Anna Kamber: «Ich bin da, damit italienischsprachige Gläubige weiterhin zur Kirche gehen können»
Anna Kamber (55) hat am Liturgischen Institut in Freiburg gelernt, wie man eine Wort-Gottes-Feier leitet. Am Sonntag wird die Religionslehrerin mit Wurzeln in Sizilien erstmals einer solchen Feier vorstehen. «Mit Laien hat die Missione Cattolica die Chance, weiter zu existieren.»
Barbara Ludwig
Es kündigt sich ein sehr heisser Sommertag an – trotzdem hat Anna Kamber eine Kerze im Sitzungszimmer angezündet. Die zierliche Frau im hellen Sommerkleid empfängt die Journalistin in einem Haus unterhalb des Joner Kirchhügels. Es liegt gegenüber dem Pfarreizentrum und beherbergt die Arbeitsräume der Seelsorgerinnen und Seelsorger der Pfarrei Maria Himmelfahrt.
Hier fühlt sich auch Anna Kamber zu Hause. Seit elf Jahren ist sie in Jona und Wagen als Katechetin und Religionslehrerin tätig und besucht regelmässig den Pfarreigottesdienst. Sie kenne sowohl die Schweizer Kirche als auch die italienische Kirche sehr gut, sagt sie. Anna Kamber, mit einem Schweizer verheiratet und Mutter dreier erwachsener Söhne, spricht mit italienischem Akzent. «Ich bin in Sizilien aufgewachsen und wurde dort in einem strengen Glauben erzogen.» Dazu gehörte auch der sonntägliche Besuch der Messe.
Gottes Liebe in der Kirche erfahren
Anna Kamber hat früher in verschiedenen Bereichen gearbeitet, als Sekretärin, im Verkauf und in der Pflege kranker Menschen. Im Bistum St. Gallen hat sie eine Ausbildung als Religionslehrerin absolviert. Und vor kurzem am Liturgischen Institut in Freiburg den Kurs für die Leitung von Wort-Gottes-Feiern besucht.
Warum? Weil der Gottesdienst für ihren Alltag und ihr Leben sehr wichtig sei, erklärt sie. «Als Kind wurde ich von Papa und Mama zur Kirche gebracht. Später, als Erwachsene, spürte ich das Bedürfnis, den Gottesdienst zu besuchen, um Antworten zu finden auf die Sinnfragen des Lebens. Und immer habe ich Gottes Liebe und Unterstützung bekommen – bis heute.» Sie sagt das, als wäre es das Natürlichste der Welt.
Sie habe den Kurs auch als Chance betrachtet, mehr über den Aufbau und die Bedeutung der einzelnen Elemente eines Gottesdienstes zu erfahren.
Missionar hat zu wenig Kapazität
Da gibt es aber noch einen weiteren Grund, der den Ausschlag gegeben hat beim Entscheid für den Kurs. Anna Kamber engagiert sich seit Anfang März in einem neu gebildeten Team der Missione Cattolica Italiana (MCI) Rapperswil-Freienbach, das von ihrer Kollegin Rosaria Sciullo geleitet wird und in dem Don Andrea Tosini als Priester und Missionar mitwirkt. Bis Ende Februar sei der Missionar zu 100 Prozent für die Region Zürich-Obersee zuständig gewesen, seit Anfang März nur noch in einem 50 Prozent-Pensum, weil er neu noch eine weitere Region betreuen müsse, sagt Anna Kamber.
Weil es nicht mehr genügend italienischsprachige Missionare gebe, habe die Diözese St. Gallen entschieden, gemeinsam mit Laiinnen und Laien etwas Neues zu entwickeln. «Mit Laien hat die Missione Cattolica die Chance, weiter zu existieren. Die Diözese hat Rosaria Sciullo und mich deshalb angefragt, ob wir die Ausbildung in Freiburg besuchen wollen», sagt Anna Kamber.
