Silvia Balmer leitet die Fachstelle Katechese-Medien der römisch-katholischen Kirche im Aargau
Schweiz

Silvia Balmer über Badener Disputation: «Wir mussten lernen, miteinander zu leben»

Die Religionspädagogin Silvia Balmer hat Unterrichtsmaterial über die Badener Disputation von 1526 mitentwickelt – in ökumenischer Zusammenarbeit. «Das Lehrmittel will für die Ereignisse der Reformation sensibilisieren und hilft den Kindern, andere Meinungen zu tolerieren», sagt sie. Und dies sei ein erster Schritt für ein gutes Zusammenleben.

Regula Pfeifer

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Badener Disputation für ein neues kirchliches Lehrmittel zu verwenden?

Silvia Balmer*: Wir haben dieses Mini-Lehrmittel entwickelt, weil die Badener Disputation in diesem Jahr ihr 500-Jahr-Jubilälum feiert und dieser historische Moment sehr spannend ist. Die Reformation vor 500 Jahren war sehr einschneidend für die Gesellschaft und die Kirche. Die Erfahrungen daraus sind bis heute prägend.

Für uns als Fachstelle für Religionsunterricht und Katechese ist es wichtig, genau hinzuschauen und Hilfestellungen und Materialien anzubieten, wie Glaube an aktuellen Brennpunkten mitwirken kann.

Badener Disputation in der Stadtkirche Mariä Himmelfahrt in Baden AG, 1526
Badener Disputation in der Stadtkirche Mariä Himmelfahrt in Baden AG, 1526

Wie haben Sie die Unterrichts-Unterlagen entwickelt?

Balmer: An den Impulsen zur Badener Disputation für den Religionsunterricht haben wir zu dritt gearbeitet: Meine Kollegin Valeria Sogne von der Fachstelle Pädagogisches Handeln der reformierten Landeskirche Aargau, die Religionspädagogin der Pfarrei Baden Nicole Serratore und ich. Beraten hat uns die Historikerin Ruth Wiederkehr. Sie hat uns eingeführt in die damalige Zeit und mit uns Anknüpfungspunkte für die Kinder und Jugendlichen von heute gesucht. Die Lernwege richten sich an Schülerinnen und Schüler von der vierten bis zur zehnten Klasse.

«Die Reformation hat den Aargau stark geprägt, die eine Hälfte war katholisch, die andere reformiert.»

Weshalb eignet sich der historische Anlass zur religiösen Bildung?

Balmer: Die Reformation hat den Kanton Aargau stark geprägt. Der Kanton besteht aus mehreren Teilen, wovon die eine Hälfte katholisch, die andere reformiert ist. Wir mussten lernen, miteinander zu leben. Irgendwann war es kein Müssen mehr, sondern man lebte gern miteinander. Das war ein langwieriger Prozess. Die Badener Disputation stand an dessen Anfang. Man versuchte damals miteinander zu reden, es fruchtete aber noch nicht so. Eine gewisse Toleranz war schon da, und daraus entwickelte sich das Miteinander, welches wir heute leben.

Was lernen die Kinder daraus?

Balmer: Sie lernen, dass man einander erst zuhören und nicht gleich zuschlagen soll. In unserer polarisierten Welt müssen wir das immer wieder einüben – auch mit Kindern. Das Schwarz-weiss-Denken zu überwinden ist ein erster Schritt zu einem guten Zusammenleben. Die verschiedenen Methoden und Impulse in der Broschüre geben Anregungen, um den Dialog einzuüben.

«Auch unter Heidenchristen und Judenchristen kam es wegen grossen Unterschieden zu Streit.»

Ist auch die Bibel Thema?

Balmer: Wir gehen auch auf die Apostelgeschichte ein, wo Heidenchristen und Judenchristen eine Gemeinschaft werden mussten und es wegen den grossen Unterschieden zu Streit kam. Ich stelle mir vor, dass sie bereits damals viel diskutieren mussten, um Lösungen zu finden.

Sie gehen das Thema für Viertklässler anders an als für Jugendliche. Wie vermitteln Sie die Botschaft den jüngeren Kindern?

Balmer: Für die jüngeren Kinder haben wir eine Geschichte erfunden, die passiert sein könnte. Ein Zürcher und ein Badener Bub freunden sich an. Und sie verstehen nicht, weshalb die Erwachsenen Streit haben miteinander. Dank dieser Geschichte können sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit und in den Konflikt einfühlen.

