Arnd Bünker: «Arbeit der Synodalitätskommission ist spannende Laborsituation»
Arnd Bünker liefert mit dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) nicht nur wichtige Daten über die Kirchensituation. Er wirkt auch beim synodalen Prozess in der Schweiz moderierend mit. Im Gespräch zeigt er auf, was die Synodalitätskommission bisher geleistet hat.
Regula Pfeifer
Die Synodalitätskommission ist auf kath.ch kritisiert worden, sie habe erst wenige Ergebnisse vorzuweisen. Was sagen Sie dazu?
Arnd Bünker: Die Rückfrage ist: Welche Art von Ergebnissen wird denn erwartet?
Das ist schwierig zu sagen, weil der synodale Prozess offen ist…
Bünker: Der synodale Prozess ist zwar offen, aber nicht beliebig, er soll natürlich zu Ergebnissen führen. Wie das geschehen soll, hat die Synodalitätskommission im letzten Jahr erarbeitet. Und das ist eine grosse Leistung, wenn man bedenkt, dass über 30 Leute mit ganz unterschiedlichen Hintergründen in wenigen Tagen gemeinsam definiert haben, was in diesem Megaprojekt Synodalität eigentlich der Auftrag und die Arbeitsweise der Synodalitätskommission ist. Das war schwierig.
«Es gab Spannungen, weil die Erwartungen an die Synodalität sehr unterschiedlich waren.»
Weshalb war es schwierig?
Bünker: Es gab Spannungen, weil die Erwartungen an die Synodalität sehr unterschiedlich waren. Das war von Anfang an klar, weshalb die Synodalitätskommission ja eine «Synodale Erprobungsphase» durchführt, um einen für die Schweiz gut gangbaren Weg zu erarbeiten. Unklar war zu Beginn, ob es um Strukturen oder Inhalte geht, um Einzelfragen – zum Beispiel die Frauenfrage – oder um übergreifende Themen der Neuausrichtung der Kirche in einer veränderten Zeit. Und dann war da noch der Zeitpunkt…
Inwiefern spielte der Zeitpunkt eine Rolle?
Bünker: Die Gründung der Synodalitätskommission fiel in die Zeit, als die Folgen der Publikation des Missbrauchsberichts – viele Kirchenaustritte – offensichtlich wurden. Das führte vor allem auf staatskirchenrechtlicher Seite verständlicherweise zu Irritation und Stress. Ihre Vertreter wollten Gegensteuer geben und zeigen: Unsere Kirche findet einen Weg aus der Krise und Antworten auf die Fragen, die sich aus den Erkenntnissen über Missbrauchsfälle ergeben.
Leidet die pastorale Seite der Kirche ebenfalls unter Stress?
Bünker: Ja, denn sie erlebt seit Jahren den faktischen Zusammenbruch der pastoralen Struktur unserer Kirche. Der Personalmangel ist massiv, in den Pfarreien entstehen personelle Lücken. Es gibt einen riesigen strukturellen Anpassungsbedarf. Dazu kommt der Vertrauensverlust in Folge der Aufdeckung von Missbrauch. Die beiden Seiten der Kirche unterscheiden sich aber darin, wie schnell sie Lösungen erwarten.
«Pastoral Tätige verstehen, dass solche Prozesse vielschichtig sind und lange dauern.»
Wer braucht in der Kirche mehr Zeit?
Bünker: Die pastorale Seite der Kirche hat eher die Eigenschaft, sich Zeit zu lassen. Pastoral Tätige sind sich der 2000-jährigen Kirchengeschichte bewusst, sie verstehen, dass solche Prozesse vielschichtig sind und lange dauern.
Und die staatskirchenrechtliche Seite?
Bünker: Die Leute, die sich in staatskirchenrechtlichen Gremien engagieren, sind sich eine andere Entscheidungskultur und andere Zeithorizonte gewohnt. Viele finanzielle Fragen müssen sofort geklärt werden. Entsprechend haben diese Leute andere Output-Erwartungen im synodalen Prozess. Die unterschiedlichen Erwartungshaltungen führten zu Spannungen in der Synodalitätskommission. Anfänglich wurde es verpasst, grundsätzlich zu überlegen: Was meint Synodalität und wo kann sie wirksam werden?
Haben Sie diese Frage inzwischen geklärt?
