Abt des Zisterzienserklosters Hauterive: Marc de Pothuau
Schweiz

Marc de Pothuau: «Wir haben uns eine Liturgie ausgedacht, die bewegt»

Die Kirche der Abtei Hauterive bei Freiburg ist umfassend renoviert worden. Der umgestaltete Kirchenraum ermögliche eine neue Art Liturgie, bewegt und gemeinschaftlich, sagt Marc De Pothuau, Abt der Zisterziensergemeinschaft.

Carole Pirker, cath.ch

Die Abtei Hauterive liegt sieben Kilometer von Freiburg entfernt, eingebettet in eine Saane-Schleife. Ihre Kirche, die Kirche Sainte-Marie, wurde vier Jahre lang renoviert und ist nun wieder offen für Gläubige und Interessierte.

Für die etwa fünfzehn Zisterziensermönche der Gemeinschaft endet damit ein langer Denkprozess. Denn die bisherige Gestaltung der Kirche verhinderte den direkten Kontakt mit den Gläubigen. Beim Eingang empfing früher das Kirchenschiff die Gäste. Den Mönchen vorbehalten waren hingegen das Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert in der Mitte des Kirchenraums, mit Gittern abgeschlossen, und der Chorraum am anderen Raumende, mit Altar und grossem Glasfenster.

«Wir wollten nicht mehr die Abgeschiedenheit feiern, sondern die Gemeinschaft.»

Wie ist es Ihnen gelungen, diese getrennten Elemente wieder zu einer Einheit zu verbinden?

Marc de Pothuau: Unser liturgisches Projekt bestand darin, nicht mehr das zu feiern, was beim Betreten der Kirche am meisten ins Auge fiel: die Abgeschiedenheit. Wir wollten nicht mehr die Abgeschiedenheit feiern, sondern die Gemeinschaft. Wir sind Mönche, die in Gemeinschaft miteinander leben, und der heilige Benedikt (siehe Kasten) fordert uns auf, Menschen aufzunehmen, um diese Gemeinschaft zu leben. Das ist wirklich unsere klösterliche Identität. Heute gibt es nicht mehr auf der einen Seite die Mönche und auf der anderen Seite die Gläubigen. Mönche und Gläubige sind zusammen, entweder im Kirchenschiff oder auf der Seite des Altars und des Chorgestühls.

Die Mönche im Chorgestühl, wie es seit 1482 bestand
Die Mönche im Chorgestühl, wie es seit 1482 bestand

Diese Renovierung verlief nicht reibungslos…

De Pothuau: Man spricht von vier Jahren Bauzeit, aber die Überlegungen dauerten neun Jahre. Es war schwierig, da unsere erste Idee, das Chorgestühl und den Altar zu versetzen, im Dezember 2018 von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege abgelehnt wurde. Es stimmt, dass unser Projekt sehr gewagt war. Wir mussten also in den sauren Apfel beissen…

«An dieser Kirche haben Fachleute die Methoden der modernen Restaurierung entwickelt.»

Tatsächlich ist die Kirche von Hauterive nicht irgendein Gebäude. Es ist ein Monument, an dem Fachleute und Konservatoren ihre Methoden für das 20. Jahrhundert entwickelt haben. Die Restaurierung dieser Kirche um 1900 definierte also die Methoden der modernen Restaurierung in der Schweiz. Alle Konservatoren der Schweiz pilgern nach Hauterive, um die Prinzipien der Restaurierung zu entdecken. Wir rührten tatsächlich einen Ort an, der allen heilig ist.

Sie mussten also noch einmal von vorne anfangen…

De Pothuau: Wir konnten das Chorgestühl nicht versetzen. Aber es musste sich etwas ändern. Wir begannen, über eine bewegte Liturgie nachzudenken und darüber, wie unsere Gemeinschaft die Menschen dazu einladen könnte, sich mit ihr zu bewegen. Also beschlossen wir, für die tägliche Messe die Mönche und Gläubigen zu bewegen und sie gemeinsam durch die Kirche wandern zu lassen, vom Kirchenschiff zum Chorgestühl und bis zum Chorraum und um den Altar herum.

«Nicht nur unsere kleine Kirche musste sich reformieren, sondern die gesamte Weltkirche.»

Wir haben diese Überlegungen zu einer Zeit angestellt, als die grosse synodale Bewegung die ganze Kirche dazu aufrief, gemeinsam voranzuschreiten. Es war also nicht nur unsere kleine Kirche, die sich reformieren musste, sondern die gesamte Weltkirche.

Start zum Synodaler Prozess, 2021: Papst Franziskus will zuhören.
Start zum Synodaler Prozess, 2021: Papst Franziskus will zuhören.

Während der vierjährigen Bauarbeiten mussten Sie die Gottesdienste und die Messe im Refektorium in der Abtei feiern. Wie haben Sie das erlebt?

De Pothuau: Ohne die provisorische Kirche hätten wir den vorgestellten Plan nicht gewagt. Die provisorische Kirche war ein kleiner Raum, in dem man den Menschen sehr nahe sein musste. Wir haben festgestellt, dass sich die Menschen, wenn wir sie in der Nähe der Mönche empfingen, also praktisch im selben Raum wie unsere Chorgestühle, wie Betende verhielten: Je besser sie empfangen wurden, desto besser beteten sie und … desto besser beteten auch wir! Aber die alte Anordnung zeigte ihnen, dass der heilige Raum sich hinter dem Gitter befand, das zu den Chorgestühlen führte, und nicht, wo sie sich befanden.

