Wie die Weihbischöfe Vollmar, Henrici und Eleganti die Geschichte des Bistums Chur prägten
Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain erwägt, einen oder mehrere Weihbischöfe einzusetzen. Zurzeit gibt es keinen, das war aber nicht immer so. Weihbischöfe entfalten eine eigene Dynamik, können zur Konkurrenz für den Ortsbischof werden oder eine verfahrene Situation entspannen. Paul Vollmar, Peter Henrici und Marian Eleganti sind drei Beispiele, die das veranschaulichen.
Francesco Papagni
Die Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischof von Chur am 22. Mai 1990 löste ein kleines Erdbeben im Bistum aus. Das Epizentrum lag in Zürich: Hier wollte eine Mehrheit der Gläubigen diesen Hirten nicht akzeptieren und boykottierte den Churer Hof. Haas amtete als «Weihbischof mit Nachfolgerecht» unter Bischof Johannes Vonderach, und doch wollten viele nicht glauben, dass er tatsächlich Bischof von Chur werden würde.
Zwei artige Elefanten
Auch aus konservativen Kreisen kam Protest. So sah etwa Domherr Guido Schnellmann aus Schwyz die verbrieften Rechte des Standes Schwyz verletzt, denn der Bischof von Chur wird vom Domkapitel gewählt. Ein Konkordat, also ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen den Bistumskantonen und dem Heiligen Stuhl, regelt die Einzelheiten.
Die Klagen drangen bis nach Rom, und irgendwann hatte Papst Johannes Paul II. ein Einsehen. Um die Lage zu entspannen, ernannte er am 4. März 1993 zwei Weihbischöfe und zugleich Generalvikare, die dem Bischof von Chur beistehen sollten, Peter Henrici und Paul Vollmar. Die Ernennung soll gegen den Willen von Wolfgang Haas erfolgt sein. In Zürich kommentierte man das so: Wenn ein Elefant in Afrika nicht recht tut, stellt man diesem zwei artige Elefanten zur Seite.
Direktor der Katholischen Schulen
Paul Vollmar (1934-2021) war in Zürich kein Unbekannter. Er war Mitglied der Marianisten, ein Orden, der sich speziell in der Bildung engagiert. Vollmar wirkte damals in Zürich als Direktor der Katholischen Schulen. Persönlich eher ein zurückhaltender Mensch kannte er die hiesige katholische Landschaft aus eigener Erfahrung. Weihbischof Vollmar wirkte in Graubünden und in der Innerschweiz, in seinen letzten zwei Amtsjahren auch in Zürich-Glarus.
Ein Römer in Zürich
Der Jesuit Peter Henrici (1928-2023) war ein anderer Fall. Aus einer angesehenen Zürcher Familie stammend lebte Henrici Jahrzehnte in Rom und hatte dort eine akademische Karriere an der Päpstlichen Universität Gregoriana absolviert, bis er Dekan der Theologischen Fakultät geworden war. Insider sagen, dass er zu Anfang Mühe bekundete, sich in das hiesige duale System einzufügen – der Schritt von Rom in die Deutschschweiz ist nicht klein, das geistige Klima doch ein anderes. Trotzdem gelang es ihm in kurzer Zeit, im Bistum Fuss zu fassen und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Dabei engagierte er sich von Anfang an vorbehaltlos und besuchte schon in seinem ersten Jahr als Weihbischof alle Pfarreien des Kantons Zürich.
Die Situation entspannt sich
René Zihlmann, damals Präsident der Zentralkommission, der Exekutive der Römisch-katholischen Körperschaft, hat mit Weihbischof Henrici regelmässig zu tun gehabt und erinnert sich an eine einvernehmliche, von Vertrauen geprägte Zusammenarbeit. Es habe keinen einzigen Fall gegeben, wo die Zentralkommission, heute Synodalrat genannt, gegen den Weihbischof entschieden habe. Eine Entscheidung ohne die pastorale Seite bringe der Kirche nichts, so Zihlmann.
Beide Weihbischöfe mussten den Spagat zwischen der Basis und dem Bischof bzw. dem Bischofsrat, in dem sie von Amtes wegen Einsitz hatten, aushalten. Das war für beide nicht einfach, aber der souveräne Intellektuelle Henrici schaffte das besser als sein Mitbruder Paul Vollmar, der im Amt krank wurde. Henrici und Vollmar konnten die Lage nicht grundsätzlich verändern, schafften es aber, die Lage so weit zu entkrampfen, dass ein Modus Vivendi im Bistum gefunden werden konnte. Sie engagierten sich beide in der Ökumene und in der Pastoral. Die Anfänge der Geh-hin-Kirche stammen aus ihrer Zeit.
