Wie die Kirche wieder aufblüht
In Einsiedeln fanden am Wochenende die Impulstage statt. Die zweitägige Veranstaltung lockte rund 160 Ordensleute, Priester, Theologinnen und Theologen sowie kirchlich engagierte Menschen in das Klosterdorf. In Vorträgen und Workshops ging es um die Zukunft der Kirche.
Stefan Betschon
Einmal angenommen jetzt, die Kirche blühte wieder auf: Wie könnten wir das bemerken? Die Redeweise vom Aufblühen meint Frühling, Sonne, Lebenskraft, Entfaltung. Die Blüte ist Höhepunkt einer Entwicklung. Wie können wir wissen, dass das, was sich ereignet, eine Entfaltung ist, dass die Entwicklung aufwärts führt? Wie zeigt sich die Lebenskraft der Kirche?
Was die Statistik sagt
Viele Menschen in der Schweiz würden diese Frage mit Verweis auf die Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik beiseiteschieben. Im Zahlenmaterial der Statistiker scheint die Entwicklung klar fassbar zu sein: «Schweiz ohne Gott» oder «Gott ist out» oder «Gottlose Schweiz», so titelten Schweizer Tageszeitungen, als im Juni vergangenen Jahres das Schweizer Bundesamt für Statistik eine neue Studie zum Thema «Religion und Spiritualität» veröffentlichte.
Das Narrativ von der Säkularisierung
Die Nachricht vom Tod Gottes ist allerdings übertrieben. Jedenfalls gibt es dafür im Zahlenmaterial der Schweizer Statistiker keine Belege. Noch immer sind zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer Mitglieder einer Religionsgemeinschaft; noch immer machen Christinnen und Christen mehr als die Hälfte der hiesigen Bevölkerung aus.
Noch immer sind Atheisten eine kleine Minderheit: Weniger als 20 Prozent der Befragten geben an, nicht an einen Gott zu glauben. Diesem Fünftel der Bevölkerung steht eine gleich grosse Gruppe gegenüber, die angibt, nicht zu wissen, ob es einen Gott gibt. Zwei Fünftel glauben an einen einzigen Gott; ein Fünftel glaubt nicht an Gott, aber an eine «höhere Macht».
Wenn laut den Zahlen der Statistiker nur knapp ein Fünftel der Schweizerinnen und Schweizer ohne Gott glaubt auskommen zu können, warum werden dann in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) diese Zahlen unter dem Titel «Gottlose Schweiz» (24.06.2025) zusammengefasst? Leseschwäche? Dyskalkulie?
Es ist vermutlich so, dass sich das Narrativ von einem unumkehrbaren Prozess der Säkularisierung in den Köpfen vieler Menschen so fest eingebrannt hat, dass sie Entwicklungen im Bereich «Religion und Spiritualität» nur so sehen können: als Linie, die von den Höhen der Y-Achse abstürzt, als Markierungen entlang der X-Achse, die ein «noch immer» oder ein «nicht mehr» kenntlichmachen.
Ein Plädoyer für die Unaufgeregtheit
Gegen diese zweiwertige Logik» des «noch immer» und des «nicht mehr» wandte sich anlässlich der Einsiedler Impulstage Bernhard Eckerstorfer. Der Benediktinerpater und Theologieprofessor ist Abt des österreichischen Stiftes Kremsmünster. In seinem Eröffnungsvortrag warnte er davor, sich von diesen Statistiken zu sehr beeindrucken zu lassen. Für neue Zeiten brauche man neue Massstäbe. Man rede zu viel nur über Negatives. «Die Konzentration auf quantitatives Wachstum führt zu einer Selbstblockierung.»
Rund 160 Teilnehmende waren am Freitag und am Samstag anlässlich der Impulstage nach Einsiedeln gekommen. Diese «Tagung für kirchlich Engagierte und Verantwortliche» unter dem Patronat der Schweizer Bischofskonferenz wurde vom Abt des Klosters Einsiedeln, Urban Federer, zusammen mit Vertretern des Vereins Anima Una aus Zug organisiert.
