Long-Covid-Erkrankte über ihr Heilig-Jahr-Gebet: «So habe ich mich als Teil der Gemeinschaft gefühlt»
Die Long-Covid-Betroffene Eveline Strübi hat das St. Galler Gebet für das Heilige Jahr verfasst. Dieses wurde im Abschlussgottesdienst am vergangenen Sonntag in der Kathedrale gesprochen. Sie habe sich dank dem Gebet als Teil der Gemeinschaft der Kirche gefühlt, sagt sie. «Das hat mir wohlgetan.»
Regula Pfeifer
Sie haben das Gebet zum Heiligen Jahr 2025 im Bistum St. Gallen verfasst. Wie kam es zu diesem Auftrag?
Eveline Strübi: Seit längerem bin ich bei Hildegard Aepli in der geistlichen und seelsorgerlichen Begleitung. Sie ist Seelsorgerin in der Dompfarrei und leitet die Abteilung Spiritualität und Bildung des Bistums St. Gallen.
Irgendwann sagte sie mir: Jetzt kommt das Heilige Jahr «Pilger der Hoffnung». Deine Krankheit ist auch ein Pilgerweg. Sie wusste, dass ich viel schreibe. So entstand die Idee, dass ich sozusagen als Pilgernde einer langjährigen Krankheit das Gebet für das Heilige Jahr verfassen könnte.
«Ich meditierte über das Bild des Heiligen Josef und schrieb das Gebet.»
Wie haben Sie das Thema des Gebets gefunden?
Strübi: Das Bistum wählte für das Heilige Jahr das Bild des Heiligen Josef, der als Pilger unterwegs ist. Das Bild hängt in der Kirche von Ricken SG und wurde vom St. Galler Künstler Karl Fürer gemalt. Ich war vor einiger Zeit mal dort und schaute es mir an. Es gefiel mir sehr. Ich sah mir im Herbst 2024 eine Aufnahme dieses Bildes an, meditierte darüber und schrieb das Gebet.
Josef spielt im Gebet eine starke Rolle. Wie sehen Sie den Heiligen Josef?
Strübi: Josef sagt in der ganzen Bibel nichts. Er hat keine Sprache, das finde ich wahnsinnig faszinierend. Er lässt Taten sprechen. Ich sehe seinen Weg als Pilgerweg. Er gedenkt Maria zu verlassen, begegnet im Traum einem Engel und beschliesst darauf mit Maria mitzugehen. Sein Weg wird in der Bibel sehr schön dargestellt. Sein ins Gehen kommen, ins Tun kommen, faszinieren mich.
Hat das etwas mit Ihnen zu tun?
Strübi: Ja, mit den dreieinhalb Jahren der Long-Covid-Krankheit. Ich lag viel im Bett, war oft allein, habe kaum Menschen oder Reize vertragen. Nur ganz kurze Momente an «besseren» Tagen hatte ich Energie, um mit jemandem zu reden. Die Krankheit durchkreuzte meine Zukunftspläne. Josefs Pläne wurden auch durchkreuzt. Und so wie er machte auch ich mich auf einen Weg ins Ungewisse. Wir beide haben trotz allem entschieden in Verbundenheit zu Gott unseren Weg im Glauben weiterzugehen.
Was hat es Ihnen bedeutet, mit Ihrem Gebet das Heilige Jahr begleiten zu können?
Strübi: Schreiben konnte ich auch in der Krankheit immer, im Bett. Teilweise diktierte ich die Sätze, liess sie in Text umwandeln. Dank meinem Gebet hatte ich das Gefühl, etwas zum Heiligen Jahr beitragen zu können, als Christin, als Teil der Gemeinschaft der Kirche. Das hat mir sehr wohlgetan.
«Wenn ich sah, dass Leute mein Gebet in der Hand hielten, fühlte ich mich ihnen verbunden.»
Wenn ich Kraft hatte, ging ich manchmal für eine Weile in die Kathedrale. Wenn ich sah, dass Leute mein Gebet in der Hand hielten, das dort aufgelegt war, fühlte ich mich ihnen verbunden, auch wenn ich mich nicht als Autorin outete.
«Ich verfolgte die nationale Wallfahrt nach Einsiedeln auf Instagram – und war so indirekt dabei.»
Konnten Sie sich an Heilig-Jahr-Aktivitäten beteiligen?
Strübi: Nein, ich konnte nicht live dabei sein. Aber ich verfolgte die nationale Wallfahrt nach Einsiedeln mit, die viele auf Instagram posteten – und war so indirekt dabei. Manche schrieben mir auch direkt oder sandten Fotos.
Sie haben zuvor eine Wiborada-Hymne fürs Bistum geschrieben. Lag Ihnen das am Herzen?
Strübi: Ja, sehr. Ich lebte 2022 für eine Woche in der Inklusinnen-Zelle. Dies im Rahmen des Projektes zur Heiligen Wiborada von St. Gallen, das mit dem 1100. Todestag der Heiligen Ende 2026 endet. Einen Monat später erkrankte ich an Long Covid und lebte fortan abgeschottet wie in einer Zelle.
