrid sein. Digitale Tools zu nutzen bedeutet nicht, das Analoge abzuschaffen, sondern Barrieren abzubauen. Wer die digitale Präsenz vernachlässigt, schliesst gezielt Menschen aus – etwa junge Familien, beruflich stark Eingespannte oder ältere, weniger mobile Personen, die sich laut unserer Erhebungen zu über 55 Prozent digitale Teilhabe an ihrer Gemeinde etwa bei Online-Gottesdiensten wünschen.

Kirche und Digitalisierung 2026
Kirche und Digitalisierung 2026

Die Kirche hinkt 10 bis 15 Jahre der Social-Media-Entwicklung hinterher. Kann sie dies überhaupt noch aufholen? Wenn ja, wie?

Sievert: Kirche muss ja nicht das gesamte Jahrzehnt im Zeitraffer nachholen, sondern vor allem Anschluss an die aktuelle Situation bekommen. Heute sind andere digitale Formate und zum Teil auch Kanäle wichtiger als vor zehn Jahren. Mittelfristig wird es zudem die sozialen Netzwerke in ihrer heutigen Form ohnehin nicht mehr geben – aber es werden sich darauf aufbauende, neue Formen entwickeln. Deshalb ist es gut, dort jetzt bei allen auch damit verbundenen Problemen zu lernen und präsent zu sein. Was die Kirche aber vor allem aufholen kann und muss, sind Haltung und Strategie: Wir müssen weg von der Kommunikation, die rein auf Bauchgefühl basiert. Wir müssen stattdessen etwa datenbasiert analysieren, wo wir welche Menschen mit welchen Themen tatsächlich erreichen.

«Wer Ressourcen hat, sollte zudem auf Kurzvideo-Formate setzen.»

Wie können Menschen durch Social Media wieder näher zur Kirche gebracht werden?

Sievert: Zum einen tatsächlich auch durch digitale Einweg-Verkündigung, um überhaupt auf sich und seine Angebote aufmerksam zu machen. Dann natürlich durch schlichte Auffindbarkeit: Wo ist die nächste Kirchengemeinde und wann ist dort ein Gottesdienst? Vor allem aber, indem wir auch im Netz Räume für echte Beziehungen und Relevanz schaffen – letzteres allerdings kann, muss aber nicht notwendigerweise lokal erfolgen. Es geht im Endeffekt um ein Zusammenspiel lokaler und zentraler Angebote – gerade in einer Kirche, die sich de facto zunehmend aus der Fläche zurückzieht.

Welche Plattformen sollten Gemeinden im Jahr 2026 priorisieren?

Sievert: Wenn es um Social Media geht, erweist sich Instagram als der Kanal der Wahl. Er ist in allen Altersgruppen bis hin zu den älteren insgesamt das führende Medium, und ich würde ihn deshalb trotz aller ebenfalls damit verbundenen kritischen Aspekte aktuell priorisieren. Für die schnelle, direkte Kommunikation in der Gemeinde und für Seniorinnen und Senioren – die laut Studien massiv an Digitalaffinität gewonnen haben – sind Messenger-Dienste wie WhatsApp (insbesondere über Channels) immer mehr ein Thema. Wer Ressourcen hat, sollte zudem auf Kurzvideo-Formate (TikTok / YouTube Shorts) setzen, um jüngere Milieus zu erreichen.

Verantwortung tragen auch die Betreiber der Social-Media-Plattformen.
Verantwortung tragen auch die Betreiber der Social-Media-Plattformen.

Und welche Social Media Plattformen können guten Gewissens vernachlässigt werden?

Sievert: Vernachlässigen kann man vermutlich guten Gewissens immer mehr Facebook. Nur in den ganz hohen Altersgruppen ist dieser Kanal noch führend. Als Zweitausspielung für Instagram-Content finde ich es völlig okay, aber es sollte nicht zu viele Ressourcen für zu wenig Interaktion binden. Auch X (ehemals Twitter) können Pfarreien im Jahr 2026 ignorieren, da sie für die lokale Community-Bildung kaum einen Mehrwert bieten sowie in vielerlei Hinsicht derzeit besonders problematisch sind.

100 Tage Checkliste
100 Tage Checkliste

Wenn Sie heute Kommunikationsverantwortlicher eines Schweizer Bistums wären: Welche drei Massnahmen würden Sie innerhalb der ersten 100 Tage umsetzen?

Sievert: Für die Schweiz kann ich das letztlich als Deutscher nicht wirklich beurteilen. Besonders wichtig fände ich aber ganz grundsätzlich für kirchliche Leitungsgremien eine evidenzbasierte Bestandsaufnahme statt eines «Management by Bauchgefühl». In unserer Befragung sagen die meisten Kirchenmitarbeitenden, dass nicht etwa Theologie oder Strategie kirchliche Digitalarbeit prägen, sondern etwa zufällig vorhandene Mittel sowie persönliche Vorlieben führender Geistlicher. Das ist nicht falsch, aber letztlich zu wenig.

«Digitalisierung ist kein ‹nice to have›.»

Und was würden Sie noch anregen?

Sievert: Eine echte KI- und Digital-Taskforce gründen, falls das noch nicht geschehen ist. Da über die Hälfte der Mitarbeitenden KI ohnehin im Graubereich nutzt, sollte man zeitnah klare Leitlinien und ein flächendeckendes Schulungsprogramm aufsetzen und vor allem in der Breite kommunizieren. Ziel könnte etwa sein, die Effizienz in der Verwaltung (zum Beispiel Protokolle, Entwürfe) zu steigern, damit Seelsorgende wieder mehr Zeit für die Menschen haben. Digitalisierung ist deshalb kein «nice to have», sondern ein zentrales Zukunftsthema für die Kirche.

Und als dritten Punkt?

Sievert: Ich fände es gut, zumindest in mittelgrossen Strukturen in digitale Beziehungsarbeit (»Hybride Pfarrei») zu investieren: Wie wäre es mit einem Förderprogramm für lokale, digitale Pilotprojekte und christliche Content Creator im Bistum? Manche deutsche Bistümer und Landeskirchen haben damit gute Erfahrungen gemacht. Das Bistum muss sich als Vernetzer verstehen, der Pfarreien dabei unterstützt, Social Media nicht als PR-Instrument, sondern als echten pastoralen Raum zu begreifen.

*Holger Sievert ist Professor für Kommunikationsmanagement und leitet als Studiendekan akademisch den Campus Köln der Hochschule Macromedia.

Schulungen zu digitaler Kommunikation und digitalem Marketing

Das Katholische Medienzentrum bietet im Rahmen der digitalen Kommunikation und des digitalen Marketings verschiedene Kursinhalte an, die von kirchlichen Institutionen und Gemeinden gebucht werden können. Die Kurse werden von Expertinnen und Experten in diesen Gebieten geführt.

Buchbare Kurse sind etwa Suchmaschinenmarketing, Social-Media, Kommunikation, Medientraining, Bildrechte und Datenschutz. Zudem bietet das Katholische Medienzentrum eine Analyse der Website und Social-Media-Kanäle an, coacht bei der Erstellung eines Podcasts und moderiert Anlässe. Hier gibt es mehr Informationen.

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Holger Sievert | © zvg
18. August 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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