22.3.26: Tosender Beifall für Amazonas-Bischof Erwin Kräutler. Links: Rita Perintfalvi, die andere Herbert-Haag-Preisträgerin aus Ungarn. Rechts: Bischof Benno Elbs
Schweiz

«Warum um Gottes Willen?!»: Emotionale und tränenreiche Herbert-Haag-Preis-Verleihung

Standing Ovations mit minutenlangem Applaus: Die Verleihung des Herbert-Haag-Preises 2026 am Sonntag in der Luzerner Lukaskirche war von leidenschaftlicher Anteilnahme des Publikums geprägt. Kein Wunder angesichts zweier aussergewöhnlicher theologischer Protagonisten: Zum einen «Amazonas»-Bischof Erwin Kräutler. Zum anderen Rita Perintfalvi, feministische Befreiungstheologin aus Ungarn.

Wolfgang Holz

Schon der musikalische Auftakt des Duos Louvert-Ranen mit Geige und Klavier liess einen erahnen, dass die Verleihung des Herbert-Haag-Preises etwas Besonderes werden würde – sorgten doch die abgründig-sphärischen Klänge des estnischen Komponisten Arvo Pärt von Anfang an für einen Gemütszustand der ungewöhnlichen, aufgewühlten Art.

«Zwei unterschiedliche Akzente»

Ein emotionales Erlebnis stand an diesem sonnendurchfluteten Nachmittag den Besucherinnen und Besuchern der Herbert-Haag-Preis-Verleihung 2026 bevor. Das tönte Stiftungspräsident Odilo Noti in seiner Begrüssungsrede unmittelbar an, indem er dem Publikum erklärte, warum sich die Herbert-Haag-Stiftung gerade für Bischof Erwin Kräutler und  Rita Perintfalvi entschieden hat.

«Mit den Preisverleihungen setzen wir zwei unterschiedliche Akzente», betonte Noti. Rita Perintfalvi (52), die sich in Ungarn für die Opfer sexuellen und spirituellen Missbrauchs einsetze und die sich für die Geschlechtergerechtigkeit und gegen jede Form der Diskriminierung engagiere, sei heftigster Kritik ausgesetzt – beispielsweise vonseiten rechtsgerichteter und regierungsnaher Medien. «Der Herbert Haag Preis soll für sie eine Geste der Ermutigung sein, ihren Einsatz für Menschenrechte und Demokratie fortzusetzen.»

Vor der Lukaskirche versammelt (v.l.n.r.): Rita Perintfalvi, Ute Leimgruber, Bischof Erwin Kräutler, Irmtraud Fischer, Odilo Noti und Hugo Keune.
Vor der Lukaskirche versammelt (v.l.n.r.): Rita Perintfalvi, Ute Leimgruber, Bischof Erwin Kräutler, Irmtraud Fischer, Odilo Noti und Hugo Keune.

Bischof Erwin Kräutler wiederum habe seit seinen frühen Jahren als Missionar entschieden und konsequent, so der Stiftungspräsident, sich für die Armen eingesetzt. «Er hat sich für die Rechte der Indigenen Völker stark gemacht und für Umweltschutz und Klima in Amazonien und darüber hinaus eingesetzt. Die Herbert Haag Stiftung dankt ihm und ehrt ihn für sein lebenslanges Engagement, das er trotz Anfeindungen und Gefährdung seines Lebens unerschrocken nie aufgegeben hat.»

Fangemeinde aus Vorarlberg im Publikum

Dem 86-jährigen Bischof Kräutler, der ursprünglich aus dem vorarlbergischen Koblach stammt, war überraschenderweise gleich eine ganze Fangemeinde aus seiner Heimat in einem Car zur Preisverleihung in Luzern hinterhergereist. Darunter auch Kirchenprominenz wie der Feldkircher Bischof Benno Elbs, derzeit im Erzbistum Vaduz als apostolischer Administrator im Einsatz. «Ich habe keine Ahnung, wie lange das noch weitergeht», bekannte der gut gelaunte Elbs gegenüber kath.ch. Wobei sicher sei, dass die Eigenständigkeit des Erzbistums Vaduz erhalten bleibe.