«Die Wiborada-Zellen-Erfahrung hat mich innerlich gestärkt und unbewusst vorbereitet auf die Krankheit.»
Die Wiborada-Zellen-Erfahrung hat mich innerlich gestärkt, mich nochmals tiefer in den Glauben geführt und unbewusst vorbereitet auf die Krankheit. Die Spiritualität der Heiligen Wiborada von St. Gallen bekam so einen grossen Stellenwert in meinem Leben.
Ich verfolgte das Wiborada-Projekt aus dem Bett aus weiter. Irgendwann kam die Idee: Es wäre schön, neben dem alten einen aktuellen Hymnus auf die Heilige Wiborada zu haben. Da kam die Anfrage: Hättest du Lust, mitzudenken?
Sie sagten zu?
Strübi: Ich begann darüber zu meditieren. Mir wurde klar: Der Hymnus soll das ganze Leben der Heiligen Wiborada in Kurzversion erzählen. Denn viele Menschen kennen sie nicht.
Haben Sie auch die Musik verfasst?
Strübi: Die Musik stammt aus einer einfachen gregorianischen Melodie, einem Hymnus aus dem Stundengebet. Ich wollte eine einfache Melodie, die alle mitsingen können. Darauf habe ich den Text geschrieben.
Schreiben Sie weitere Beiträge fürs Bistum?
Strübi: Letztes Jahr erschien eine Krippenbroschüre des Bistums mit Meditationen zu jeder Krippenfigur. Das machten Bischof Beat Grögli – damals noch Dompfarrer – und Hildegard Aepli. Ich schrieb ebenfalls Beiträge.
«Ich habe in der Kirche immer wieder gute, aufgeschlossene Menschen getroffen.»
Sie waren offenbar bereits vor Ihrer Krankheit gläubige Katholikin…
Strübi: Ja, ich bin im katholischen Glauben aufgewachsen und habe als Kind positive Erfahrungen mit Kirche gemacht. Unser Dorfpfarrer verstand sich gut mit den Kindern, von denen viele ministrierten, auch ich. Auch später habe ich in der Kirche immer wieder gute, aufgeschlossene Menschen getroffen. In den letzten Jahren habe ich meinen Platz in der Dompfarrei St. Gallen gefunden.
«Ich wüsste nicht, wie ich ohne intensive spirituelle Begleitung die wiederkehrenden Krisen in der Krankheit geistig so gesund hätte bestehen können.»
Seit vielen Jahren bin ich zudem in der Ignatianischen Spiritualität verankert und lasse mich geistlich begleiten. Bevor ich erkrankte, entschied ich, Theologie zu studieren. Mein Glaube war schon da und intensivierte sich in der Krankheit. Ich wüsste nicht, wie ich ohne intensive spirituelle Begleitung die wiederkehrenden Krisen in der Krankheit geistig so gesund hätte bestehen können.
Wie hat Ihnen der Glaube in der Krankheit geholfen?
Strübi: Der Glaube war zentral, er gab mir immer wieder Boden. Ich wusste ja nicht, wie lange das alles geht. Erst ging ich von wenigen Wochen aus. Irgendwann merkte ich: Es wird lange dauern. Niemand weiss, wie die Krankheit zu behandeln wäre. In dieser Unsicherheit hat mich der Glaube getragen.
Wie das?
Strübi: Bilder und Geschichten aus der Bibel gaben mir Kraft. Etwa die Vorstellung, wie Jesus nach der Taufe allein für vierzig Tage in die Wüste geht. Lange war auch das Buch Hiob ein Halt für mich im Umgang mit dem Leiden.
Ich las auch die Biografie der Heiligen Therèse von Lisieux von Christian Feldmann, «Die dunkle Nacht des Glaubens». Therèse von Lisieux war schwer krank und suchte, verlor und fand immer wieder Halt im Göttlichen. So wurde mir bewusst, dass Krisen wiederkehren und ich da hindurchzugehen habe – zum Glück mit Gottes Hilfe. Auch spirituelle Texte zu schreiben, hilft mir, denn das bedeutet für mich, in Gottesbeziehung zu sein. Trotz allem ist es nicht immer einfach, dieses Schicksal annehmen zu können.
«Erstmals seit Erkrankung konnte ich im Kreis meiner Familie und Freunden Weihnacht feiern.»
Hat sich Ihr Gesundheitszustand positiv entwickelt?
Strübi: Ja, seit gut zwei Monaten bin ich in einer neuen Behandlung. Es geht mir viel besser, dafür bin ich dankbar. Erstmals seit Erkrankung konnte ich im Kreis meiner Familie und Freunden Weihnacht feiern und an einem Weihnachtsgottesdienst teilnehmen. Ich bin aber vorsichtig, all das ist neu.
Haben Sie Wünsche für Ihre Zukunft?
Strübi: Ich wünsche mir, dass meine Gesundheit stabil bleibt und besser wird. Ich hoffe auch, dass ich beruflich wieder einsteigen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.
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