Buhlmann Claudia
Radiopredigt

Claudia Buhlmann: «Aare-Wasser»

In der Radiopredigt geht es an diesem Sonntag ums Wasser: Sie ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Aare in Bern. In der Predigt erfahren wir, wie wichtig das Wasser für den Menschen ist und dass unsere Seele nicht immer den gleichen Wasserstand hat.

Claudia Buhlmann*

«Es gibt verschiedene Gründe für mich, liebe Hörerinnen und Hörer, nach Bern zu fahren. Ein Theaterbesuch, Einkäufe erledigen, vielleicht ein Treffen mit Freundinnen. Ganz egal, was mich in die Stadt zieht, ich werde auf meinem Weg dorthin die Aare überqueren müssen.

Blick auf den Fluss

Von Norden herkommend fahre ich mit der Bahn oder dem Bus entweder über die Tiefenau- oder die Halenbrücke. Es ist immer dasselbe «Spiel»: sobald die Brücken in Sichtweite sind, recke und strecke ich mich, um aus dem Fenster einen kurzen Blick auf den Fluss zu erhaschen.

«Allein an die Aare zu denken, macht mich glücklich.»

Ich schaue nach, ob die Aare viel oder wenig Wasser führt. Ich will wissen, welche Farbe sie hat, ob sie über die Ufer getreten ist oder ruhig in ihrem Bett liegt. Die Aare zu sehen, lässt mich immer wieder staunen. Allein an die Aare zu denken, macht mich glücklich.

Eintauchen in die Aare

Wenn man in einen Fluss verliebt sein kann, dann bin ich es: verliebt in die Aare. Wenn ich Kummer habe, tröstet es mich, an ihrem Ufer zu sitzen. Wenn ich fröhlich bin und das Wetter und die Wassermenge es zulassen, dann tauche ich in sie ein, schwimme, lasse mich tragen und von ihrer Frische umarmen.

Die Aareschlucht: Das Wasser frisst sich über Jahrtausende durch den Stein.
Die Aareschlucht: Das Wasser frisst sich über Jahrtausende durch den Stein.

Mit dieser Liebe bin ich nicht allein. Menschen von nah und fern kommen an die Aare, um darin zu baden oder darauf zu «böötlen». In der Zeitung habe ich gelesen, dass an einem schönen Sommertag bis zu 2000 Menschen den Fluss zwischen Thun und Bern in Gummibooten hinunterfahren. Flüsse sind Lebensadern. Nicht nur für Schwimmer und Bootfahrerinnen.

Mythos Fluss

Flüsse liefern uns Energie aus zahlreichen Kraftwerken an ihren Ufern, sie bewässern unsere Felder und befördern auf grossen Schiffen Waren von Ort zu Ort. Seit tausenden von Jahren haben Flüsse überall auf der Welt eine grosse Bedeutung.

Die Menschen haben sich zuerst an Flussufern niedergelassen und bevor sie den Bergen, den Wäldern und Ackerstücken Namen gegeben haben, wurden die Flüsse benannt.

«Auch wenn ich die Aare liebe, weiss ich doch, dass sie mir nicht gehört.»

Es gibt sogenannte heilige Flüsse, wie den «Ganges» in Indien, es gibt Flüsse, die ganze Kulturen hervorgebracht haben, wie den «Nil», in Ägypten und es gibt Flüsse, wie den «Whanganui» in Neuseeland, der von den Ureinwohnern, den Maori, als eigenes Lebewesen betrachtet wird. Flüsse, sagen sie, kann man nicht besitzen, sie sind keine Ware.  Sie sagen: Flüsse gehören nur sich selbst. Das kann ich gut verstehen, denn auch wenn ich die Aare liebe, weiss ich doch, dass sie mir nicht gehört.

Elementar: Die Aare in Bern.
Elementar: Die Aare in Bern.

Die Aare ist Teil des lebendigen Wasserkreislaufs unseres Planeten und verändert ihre Fliessgeschwindigkeit und ihre Farbe in Abhängigkeit von der Grosswetterlage. Wenn im Winter wenig Schnee fällt, gibt es im Frühling wenig Schmelzwasser und der Wasserstand ist niedrig.

Milchig grün

Wenn es im Sommer heiss ist und mehr Schmelzwasser vom Aaregletscher kommt, kann ich das an ihrer Farbe erkennen: sie wird milchig grün. Viel Regen oder starke Gewitter in den Bergen bewirken, dass sie zum reissenden Fluss werden kann, der alles mitnimmt, was sich ihm in den Weg stellt. Flüsse sind Lebensadern und so wie die Adern, die gross und klein, unseren Körper durchziehen, nähren sie als Ströme oder Bäche mit ihrem Wasser unsere schöne Erde. Flüsse sind Lebensadern und Wasser ist Leben.

