Preisverleihung des Marga Bührig Förderpreises im Literaturhaus Basel an Paulina Hauser
Schweiz

Paulina Hauser: «Riesiges Ausmass der Menschenrechtsverletzungen an Frauen»

Paulina Hauser hat den Marga Bührig-Förderpreis für ihre Dissertation erhalten. Bei den Menschenrechtsverletzungen an Frauen zeigen sich trotz regionaler Unterschiedlichkeiten weltweit Parallelen und wiederkehrende Muster. Sie zu bekämpfen benötigt andere Mittel als Menschenrechtsverletzungen an Männern.

Jacqueline Straub

Sie haben für Ihre Dissertation den Marga Bührig-Förderpreis erhalten. Was bedeutet das Ihnen?

Paulina Hauser*: Dass ich den Marga Bührig-Förderpreis erhalten haben, ist für mich eine grosse Ehre, aber vor allem ein Auftrag, weiter an dem Thema zu arbeiten und darüber zu sprechen. Die Auszeichnung ist auch ein Zeichen der ökumenischen und landesübergreifenden Verbundenheit auf der «Suche nach Gerechtigkeit» – wie es in der Ausschreibung des Preises heisst – für die ich sehr dankbar bin und die bei der Preisverleihung deutlich spürbar war.

Aktivist*innen auf dem Mormont stellen sich gegen die Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen des multinationalen Konzerns LafargeHolcim.
Aktivist*innen auf dem Mormont stellen sich gegen die Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen des multinationalen Konzerns LafargeHolcim.

Der Titel Ihrer Arbeit lautet: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sozialethische Analyse von Menschenrechtsverletzungen an Frauen aus globaler Perspektive». Was war Ihre grösste Erkenntnis beim Erforschen dieses Themas?

Hauser: Es lohnt sich, nicht nur auf einzelne Phänomene zu schauen, sondern auch das Gesamtbild in den Blick zu nehmen. Das Ausmass der Menschenrechtsverletzungen an Frauen ist riesig und gleichzeitig gab es lange Zeit keine entsprechende Analyse in der christlichen Sozialethik und katholischen Soziallehre. Trotz aller regionalen Unterschiedlichkeiten lassen sich doch weltweit Parallelen und wiederkehrende Muster entdecken.

Was hat Sie ratlos zurückgelassen?

Hauser: Im Verlauf des Schreibens an meiner Dissertation konnte ich einen zunehmenden Backlash beobachten, wurden Rechte von Frauen vielerorts wieder stärker eingeschränkt und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt. Das macht mir grosse Sorgen, weil wir zwar sagen können, wo genau das Problem liegt und wie Handlungsoptionen aussehen können, wir aber gleichzeitig sehen, dass der Wille zur Veränderung eher abnimmt.

«Die Frage, ob Menschenrechte auch uneingeschränkt für Frauen gelten, wurde und wird mit Verweis auf die je eigene kulturelle Identität immer wieder bezweifelt.»

In Ihrer Dissertation beschäftigten Sie sich unter ethischen Gesichtspunkten mit den Menschenrechten von Frauen weltweit. In Diskursen um Geschlecht und Kultur stellen sie einen diffizilen Schlüsselpunkt dar. Inwiefern?

Hauser: Die Frage, ob Menschenrechte auch uneingeschränkt für Frauen gelten, wurde und wird mit Verweis auf die je eigene kulturelle Identität immer wieder bezweifelt.

Paulina Hauser
Paulina Hauser

Auch ausserhalb dieser menschenrechtlichen Ebene wird das Geschlechterverhältnis, verbunden mit den jeweiligen essenzialistischen Rollenzuschreibungen, häufig als im Kern kulturell verstanden, weil es in einem grossen Ausmass das innerste Verhältnis von Beziehungen und Familien prägt. Anders als etwa ein Folterverbot oder das Recht auf einen fairen Prozess werden durch die Infragestellung von traditionellen Geschlechterrollen auch kulturell geprägte Überzeugungen zum Diskussionspunkt.

«Während der Kolonialisierung wurde der Schleier zum Symbol für die ungleichen Geschlechterverhältnisse und zum Ansatzpunkt für die koloniale Kulturpolitik.»

Die Zusammenhänge sind komplex. Können Sie ein Beispiel nennen?

