Gertrud die Grosse – die unbekannte Co-Patronin des Klosters Mariastein
Der neue Band der Reihe «Mariasteiner Schriften» widmet sich den zahlreichen biblischen und heiligen Frauen, die im und um das Kloster Mariastein figürlich, malerisch oder allegorisch dargestellt sind. Neben der Muttergottes steht die Mystikerin Gertrud von Helfta im Vordergrund.
Boris Burkhardt
Die Anekdote bringt Irina Bossart erst zum Schluss ihres Vortrags. Aber sie zeigt, um was es geht: Die Überschrift eines Textes über die Beziehung des Klosters Mariastein zur Mystikerin Gertrud von Helfta lautete: «Eine Frau als zweite Patronin gesucht». Die ETH Zürich machte daraus bei der Digitalisierung aus Versehen: «Eine Frau als zweite Pastorin gesucht». «Vielleicht ein Wink für die Zukunft?», fragte Bossart verschmitzt die rund 80 Gäste im Publikum.
Anlass war die öffentliche Vorstellung des fünften Buchs in der Reihe «Mariasteiner Schriften» am vergangenen Samstag im Kloster: Es widmet sich unter dem Titel «Still und stark» ausschliesslich den «heiligen Frauen von Mariastein».
Co-Patronin seit 1684
Die Historikerin, reformierte Theologin, frühere Baselbieter Gymnasiallehrerin und heutige Appenzeller Pfarrerin Irina Bossart stellte das Buch im katholischen Männerkloster vor, weil sie 2003 eine erste Ausgabe herausgebracht hatte und seither immer wieder für das Kloster tätig war. Auf Bitte der Klostergemeinschaft hat sie für die Reihe «Mariasteiner Schriften» ihr inzwischen vergriffenes Werk überarbeitet und mithilfe zahlreicher weiterer Autorinnen stark erweitert.
Über Gertrud von Helfta (1256-1301/1302) sprach Bossart ausführlich, eben weil sie 1684 neben Vinzenz von Saragossa vom Konvent als Co-Patronin («oder besser: Matrone») des Klosters gewählt worden sei – und weil sie typisch für die Frauen in Mariastein trotz ihrer hervorgehobenen Stellung wenig bekannt sei.
Gertrud die Grosse
Die Mystikerin aus dem 13. Jahrhundert kam mit fünf Jahren ins Helftaer Kloster im heutigen Sachsen-Anhalt. Mit 25 Jahren soll ihr während einer Glaubenskrise erstmals Christus in einer Vision erschienen sein, der sie in der Zusage von Gottes Gegenwart und Treue sowie im Versprechen auf die Erlösung bestärkt habe. Als das Domkapitel von Halberstadt vom Kloster den Verzicht auf ein Klostergut habe erzwingen wollen und ein Interdikt ausgesprochen habe, habe Gertrud den dadurch verwehrten Empfang der Kommunion mit einer Vision überbrückt, in der ihr Christus zugesichert habe, dass in ihrer Wesensverbundenheit mit ihm niemand die Schwestern von ihm trennen könne.
«Die Power Gertruds fasziniert mich», sagt Bossart: «Sie schrieb kunst- und klangvoll in lateinischer Sprache und brauchte keinen Priester für ihre Beziehung zu Christo.» Die Heilige wird als einzige Frau in der Katholischen Kirche als «die Grosse» bezeichnet; ihre «Exercitia spiritualia» gelten heute als ein Hauptwerk der mittelalterlichen Mystik. Im Kloster Mariastein ist ihr seit 1909 das Gertrudis-Altärchen gewidmet.
«Frauen in der Kirche geraten immer wieder in Vergessenheit.»
«Noch nie gehört», sei dennoch eine typische Reaktion auch von Menschen, die das Kloster kennten, wenn sie Getrud von Helfta anspreche, fuhr Bossart fort: «Das scheint mir irgendwie symptomatisch zu sein: Frauen in der Kirche – ausser Maria – geraten immer wieder in Vergessenheit, obwohl sie seit Beginn der Kirche präsent sind und eine aktive Rolle spielen.» Und das, obwohl sich in Bezug auf die Verehrung aller Heiligen in der Katholischen Kirche historisch kein Antifeminismus feststellen lasse. Dem Schattendasein der Frauen schafft das Buch «Still und stark» zumindest für Mariastein nun Abhilfe.
Neben Bossart stellen 20 weitere Autorinnen in kurzen Essays und Portraits alle Frauen vor, die sich in Mariastein auf dem Weg zum Kloster, auf dem Klosterplatz, in der Basilika, in der Siebenschmerzenkapelle, in der Gnadenhöhle und in der Klosterbibliothek finden, biblische Figuren, historische Heilige und Kirchenlehrerinnen sowie Frauengestalten als Allegorien für Weisheit, Hoffnung und Glauben: unter anderen Maria Magdalena, Veronika, Anna, Scholastica, Ursula, Verena, Odilia, Katharina von Siena, Eva und Elisabeth von Thüringen – als Statuen und Büsten, auf Altären und Rosenkranzreliefs, auf Fresken und Glasmalereien, auf Kreuzwegtafeln und als Reliquien.
