Geschäftsmann Ibrahima Sene beim Essen mit Erstfrau Mame Seye (Mitte), zweiter Frau Khady (links), dritter Frau Aida (rechts), und Kindern.
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Ist Polygamie möglich? Debatte um ein interkulturelles Kirchenrecht

Das römisch-katholische Kirchenrecht ist eng verschränkt mit der europäischen Kultur und Theologie. Doch es brauche auch pastorale Lösungen für die Polygamie, forderte Professor Nike Onongo aus der Zentralafrikanischen Republik an einer Debatte an der Uni München.

Francesco Papagni

«Kirchenrecht interkulturell», so lautete der Titel einer Veranstaltung am 22. November an der Uni München. Organisiert wurde sie von der Zeitschrift NomoK@non, einem an der Uni domizilierten Webjournal für Religion und Recht.

Kernfrage der katholischen Kirche

Das Thema ist tatsächlich eine der Kernfragen heute in der katholischen Kirche: Wie kann die eine Kirche mit ihrem universell gültigen Recht auf die Verschiedenheit der Situationen eingehen? Auch an der Weltsynode ist die Frage der kulturellen Pluralität sichtbar geworden – da stiessen europäische Frauen mit ihrer Agenda auf Afrikaner oder Asiatinnen mit anderen Themen und einer anderen Art zu argumentieren.

Zwei ausgewiesene Experten diskutierten darüber: die Professoren Matthias Pulte (JGU Mainz) und Nike Ongono (LMU München). Der eine ist ein Kenner des Missionsrechts, jenes Teils des Kirchenrechts, das in der frühen Neuzeit für die Kolonialgebiete ausgearbeitet wurde. Der andere kommt ursprünglich aus der zentralafrikanischen Republik, bringt also eine Expertise für Afrika mit und ist zugleich Professor für globale Kirchenleitung.

Uni-Debatte in München (von links): Burkhard Bergmann, Matthias Pulte und Nike Onongo
Uni-Debatte in München (von links): Burkhard Bergmann, Matthias Pulte und Nike Onongo

Einig waren sich die beiden, dass die katholische Theologie und namentlich auch das Kirchenrecht wesentlich mit der europäischen Kultur verwoben ist: Das Kirchenrecht hat zuerst das Römische Recht und dann das Germanische rezipiert. Das wurde nicht als Problem erkannt, solange der Klerus aus Europa stammte. Jetzt leben die Teilkirchen in Südamerika, Afrika und Asien aus sich selbst und entwickeln eigene Ansätze.

Familie Gottes-Theologie

Nike Ongono skizzierte eine solche afrikanische Ekklesiologie unter dem Begriff Familie Gottes. Die afrikanische Grossfamilie bietet Modell dafür, wobei die Familie in diesem Fall die ganze Welt umfasst. Die Rolle von Mann und Frau sind hier vorgegeben; die Ehe, die gegen Konsumismus und Individualismus zu verteidigen ist, bildet die Grundlage der Grossfamilie, so Ongono. Die Familie ist der ursprüngliche Ort der Evangelisierung, und die Kinder spielen eine besondere Rolle. Dies sagte der afrikanische Gelehrte vielleicht auch mit einer Spitze gegen Europa, wo immer weniger Geburten zu verzeichnen sind.

Aber von welcher Familienstruktur sprechen wir hier? Ongono wies darauf hin, dass die Polygamie, die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen, in West- und Zentralafrika zur Kultur gehört – eine Familienform, die mit dem Kirchenrecht zunächst einmal nicht in Einklang zu bringen ist, wie Matthias Pulte bemerkte. Da die Ehe einer Frau mit einem Mann in der Kirche nicht nur rechtlich, sondern auch theologisch begründet wird, sah er wenig Spielraum. Ongono hingegen wies darauf hin, dass die Polygamie eine Realität ist und mahnte pastorale Lösungen an.

Professor Burkhard Berkmann, Redaktor von NomoK@non und Organisator des Anlasses, hakte nach mit der Frage: «Täuschen wir uns nicht, wenn wir von Anpassung des Kirchenrechts sprechen?» Eine weitere, brisante Frage schliesst sich an: Wie reagiert die Kirche auf Kulturen, welche die Gleichwürdigkeit von Mann und Frau nicht kennen beziehungsweise nicht akzeptieren? Bezogen auf das genannte Fallbeispiel: Ein Gegenrecht existiert nicht, eine Frau kann nicht mehrere Männer heiraten.

Bischöfe schöpfen Möglichkeiten nicht aus

Beim Beispiel Polygamie zeigt sich die ganze Problematik des Verhältnisses des universal gültigen Kirchenrechts zu der Verschiedenheit der Kulturen. Zwar ist das Kirchenrecht (begrenzt) flexibel und kennt heute schon das Partikularrecht der einzelnen Diözesen, aber die meisten Bischöfe – da waren sich die Kanonisten auf dem Podium einig – schöpfen ihre Möglichkeiten gar nicht aus. Und dennoch: Alle Rede von Flexibilität und Rechtsauslegung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Recht und die Verhältnisse vor Ort oft schwer in Einklang zu bringen sind – das gilt ja auch für Europa.

Fazit: Die Kirche kommt, um Christus zu bringen, sie kommt nicht, um eine Kultur oder Ethnie zu bringen. Wir in Europa müssen uns erst mal bewusstwerden, wie eng verschränkt die heutige Form von Kirchenrecht und Theologie mit unserer eigenen Kultur ist. Nicht umsonst hat Kardinal Kurt Koch kürzlich in einem kath.ch-Interview gesagt: «… ich glaube, ein Dialog zwischen den Kulturen ist unendlich wichtig.»

Einen solchen Dialog hat die Fachdiskussion in München in Gang gebracht. Es ist zu hoffen, dass der Gesprächsfaden nicht abreisst. Resümierend hat Burkhard Bergmann das Matthäus-Evangelium paraphrasiert: Wir sehen den Splitter im Auge des Nächsten, den Balken im eigenen Auge sehen wir nicht.

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Geschäftsmann Ibrahima Sene beim Essen mit Erstfrau Mame Seye (Mitte), zweiter Frau Khady (links), dritter Frau Aida (rechts), und Kindern. | © Keystone/AP Photo/Ben Curtis
29. November 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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