Doch zurück zu den gefeierten Protagonisten des Nachmittags. «Rita Perintfalvi gehört, wie die kroatische Ordensfrau Rebeka Anic, die Herbert Haag Preisträgerin von 2017, zu jenen Theologinnen, die, lange bevor in den westlichen Kirchen und auch in der westlichen politischen Welt dafür ein Bewusstsein gewachsen ist, vor dem gesellschaftlichen Rechtsruck und seinen Verflechtungen mit der traditionalistischen Katholizität gewarnt haben», betonte Stiftungsrätin Irmtraud Fischer in ihrer Laudatio für die feministische Befreiungstheologin, die in Österreich studierte und doktorierte.

Rita Perintfalvi mit dem Herbert-Haag-Preis 2026
Rita Perintfalvi mit dem Herbert-Haag-Preis 2026

2019 nahm die Ungarin an der Universität Graz die Stelle einer Genderbeauftragten an und betreute bis 2023 den Forschungsschwerpunkt Theologische Frauen- und Geschlechterforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät. «Seit 2017 arbeitet sie an ihrer Habilitation, die im pastoraltheologischen Bereich situiert ist und hoffentlich bald abgeschlossen sein wird», sagte Fischer und blickte mit einem Augenzwinkern zu Rita Perintfalvi in der ersten Reihe.

Nicht nur «akademische Theologin»

Aber die mutige Befreiungstheologin sei eben nicht nur eine «akademische Theologin». Sie habe durch ihr Buch «Dafür gibt es keine Vergebung – Sexualstraftäter in der Kirche», in Ungarn die Missbrauchsverbrechen in der Katholischen Kirche überhaupt erst ins Bewusstsein gebracht, so Irmtraud Fischer. Als gesellschaftlich Engagierte in einem postkommunistischen Land, das sich politisch derzeit die Staatsform einer «illiberalen Demokratie» gegeben habe und in den letzten Jahren immer weiter nach rechts gerückt sei, habe Perintfalvi früh die Gefahren des Rechtspopulismus erkannt und auch in den westlichen Ländern ins Bewusstsein gehobe, würdigte die Stiftungsrätin. Der Preis wurde ihr – und später Bischof Kräutler – übergeben durch Hugo Keune, Quästor der Stiftung und CEO des Kantonsspitals Graubünden.

Rita Perintfalvi selbst, in Optimismus ausstrahlendem Ultramarin gekleidet, war von ihrer Ehrung sichtlich gerührt. Möglicherweise schien ihr durch die vorangegangene Laudatio auch bewusst geworden zu sein, welchen Mut sie täglich aufbringen muss, um den Druck und die Schikanen des Orbán-Regimes zu ertragen. Schon zu Beginn ihrer Rede kamen ihr die Tränen. Und auch während ihrer Dankesrede geriet sie, von Emotionen überwältigt, öfters ins Stocken.

«Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit»

Sie kam zu Beginn ihrer Rede auf ihr grosses Vorbild, den russischen Freiheitskämpfer und Putin-Gegner, Alexej Nawalny, zu sprechen, der ja letztes Jahr im Gefängnis tödlich vergiftet wurde. «Nawalny wusste, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Im Gegenteil, Freiheit ist etwas, für das wir unaufhörlich kämpfen müssen – jeden einzelnen Tag», ist die 52-jährige Ungarin, die mittlerweile über rund 113’000 Follower auf Facebook verfügt und die Regierungschef Orbán längst ein Dorn im Auge geworden ist.

Alexej Nawalny ist tot.
Alexej Nawalny ist tot.

«Denn jeden Tag kommt jemand daher, der die Freiheit uns wegnehmen will. Das gilt auf der Ebene unseres individuellen Lebens, aber auch auf der Ebene der Gesellschaft. Wer also in Freiheit leben will, muss sich notwendigerweise mit den unterdrückerischen Mächten auseinandersetzen. Und das geht nicht ohne Opfer.» Das ist starker Tobak.