Alternative Wallfahrt über Frauen
Die ursprüngliche Idee zum Buch 2003 kam Bossart als Mitglied des Vereins Frauenstadtrundgang Basel, für den sie Basler Frauengeschichten aufarbeitete («Von der Dienstmagd bis zur Aristokratin»). Bei ihren regelmässigen Spaziergängen in Mariastein entwickelte sie das Konzept einer «alternativen Wallfahrt»: «Ich entdeckte im und ums Kloster immer wieder Darstellungen von Frauen.»
Auch Abt Ludwig Ziegerer machte laut eigener Aussage solche Entdeckungen: «Sie sind oft wenig bekannt, gehören aber seit Jahrhunderten zum Wallfahrtsort.» Sie gingen einen Weg, «der nicht im Vordergrund steht». Dennoch gelte es, «ihr Erbe vom stillen Glauben ernstzunehmen».
Stiftung ermöglichte Publikation
Für Mariano Tschuor, Kommunikationsverantwortlicher des Klosters und mit Bossart zusammen Redaktor des Buches, ist die Veröffentlichung des fünften Bandes der «Mariasteiner Schriften» mit «grosser Genugtuung verbunden». Die Schriftenreihe entstand 2021 im Zusammenhang mit dem 50-Jahr-Jubiläum der staatsrechtlichen Wiederherstellung des Klosters Beinwil-Mariastein.
«In einer rasanten Informationswelt, die vor allem Breite und Oberflächlichkeit hervorbringt, gleicht ein gut geschriebener, kluger Text einer Perle im Datenstrom», sagte Tschuor. Allerdings sei die Produktion des Buches wegen Geldmangels «über Monate in der Schwebe» gestanden, bis sich nach erfolglosen Anfragen bei Förderinstitutionen und Privatpersonen die Mahari-Stiftung aus der Baselbieter Nachbarstadt Laufen zu einer «grosszügigen Zuwendung» bereiterklärt habe.
Musik von Komponistinnen
Musikalisch begleitet wurde die Buchvorstellung von den beiden Studenten der Basler Schola Cantorum Siri Löffel und Priit Peterson. Auf verschiedenen Flöten und Lauten boten sie auf Wunsch Bossarts Musik von Komponistinnen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit dar. «Bei der Anfrage dachten wir erst, dass es davon nicht so viele gebe», erklärte Löffel: «Aber wenn man sucht, findet man einige.»
An diesem Nachmittag waren es Isabella Leonarda (1620–1704), Maddalena Casulana Mezari (16. Jhd.), Élisabeth Jacquet de La Guerre (1665–1729) sowie eine Antiphon von Hildegard von Bingen (1098–1179), bei dem das Publikum zur Flötenmelodie gekonnt den Bass summte.
Die reformierte Pfarrerin und die heiligen Frauen
«Die Beschäftigung mit heiligen Frauen geht auf die aktive Zeit beim Basler Frauenstadtrundgang zurück», sagt Irina Bossart gegenüber kath.ch. Weibliche Gottessucherinnen interessieren die reformierte Pfarrerin und Historikerin. Im Pfarralltag in Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden spielen sie aber kaum eine Rolle. Ab und zu doch, etwa wenn sie mit Konfirmanden die Inklusen in St. Gallen besucht, welche das Einsiedlerdasein der heiligen Wiborada nacherleben.
«Die heiligen Frauen sind im Kloster Mariastein nicht besonders präsent, abgesehen von Maria», sagt Bossart. Es gebe zwar kleine Feste zu ihrem Gedenken, etwa für Scholastika, Anna und Gertrud von Helfta. «Aber die heiligen Frauen werden in Mariastein nicht als der Schatz wahrgenommen, der sie eigentlich sind», so Bossart. Symptomatisch dafür: Der kleine Gertrudis-Altar steht in der Klausur des Klosters und ist so für Pilgernde unerreichbar. Dem soll die aktuelle Publikation nachhelfen.
Die reformierte Theologin und Historikerin ist überzeugt: Mit den Schriften der Mariasteiner Co-Patronin und Mystikerin Gertrud von Helfta «könnte man eine ganz neue theologische Sprache begründen». Gertrud lebte im 13. Jahrhundert im Kloster Helfta bei Eisleben im heutigen Sachsen-Anhalt, einem geistlichen Zentrum jener Zeit, und entwickelte eine eigene Theologie. Darauf aufbauend liessen sich Exerzitien entwickeln, vergleichbar den ignatianischen Exerzitien, findet Bossart. (rp)
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