Der Gletscher stürzt ins Tal - und begräbt die Gemeinde Blatten unter den Geröllmassen.
Gastkommentar

Blatten: von Gott verlassen? Wie wir trotzdem Hoffnung finden können

«Ich frage mich auch, warum Gott diese Zerstörung nicht verhindert hat», schreibt der Priester und Bistumssprecher Paul Martone in einem Gastbeitrag über die Naturkatastrophe im Lötschental. Auch den Menschen vor Ort falle es teilweise schwer, den Glauben an Gott zu bewahren.

Paul Martone*

Fassungslos schauen wir alle auf die Bilder, die uns aus dem Lötschental erreichen. Das Dorf Blatten wurde von einem gewaltigen Felssturz verschüttet. Zahlreiche Fragen sind nach dieser Katastrophe entstanden. Viele drehen sich um das Schicksal des vermissten Mannes, andere beschäftigen sich mit der Zukunft des Dorfes und seiner Bewohner. Und es melden sich auch Fragen nach Gott: Wo war er am 28. Mai 2025, als gegen 15.30 Uhr das 300-Seelen-Dorf Blatten innert Minuten von einer riesigen Masse aus Fels und Eis zu 90 Prozent verschüttet worden ist? Was macht ein solches Ereignis mit dem Glauben? Ist es einfach geschehen – oder verlangt es nach einer Erklärung?

Paul Martone
Paul Martone

Es sind gläubige Menschen, die Lötschentalerinnen und Lötschentaler. Aber angesichts dieser Katastrophe fällt es manchem schwer, seinen Glauben an den Herrgott zu bewahren. Das ist verständlich und es ist auch erlaubt, denn auch Jesus Christus hat am Kreuz an der Nähe seines himmlischen Vaters gezweifelt und sich verlassen gefühlt. Am Ende war sein Glaube jedoch stärker als alle Ohnmacht, sodass er imstande war, seinen Geist in die Hände seines Vaters zu legen.

Vom Warum? zum Wozu, Herr?

Ja, ich frage mich auch, warum Gott diese Zerstörung nicht verhindert hat und ja, ich habe darauf keine Antwort gefunden. Wie sollte ich für etwas, das mir den Verstand raubt, auch eine vernünftige Erklärung haben? Als Christ darf ich Menschen, die leiden, weil sie alles verloren haben, nicht mit billigen Sprüchen vertrösten. Wir wollen auch auf die «Alleserklärer», die gerade dann eine schnelle Antwort geben, wenn sie keine haben, nicht hören. Wir sollten lieber ehrlich zugeben, dass wir Gott nicht verstehen. Dass wir nicht begreifen, warum Gott den Schmerz, so viel und so sinnlosen Schmerz, und eine so grosse Zerstörung zulässt.

«Ich bin aber überzeugt, dass es keine Strafe Gottes ist!»

Ich bin aber überzeugt, dass es keine Strafe Gottes ist! Die Frage nach dem Warum bringt uns letztlich aber nicht weiter. Fragen wir nach dem Wozu, denn das Warum kann uns auf Erden niemand beantworten. Die Frage hingegen, wozu ist diese Katastrophe eingetreten und hat viel Zerstörung und Trauer gebracht, kann neue Horizonte eröffnen. Fügen wir vor der Frage Wozu noch ein weiteres wichtiges Wort hinzu, das ihr die entscheidende Richtung gibt: Wozu, Herr! Dies ist nun keine Frage mehr, die ins Leere geht, sondern sie richtet sich an jenen, der selbst gelitten und gekämpft hat. Er versteht jeden Menschen, der leidet und über einen Verlust trauert. Er weiss, wie ihnen zumute ist.

Am Ende aber bleibt uns nur eines übrig: einander betend in jenen Schmerz hinüberzuhelfen: «Dein Wille, Herr, geschehe, auch wenn ich ihn nicht verstehe.» Es ist dies die Bitte um die Gnade, Ja sagen zu können, zu dem, was Gottes unbegreiflicher Plan mir zumutet.