Rettung der Hochschule Chur
Peter Henrici hatte zudem grossen Anteil an der Weiterführung der Theologischen Hochschule Chur, die in der Haas-Zeit vor der Schliessung stand. Seinen guten Kontakten nach Rom und seinem Engagement ist es neben der Beharrlichkeit des damaligen Rektors Franz Annen zu verdanken, dass die Deutschschweiz noch eine vom Staat unabhängige katholische Hochschule besitzt. Dort wirkte er noch lange als Honorarprofessor.
Wer ihn erlebt hat, erinnert sich an einen persönlich bescheidenen Mann mit stupender Gelehrsamkeit. Zudem gründete Henrici zusammen mit einigen anderen das «Zentrum für christliche Spiritualität in Zürich», das nach wie vor existiert und eine Perle in der katholischen Bildungslandschaft darstellt.
Peter Henrici wirkte bis zum Jahr 2007, Paul Vollmar zwei Jahre länger, nämlich bis 2009.
Der schillernde Dritte
Der Missionsbenediktiner Marian Eleganti ist je nach Zählung der dritte oder vierte Churer Weihbischof. Er wurde von Bischof Vitus Huonder 2009 berufen, um ihn in der Bistumsregion Zürich-Glarus zu repräsentieren. Ursprünglich sollte Eleganti Weihbischof und auch Generalvikar werden, dann wurde aber Josef Annen zum Generalvikar ernannt. Urban Fink-Wagner schrieb darauf in der «Schweizerischen Kirchenzeitung», deren Chefredaktor er damals war, das Bistum Chur habe gerade noch die Kurve gekriegt. Der im Kanton Zürich verankerte Josef Annen kümmerte sich um administrative und pastorale Fragen, während Weihbischof Eleganti, dem die Zusammenarbeit mit der katholischen Körperschaft nicht lag, die liturgischen und sakramentalen Dienste erfüllte. Diese Arbeitsteilung dauerte allerdings nicht lange.
Zwischenspiel als Regens
Kaum hatte sich Marian Eleganti eingearbeitet, kam es 2011 im Churer Bischofsrat zum Eklat: Andreas Rellstab, Generalvikar für Graubünden, und Regens Ernst Fuchs traten praktisch zugleich von ihren Ämtern zurück. Beide hatten sich aus je eigenen Gründen mit Bischof Vitus Huonder überworfen.
Vitus Huonder brauchte einen neuen Regens – und griff auf Eleganti zurück. Auch diese Personalrochade sollte nicht lange Bestand haben. Dem Vernehmen nach kündigte Regens Eleganti aus den gleichen Gründen wie sein Vorgänger: Huonder hatte Priesteramtskandidaten, die sie als ungeeignet eingestuft hatten, hinter dem Rücken des Regens ins Seminar aufgenommen. Man kann Marian Eleganti zugutehalten, dass er trotz seiner kirchenpolitischen Nähe zum Bischof konsequent war.
Jugendbischof und konservative Orientierungsfigur
Über die Ämter im Bistum Chur hinaus war Eleganti Jugendbischof von 2011 bis 2018. In dieser Funktion hat er die Rolle seines Lebens gefunden. Konservative Jugendgruppen schätzen ihn bis heute als populären Prediger und charismatischen Priester.
Kurz nach seiner Emeritierung 2019 machte Eleganti während der Corona-Pandemie von sich reden, als er die Anweisungen der Schweizer Bischofskonferenz öffentlich kritisierte. Statt Hygiene-Massnahmen empfahl er Gebet und Busse. Damit wurde er zu einer Referenzfigur für Unzufriedene. Seitdem meldet er sich immer wieder zu Wort, wenn er die reine Lehre der Kirche bedroht sieht, so etwa als Kardinal Kurt Koch 2024 ein Diskussionspapier zur Ausübung des Papstamtes veröffentlichte. In einigen Jahren lebt der emeritierte Weihbischof in Dietikon ZH und entfaltet eine erstaunliche Präsenz in den sozialen Medien.
Risikopotential
Die Erfahrungen im Bistum Chur zeigen, dass Weihbischöfe eine eigene Dynamik entwickeln und dass sie zu einer Konkurrenz für den Ortsbischof werden können. Deswegen ist ihre Ernennung für einen Bischof nicht ohne Risiken.
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