Mutige Frau: Herbert-Haag-Preisträgerin Rita Perintfalvi aus Ungarn
Schweiz

Herbert Haag-Preisträgerin: «Ich bin quasi eine christliche Kritikerin von innen»

Die Befreiungstheologin Rita Perintfalvi aus Ungarn hat jüngst in Luzern den Herbert Haag-Preis erhalten. Der Preis soll für sie Ermutigung sein, ihren Einsatz für Menschenrechte und Demokratie fortzusetzen. Die 52-Jährige kämpft in ihrer Heimat für Opfer sexuellen und spirituellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, für Geschlechtergerechtigkeit und gegen jede Form der Diskriminierung. Selbst ist sie längst zum Dorn im Auge der Orban-Regierung geworden, wie sie im Interview erklärt.  

Von Wolfgang Holz

Frau Perintfalvi, Sie sind eine mutige Frau. Es beeindruckt, wie Sie sich gegen die Orban-Regierung auflehnen, gegen deren neofaschistische Tendenzen, gegen diese konservativen Strömungen in der Kirche. Warum ist Orban denn aus Ihrer Sicht so schlimm?

Rita Perintfalvi: Warum der so schlimm ist?

«Seit 2010 ist Orban allerdings immer mehr nach rechts gegangen und ist allmählich rechtsextrem geworden.»

Ja, denn am Anfang seiner Regierungszeit war er ja noch demokratisch unterwegs.

Perintfalvi: Richtig. Fidesz als Partei war eigentlich ursprünglich eine liberale, jugendliche Partei. Später hat Orban entdeckt, dass es einen Richtungswechsel in seiner Politik braucht. Und so hat er gesehen: Wenn er wirklich diese christlichen Gedanken und Werte glaubwürdig vertritt, kann er mehr Menschen in Ungarn mit seiner Politik ansprechen als mit liberalem Denken. Deshalb hat er diesen Richtungswechsel vollzogen. Seit 2010 ist er allerdings immer mehr nach rechts gegangen und allmählich rechtsextrem geworden. Das ist die Wahrheit.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bei seiner Rede im Hotel Dolder Grand in Zürich.
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bei seiner Rede im Hotel Dolder Grand in Zürich.

Aber woran liegt das? Es ist ja nicht so, dass Politiker einfach beschliessen, sie wollen jetzt rechtsextrem sein. Woher kommt diese Tendenz aus Ihrer Sicht?

Perintfalvi: Naja, das hat sicher mit der Weltpolitik etwas zu tun. Also, ich denke, Viktor Orban ist schon seit langem kein unabhängiger Politiker mehr, er steht ganz stark unter russischem Einfluss. Wenn ich das makropolitisch einschätzen könnte, würde ich sagen: Das ist auch auf den direkten Einfluss von Wladimir Putin zurückzuführen. Und genau das erfahren wir jetzt auch vor der Parlamentswahl, die am 12. April stattfindet: Der russische Einfluss auf die Wahl in Ungarn ist stark präsent.

Glauben Sie denn, dass Orban die Wahl gewinnt? Seine Zukunft steht ja auf der Kippe.

Perintfalvi: Ich denke, er muss die Wahl verlieren. Ich muss das sagen. Ich denke, Peter Magyar, also die Tisza-Partei, kann die einfache Mehrheit sicherlich gewinnen. Aber er würde mehr Stimmen brauchen, eigentlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit – weil auch das Grundgesetz geändert werden muss. Natürlich hat Viktor Orban in vielen Positionen seine Anhänger untergebracht, und diese bleiben sicher noch länger in diesen Positionen. Deshalb wird es in der nächsten Legislaturperiode auch ohne Orban nicht einfach sein für die Opposition, für die jetzige Opposition.

«Eigentlich bin ich seitdem in Gefahr, seitdem ich wirklich ganz sichtbar bin durch meine Social Media-Kanäle, hauptsächlich durch Facebook.»

Was ist denn das Schlimmste, was Sie in Ihrem Widerstand gegen dieses System erfahren haben? Womit müssen Sie sich täglich auseinandersetzen?

Perintfalvi: Na ja, eigentlich bin ich seitdem in Gefahr, seitdem ich wirklich ganz sichtbar bin durch meine Social Media-Kanäle, hauptsächlich durch Facebook. Ich habe dort momentan 113’000 Follower und ich kann monatlich fast zehn Millionen Menschen erreichen. Ich bin schon eine grosse Gefahr für die Regierung: Weil ich eben ständig jeden Tag kritisch bin. Und nicht nur das.

Papst Franziskus trifft Ungarns Primas Kardinal Erdö auf dem Flughafen.
Papst Franziskus trifft Ungarns Primas Kardinal Erdö auf dem Flughafen.

Was sie sicherlich vor allem stört, ist die Tatsache, dass ich als Person eben einen christlichen Hintergrund habe. Denn Orban instrumentalisiert ja gerade das Christentum für seine Politik ebenso wie die Kirchen. Ich bin quasi eine Kritikerin von innen. Wenn ich eine linksliberale Feministin wäre, wäre das gesellschaftlich nicht so bedeutsam. Aber ich bin eben christlich, und das ist das Störendste an meiner Person.

«Sie haben meine Person in einem Pornofilm gefaket.»

Und wie schlecht behandelt man Sie? Also, was mussten Sie schon erleben?