Christliche Ergebung

Wo immer es Menschen gelingt, durch Weinen, Klagen und Bitten hindurch schliesslich Ja zu sagen zu dem, was Gott ihnen zumutet, da geschieht christliche Ergebung. Dadurch verschwinden die Schmerzen und die Enttäuschungen nicht und aufgeräumt und wieder aufgebaut ist damit noch lange nicht, aber die Menschen, die den Schlag, der sie getroffen hat, akzeptiert haben, können auch für andere da sein, weil sie durch die Annahme ihres schweren Schicksals den anderen Trost und Hoffnung zu geben vermögen.

Blatten ist fast vollständig unter den Geröllmassen des abgegangenen Gletschers begraben worden.
Blatten ist fast vollständig unter den Geröllmassen des abgegangenen Gletschers begraben worden.

Wer Ja sagen kann, gewinnt so eine Gelassenheit, die alles, die enttäuschten Hoffnungen und Pläne, die Zukunft einer Gemeinde und ganzer Familie ohne Groll und Verbitterung verabschieden kann – in völliger Hingabe an jenen Gott, von dem der Apostel Paulus sagt, dass weder Tod noch Teufel uns von seiner Liebe trennen können. Das ist alles andere als einfach und es braucht viel Zeit, viele Gespräche, viel Gebet und grosse Solidarität. Wo solche Hingabe, wo solche christliche Ergebung aber geschieht, da geschieht immer ein Wunder, vor dem wir uns nur stumm und bewundernd verneigen können.

Hat Gott das Lötschental verlassen?

Darauf habe ich eine Antwort, und ich bin sicher, dass sie stimmt: Gott hat das Lötschental nicht verlassen, keine Gemeinde, keine Familie und auch keine einzige Person. Wir wissen nicht, wie es jetzt weitergeht, doch in einer der Pressekonferenzen kam auch der Wille zum Ausdruck, das Dorf wieder aufzubauen.

Der Gemeindepräsident hat gesagt: «Wir haben das Dorf verloren, aber nicht unser Herz!» Ich glaube, genau das ist es: Die Menschen haben ihr Herz bewahrt und nur mit dem Herzen sieht man gut und kann auch den herzlichen Umgang miteinander pflegen. Und was wichtig ist, sie haben ihren Glauben, der ihnen in dieser schweren Zeit Mut und Kraft gibt, damit sie nicht aufgeben.

«Die zerstörte Kirche in Blatten ist für mich der Beweis dafür, dass Gott das Tal nicht verlassen hat!»

Der Grossteil des Dorfes Blatten ist zerstört, darunter auch die Pfarrkirche. Die zerstörte Kirche in Blatten ist für mich der Beweis dafür, dass Gott das Tal nicht verlassen hat! Es zeigt, dass Gott so solidarisch mit den Menschen ist, dass er auch sein Haus durch die Schuttmassen zerstören lässt, um in aller Deutlichkeit zu zeigen, dass er ihnen nahe ist und er nicht möchte, dass es ihm besser gehe als seinen Geschöpfen. So nahe in Freude und Leid! Die Blattner und Blattnerinnen haben ihr Herz nicht verloren, denn Gott hat nun in ihrem Herzen seinen Wohnsitz, seine Kirche, eingerichtet. Näher kann Gott den Menschen nicht mehr sein! Das ist letztlich das Einzige, das wirklich hilft, nicht zu verzweifeln. Niemand soll meinen, Gott hätte die Menschen im Lötschental verlassen. Er ist ihnen sehr nahe und schenkt ihnen die Hoffnung, dass das, was ihnen entgleitet, nicht verloren ist. Dass all das, was geschieht – das Gute wie das, was wir nicht verstehen –, bei ihm aufgehoben ist, auf eine Weise, die wir uns nicht ausdenken können, doch erahnen.

Anzeige ↓     Anzeige ↑

Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Ich denke, die Leute im Lötschental spüren das auch jetzt. Sie haben es verdient, dass auch wir sie nicht im Stich lassen und sie finanziell, aber auch moralisch unterstützen. So kann aus den Ruinen neues Leben erwachsen.

* Paul Martone ist Mediensprecher des deutschsprachigen Teils des Bistums Sitten. Er wird diesen Freitag gemeinsam mit Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten, die Menschen im Lötschental besuchen. Dieser Beitrag ist zuerst im «Walliser Boten» erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung hier zweitpubliziert.


Der Gletscher stürzt ins Tal – und begräbt die Gemeinde Blatten unter den Geröllmassen. | © www.bazonline.ch
6. Juni 2025 | 12:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!