Es ist bereits das fünfte Mal, dass in Einsiedeln Impulstage stattfinden. Die Zahl der Teilnehmenden hat sich heuer wiederum erhöht. Trotzdem ist noch offen, ob diese junge Tradition der Impulstage weitergeführt werden wird.
Sich in Demut üben
Dort blühe die Kirche auf, wo es um die Mystik gehe, sagte in seinem Eröffnungsreferat Abt Bernhard Eckerstorfer. Dazu gehöre, sich in Demut zu üben, den Vorteil des anderen höher schätzen als den eigenen Vorteil.
Neben die Demut stellte Eckerstorfer die «Dimension des Ertragens». Man müsse andere Menschen und andere Meinungen aushalten können. Weiter lobte der Benediktiner «die Tugend der Unaufgeregtheit». Wir lebten heute in einer Zeit überspannter Aufgeregtheit, in einer Zeit, wo alle sich als Opfer fühlten, wo immer Schuldige gesucht würden. «Ich glaube, Kirche blüht dort auf, wo auch die Unaufgeregtheit da ist.»
«Kirche blüht auf, wo wir uns mit den grossen Gestalten der Vergangenheit in Primär- und Sekundärliteratur beschäftigen»
Wir sollten uns nicht ständig mit anderen Epochen vergleichen, wir sollten aber schon bereit sein, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: «Kirche blüht auf, wo wir uns mit den grossen Gestalten der Vergangenheit in Primär- und Sekundärliteratur beschäftigen». «Wir müssen aus der Quelle schöpfen». «Wir haben Gott nicht, sondern wir suchen ihn.»
Zeitgeist für alle
Wo die NZZ vor einem Jahr noch eine «gottlose Schweiz» beschrieb, sah sie sich vergangene Woche berufen, einen «Boom» des Katholizismus zu vermelden: «Die katholische Kirche boomt.» Schon seit einiger Zeit verzeichne die katholische Kirche einen Boom. Und dies nicht nur in Afrika und Südostasien, sondern auch in den USA und in Europa. In Frankreich beispielsweise gebe es einen Rekord bei den Erwachsenentaufen.
Doch Erfolg habe die katholische Kirche nur dort, wo sie den «Mut» habe, «unzeitgemäss» zu sein, wo sie sich klar gegen die Lockerung des Zölibats, das Frauenpriestertum, die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder die kirchliche Basisdemokratie ausspricht.
Verheiratete Bischöfe und Frauen
Wer auf diese Weise Tradition gegen Zeitgeist ausspielt, ist geschichtsblind. Verheiratete Bischöfe und Frauen, die als Diakoninnen christliche Gemeinden leiteten, hat es in früheren Jahrhunderten auch schon gegeben. Es gab Zeiten – im 15. Jahrhundert –, da waren führende Theologen, einflussreiche Kirchenpolitiker und auch mächtige geistliche Würdeträger mehrheitlich der Meinung, dass die Angelegenheiten der Kirche am besten basisdemokratisch im Rahmen einer internationalen Kirchenversammlung zu verhandeln seien und dass ein solches Konzil über dem Papst stehe.
Wer auf diese Weise Tradition gegen Aktualität ausspielt, hat von Kirchengeschichte keine Ahnung und auch nicht von Theologie. Denn was ist Theologie anders, als der Versuch, ewige Wahrheiten immer wieder neu aktuell zu fassen und immer wieder neu in eine zeitgemässe Sprache zu bringen?
Das Ende ist nah
Eine Linie zwischen X und Y reicht nicht aus, um Religion und Spiritualität zu erfassen. Es zeigt sich bald ein Gewirr von Linien, es gibt Trends und Gegentrends. Im Kloster Einsiedeln leben zurzeit 39 Mönche. Es waren auch schon mehr. Und es waren auch schon weniger.