Perintfalvi: Na ja, man hat seit Langem versucht, gegen mich eine mediale Attacke zu fahren. Im letzten August musste ich dann etwas erfahren und erleiden, was wirklich der Horror war. Ich bin damals mit meinem Mann von unserem Silbernenhochzeitsjubiläum nach Hause gekommen, und sofort danach haben fünf extrem rechte Medien gegen mich eine Kampagne gefahren: Sie haben meine Person in einem Pornofilm gefaket. Sprich: Sie haben behauptet, ich sei eine Porno-Darstellerin in extremen Filmen.

«Die Regierung hat mit diesem Angriff auf meine Person wirklich eine rote Zone überschritten.»

Dies wurde dann auch von Influencern der Regierung übergenommen und überall verbreitet. Sie wollten mich als Frau auch dadurch ruinieren, dass ich eine Extremistin sei. In meinem intimsten Leben. Natürlich habe ich mit diesem Film gar nichts zu tun. Aber sie haben es so krass manipuliert, dass es mindestens für eine Woche sehr glaubhaft für die Öffentlichkeit war. Dann haben sich zahlreiche Politikerinnen, Künstlerinnen und öffentliche Personen hinter mich gestellt und sich mit mir solidarisch erklärt. Die Regierung hat mit diesem Angriff auf meine Person wirklich eine rote Zone überschritten.

Sie sagen, Sie bekämpfen auch die katholische Kirche wegen des Missbrauchs. Gehen Sie noch in die Kirche? Und was gibt Ihnen Gott?

Perintfalvi: 2022 habe ich ein Gelübde abgelegt, dass ich nur dann in Ungarn zur Kirche gehe, wenn sie keine direkte Parteipolitik mehr macht für Fidesz und für Orban. Und deswegen war ich in den letzten vier Jahren nicht mehr in Ungarn in der Kirche.

Rita Perintfalvi mit dem Herbert-Haag-Preis 2026
Rita Perintfalvi mit dem Herbert-Haag-Preis 2026

Wo beten Sie dann?

Perintfalvi: Na ja, man kann auch zuhause beten.

«Ich liebe das stille Gebet. Einfach anwesend zu sein vor Gott und ohne Gedanken.»

Und was gibt Ihnen Gott in Ihrem Widerstand?

Perintfalvi: Viel Kontemplation. Ich liebe das stille Gebet. Einfach anwesend zu sein vor Gott und ohne Gedanken. Ohne Emotionen einfach da sein und zu spüren, dass es Gott gibt und dass Gott mit uns ist. Dies ist eine ganz, ganz biblische Erfahrung.

Sie haben in Ihrer Dankesrede für den Herbert Haag-Preis sehr stark Bezug auf Alexej Nawalny genommen und haben gesagt, er konnte nicht anders, als in seine Heimat zurückkehren, wo er letztes Jahr im Straflager vergiftet wurde. Er hätte doch seinen politischen Widerstand gegen Putin nach dem für ihn bereits fast tödlichen Nowitschok-Attentat auch vom Ausland her organisieren können – und vielleicht langfristig viel wirksamer. Ohne seine Frau zur Witwe und seine beiden Kinder zu Halbwaisen zu machen. Sehen Sie das nicht auch so?

Perintfalvi: Was ich sehe, zum Beispiel in Ungarn, ist, dass die Menschen einfach die menschliche Nähe brauchen von solchen Personen, die wirklich Widerstand leisten.

«Über mich sagen auch sehr viele Menschen in Ungarn, du bist unser Hoffnungszeichen.»

Ungarn ist nicht Russland.

Alexej Nawalny ist tot.
Alexej Nawalny ist tot.

Perintfalvi: Noch nicht. Aber es ist ähnlich. Ich kann mir vorstellen, dass das russische Volk die direkte, körperliche Anwesenheit von Alexei Nawalny einfach gebraucht hat. Wenn er draussen geblieben wäre, hätte das bedeutet: Er hat keinen Mut nach Hause nach Russland zu kommen und er verlässt sein eigenes Volk. Über mich sagen auch sehr viele Menschen in Ungarn, du bist unser Hoffnungszeichen. Deshalb muss vor Ort sein, ich könnte zum Beispiel Orban nicht von Österreich aus kritisieren.

«Ich will immer souverän bleiben und alles kritisieren, was kritisiert werden muss.»

Frau Perintfalvi, wenn Sie schon als feministische Befreiungstheologin so ein Hoffnungszeichen für das ungarische Volk verkörpern, warum gehen Sie nicht vollends in die Politik?

Perintfalvi: Warum ich nicht in die Politik gehe? Ok. Ich bin schon irgendwie in der Politik. Aber es gibt unterschiedliche Arten von Politik. Einerseits gibt es natürlich Parteipolitik. Doch ich will immer souverän bleiben und alles kritisieren, was kritisiert werden muss. Und die Parteipolitik erlaubt das nicht. Andererseits: Was ich mache, ist auch schon sehr wichtige Politik: Ich betreibe Bildungsarbeit und die Erweckung der Bevölkerung. Ich liefere Inspirationen, sorge für Ermutigungen. Das ist auch schon Politik.

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Mutige Frau: Herbert-Haag-Preisträgerin Rita Perintfalvi aus Ungarn | © Franca Pedrazzetti/Herbert-Haag-Stiftung
24. März 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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