Nackte Haut im Altarraum: Noch immer tabu?

Bei über 30 Grad im Schatten wird es auch in vielen Kirchen unangenehm warm. Das kann Lektorinnen und Kommunionhelfer dazu verleiten, sich allzu knapp zu kleiden. Doch wie viel nackte Haut ist zulässig im Altarraum? Und warum erregen auch heute noch kurze Röcke und blosse Schultern Anstoss? Kath.ch hat bei einem Pfarrer und einer Liturgie-Expertin nachgefragt.

Barbara Ludwig

Es war kürzlich an einem sommerlich heissen Sonntagvormittag in einer Kirche am Oberen Zürichsee. Die Orgel spielte zum Einzug der Liturginnen und Liturgen, die in ihren Gewändern durch den Mittelgang zum Altar schritten. Unter ihnen eine junge Frau. Sehr kurzes Röckchen, tiefer V-Ausschnitt, nackte Schultern.

Es war die Lektorin, wie sich bald herausstellte. Der Kontrast zu den bodenlangen liturgischen Gewändern stach ins Auge – bei mindestens einem Gottesdienstbesucher, der sich im Gespräch mit der Autorin darüber enervierte.

Mario Pinggera, Pfarrer in Richterswil ZH, äussert Verständnis für die Reaktion. «Eine solche Kleidung kann die religiösen Gefühle anderer Menschen verletzen.» Auch die Liturgiewissenschaftlerin Birgit Jeggle-Merz kann «nachvollziehen, dass es im gottesdienstlichen Kontext gewisse Vorbehalte gibt gegenüber unpassender Kleidung».

Kultureller Kontext spielt eine Rolle

Beide weisen darauf hin, dass auch der kulturelle Kontext zu berücksichtigen ist bei der Frage, was denn nun als unpassend gilt. In südlichen Ländern wie Italien oder Spanien sind nackte Schultern verboten, Röcke dürfen nicht zu kurz sein und auch Männer in kurzen Hosen haben in Kirchen nichts verloren.

Mario Pinggera, Pfarrer.
Mario Pinggera, Pfarrer.

«In der Schweiz hingegen würde niemand, der eine Kirche besichtigt, aufgefordert, sich anders anzuziehen», sagt Jeggle-Merz. Und wenn die erwähnte Lektorin einfach als Christin im Gottesdienst mitgefeiert hätte, würde heutzutage auch niemand etwas sagen. «Es ist noch nicht lange her, da war das anders. Da trug man festliche Kleidung zum sonntäglichen Gottesdienst. So ändern sich die Befindlichkeiten», stellt die Luzerner Professorin für Liturgiewissenschaft fest.

«Nackte Schultern und Oberschenkel, das geht gar nicht».

Pfarrer Pinggera findet, Röcke sollten leicht übers Knie reichen, «nackte Schultern und Oberschenkel, das geht gar nicht». Jeggle-Merz meint, sie persönlich könne nicht eindeutig sagten, wie viel nackte Haut im Altarraum zulässig ist. «Aber wenn ich eine Frau mit freiem Bauchnabel am Ambo sähe, dann würde ich sagen: Mensch, muss das sein?» Ein zu kurzes Kleid oder Hotpants könnten ungewollt sexuelle Impulse ausstrahlen, was nun mal nicht zur Aufgabe von Lektorinnen gehöre.

Ansonsten findet die Liturgie-Expertin die Frage der Kleidung zweitrangig. «Viel wichtiger ist, wie die Person ihren Dienst ausübt. Jemand kann wunderbar angezogen sein, aber die Lesungen schludrig herunterleiern.»

Kultische Reinheit in den Religionen

Doch warum eigentlich hat der nackte Leib im Altarraum nichts verloren? «Es gibt Menschen, die haben ein Problem damit, weil sie nackte Haut mit sexueller Provokation verbinden», sagt dazu der Richterswiler Pfarrer.

Birgit Jeggle-Merz, Liturgie-Expertin.
Birgit Jeggle-Merz, Liturgie-Expertin.

Birgit Jeggle-Merz nimmt die Frage zum Anlass für einen Blick zurück in die Religionsgeschichte und verbindet das Tabu mit dem Gebot der kultischen Reinheit. «Die Forderung nach kultischer Reinheit gibt es in allen Religionen, es ist eine Urgegebenheit aller voraufklärerischer Religionen.» Unreinheit bedeute etwa: Dass man mit Sexualstoffen behaftet war, Tote berührt oder Verunreinigtes gegessen oder getrunken hatte.

