Fassungslose Trauernde umarmen sich nach der Brandkatastrophe in der Silvesternacht in Crans-Montana.
Schweiz

Zürcher Unispital-Seelsorger über Crans-Montana-Patienten: «Wir haben die Angehörigen betreut und verpflegt»

Der katholische Seelsorger Bernd Siemes hat am Neujahrstag am Universitätsspital Zürich notfallmässig eine Anlaufstelle für Angehörige der schwerverletzten Opfer von Crans-Montana aufgebaut. Er war am Morgen früh für den Noteinsatz geweckt worden.

Regula Pfeifer

Sie sind Leiter der katholischen Spitalseelsorge am Unispital Zürich – wo Patienten aus Crans-Montana aufgenommen wurden. Wie haben Sie den Notfall erlebt?

Bernd Siemes: Ich bin auch Leiter des Careteams des Universitätsspitals Zürich. In dieser Rolle bin ich am Neujahrstag aus den Ferien zurückgerufen worden. Am 1. Januar um halb acht ging das Telefon. Das war der Alarmanruf, der im Notfall an die Mitglieder der Spitalleitung geht. Bereits um 9 Uhr hatten wir die erste Konferenz, um 11 Uhr die zweite, und so weiter.

«Wir sprachen uns per Telefon ab, wer was machen kann.»

Wir sprachen erst ab, was es braucht. Da war schnell klar, dass wir eine Anlaufstelle für die Angehörigen benötigen und diese aufbauen müssen. Wir sprachen uns per Telefon ab, wer was machen kann. Danach fuhr ich von meinem Ferienort zurück nach Zürich. Am Abend war ich da.

Was haben Sie am Unispital vorgefunden?

Bernd Siemen, Leiter katholische Spitalseelsorge am Universitätsspital Zürich
Bernd Siemen, Leiter katholische Spitalseelsorge am Universitätsspital Zürich

Siemes: Als ich am Unispital Zürich ankam, waren schon Kolleginnen von der ad hoc gebildeten Anlaufstelle für Angehörige vor Ort. Sie hatten die meisten Angehörigen bereits in Empfang genommen. Die ersten Angehörigen waren um 10 Uhr, die meisten übrigen am selben Nachmittag angekommen. Das ging alles sehr schnell, das hatte ich nicht erwartet.

«Wir haben entsprechende Notfälle geübt.»

Wie haben Sie die Anlaufstelle organisiert?

Siemes: Dafür gibt es in einem vorgesehenen Raum bereitgestellte Boxen mit dem notwendigen Material und Plänen. Und wir haben entsprechende Notfälle geübt. Auf den Plänen ist festgehalten, wie wir auf die Angehörigen zugehen und die Daten aufnehmen sollen. Wir fragen sie, wen sie suchen und welche Merkmale die gesuchte Person aufweist. Und erfassten alles im System.

Was für Merkmale?

Siemes: Beispielsweise die Haarfarbe. Das Besondere bei den Opfern der Brandkatastrophe war, dass die Merkmale keine Rolle spielten, denn sie waren nicht erkennbar.

«Wir konnten am selben Abend neun Patienten und ihre Angehörige zusammenführen.»

Wann wussten Sie, welche Patienten in Zürich sind?

Siemes: Wir konnten schon am selben Abend neun Patienten und ihre Angehörige zusammenführen. Bei zwei wussten wir zwar, wer sie sind. Aber deren Angehörige waren noch nicht da. Bei vier Patienten war die Identität am Neujahrsabend noch unklar. Darauf kam das Forensische Institut. Seit Sonntag sind alle Patientinnen und Patienten identifiziert.

Was erwartete die Angehörigen am Unispital?

Siemes: Alle Angehörigen wurden erst zu unserer Anlaufstelle geschickt. Dort gab es eine zuständige Care-Person für jede Gruppe von Angehörigen. Wir betreuten und verpflegten sie. Es wurde abgeklärt, ob ein Patient da war. Wenn das der Fall war, begleiteten die Careteam-Personen die Angehörigen zur Intensivstation.

Hatten Sie selbst Kontakt zu Patienten oder Angehörigen?

Siemes: Nein, keinen direkten Kontakt. Ich war im Hintergrund für die Organisation der Angehörigenbetreuung zuständig.

«Wir von der Seelsorge besprechen, wie wir die langfristige Begleitung der Brandopfer und ihrer Angehörigen aufgleisen können.»

Wie geht es weiter mit der Angehörigenbetreuung?

Siemes: Aktuell sind noch sechs Brandopfer von Crans-Montana bei uns in Behandlung. Die übrigen konnten wir anderen Spitälern im In- und Ausland übergeben. Wir von der Seelsorge besprechen, wie wir die langfristige Begleitung der Brandopfer und ihrer Angehörigen aufgleisen können. Der Heilungsprozess von Brandverletzungen dauert ja sehr lange, entsprechend lange könnte auch die Seelsorge vonnöten sein.

«In der Spitalkirche brennt eine Kerze als Zeichen der Verbundenheit mit allen Betroffenen.»

Zudem versuchen wir die Mitarbeitenden im Spital möglichst gut zu unterstützen. In der Spitalkirche brennt eine Kerze als Zeichen der Verbundenheit mit allen Betroffenen. Wir überlegen auch, wie wir uns in irgendeiner Form am Gedenktag für die Opfer von Crans-Montana am kommenden Freitag beteiligen können. Nebst der Seelsorge steht auch das reguläre Care-Team für Angehörige bei Bedarf rund um die Uhr zur Verfügung.

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Fassungslose Trauernde umarmen sich nach der Brandkatastrophe in der Silvesternacht in Crans-Montana. | © KEYSTONE/Alessandro della Valle
5. Januar 2026 | 17:00
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