Bünker: Die Kommission hat schon viel erreicht. Aber in einer Erprobungsphase gilt es immer wieder, neue Fragen zu klären. Wir haben im letzten Februar eine gemeinsame Auslegeordnung gemacht. Und die Themen und einen Fahrplan festgelegt, die es zu bearbeiten gilt. Das hat bereits den Ablauf der Mai-Sitzung enorm unterstützt, so dass wir derzeit im Plan sind.
Was klärten Sie?
Bünker: Etwa die Methode des synodalen Gesprächs – auch Gespräch im Geist genannt. Dieses ist stark zuhörorientiert, braucht viel Zeit und ist auf Konsens angelegt. Es ist wichtig für den Aufbau einer vertieften Beziehung derer, die in der Kirche miteinander im Gespräch sind, es hilft darin auch einen spirituellen Faden zu weben. So lassen sich gemeinsame Grundorientierungen finden. Aber es reicht nicht, um operative Entscheidungen in Details zu fällen.
«Für konkrete Budget-Posten braucht es kein Gespräch im Geist.»
An welche Fragen denken Sie?
Bünker: Beim Budget kann man sich synodal zwar über die grundsätzliche Ausrichtung austauschen. Aber für konkrete Budget-Posten braucht es kein Gespräch im Geist.
Das entscheidet sich wohl per Abstimmung, wie in den Kirchenparlamenten…
Bünker: Genau. Wobei es auch beim synodalen Prozess zu Abstimmungen kommt. Sobald die synodale Gesprächsrunde zu einem Konsens gekommen ist, braucht es einen formalen Entscheidungsakt. Die Weltsynode in Rom hat das Schlusspapier Kapitel für Kapitel gemeinsam gelesen und darüber abgestimmt. Danach hat Papst Franziskus entschieden, das Ergebnis der Synode, ohne Änderungen, als Teil des ordentlichen päpstlichen Lehramts aufzunehmen.
Das war die grosse Überraschung.
Bünker: Genau, und es zeigt: Diese formalen Akte der Entscheidung und der Legitimierung sind bei synodalen Gesprächen auch wichtig.
Im letzten Dezember hat die Synodalitätskommission gemeinsam mit der SBK und der RKZ über die gemeinsame Vorgehensweise entschieden. Worum ging es?
Bünker: Die Kommission hat die Vorgehensweisen zuvor entwickelt und ausprobiert. Das gehört zur laufenden synodalen Erprobungsphase. Dabei kamen unterschiedliche Modelle des Entscheidens, der Beschlussfassung, der Reflexion in den Blick. Unter anderem das synodale Gespräch und die Methode der Soziokratie.
Was ist das?
Bünker: Die Soziokratie ist ein mehrstufiges Verfahren der Beteiligung und Entscheidung zu einer bestimmten Frage, das auf breiter Beteiligung aller angelegt ist. Angestrebt wird hier nicht ein umfassender Konsens, sondern ein pragmatischer Konsens, also ein Einverständnis trotz kleineren Vorbehalten. Die Methode ist gut, wenn man etwas schnell entscheiden muss.
Gab es dazu Versuche?
Bünker: Ja, in der Kommission und am Synodalitätstag gemeinsam mit der SBK und RKZ. Das war ein wichtiger Schritt für die weitere Arbeit. Es zeigte sich aber auch, dass Soziokratie nur für bestimmte Entscheidungssituationen geeignet ist, synodale Prozesse zu unterstützen. Weitere Methoden werden daher erprobt.
«Wir haben das synodale Gespräch um die Dimensionen kultureller und sprachlicher Unterschiede erweitert.»
Was haben Sie zum synodalen Gespräch herausgefunden?
Bünker: Das haben wir um die Dimensionen kultureller und sprachlicher Unterschiede erweitert. Denn wir merkten, dass wir in den Sprachregionen zwar die Wörter eins zu eins übersetzt benutzen, sie aber kulturell mit anderen Bedeutungen füllen. Also brauchen wir zusätzliche Zeit für die Vergewisserung, ob das, was die andere Person gesagt hat, tatsächlich dem entspricht, was ich verstanden habe.
Wo wurde das Problem offensichtlich?
Bünker: Beim Besuch von Kardinal Mario Grech in Bern im März 2024 kam es zutage, als er über den Zusammenhang von Evangelisierung und Synodalität berichtete. Im Deutschschweizer Publikum entstand eine Proteststimmung, weil es unter Evangelisierung und Mission etwas Negatives versteht. Demgegenüber bewerteten Westschweizer und Tessiner das Gleiche positiv. Als wir das im Nachhinein verstanden hatten, wurde der gemeinsame Austausch einfacher. Sprache und Kultur müssen übersetzt werden. Diese Erkenntnis ist für die vielsprachige Schweiz wichtig.