Hauser: Während der Kolonialisierung wurde der Schleier zum Symbol für die ungleichen Geschlechterverhältnisse und zum Ansatzpunkt für die koloniale Kulturpolitik, die im Ablegen des Schleiers die Befreiung der Frauen und in diesem Sinne die Möglichkeit sah, Kultur mithilfe der Frauen zu verändern. Für die Kolonisierten wurde der Schleier aufgrund dessen zum Bekenntnis-Symbol gegen die Kolonialisierung und die Veränderung der Kultur und ist dies zum Teil bis heute.

Muslimische Frauen mit Nikab in Zürich
Muslimische Frauen mit Nikab in Zürich

Welche Rolle spielt Kultur bei Frauenrechten?

Hauser: Die Vorbehalte bei der Ratifizierung von Menschenrechtsdeklarationen betreffen nicht nur, aber doch sichtbar oft die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Als wichtiges Argument wird dabei immer wieder auf kulturelle, religiöse und regionale Gesetze und Bräuche verwiesen. Diese kulturellen Gesetze betreffen die Gleichberechtigung sowie den als privat geltenden familiären Lebensbereich, also genau den Ort, an dem Menschenrechtsverletzungen an Frauen in besonderer Weise stattfinden.

«Menschenrechtsverletzungen an Frauen sind oft geschlechtsspezifisch induziert.»

Sie analysieren auch Geschlechtsspezifika von Menschenrechtsverletzungen. Was ist dabei auffallend?

Hauser: Menschenrechtsverletzungen an Frauen sind oft geschlechtsspezifisch induziert, erfolgen zu grossen Teilen im privaten Umfeld, werden dabei vor allem von männlichen, aber auch von weiblichen Angehörigen begangen und haben häufig eine sexualisierte Komponente.

Sie reichen von der geschlechtsspezifischen Abtreibung, weiblicher Genitalverstümmelung, über Früh- und Zwangsehen, strukturellen Benachteiligungen in Politik, Wirtschaft und Recht bis hin zu Femiziden, sexualisierter Gewalt, Zwangsprostitution und Hexenverfolgung. Menschenrechtsverletzungen erfolgen auf der Basis gesellschaftlicher Zuschreibungen und Rollenverständnissen von Frauen und Männern und werden deshalb oft als weniger schwerwiegend oder sogar als legitim betrachtet, und zwar zum Teil auch von den betroffenen Frauen selbst.

Justizmorde an Frauen: Die Hexenverfolgung in der Schweiz.
Justizmorde an Frauen: Die Hexenverfolgung in der Schweiz.

Mehr noch: Einige der Menschenrechtsverletzungen erfolgen mit dem (vermeintlichen) Ziel, die betroffenen Frauen beispielsweise vor gesellschaftlichem Ausschluss, einer zu frühen Schwangerschaft oder existentieller Armut zu schützen. Darin zeigt sich die Besonderheit von Menschenrechtsverletzungen an Frauen, weil diese häufig so wahrgenommen werden, als würden sie zum Wohl der Frauen beitragen und ihrer sozialen Rolle entsprechen. Menschenrechtsverletzungen an Frauen stellen damit die Spitze des Eisbergs grundlegender geschlechtsspezifischer Ungleichheit und Ungerechtigkeit in nahezu allen Lebensbereichen dar.

«Menschenrechtsverletzungen an Frauen folgen oft einer anderen Logik als jene an Männern.»

Wie können Menschenrechte von Frauen nachhaltig geschützt werden?

Hauser: Menschenrechtsverletzungen an Frauen folgen oft einer anderen Logik als jene an Männern, deshalb müssen sie auch mit anderen Mitteln vorgebeugt und bekämpft werden. Da Menschenrechtsverletzungen an Frauen grundlegend auf die sozial untergeordnete Positionierung von Frauen in der Gesellschaft zurückzuführen sind, stellt die Veränderung dieser Positionierung den entscheidenden Ansatzpunkt dar – auf struktureller und auf symbolischer Ebene. Nur eine tiefgreifende Geschlechtergerechtigkeit wird daher Menschenrechte von Frauen nachhaltig schützen.

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* Paulina Hauser arbeitet als Persönliche Referentin der Präsidentin beim Deutscher Caritasverband e.V. in Deutschland. Ihre Doktorarbeit mit dem Titel «Menschenrechtsverletzungen an Frauen. Eine sozialethische Analyse aus globaler Perspektive» ist im Nomos Verlag erschienen. Sie hat für ihre Arbeit den hochdotierten Marga Bührig-Förderpreis erhalten.


Preisverleihung des Marga Bührig Förderpreises im Literaturhaus Basel an Paulina Hauser | © zVg
22. Oktober 2025 | 17:00
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