Eine jenische Familie mit einem Planwagen, undatierte Aufnahme aus der Schweiz.
Schweiz

Verfolgung von Jenischen und Sinti – Offener Brief fordert unabhängige Kommission

Im Februar 2025 anerkannte der Bundesrat die Verfolgung von Jenischen und Sinti in der Schweiz als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Nun fordern über 100 Bürger den Bundesrat auf, eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung der Verbrechen einzurichten. Unter ihnen sind auch bekannte Katholiken wie der Theologe Odilo Noti und Abt Urban Federer.

Barbara Ludwig

Gegen 600 bis 2000 Kindswegnahmen, Fremdplatzierungen von Kindern, Eheverbote, in Einzelfällen auch Zwangssterilisationen. Die Verbrechen gegen die Minderheiten der Jenischen und der Sinti, die zwischen 1926 und 1972 in der Schweiz begangen wurden, wiegen schwer. Im Februar 2025 anerkannte sie der Bundesrat offiziell als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit».

Ein vom Bund in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten von Oliver Diggelmann war zum Schluss gekommen, dass die Verfolgung von Jenischen und Sinti ohne die Mithilfe staatlicher Behörden aller Ebenen – Bund, Kantone und Gemeinden – nicht möglich gewesen wäre.

«Eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte aufarbeiten»

Im April zog der Nationalrat nach. Er hiess eine Erklärung gut, wonach «eine Minderheit von Schweizer Bürgerinnen und Bürgern im eigenen Land Opfer einer Verfolgung wurde, die nach Massgabe des heutigen Völkerrechts als ‹Verbrechen gegen die Menschlichkeit› zu qualifizieren ist». Nun fordern über 100 Bürgerinnen und Bürger den Bundesrat auf, eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung einzurichten.

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In einem Offenen Brief an die Regierung und die Mitglieder des Bundesparlaments vom 8. Juni beziehen sie sich dabei auf wiederholte Forderungen der Jenischen und Sinti. In dem Brief fordern sie den Bundesrat auf, «im Interesse des Schweizer Volkes und der Kantone einen würdigen und verantwortungsvollen Entscheid zu fällen, um eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten».

Abt Urban Federer hat unterschrieben

In dem Brief bitten die Bürgerinnen und Bürger den Bundesrat zudem, den Beschluss zur Einrichtung einer solchen Kommission noch in diesem Juni zu fassen – «100 Jahre nach Beginn dieser organisierten Verbrechen». Damit diese ihre Arbeit im kommenden Jahr beginnen könne.

Nicht wenige Christinnen und Christen unterstützen das Anliegen, wie die Liste der Unterzeichnenden zeigt. Dazu gehören unter anderen Odilo Noti, Stiftungsratspräsident der Herbert Haag-Stiftung, der frühere RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch, die Jesuiten Niklaus Brantschen und Christian Rutishauser, der Einsiedler Abt Urban Federer, sein Vorgänger Martin Werlen, die Basler Theologin Luzia Sutter Rehmann und die reformierte Pfarrerin Verena Mühlethaler.

Auch Wissenschaftler fordern Untersuchungskommission

Bereits im Mai richteten elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Offenen Brief an Bundesrat und Parlament, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA meldete. Darin forderten sie ebenfalls eine unabhängige Untersuchungskommission. Bis heute seien die Verbrechen gegen die beiden Minderheiten nicht ausreichend untersucht worden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forderten deshalb eine umfassende Aufarbeitung.

Auch kirchliche Akteure beteiligt

Für die Kindswegnahmen war hauptsächlich das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute verantwortlich. Ein ausgedehntes Netzwerk half bei der Informationsbeschaffung, heisst es im Rechtsgutachten von Oliver Diggelmann. Dabei ging es darum, nach «Beweisen» für eine Kindsgefährdung zu suchen. «Namentlich Erwähnung verdienen die mehr als 2000 Gemeindesekretärinnen und -sekretäre der Pro Juventute, darunter viele Lehrer und Pfarrer, die als wichtige Zuträger fungierten.»

Neben Pro Juventute gab es dem Gutachten zufolge weitere Akteure, die bei Fremdplatzierungen die Initiative ergriffen. Dazu zählten mancherorts Behörden oder private und kirchliche Akteure. Namentlich das «Seraphische Liebeswerk» habe in den katholischen Kantonen Solothurn und Luzern eine zentrale Rolle gespielt. Es war demnach im Adoptionswesen und in der Waisenfürsorge tätig und betreute auch eine unbekannte Zahl von Kindern Jenischer. (bal)


Eine jenische Familie mit einem Planwagen, undatierte Aufnahme aus der Schweiz. | © Keystone
11. Juni 2026 | 15:00
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