Inwiefern?
Bünker: Weil wir uns in der Kommission auch fragen müssen, wie wir die Beziehung zwischen einheimischen und anderssprachigen Gläubigen in der Schweiz besser gestalten können. Dafür brauchen wir diese erweiterte Methode des synodalen Gesprächs, die Raum für die feinen sprachlichen und kulturellen Unterschiede schafft.
Sie testen also solche Entscheidungsmethoden…
Bünker: Ja, wir probieren aus, was geht, was weniger. Dafür ist die Grösse unserer Kommission gut, denn die gut 30 Mitglieder vertreten die katholische Schweizer Bevölkerung gut. Darin sind die Sprachregionen, die Altersgruppen, die Geschlechterverteilung, die Berufsgruppen und verschiedene Organisationen abgebildet.
«Das ‹Role Model› ist die Weltsynode.»
Gibt es ein Vorbild?
Bünker: Das «Role Model» ist die Weltsynode. Die Weltsynode zeigte, dass das Gespräch im Geist im Grunde hochstrukturiert ist – mit beschränkter Redezeit und Zeiten der Stille. Dies dient dem vertieften Zuhören, um zu verstehen, worum es der redenden Person im Kern geht – emotionale Botschaften inklusive. Wobei es in der Weltsynode durchaus Dynamiken gab, die nicht dem synodalen Gespräch entsprachen. Man denke an die Entrüstung über den anfänglichen Umgang mit der Frauenfrage. Manchmal braucht es eben lauten Protest, um wirklich gehört zu werden.
Gehen Sie in der Synodalitätskommission ebenfalls synodal vor?
Bünker: Das machen wir, aber natürlich nicht immer, weil es viel Zeit kostet. Mittlerweile hat die Kommission gelernt auszutarieren, wann Gespräche im Geist das richtige Instrument zur Entscheidungsfindung sind und wann es andere Instrumente braucht.
«Wir suchen nach Lösungen, das Volk Gottes stärker beteiligen zu können.»
Was beschäftigt die Synodalkommission aktuell?
Bünker: Die Kommission arbeitet an der Aufgabe, auf nationaler Ebene ein drittes Entscheidungsgefäss zu finden – neben der Bischofskonferenz und der RKZ. Wir suchen nach Lösungen, das Volk Gottes stärker an der pastoralen Ausrichtung der Schweizer Kirche und an der Ausrichtung entsprechender Strukturen beteiligen zu können. Das wäre etwas wirklich Neues in der Schweizer Kirche.
Das funktioniert aber nur, wenn es von unten mitgetragen wird. Deshalb müssen wir gute Modelle für die synodale Zusammenarbeit bei Kirchgemeinden, Kantonalkirchen und Bistumsregionen finden. Im Idealfall sollen von unten Themen hochkommen, die auf nationaler Ebene beantwortet werden.
Und international?
Bünker: Auch auf weltkirchlicher Ebene muss sich das synodale Zusammenwirken entwickeln. Wenn ich das richtig sehe, werden die Kontinentalkirchen an Bedeutung gewinnen. Da fragt sich, wie sich die katholische Kirche in der Schweiz hier einbringen kann. Und wie die Wortmeldungen aus den anderen Ländern auf kontinentaler und weltkirchlicher Ebene aufgenommen werden. Was die Synodalitätskommission macht, ist also mit der Weltkirche verbunden. Das ist eine spannende Laborsituation.
Die Synodalitätskommission
Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) haben 2024 mit der Synodalitätskommission (Syko) ein Gremium ins Leben gerufen, das auf schweizerischer Ebene Prozesse im Sinn der weltkirchlichen Synodalität erproben soll. Ziel der synodalen Erprobungsphase ist die Entwicklung geistlicher und struktureller Grundlagen für eine synodalere Kirche. Die Synodalitätskommission besteht aus rund 30 Mitgliedern und ist für fünf Jahre eingesetzt, also bis Ende 2029, wie auf ihrer Webseite zu erfahren ist. Der Sitz der Geschäftsstelle der Syko befindet sich im SPI in St. Gallen, Leiter des SPI ist Arnd Bünker. (rp)
Die Synodalitätskommission sucht einen neuen Geschäftsführer. Näheres dazu unter dem Link.
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