Wie die «Todsündenfresser» nach Luzern kamen
Das Provinzarchiv des Kapuzinerordens der Schweiz im Kloster Wesemlin in Luzern versammelt eine ausserordentliche Vielfalt von Dokumenten und Zeugnissen aus dem reichen Leben des Ordens. Das Kloster beherbergt zudem eine wertvolle Bibliothek und eine grosse Sammlung an Kulturgütern aus nah und fern.
Dominik Landwehr
Das Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner liegt an bester Lage, nur zehn Busminuten vom Bahnhof Luzern entfernt im malerischen Kloster Wesemlin. Man ist geneigt, von einem Glücksfall zu reden: Es ist das grösste derartige Archiv des Kapuzinerordens ausserhalb von Rom und dokumentiert das Leben der Kapuziner in der Schweiz seit dem 16. Jahrhundert. Die Bandbreite der Unterlagen reicht von offiziellen Akten bis zu umfangreichen persönlichen Zeugnissen von Kapuzinern aus verschiedenen Jahrhunderten. Eine wichtige Rolle spielen Dokumente, Fotos und Zeugnisse aus den Missionen der Kapuziner.
Ein Glücksfall – wäre da nicht ein grosser Schatten: Zählte der Orden 1965/66 noch 826 Mitglieder, so sind es heute noch etwas mehr als 60 Schweizer Kapuziner und viele Klöster und Niederlassungen mussten aufgelöst werden. Der Kapuzinerorden war von dieser Schrumpfung wesentlich stärker betroffen als etwa die Benediktiner.
Billiges Souvenir oder Reliquie von Wert?
Der Historiker Heinz Nauer betreut die umfangreiche Sammlung von Objekten im Keller. Gleich beim Eingang begrüsst uns ein ausgestopfter Jaguar, er stammt aus einer der zahlreichen Missionsstationen des Ordens. In den Regalen finden sich hunderte von Objekten, nummeriert und inventarisiert.
«Über viele dieser Objekte wissen wir nur wenig», sagt uns Heinz Nauer. Nicht alles soll hierbleiben: Ist zum Beispiel eine Tabakpfeife ein wichtiges Objekt? Oder ein billiges Souvenir oder Amulett vom Flughafen? Und wie gelangten die Kunstgegenstände in Besitz der Kapuziner? Solche Fragen will man in den nächsten Jahren zusammen mit den Spezialisten der Provenienzforschung klären.
Das Ideal der Armut
Wir setzen unseren Rundgang in den oberen Etagen des Klosters fort und besuchen die historische Bibliothek: Rücken an Rücken sind hier die alten Bände seit dem 16. Jahrhundert ausgestellt – unter der Decke Porträts von den Luzerner Nuntien und von wichtigen Persönlichkeiten des Kapuzinerordens, in Vitrinen besonders kostbare Bücher und Drucke. Dazu gehört die Mentelin-Bibel von 1466, die erste gedruckte deutschsprachige Bibel oder die Schedelsche Weltchronik von 1493.
Die Kapuziner pflegen das Ideal der Armut und verzichten auf aufwendige Dekorationen, wie man sie etwa von der Stiftsbibliothek St.Gallen kennt – aber gerade deshalb ist diese Bibliothek in ihrer schnörkellosen und klassischen Schlichtheit ein spannender Ort. Neuere Bücher sind in benachbarten Räumen untergebracht und im Klosterflügel daneben auch das eigentliche Archiv mit Dokumenten, die in säurefreien und alterungsbeständigen Archivschachteln lagern.
Lückenlose Bestände
Die Leiterin des Archivs, die Historikerin Colette Halter-Pernet, erklärt wo die Schwerpunkte liegen: Dazu gehören die Akten des Provinzialats der Schweizer Kapuziner, dann die Personendossiers nahezu aller Kapuziner der Provinz, die Unterlagen aufgehobener Klöster und Missionsgebiete, eine umfangreiche Foto- und Bildsammlung, Musikhandschriften, Siegel und Siegelstempel, sowie eine archivbezogene Präsenzbibliothek.
Von besonderem Wert ist, dass diese Bestände nahezu lückenlos erhalten geblieben sind, denn das Schweizer Archiv blieb in seiner ganzen Geschichte von Bränden, Katastrophen und Kriegen verschont, ganz anders als die Archive in den Nachbarländern.
Anspruchesvolle Digitalisierung
Das Archiv wirkt modern – das gilt allerdings vor allem für die konservatorischen Standards und die sachgerechte Aufbewahrung. In Sachen Digitalisierung ist man erst am Anfang, sagt die Archivarin im Gespräch. Für Aussenstehende fehlt die Möglichkeit einer Online-Abfrage wie auch der direkte Zugriff auf digitalisierte Dokumente. Derzeit läuft ein Gesuch bei Memoriav zur Digitalisierung des Filmarchivs. Dieses umfasst zahlreiche Filme aus den Missionen der Schweizer Kapuziner im 20. Jahrhundert, namentlich in Tansania.
Grosse Teile des Schriftguts sind aber aufgrund der Struktur der Ablage leicht zugänglich, das gilt etwa für die Personendossiers, deren Sperrfrist bereits verstrichen ist. Das Leben fast aller Kapuziner, die in der Schweiz gelebt haben, lässt sich anhand dieser Unterlagen rekonstruieren, auch wenn nicht alle Brüder umfangreiche Nachlässe hinterlassen haben.