«Streiterfahrungen haben Kinder schon früh und Andersartigkeit nehmen sie wahr.»

Im Spiel «Unsere Brücke» wiederum geht es darum herauszufinden, was hilft Brücken zu bauen, wenn man zuvor gestritten hat. Respekt oder Fragen können helfen. Streiterfahrungen haben die Kinder schon früh auf dem Pausenplatz. Auch Andersartigkeit nehmen sie früh wahr – die einen sind katholisch, andere reformiert, andere muslimisch oder hinduistisch, weitere ohne Glauben. Da geht es darum zu lernen: Wie kommen wir miteinander aus? Es geht mir nicht darum, Unterschiede zu verwischen, sondern sie zu anerkennen.

Schüler im Religionsunterricht
Schüler im Religionsunterricht

Und wie gehen Sie das Thema mit Jugendlichen an?

Balmer: Bei ihnen gehen wir in die Sozialen Medien, schauen uns einen Religions-Influencer an oder ein Lernvideo zur Meinungsfreiheit. Wir beschäftigen uns mit der Reformation. Oder wir analysieren, wie wir heute miteinander disputieren. Ein Vorschlag dazu ist, die Arena-Sendung von SRF anzusehen und zu analysieren.

Bei den Jugendlichen ist der Zugang eher philosophisch-theologisch, bei den Jüngeren spielerischer. Die Sehnsucht nach Frieden spüren wir bei unseren Kindern enorm. Mit dem Lernweg zur Badener Disputation gehen wir dem nach und erzählen, wie auch die biblischen Menschen diese Sehnsucht hatten und dass Gott uns den Frieden immer wieder verheisst und uns in den Frieden bringen will.

«Bei den Jugendlichen ist der Zugang eher philosophisch-theologisch, bei den Jüngeren spielerischer.»

Welche Schulen haben das Unterrichtsmaterial bereits bestellt?

Balmer: Wir haben die Unterlagen allen Pfarreien und Kirchgemeinden im Aargau geschickt. Wie viele sie verwenden werden, weiss ich nicht. Das kommt meist erst im Nachhinein zutage. Auch den Fachstellen anderer Kantone habe ich sie geschickt. Einige haben geschrieben, sie würden sie weiter verteilen. Persönlich weiss ich von drei bis vier Katechetinnen der Region Baden, die mit den Materialien arbeiten wollen.

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Bieten Sie auch Einführungen zum Lernweg an?

Balmer: Wer das möchte, kann sich bei mir melden. Das Thema aus so aufbereitet, dass es einfach umzusetzen ist. Es ist selbsterklärend, und die Sprache ist einfach, auch für Kinder verständlich.

«Die ökumenische Zusammenarbeit ist eine grosse Bereicherung.»

Möchten Sie noch etwas anfügen?

Balmer: Ja, ich möchte betonen, dass ich das Unterrichtsmaterial zur Badener Disputation nicht allein entwickelt habe. Wir haben es ökumenisch und mit der Religionspädagogin Nicole Serratore von Baden erarbeitet. Wir arbeiten seit bald zwanzig Jahren eng ökumenisch zusammen, in der Aus- und Weiterbildung und mit unserer Mediothek.

Diese ist sogar für alle im Kanton Wohnhaften gratis zugänglich. Die ökumenische Zusammenarbeit ist eine grosse Bereicherung. Wir lassen einander die Eigenheiten, aber finden uns in vielen Bereichen. Das finde ich so wichtig. Denn das konfessionelle oder gemischte Zusammenleben ist unsere Realität heute. Wobei die ursprünglichen konfessionellen Grenzen und damit verbundene kulturelle Verschiedenheiten bis heute spürbar sind.

Das neue Lehrmittel «Badener Disputation – Konfessionelle Vielfalt damals, religiöse Vielfalt heute». Weitere Informationen und Anlässe zu 500 Jahre Badener Disputation

*Silvia Balmer (58) leitet seit bald drei Jahren die Fachstelle Katechese – Medien der römisch-katholischen Kirche im Aargau. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin und Religionspädagogin (am KIL in Luzern) arbeitet seit über 30 Jahren in der Katechese.


Silvia Balmer leitet die Fachstelle Katechese-Medien der römisch-katholischen Kirche im Aargau | © zVg
15. Februar 2026 | 16:00
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