«Die provisorische Kirche diente als Labor zum Testen und Bestätigen.»

Diente Ihnen die provisorische Kirche also als Versuchslabor?

De Pothuau: Genau. Als Labor zum Testen und Bestätigen. Indem wir diese Nähe erlebten, konnten wir uns eine ähnliche Nähe in der Kirche vorstellen und die Menschen für die sieben täglichen Gottesdienste in unser Chorgestühl einladen, da wir etwa fünfzehn Mönche sind und es insgesamt fünfzig Plätze gibt. Das gab uns den Kühnheit, diesen Raum neu zu überdenken.

Das spätgotische (vorne) und das zeitgenössische Chorgestühl.
Das spätgotische (vorne) und das zeitgenössische Chorgestühl.

Wie konkret?

De Pothuau: Unsere Kirche hat eine sehr einfache Struktur mit einem flachen Kirchenschiff aus einem einzigen Schwung. Aber die gesamte Dynamik der Kirche lässt sich nur im Verhältnis zum Altar verstehen. Der Altar war jedoch dunkel. Er stand im Schatten eines Buntglasfensters, das im unteren Teil um zwei Etagen gekürzt und mit Molasseblöcken zugedeckt war.

Um die wahre Dynamik des Raumes wiederherzustellen, musste der Altar mit seinem Buntglasfenster wieder zum Leuchten gebracht werden. So wurde der Altar freigelegt und die Dynamik des Kirchenschiffs wiedergefunden, indem der durchs Glasfenster beleuchtete Altar als Fokuspunkt diente, und indem die Bänke neu vis-à-vis im Kirchenschiff angeordnet wurden, wo sich während der Messen die Mönche in der ersten Reihe hinsetzen und die Gläubigen hinter ihnen.

Auf beiden Seiten des nun offenen Gitters, das zu dem Chorgestühl führt, befanden sich früher zwei Seitenaltäre, die während der Renovierung entfernt wurden…

De Pothuau: Ja, sie stammten aus dem 19. Jahrhundert. Das war zu einer Zeit, als mehrere Priester fast zur gleichen Zeit eine Messe feiern musste. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren wurde die Idee einer Messe eingeführt, bei der alle Priester eine einzige Eucharistiefeier mit der gesamten Gemeinde feiern. Diese Altäre wurden also entfernt, um das Chorgestühl zu restaurieren.

«In der Seitenkapelle können die Menschen individuell beten.»

Es gibt auch eine Seitenkapelle, die Kapelle Saint Nicolas, die vollständig restauriert wurde…

De Pothuau: Ja, die Menschen können dort beten, denn das Kirchenschiff ist in erster Linie kein Ort der individuellen Andacht, sondern der gemeinschaftlichen Feier. Dort feiern wir um 4 Uhr morgens die Vigil. Sie ist jetzt beheizt, was früher nicht der Fall war.

Und wie war es, Ihre Kirche wiederzuhaben?

De Pothuau: Es war eine Überraschung. Wir sind eines Abends hineingegangen und haben das letzte Gebet des Tages gesungen, das Salve Regina, ein sehr schönes Lied an die Jungfrau Maria.  Beim Singen wurde uns bewusst, dass wir diesen herrlichen akustischen Raum vergessen hatten. Und es war magisch! Ich hatte Mühe, das Lied zu Ende zu singen, so bewegt war ich (lacht).

«Die Renovation übertrifft unsere kühnsten Erwartungen.»

Entspricht diese Renovierung letztendlich den Erwartungen der Mönche?

De Pothuau: Ja, in jeder Hinsicht. Sie übertrifft sogar unsere kühnsten Erwartungen. Der Altar thront nun über dem Raum, und es macht uns sehr glücklich, ihn durch das Buntglasfenster beleuchtet und von Gläubigen umgeben zu sehen. Einige Brüder fragten sich, ob die Menschen verstehen würden, wozu wir sie einluden. Wir waren gespannt. Wir haben sehr schöne Rückmeldungen erhalten, aber auch unterschiedliche Reaktionen von Menschen, die nicht verstehen, was wir damit bezwecken wollten. Ich persönlich glaube, dass es schwer zu erklären ist, solange man nicht gemeinsam gefeiert hat, solange die Menschen diese liturgische Bewegung nicht erlebt haben. (Übersetzt und adaptiert von rp)

Zisterzienser und die Regel des heiligen Benedikt

Die Mönchsgemeinschaft der Abtei Hauterive führt ein Leben nach der Regel des heiligen Benedikt, eines jungen Adligen, der 480 in Nursia, Italien, geboren wurde und von Katholiken und Orthodoxen als Patriarch der westlichen Mönche angesehen wird. Die in der klösterlichen Tradition verwurzelten Prinzipien des Zisterzienserlebens beruhen auf drei Säulen: Gebet, Arbeit und brüderliches Leben. Die Regel des heiligen Benedikt sieht auch die Wahl des Abtes, des sogenannten Abtvaters, durch die Gemeinschaft vor, an deren Spitze er steht. Am 13. November 2010 wurde Marc de Pothuau der 60. Abt von Hauterive. (mp)


Abt des Zisterzienserklosters Hauterive: Marc de Pothuau | © Bernard Hallet
23. September 2025 | 16:11
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