«Menschen gebrandmarkt und dämonisiert»

Sie berichtet, wie das ungarische Orbán-Regime, das sich in drei Wochen Neuwahlen stellen muss, peu à peu die Daumenschrauben angezogen habe und Minderheiten mittlerweile immer mehr unterdrücke. Zuerst sei es nur ein Krieg der Worte gewesen. «Menschen wurden gebrandmarkt, dann juristisch – auch auf der Ebene des Grundgesetzes – kriminalisiert und manchmal regelrecht dämonisiert.»

Sie selbst befinde sich aufgrund ihres öffentlichen Widerstands und ihrer Kritik ständig in Auseinandersetzungen mit der Staatsanwaltschaft, der Polizei und Gerichten. Ein Teil ihres Preisgelds der Haag-Stiftung in Höhe von 10’000 Franken verwende sie, wie sie kath.ch anvertraut, deshalb zur Bezahlung ihrer sechs Anwälte.

«Liebe ist stärker als der Hass»

Noch ist Ungarn nicht Russland. Trotz übelsten Widrigkeiten wie einem Porno-Fake-Skandal, der ihr angedichtet wurde, zeigt sich Perintfalvi dennoch nicht verbittert. Solidarität sei die einzige Waffe gegen politischen Terror. Und obwohl sie sich seit langer Zeit in der ungarischen katholischen Kirche heimatlos und verwaist fühle, habe sie die Kirche nie verlassen: «Liebe ist stärker als der Hass.»

Volle Lukaskirche bei der Preisverleihung
Volle Lukaskirche bei der Preisverleihung

Das Publikum in der Lukaskirche, darunter auch die streitbare Theologin Monika Schmid oder die Weltsynodenteilnehmerin Helena Jeppesen-Spuhler, riss es spontan vor Begeisterung von den Sitzen. Frenetischer Applaus brandete auf.

«Den Kosmos zusammenzuhalten»

Doch es war erst Halbzeit in der Lukaskirche. Die Ehrung noch eines zweiten theologischen Schwergewicht stand auf der Agenda: Amazonas-Bischof Erwin Kräutler. Stiftungsrätin Ute Leimgruber erklärte in ihrer Laudatio: «Wenn man zusammenfassen möchte, wofür Bischof Kräutler heute mit dem Herbert Haag-Preis ausgezeichnet wird, könnte man dies so auf den Punkt bringen: Für seine jahrzehntelange Mission, als Christ in der Welt «den Kosmos zusammenzuhalten».

Was sie damit meinte, belegte Leimgruber mit einem Zitat Kräutlers, das davon spricht, «den roten Faden des Evangeliums aufzunehmen und ihm in grenzenloser Verantwortung treu zu bleiben». Sprich: Eine untrennbare Verbindung von Gottesliebe und Nächstenliebe.

Bischof Erwin Kräutler mit dem Herbert-Haag-Preis, der 10'000 Franken inkludiert
Bischof Erwin Kräutler mit dem Herbert-Haag-Preis, der 10'000 Franken inkludiert

«Den Kosmos zusammenhalten, so Leimgruber daraus schliessend, würde für Bischof Kräutler ein lebenslanges, unermüdliches Engagement für die Rechte der indigenen Bevölkerung Amazoniens bedeuten. Ebenso wie die Bewahrung der Schöpfung, für Ökologie und Klimaschutz sowie eine nicht-klerikalistische, geschlechtergerechte Kirche, die «Hoffnungsträgerin für Menschen an der existenziellen Peripherie» sei.

«Brasilianer, in Österreich geboren»

Erwin Kräutler sage über sich selbst, so die Stiftungsrätin, er sei «Brasilianer, in Österreich geboren», konkret am 12. Juli 1939 in Koblach. Schon vor der Matura habe er die Entscheidung getroffen, Priester zu werden – was für seine Familie eine Überraschung gewesen sei. «Weniger überraschend war sein Weg nach Amazonien», schildert Leimgruber. Sein Onkel Erich Kräutler sei bereits Bischof der Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet gewesen. Und dieser habe dem jungen Erwin ausrichten lassen: «Wenn du schon Priester wirst, dann kommst du zu uns.»