Im Jahr 2034 wird man in Einsiedeln das 1100-Jahr-Jubiläum der Klostergründung feiern können. Heuer feiert man das 500-Jahr-Jubiläum des Fast-Untergangs des Klosters. 1526 lebte im Kloster Einsiedeln noch ein einziger Mönch, Abt Konrad III. von Hohenrechberg, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte und beschloss, die Abtei aufzugeben. Doch Lokalpolitiker holten Hilfe beim Benediktiner-Kloster St. Gallen, und so gelang es, das Kloster neu zu beleben.
Ausstellung in der Stiftsbibliothek
An diese schwierigen Zeiten erinnert in der Einsiedler Stiftsbibliothek eine Ausstellung, die in mehreren Vitrinen und vielen Exponaten den Fast-Untergang dokumentiert. Zu den interessantesten Exponaten gehört eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert, die den Römerbrief-Kommentar des Origenes enthält. Wegen dieser Handschrift hatte vor 501 Jahren der Zürcher Theologe Huldrych Zwingli die Stiftsbibliothek besucht.
Er tat, was Bibliotheksbenutzer zu unterlassen dringend angehalten sind: Er hinterliess in dem 316-seitigen Buch handschriftliche Notizen. Auf Latein notierte er am Rand von Seite 104: «Fast alles ist hier fehlerhaft geschrieben, so dass man annehmen darf, der Schreiber sei entweder verrückt oder schläfrig gewesen. Deshalb solltest du alles besonders sorgfältig lesen». Das ist Theologie: Alte Texte neu lesen. Nicht auswendig lernen. Kritisch neu lesen.
Ein grosses Haus
In einer Predigt im Oratorium des Klosters hat der St. Galler Bischof Beat Grögli am Freitagnachmittag auf den Katholizismus-Boom Bezug genommen. Dabei deutete er an, dass auch ihm die Trennung von Tradition und Zeitgeist nicht behagt. Ausgangspunkt seiner Ausführungen war der Satz: «Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen» (Joh 14,2). Das interpretierte Beat Grögli so, dass es Platz gibt nicht nur für viele, sondern auch für viele verschiedene Gläubige. «Das Dach der Kirche ist weit», sagte er.
Die Eucharistiefeier war Teil des Programms der Impulstage. Wie überhaupt das gemeinsame Singen und Beten in der zweitägigen Konferenz einen wichtigen Platz innehatte. Von den vielen «Kirche-wohin»-Tagungen unterscheiden sich die Einsiedler Impulstage auch dadurch, dass sie nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz anzusprechen versuchen.
Die Gegenwart Gottes
Der Abend des ersten Tages endete in der Gnadenkappelle der Klosterkirche, wo Ursula Schumacher, Professorin für Dogmatik an der theologischen Fakultät der Universität Luzern, eine Betrachtung zum Thema Gnade vortrug. Hierhergekommen waren die Zuhörerinnen und Zuhörer in einer nächtlichen Lichterprozession, die ein paar Hundert Meter entfernt in der Jugendkirche begonnen hatte mit einer Betrachtung von Thomas Schumacher. Er ist als Professor an der Universität Freiburg i.Ü. für die Exegese des neuen Testaments zuständig.
«Wie kann Kirche wieder aufblühen?»: Diese Frage versuchte Schumacher durch eine Umformulierung einer Antwort näher zu bringen: «Was würde Jesus tun?» So gestellt, so könnte man vermuten, führt die Frage zurück an den Ursprungspunkt der Tradition, zum Fundament. Eine Antwort auf die so gestellte Frage wäre dann – vermutlich – jedes Verdachts enthoben, zeitgemäss zu sein. Doch diese Frage, so führte Schumacher aus, sei falsch gestellt. Weil sie durch den Konjunktiv die Annahme ausdrücke, dass Jesus abwesend sei, dass er nach Auffahrt für die Welt verloren sei. «Die Frage ist nicht, was würde Jesus tun, sondern was tut Jesus. Was sagt er. Wir müssen uns seiner Gegenwart gewahr werden.»
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