Wir machen die Probe aufs Exempel mit dem Kapuziner Alexander Lozza (1880-1953) aus Salouf im Kanton Graubünden. In einer Schachtel finden wir zahlreiche Fotografien mit Jagdtrophäen, Ansichtskarten mit seinem Portrait und eine Monografie – Lozza war ein bekannter rätoromanischer Dichter und ein begeisterter Jäger. Das war unter Kapuzinern keineswegs ungewöhnlich, erfahren wir im Archiv.
Hilfreich ist auch die wissenschaftliche Zeitschrift Helvetia Franciscana – die historische Zeitschrift der franziskanischen Orden mit Schwerpunkt Schweiz und angrenzende Regionen. Hier stossen wir auf einen umfangreichen Artikel des früheren Archivars Christian Schweizer zur Arbeit der Kapuziner im Kanton Graubünden. Der Einfluss der Kapuziner in dieser Region war über Jahrhunderte beträchtlich – nicht zuletzt durch ihre dichte Präsenz in den katholischen Tälern. Zwischen dem 17. und frühen 20. Jahrhundert entstanden nicht weniger als 84 Missionsstationen in beinahe allen katholischen Gebieten Graubündens.
Falsche Väter
Die Kapuziner kamen 1535 in die Schweiz und liessen sich zunächst im Tessin nieder, ab 1581 auch in der Innerschweiz. Ihre Zentrale ist das Kloster Wesemlin in Luzern, dort ist auch der Sitz des Provinzials. Die Kapuziner spielten eine wichtige Rolle in der Gegenreformation. Die Archivarin Colette Halter-Pernet zeigt uns eine kleine Kostbarkeit: Einen sogenannten Konvertitenkatalog vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Es ist eine Liste mit den Namen jener, die vom «falschen Glauben» zum Katholizismus bekehrt wurden – sogar die Namen der «häretischen Religionsväter» sind verzeichnet: Luther, Calvin und Zwingli.
Diese Konvertitenkataloge sind eine wichtige Quelle für die Forschung und wurden 1992 sogar in einer Quellenedition neu herausgegeben. Diese Quellen ermöglichen Einblicke in die Beziehungen zwischen den Konfessionen, in die soziale Herkunft der Konvertiten, in die Migrationsbewegungen und in die Motive für die Konversion.
Beliebte «Todsündenfresser»
Bis vor wenigen Jahrzehnten spielten die Kapuziner eine wichtige Rolle im religiösen Leben der Schweiz – zwischen 1535 und 1970 bestanden in der Schweiz 192 Niederlassungen: Klöster, Hospize, Pfarreien. Die Ordensmänner waren als Aushilfen in Pfarreien tätig, in der Spezialseelsorge bei den Bauern, Arbeitern aber auch bei Randständigen.
In der Innerschweiz hatten sie den Übernamen «Todsündenfresser», weil man schwere Sünden nicht beim Ortspfarrer beichten wollte. Ein schönes Zeugnis aus jener Zeit ist der Mittagstisch, den das Kloster Wesemlin heute noch jeden Tag für Randständige und Obdachlose anbietet. Die Kapuziner warteten nicht, bis die Leute zu ihnen kamen, sie besuchten sie zuhause. Dabei war von den Seelsorgern nicht selten auch eine gewisse Trinkfestigkeit gefragt, erfahren wir bei unserem Besuch.
Auseinandersetzung mit Kolonialismus
Im 20. Jahrhundert spielten die Missionen in Tansania, auf den Seychellen und in 18 weiteren aussereuropäischen Missionsgebieten eine wichtige Rolle. Die Arbeit in der Mission war für junge Männer aus einfachen und ärmeren Verhältnissen eine attraktive Möglichkeit, ausserhalb der Schweiz tätig zu sein. Das Kapuzinerarchiv bewahrt viele Zeugnisse aus jener Zeit auf. Fotografien, Filme, Briefe, Berichte und Publikationen. Diese Zeugnisse sind gerade in einer Zeit der neuen Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit der Schweiz von grosser Bedeutung und weitgehend unerforscht.
Hier liegen auch Zeitschriften, die sich an Jugendliche und Kinder richten. Die Archivarin zeigt uns ein kleines Heft mit dem Titel «Jung Afrika». Beispiel einer Überschrift: «Was wir dem Negerlein wünschen». Der Ton solcher Broschüren war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts durchaus üblich, wenn auch das Vokabular heute befremdet.
Blick in die Zukunft
Das alles ist Geschichte: Die Kapuziner spielen heute keine grosse Rolle mehr im religiösen Leben der Schweiz. Umso wichtiger ist die Sicherung, Erhaltung und Erforschung der Zeugnisse der Vergangenheit, sagt die Archivarin Colette Halter-Pernet.
Doch wie sehen die Ordensleute selbst ihre Zukunft? – Wir fragen den Vikar des Klosters Wesemlin, Bruder Adrian Müller. Er ist 1965 geboren und gehört zu den jüngeren Brüdern des Klosters. «Wir sollten nicht traurig sein, vielleicht haben wir einfach unsere Aufgabe erfüllt. Viele unserer Aufgaben – wie Schulen und Krankenpflege – hat heute der Staat übernommen. Es gibt zwar neue Ideen für die Zukunft, aber die Zahlen von damals werden wir nie mehr erreichen. Gerade weil die Gemeinschaft kleiner wird, gewinnt ihr Archiv an Bedeutung».
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