Die Abtei Montecassino, Sinnbild des christlichen Europa
Majestätisch thront das Kloster Montecassino auf einem Berg im südlichen Latium. 534 n.Chr. vom heiligen Benedikt gegründet hat es manchen Sturm erlebt und auch einige Erdbeben. 1944 wurde es durch amerikanische Bomber zerstört.
Francesco Papagni
Wer heute nach Montecassino hinauffährt, kommt kurz vor dem Kloster an der Abzweigung zum polnischen Soldatenfriedhof vorbei. Nach verschiedenen Versuchen, den Berg zu stürmen, waren es polnische, in der britischen Armee kämpfende Regimenter, die den deutschen Widerstand gebrochen haben. Tatsächlich verlief in dieser Gegend die sogenannte Gustavlinie, die deutsche Verteidigungsstellung, die den Landungstruppen unter britisch-amerikanischer Führung grosse Schwierigkeiten bereitete.
Vom Kloster aus hat man einen ausgezeichneten Rundblick über das bergige Territorium und kann ahnen, welche Herausforderungen ein Krieg in dieser Topographie bietet. Neben Polen kämpften Amerikaner, Briten, Neuseeländer, Inder, Algerier und andere Nationen gegen die deutschen Besatzer – eine Weltkoalition. Das vergessen wir gerne, wenn wir über den Zweiten Weltkrieg nachdenken. Es hat einen schrecklichen Blutzoll der ganzen Welt gebraucht, um die nationalsozialistische Herrschaft in Europa zu brechen.
Spirituelles und kulturelles Zentrum
Dies ist das letzte Kapitel einer langen Geschichte der Abtei, die über Jahrhunderte ein spirituelles und kulturelles Zentrum gewesen ist. So ist etwa die Chronik von Montecassino eine unschätzbare Quelle für die Geschichte des Mittelalters; eine Zeit, in der sich Longobarden, Normannen und Staufer als Oberherren abwechselten. Heute mag dieses Gebiet eher peripher sein, aber im 11, 12. und 13. Jahrhundert war das Land südlich von Rom kulturell und materiell reich. Deswegen regte es den Appetit der genannten Völker des Nordens an. Sie kamen als Eroberer und brachten Süditalien zu politisch-kultureller Hochblüte.
Bis heute setzen ihre Kathedralen und Burgen einen in Erstaunen. Auf der Nord-Süd-Achse gelegen lieferte Montecassino die Schreiber, überhaupt einen Teil des kulturellen Wissens. Die Benediktiner betrieben ein Scriptorium, eine Schreibwerkstatt, wo Bücher geschrieben, kopiert und illustriert wurden. Der Kern dieses Schatzes hat bis in die Gegenwart überlebt, weil die Mönche die wertvollsten Stücke versteckten, sobald sie Gefahr wahrnahmen.
Benedikt und Scholastika
Montecassino ist das Stammkloster des Benediktinerordens, das so viel dazu beigetragen hat, dass Europa ein christlicher Kontinent geworden ist. Deshalb kommt ihm überragende symbolische Bedeutung zu. Nach dem Krieg wurde die riesige Anlage originalgetreu im Stil des neapolitanischen Barock wiederaufgebaut. Heute ist es ein Pilgerziel, denn der heilige Benedikt und seine Schwester, die heilige Scholastika sind hier beerdigt.
Es sollen nur noch zirka siebzehn Mönche in dem schönen Kloster leben. Sie stellen sicher, dass die Anlage nicht zum Museum wird. Übrigens ist die Krypta, in der sich die Gräber befinden, von Mönchen aus dem Kloster Beuron im Schwarzwald mit Mosaiken geschmückt worden – ein starkes Zeichen für benediktinische Verbundenheit über alle Nationengrenzen hinweg. Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und inmitten eines neuen Krieges kann unser Kontinent etwas von dieser christlichen Verbundenheit gebrauchen.
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