Seit 1965, im gleichen Jahr, als er zum Priester geweiht wurde, verabschiedete sich der Vorarlberger aus seiner Heimat und lebt seitdem im brasilianischen Dschungel. In seiner jahrelang politischen Unterstützung der Rechte der Indigenen bekam er auch die Brutalität des brasilianischen Regimes zu spüren.

Bischof Erwin Kräutler steht einem Gottesdienst vor.
Bischof Erwin Kräutler steht einem Gottesdienst vor.

Nach dem er 1981 zum Bischof von Xingu geweiht wurde, einer Diözese so gross wie Deutschland, überlebte er nämlich sechs Jahre später schwer verletzt einen fingierten Autounfall; ein junger Priester, der im Auto neben ihm sass, wurde bei dem Attentat getötet. 2005 wurde seine Mitarbeiterin Dorothy Stang erschossen.

Arbeitete mit an «Laudato si»

«Sein jahrzehntelanger Kampf für die Menschenrechte – mittlerweile 60 Jahre! – ist auch aufs engste mit seinem ökologischen Engagement verbunden», würdigt Ute Leimgruber. Das war auch Papst Franziskus aufgefallen. Bischof Kräutler half nicht nur, die Amazonas-Synode vorzubereiten, sondern arbeitete auch an der Umweltenzyklika des verstorbenen Papstes «Laudato Si» (2015) mit. Im Jahr 2010 erhielt er den Alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz für indigene Völker und den Schutz des Regenwaldes.

In sich ruhend und entspannt

Überaus bescheiden und kurz bedankte sich dann der verehrte und geehrte Amazonas-Bischof selbst. Er wirkte völlig in sich ruhend und entspannt. «Ich habe es nie bereut, diesen Schritt gemacht und meine Vorarlberger Heimat mit der Amazoniens getauscht zu haben», sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen.

Erwin Kräutler in einer Aufnahme von 2007.
Erwin Kräutler in einer Aufnahme von 2007.

Eines aber schien und scheint ihn nachhaltig zu beschäftigen: Da seine Diözese so riesig sei und viele Indigene weit weg von Kirchen lebten, sei es schwierig, überall die Sehnsucht der Menschen nach der Eucharistie zu erfüllen. «Warum um Gottes willen, ist es deshalb nicht möglich, Gemeindemitglieder, die in diesen Regionen leben und teils schon Leitungsfunktionen inne haben zu weihen, damit überall Eucharistie gefeiert werden kann?» fragte Bischof Kräutler dreimal das Publikum flehentlich. Und wandte sich damit indirekt an den Vatikan.

Mitwelt statt Umwelt

Was sein Engagement für die Umwelt im Regenwald angeht, erklärte Kräutler, dass Umwelt nichts Anonymes sei – sondern mit Menschen zu tun habe. Auf der ganzen Welt. Deswegen spreche er lieber von «Mitwelt» als von Umwelt. «Wenn das Amazonas einmal nicht mehr bestehen sollte, dann wird die ganze Erde in Mitleidenschaft gezogen», mahnte er seine Zuhörerinnen und Zuhörer.

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In diesem Zusammenhang sei auch die Armut der indigenen Völker zu verstehen. «Denn es geht nicht nur um materielle Armut der Menschen wie Hunger, sondern auch darum, dass die indigenen Völker arm sind, wenn sie aus in ihren Dörfern in die Städte vertrieben werden. Wenn sie nicht mehr so leben und sein dürfen, wie sie es von ihrer Kultur kennen.»

Und wieder brandete minutenlanger Beifall auf.

*Soeben ist das neue Buch von Bischof Erwin Kräutler erschienen mit dem Titel: «Prophetische Kirche in Amazonien». Indigene Völker und Ökologie, Verlag Exodus.

**Im neuen Podcast «Laut+Leis», der diesen Freitag auf kath.ch erscheint, wird Bischof Erwin Kräutler interviewt.


22.3.26: Tosender Beifall für Amazonas-Bischof Erwin Kräutler. Links: Rita Perintfalvi, die andere Herbert-Haag-Preisträgerin aus Ungarn. Rechts: Bischof Benno Elbs | © Franca Pedrazetti/Herbert-Haag-Stiftung
23. März 2026 | 12:00
Lesezeit : ca. 7  Min.
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