«Nackte Haut wurde immer auch in Verbindung mit Sexualität und Unreinheit gebracht.»

Wer in solcher Weise unrein geworden war, verfügte nicht über die nötige Reinheit, um am Kult teilzunehmen. Deshalb gebe es in vielen Religionen Waschungen, so Jeggle-Merz. «Nackte Haut wurde immer auch in Verbindung mit Sexualität und Unreinheit gebracht», so die Professorin. In früheren Kulturen habe man Sexualität als etwas betrachtet, das verunreinige. «Allerdings nicht im hygienischen Sinne», erklärt Jeggle-Merz. «Man glaubte vielmehr, dass man nicht mehr mit Gott in Kontakt kommen kann, wenn man sexuell tätig ist, weil man dadurch von gefährlichen Kräften und dämonischen Mächten erfüllt wird.» Auch im Alten Testament spiele der Begriff kultische Reinheit eine wichtige Rolle.

Jesus hingegen habe eine völlige andere Vorstellung von Reinheit gehabt. Und auch das frühe Christentum habe Sexualität nicht als etwas betrachtet, das verunreinigt, sondern habe vielmehr die Ehe – der Ort, in dem Sexualität gelebt wird – als Ausdruck der Schöpfungsordnung gewürdigt, sagt Jeggle-Merz.

Reine Hände und Sex-Verbot

In der Spätantike hat sich das aber wieder verändert. «Es kam die Idee auf, dass der Priester reine Hände haben muss. Diese Idee durchzieht dann das ganze Mittelalter.» Die Vorstellung, dass der Priester rein sein müsse, gipfelte schliesslich im Verbot, Sex zu haben, beziehungsweise im Zölibat.

Priester feiert Eucharistie.
Priester feiert Eucharistie.

Die Liturgie-Expertin ist überzeugt, dass auch die Menschen von heute in ihrem Empfinden von früheren Ideen und Vorstellungen beeinflusst sind. «Wir alle schleppen unser kulturelles Gedächtnis mit.»

Pfarrer würde niemanden nach Hause schicken

Mario Pinggera sagt, er habe noch nie eine Lektorin wegen unpassender Kleidung nach Hause schicken müssen. «In unserer Pfarrei ist das noch nie vorgekommen.» Und wenn, würde er die Person nicht wegschicken, sondern eine «humoristische Bemerkung» machen. So wie der deutsche Kabarettist Heinz Erhard einmal gesagt habe: «Ein nettes kleines Nichts, das Sie da beinahe anhaben. Gibt’s das auch in Ihrer Grösse?»

Eine Lektorin im Petersdom in Rom, sie trägt keine Albe.
Eine Lektorin im Petersdom in Rom, sie trägt keine Albe.

Am Ambo werde das Wort Gottes verkündet, was ein gewisses Auftreten verlange, in Tonalität und Kleidung, so Pinggera. «Die Lektorin oder der Lektor hat einen wichtigen Glaubensinhalt zu vermitteln. Alles, was davon ablenkt, ist problematisch.»

Eine mögliche Lösung

Pfarrer und Liturgie-Expertin sind der Ansicht, eine Albe für alle im Altarraum wirkenden Laiinnen und Laien wäre die Lösung, um ein Zuviel an nackter Haut zu vermeiden. «Ich stelle es den Lektorinnen und Lektoren frei, ob sie eine Albe tragen möchten oder nicht. Manche tun das bisweilen», sagt Mario Pinggera.

Diese Lektorin in der Kathedrale St. Gallen trägt eine Albe.
Diese Lektorin in der Kathedrale St. Gallen trägt eine Albe.

Laut Birgit Jeggle-Merz gibt es denn auch keine zwingenden Bekleidungsvorschriften für Laiinnen und Laien, die liturgische Aufgaben übernehmen. Bei Priestern und Diakonen sei die liturgische Kleidung ganz genau geregelt. Lektoren und Ministranten können liturgische Kleidung tragen, müssen aber nicht.

«Die Albe hilft mir, mich in meine Rolle als Lektorin zu finden.»

Sie selbst plädiere sehr für liturgische Kleidung. Wer eine Albe trage, könne nicht mehr durch den Kirchenraum rennen, sagt die Liturgiewissenschaftlerin. «Die Albe hilft mir, mich in meine Rolle als Lektorin, Ministrantin oder Kantorin zu finden. Genau das ist die Funktion liturgischer Kleidung.»

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Gesunde Haut | © Pixabay/AnasFo, Pixabay License
17. Juli 2025 | 17:00
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