Dogmatikerin Spies: «Es gibt keine fixierte katholische Identität»
Die Salzburger Dogmatikerin Franca Spies hat erklärt, es gebe «keine fixierte katholische Identität». Bei den Salzburger Hochschulwochen bezeichnete die Professorin für Dogmatik am Dienstag das Katholische als Ergebnis fortwährender Aushandlung, die nur jenseits von «Zuschreibung und Aneignung» im Dialog entstehen könne.
Von Alexander Folz
«Es gibt keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht», sagte Spies nach Angaben der Nachrichtenagentur Kathpress. Letztlich sei diese Identität Aushandlungssache, auch wenn es Eckpfeiler gebe, an denen sich die Aushandlung orientieren müsse.
Als solche Eckpfeiler nannte die Theologin die Anerkennung eines universalen Heilswillens Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele. Hinzu kämen das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit, die Anerkennung der «Geschichtlichkeit der Offenbarung» sowie der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl.
Die Sommeruniversität steht noch bis 9. August unter dem Generalthema «Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone». Spies hatte Ende 2025 mit 35 Jahren die Professur für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg übernommen.
Entsprechende Weichenstellungen habe das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) mit seiner Öffnung hin zum Judentum und den anderen Religionen vorgenommen, führte die Dogmatikerin aus.
In bewusster Diskontinuität zu antijüdischen Motiven der Dogmen- und Kirchengeschichte habe es den Eigenwert des Judentums unterstrichen. Konzilsdokumente wie Nostra aetate und Dignitatis humanae sollten daher nicht als «Betriebsunfälle» der Kirchengeschichte betrachtet werden, sondern als «konsequente theologische Grundsatzentscheidungen».
Aktualität erhalte die Identitätsdebatte durch die jüngste Eskalation zwischen dem Vatikan und der traditionalistischen Piusbruderschaft, sagte Spies. Deren unerlaubte Bischofsweihen Anfang Juli hätten zu einem erneuten Schisma geführt und zugleich sichtbar gemacht, dass katholische Identität stets eine Frage des Ringens und Aushandelns sei. Gerade die Piusbruderschaft hätte dabei den Unterschied zwischen einer von ihnen forcierten «Besitzstandsrhetorik» und dem vom Konzil präferierten «dialogischen Modell» markiert.
Im Interview mit der österreichischen Zeitung «Die Furche” hatte sich Spies Ende Juli noch deutlicher geäußert: «In diesem Fall dürfen alle, die wie ich hinter der Theologie des Zweiten Vatikanums stehen, froh um diese Exkommunikation sein. Noch vor hundert Jahren wären die Piusbrüder aber voll im Rahmen katholischer Identitäten gewesen.»
In demselben Gespräch warnte die Theologin vor einem grassierenden «Wagenburgkatholizismus», der Katholizität vor allem durch die Abgrenzung von anderen verstehe. Katholische Identität stehe und falle nicht mit der Haltung zu Zölibat, Frauenweihe oder Sexualität. «Mir scheint, es ist mehr in Bewegung, als der fokussierte Blick auf lehramtliche Entscheidungen zu sehen erlaubt», sagte sie laut Domradio.
Theologisch begründete Spies die Wandelbarkeit des Katholischen mit der Offenbarung selbst: «Der Katholizismus glaubt zwar an die endgültig ergangene Offenbarung Gottes, aber auch daran, dass diese im Lauf der Geschichte immer tiefer erfasst und je neu ins Wort gebracht wird. Wir dürfen also damit rechnen, dass Überzeugungen der Kirche irgendwann besser oder gar anders verstanden werden.»
Das Zweite Vatikanische Konzil, auf das sich Spies beruft, hat die Offenbarung ausdrücklich für abgeschlossen erklärt. In der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum heißt es: «Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit.»
Einen Fortschritt kennt Dei Verbum durchaus, bestimmt ihn aber eng. So wachse «das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen».
Das Dokument verweist auch in der zugehörigen Fußnote auf das Erste Vatikanische Konzil und dessen Konstitution Dei Filius. Dort heißt es: «Denn die von Gott geoffenbarte Glaubenslehre ist nicht als philosophische Erfindung zu verstehen, die durch menschlichen Verstand vervollkommnet werden soll, sondern als göttliches Gut, das der Braut Christi anvertraut wurde, um treu bewahrt und unfehlbar verkündet zu werden. Daher ist das Verständnis der heiligen Dogmen, das die Heilige Mutter Kirche einst verkündet hat, für immer zu bewahren und niemals von diesem Verständnis abzuweichen, das dem Anschein und Namen nach höher steht als die Intelligenz. Mögen daher die Intelligenz, das Wissen und die Weisheit des Einzelnen und aller, des Einzelnen und der ganzen Kirche, der Zeitalter und Jahrhunderte wachsen und sich gewaltig entwickeln; aber nur in ihrer eigenen Art, nämlich im selben Dogma, im selben Verständnis und in derselben Überzeugung.»