«Wasser hat, so wie die Liebe, keinen Anfang und kein Ende. Es bewegt sich im Kreis.»

Viele uralte Geschichten vom Anfang der Welt beginnen im Wasser. In der Bibel heisst es grad auf der ersten Seite: dass zwar die Erde noch wüst und leer ist, der Geist Gottes aber schon über dem Wasser schwebt. Wasser hat, so wie die Liebe, keinen Anfang und kein Ende. Es bewegt sich im Kreis.

Camille Blanche: Wasserspass
Camille Blanche: Wasserspass

Jeder Wassertropfen macht seinen Weg. Zuerst ist er flüssig, dann verdunstet er und steigt gasförmig zum Himmel auf. In grosser Höhe wird er zum Eiskristall und fällt dann als Schnee oder Regen wieder zur Erde. Auch wir Menschen sind Teil dieses Kreislaufs.

Körper zu 70 Prozent aus Wasser

Einerseits besteht unser Körper zu 70 Prozent aus Wasser und andererseits ist die Luft, die wir auf dem Spaziergang an der Aare atmen, vielleicht gerade noch Teil des Morgennebels über dem Fluss gewesen oder wurde von einem Baum an seinem Ufer verdunstet.

Mir persönlich fällt es leicht, mich als Teil dieses Kreislaufs zu verstehen. Wie die Aare führt meine Seele im übertragenen Sinne mal viel und mal wenig Wasser. Wie die Blumen habe ich mal mehr oder weniger Durst und leide an zu viel oder zu wenig Regen.

«Wasser ist Leben und ohne Wasser gibt es kein Leben.»

Mein Leben und das Leben aller Menschen und Säugetiere hat im Wasser angefangen: im Mutterleib wachsen wir genährt und gewiegt von den kleinen Wellen des Fruchtwassers heran. Wasser ist Leben und ohne Wasser gibt es kein Leben. Darum müssen wir zum Wasser Sorge tragen.

Aletschgletscher, Aufnahme aus dem Jahr 2021.
Aletschgletscher, Aufnahme aus dem Jahr 2021.

Durch die Abnahme der Gletscher, die grössere Verdunstung und durch die Verschmutzung des Grundwassers gehen die Süsswasserreserven in der Schweiz zurück, während der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft, der Industrie und im privaten Bereich steigt.

Psalm 150

Was können wir aber tun, damit noch lange «viel Wasser die Aare runterfliesst!»? Im allerersten Psalm von den 150, die in der Bibel aufgeschrieben sind, heisst es:

«1 Glücklich sind die Frau, der Mann,
die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen,
nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen
noch zwischen Gewissenlosen sitzen.

2 Sondern ihre Lust haben an der Weisung Gottes (JHWHs),
über diese Weisung murmeln Tag und Nacht.

3 Wie Bäume werden sie sein
gepflanzt an Wasserläufe,
die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit,
und ihr Laub welkt nicht.
Was immer sie anfangen, es führt zum Ziel.»

(Bibel in Gerechter Sprache)

Diese Worte machen mir Mut. Sie geben eine Richtung vor, in die ich meine Gedanken fliessen lasse: Wir Frauen und Männer, wir Menschen murmeln vor uns hin wie die Bäche Tag und Nacht. Unser Geist ist beweglich, es wird uns etwas einfallen. Wir können Pläne machen, Vorstellungen entwickeln, wie wir das Wasser und das Leben beschützen können.

Wir halten es dabei nicht mit denen, die aus allem Geld machen wollen: die Quellen privatisieren und mit riesigen Staudämmen anderen Menschen buchstäblich das Wasser abgraben, wie es in etlichen Ländern geschieht.

Lebenselixier Wasser

Der Psalm erinnert mich daran, dass ich Möglichkeiten habe, dass ich handlungsfähig bin: ich kann gewissenhaft, aber ohne schlechtes Gewissen, meinen eigenen Umgang mit dem Lebenselixier Wasser und mein Konsumverhalten unter die Lupe nehmen.

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Ermutigt durch den jahrtausendealten Text glaube ich, dass uns etwas einfallen wird: zum Wohl von Menschen, Tieren und Pflanzen.

Wir werden «wie Bäume sein, gepflanzt an Wasserläufen», wenn wir uns immer wieder daran erinnern, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind: im ewigen Kreislauf des Wassers, im ewigen Kreislauf der Liebe. Amen.

*Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin und arbeitet in Münchenbuchsee-Moosseedorf.

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

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Buhlmann Claudia | © SRF/Gian Vaitl
3. August 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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