Eine Herausforderung
Sie freue sich auf die neue Aufgabe – darauf, für die Menschen da zu sein und ihnen etwas mitzugeben. Auf die Frage, ob sie künftig oft Wort-Gottes-Feiern leiten werde, sagt sie: «Das ist, ehrlich gesagt, nicht mein Ziel. Ich muss mich noch daran gewöhnen.» Sie sei eben nicht gerne im Mittelpunkt, gesteht sie nach einigem Zögern.
Aber wenn Rosaria Sciullo sie für die Leitung einteile, werde sie dies mit grosser Freude tun. «Ich habe den Kurs besucht. Ich bin da, damit die italienischsprachigen Gläubigen weiterhin jeden Sonntag zur Kirche gehen können. Sie brauchen das», sagt Anna Kamber mit entschiedener Stimme.
Dass sie in den Feiern einen Impuls zu den Bibeltexten halten darf, sei für sie eine grosse Herausforderung. Es gehe darum, die richtigen Worte zu finden und eine Sprache zu sprechen, die alle verstehen. «Vor allem soll es von Herzen kommen und – weil ich Italienerin bin – mit Gesten dazu», sagt Anna Kamber und lächelt.
Vielseitiges Engagement
Ihr Arbeitspensum bei der MCI beträgt 40 Prozent, dafür bekommt sie einen Lohn. Nebst Leitung von Wort-Gottes-Feiern gehören dazu zahlreiche weitere Aufgaben wie die Organisation von Veranstaltungen der MCI für Pensionierte und Kinder, die Vorbereitung von Kindern und Jugendlichen auf Erstkommunion und Firmung, die Mitwirkung an Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen.
Anna Kamber beteiligt sich zudem an Aktivitäten der Pfarrei Maria Himmelfahrt wie dem jährliche Pfarrei-Bazar im November und dieses Jahr auch am lokalen Ökumenischen Kirchentag. Dies alles neben ihrer Anstellung als Religionslehrerin bei der Kirchgemeinde Rapperswil-Jona. Es ist eine eindrückliche Liste von Engagements, definitiv.
Lektorin und Chor unterstützen Anna Kamber
Kommenden Sonntag ist ihre Premiere als Vorsteherin einer Wort-Gottes-Feier mit Kommunionausteilung in der Kirche des Kapuzinerklosters Rapperswil. Anna Kamber wird – gekleidet in eine weisse Albe – die Feier mit dem Tagesgebet eröffnen. Sie wird in einer kleinen Prozession das Lektionar zum Ambo tragen und dort das Evangelium verkünden.
Im Anschluss daran wird sie das Wort an die Gläubigen richten. Und sie wird auch die konsekrierten Hostien aus dem Tabernakel nehmen, zum Altar tragen und dort ein Gebet sprechen. Unterstützt wird sie von einer Lektorin, die die erste Lesung vortragen wird. Und von einem Chor, es wird ein Gottesdienst sein mit vielen Liedern – alle in italienischer Sprache.
Eucharistiefeier und Wort-Gottes-Feier
Die Eucharistie ist ein Sakrament und zentraler Teil der Liturgie der katholischen Kirche. Die Eucharistiefeier wird auch als Messe bezeichnet. Sie folgt auf den Wortgottesdienst (Lesungen aus der Bibel, Predigt). In der Feier der Eucharistie, der immer ein Priester vorsteht, wird an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern erinnert. Mit dem vom Priester gesprochenen Hochgebet werden und bleiben Leib und Blut Jesu in den Hostien und im Wein für die Gläubigen sakramental gegenwärtig.
Wo für Gottesdienste keine Priester zur Verfügung stehen, kann eine Wort-Gottes-Feier gehalten werden. Diese kann mit oder ohne Kommunionspendung stattfinden. Bei der Kommunionspendung werden den Gläubigen Hostien gereicht, die in einer früheren Eucharistiefeier geweiht (konsekriert) und danach im Tabernakel aufbewahrt wurden. (ms)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




