Kloster Disentis mit RhB Viadukt.
Schweiz

Der Mönch, der das Licht einfangen wollte

Rund 2000 Glasplatten-Negative hat der Disentiser Mönch Karl Hager hinterlassen. Er ist nicht allein: Aus dem Benediktinerorden stammen viele wichtige Beiträge zur Geschichte der Fotografie in der Schweiz.

Dominik Landwehr

Engelberg, Einsiedeln und Disentis – drei Schweizer Benediktinerklöster, drei bedeutende Gymnasien. Und drei Hauptorte in der Geschichte der Fotografie in der Schweiz.

Dass gerade die Benediktinerklöster eine grosse Tradition in der Fotografie haben ist kein Zufall: Klöster waren immer schon Gedächtnisinstitutionen und unterhielten umfangreiche Archive. Dass auch die Fotografie ein Potenzial für das Archiv hat, war schnell klar.

Darüber hinaus waren die Klöster aber auch Kulturvermittler, etwa durch ihre Gymnasien. Schliesslich dürfte auch die Technikaffinität der Mönche eine Rolle gespielt haben und die Möglichkeit, Ressourcen von Familien und Freunden für den Ankauf der kostspieligen Ausrüstung mobilisieren zu können.

Entdeckungen im Archiv

In Einsiedeln stiess man bei der Reorganisation des Archivs in den Jahren 2005 bis 2012 auf einen grossen Bestand von wertvollen historischen Fotografien, die bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts zurückreichten.

2005 erschien eine erste Dokumentation der Fotografie im Kloster Engelberg; das Werk des Engelberger Fotografen P. Emmanuel Wagner OSB (1853-1907) liess sich 2023 anlässlich einer Ausstellung besichtigen.

Jetzt wurde man auch auf die fotografischen Bestände im Kloster Disentis aufmerksam. Hier stand vor allem der Naturforscher Karl Hager im Vordergrund. Mit Hilfe des Vereins Memoriav konnten rund 2000 Glasplattennegative digitalisiert werden. Sie sind heute in der Bündner Fotostiftung digital archiviert und öffentlich zugänglich. Die originalen Glasplatten sind im Archiv des Klosters Disentis.

Fotografie als Mittel der Erkenntnis

Neben der Technikaffinität gab es aber noch weitere Motive, warum sich Benediktiner schon früh mit den Möglichkeiten der Fotografie beschäftigten. Der Mediävist und Mystikforscher Alois M. Haas (1934-2025), der selbst in den Jahren 1949-1955 Schüler der Stiftschule des Klosters Engelberg war, sieht einen Grund in der Spiritualität des Heiligen Benedikt und dessen Lichtvision. In der Vita des Heiligen heisst es wörtlich:

«Während er auf die Nacht hinausschaute, sah er plötzlich ein Licht, das die ganze Finsternis der Nacht verscheuchte, und ein so großes Licht, dass es heller war als der Tag. In diesem Licht erschien ihm die ganze Welt wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt.»

Die Vision wird in der Interpretation von Haas auf den physikalischen Vorgang übertragen, die Fotografie wird so zu einem Mittel der Erkenntnis im göttlichen Licht.

Karl Hager: Mönch, Naturforscher, Fotograf

Karl Hager OSB (1917)
Karl Hager OSB (1917)

Auch das Kloster Disentis hat einen wichtigen Bestand von Fotos, der ins 19.Jahrhundert zurückreicht. Eine grosse Bedeutung kommt dabei den Fotografien des Lehrers und Naturforschers Karl Hager (1862-1918) zu, er ist der Begründer der fotografischen Tradition in diesem Kloster. Die Fotos – es handelt sich um rund 2000 Glasplatten-Negative – dokumentieren die Arbeit und Forschung des Mönches, der nach seinem Eintritt ins Kloster Disentis 1881 im Jahr 1886 die Priesterweihe erhielt und als 38jähriger 1900 bis 1904 an der Universität Freiburg Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geologie und Meteorologie studierte.

Nach seinem Doktorat im Jahr 1905 blieb er den Naturwissenschaften treu und publizierte nach mehrjähriger Recherche eine Studie über die «Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im Vorderrheintal». Für diese Arbeit soll Hager die gesamte Waldgrenze der oberen Surselva zweimal abgeschritten haben, so wird erzählt. Besonders attraktive Stellen und Einzelbäume wie etwa eine Säulentanne hat er fotografisch dokumentiert.

Einblick in den bäuerlichen Alltag

Hagers Interesse galt neben de Naturwissenschaften auch der Volkskunde und insbesondere dem Arbeiten und Wirtschaften der Bergbevölkerung im Jahreslauf. Er plante eine umfassende Arbeit zu Landschaft und Ackerbau des Bündner Oberlandes, in welcher er die gesamte Pflanzenkultur und Pflanzenverwendung der Sursilvaner reich illustriert darstellen wollte. Bei seinem Tod im Juli 1918 lag davon aber nur das Kapitel «Flachs und Hanf und ihre Bearbeitung im Bündner Oberland» druckfertig vor.

Hager dokumentierte auch die Vielfalt von landwirtschaftlichen Werkzeugen. Mit im Bild sind immer auch die Menschen, die ihre Tätigkeiten für die Kamera vorführen. Auch wenn diese Fotos inszeniert waren – Belichtungszeiten von mehreren Sekunden waren die Regel – so geben sie doch einen Einblick in den bäuerlichen Alltag einer Bergregion. Bei den Fotos aus dem Leben von Kloster und Gymnasium stechen vor allem die Klassenfotos und die Dokumentationen der Theatergruppen ins Auge.

Das alles wäre nicht möglich gewesen, ohne langjährige Förderung durch das Kloster: «Die einsichtige Leitung des Klosters gewährte ihm die nötige Bewegungsfreiheit und zum Teil auch die Mittel zu zahllosen Exkursionen», heisst es dazu in seiner Biografie.

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Kloster Disentis mit RhB Viadukt. | © Archiv des Klosters/Karl Hager OSB
4. Januar 2026 | 14:50
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