Späte Ehre für Schwester Pia: Kloster-Zeichnungen in Müstair und Falera ausgestellt
Schwester Pia hat den Alltag der Ordensfrauen im Kloster Müstair auf Zeichnungen festgehalten. Entsprechende Karten hat die damalige Priorin den Bettelbriefen für die Kloster-Renovation beigelegt – mit Spendenerfolg. Nun sind die Zeichnungen im Kloster Müstair und im Kulturzentrum La Fermata in Falera ausgestellt – dort mit Werken anderer Ordensfrauen.
Regula Pfeifer
Auf die Frage, was es ihr bedeutet, dass ihre Zeichnungen dem Publikum gezeigt werden, zögert Schwester Pia*. «Ja, was soll ich sagen», meint sie erst. Und sagt dann doch: «Ich habe Freude, dass sie ausgestellt werden. Ich habe das alles gezeichnet, und es blieb lange in der Mappe drin versorgt. Und jetzt gibt es Leute, die sich das ansehen. Das ist schön, das freut mich wirklich.»
Die Ausstellung ist anlässlich des 1250-Jahr-Jubiläum Im Kloster St. Johann in Müstair zu sehen. Unlängst ist sie um ein Jahr verlängert worden – bis Ostern 2027.
Es seien viele Leute zur Vernissage gekommen, sagt Schwester Pia. «Ich habe gestaunt.» Die Leute hätten ihr Rückmeldung gegeben. Die Ausstellung ihrer Werke in Müstair ist laut der Museumsdirektorin Romina Ebenhöch in Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstanden. Ebenhöch habe sich für ihre Werke interessiert und sei auf sie zugekommen, erinnert sich Schwester Pia.
Bitte um Weihnachtskarte
Schwester Pia ist 94 Jahre alt. «Ich bin uralt», sagt sie, wirkt aber geistig fit. Ob sie noch künstlerisch tätig sei, geht die Frage an sie. «Nein, das kann man eigentlich nicht sagen», antwortet sie. «Ich brauche einen Anstoss dafür». Wenn jemand in ihrer Gemeinschaft sie um eine gezeichnete Weihnachtskarte bitte, dann mache sie das gerne.
Die Benediktinerin wurde 1931 in Zürich als Johanna Willi geboren und trat 1958 ins Kloster Müstair ein. Zuvor studierte sie an der Kunstgewerbeschule Zürich und an der Akademie André Lhote in Paris und arbeitete danach als wissenschaftliche Zeichnerin. Ihre meisten Werke seien damals entstanden, sagt Schwester Pia. Viele habe sie später der Kunstgewerbeschule überlassen, was sie heute bedauert.
Zeichnungen für Spendenanfragen
Die Zeichnungen hingegen, die den Klosteralltag in Müstair darstellen, hat sie nach ihrem Klostereintritt gefertigt. «Ich war 27 Jahre Priorin des Klosters in der Zeit der Renovation», erklärt sie. Diese habe viel Geld gekostet. «Da musste ich Bettelbriefe schreiben und dazu drei Karten zeichnen.» Eine Firma habe den Versand organisiert. «So kam das Geld zusammen für die Renovation des Klosters Müstair.»
Die Zeichnungen erinnern in ihrer zweidimensionalen Art an Appenzeller Volkskunst. Das könne sie nicht beurteilen, sagt die Ordensfrau. Einen Bezug zur Engadiner Volkstradition allerdings hat sie. Im Kloster Müstair hat sie wie die anderen Nonnen früher Engadiner Trachten mit Seide bestickt – und so Einkommen erwirtschaftet.
Mehr Ruhe im Kloster?
Ein Kloster mag wie ein idealer Ort für Kunstschaffende wirken. «Von aussen hat man das Gefühl, dass im Kloster viel Ruhe und Stille ist, dass man in Ruhe malen und künstlerisch tätig sein kann», sagt Armin Spescha, der die Ausstellung «Kunst aus dem Kloster» kuratiert hat, die in der Fermata in Falera zu sehen ist.
Diese Sicht kann die Ordensfrau nicht bestätigen: «Wir haben eigentlich wenig Freizeit», sagt Schwester Pia. Der Tag im Kloster sei getaktet mit Gebets- und Essenszeiten und dazwischen Arbeitszeiten. Da bleibe kaum Zeit für Kreativität.
«Aber wenn eine intelligente Oberin sieht: Diese Schwester hat ein Talent, das man entfalten könnte, dann ermöglicht sie das», sagt Willi. Auch sie selbst konnte und kann ihre Zeichnungen, wenn sie einen Auftrag hat, in der klösterlichen Arbeitszeit realisieren. Meist aber beteiligt sie sich – wie alle in der Gemeinschaft – an den anfallenden Arbeiten im Kloster.
Vier Ordensfrauen mit unterschiedlichen Stilen
Einige ihrer Zeichnungen sind nun in der Ausstellung «Kunst aus dem Kloster» im Kulturzentrum La Fermata in Falera zu sehen. Kurator Armin Spescha freut sich, «dass es uns gelungen ist, so unterschiedliche Ordensfrauen aus unterschiedlichen Klöstern zusammen zu bringen, die unterschiedliche Stilrichtungen zeigen – aber alle mit Glauben, Stille und Ethik zu tun haben». Zu sehen sind in der Ausstellung die Werke von vier Ordensfrauen, die in Bünder Klöstern leben oder lebten.
Darunter befinden sich auch Krippenfiguren sowie Bilder und Skulpturen von Schwester Anita Derungs vom Kloster Ilanz. Die inzwischen verstorbene Ordensfrau ist – wie Pia Willi – ausgebildet in ihrem Fach – als Keramikerin. Ihre Kunst brachte Armin und Eveline Spescha-Cadalbert auf die Idee, Kunst von Ordensleuten dem Publikum der Tourismusregion Laax näher zu bringen. Die beiden leiten die Kunststiftung Tarcisi, die nach eigenen Angaben die Kunstwerke eines «künstlerischen Rebellen» verwaltet. Es handelt sich dabei um einen ihrer verstorbenen Verwandten.
Die Speschas kannten die Ordensfrau, die aus ihrem Wohnort Sevgein stammte, und kauften im Kloster Ilanz eine ihrer Bronzefiguren. Dabei seien ihm andere künstlerisch tätige Ordensfrauen eingefallen, sagt Armin Spescha.
In «Kunst aus dem Kloster» sind auch Keramikwerke von Schwester Caritas Müller zu sehen sowie Ikonen und moderne Malerei von Schwester Maria vom Kloster Bludenz, einer Niederlassung von Cazis. Die Ausstellung enthält weiter Bilder von Schülerinnen und Schülern der örtlichen Schulen sowie einer jungen Künstlerin zum Thema «Gemeinschaft». (korrigiert am 12.1.26)
*Schwester Pia wünscht mit ihrem Ordensnamen genannt zu werden. Ihr bürgerlicher Name ist Johanna Willi. Die Zürcherin trat 1985 ins Benediktinerinnenkloster Müstair ein.
Die Ausstellung «Kunst aus dem Kloster» ist bis April 2026 im Kulturzentrum La Fermata in Falera zu sehen.
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