Christkönig in kafkaesker Welt
Der Christkönigs-Sonntag kurz vor dem Advent vermittelt benachteiligten Menschen Hoffnung. Stephan Schmid-Keiser beschäftigt sich mit der Stimmungslage am Ursprung des Festtages im Heiligen Jahr 1925 – und zieht dafür Schilderungen von Franz Kafka herbei.
Stephan Schmid-Keiser
Während des Ersten Weltkriegs führten tiefgreifende Verunsicherungen zum Verlust an Glaubenskraft. Mit wenig Aussicht auf Besserung der Lage sehnten sich die Menschen danach, ihre Hoffnung in Gott zu verankern. Wie die Schriften von Franz Kafka zeigen, lebte dieser seinerseits in einer Art Zwischenwelt. Am 6. August 1914 notiert Kafka zu seinen Lebensumständen:
«… Der Sinn für die Darstellung meines traumhaften inneren Lebens hat alles andere ins Nebensächliche gerückt, und es ist in einer schrecklichen Weise verkümmert… Nichts anderes kann mich jemals zufriedenstellen… vielleicht kommt sie doch noch einmal über mich, meine Lebensumstände sind ihr allerdings nicht günstig. So schwanke ich also, fliege unaufhörlich zur Spitze des Berges, kann mich aber kaum einen Augenblick oben erhalten. Andere schwanken auch, aber in unteren Gegenden, mit stärkeren Kräften; drohen sie zu fallen, so fängt sie der Verwandte auf, der zu diesem Zweck neben ihnen geht. Ich aber schwanke dort oben, es ist leider kein Tod, aber die ewigen Qualen des Sterbens.»
Verlorenes Gefühl für den «Herrn»
Auch Gotthard Fuchs nahm Bezug auf diese Worte und skizzierte an Kafkas Aphorismen das verlorene Gefühl für den «Herrn» der Geschichte, dem man sich neu eröffnen solle.
«Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet aus der alten Zelle, die man hasst, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehn und sagen: ‹Diesen sollt Ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.›»
Sinnsuche und Schwebezustände
Wo Heidegger allgemein vom «Sein zum Tode» spricht, hebt Kafka seine Erzählungen und Parabeln aus dem allgemeinen Dasein hervor, stark fokussiert auf die Vereinzelung seiner Akteure. Zwischen real Erlittenem und der vielfach an Traumwelten erinnernden Schilderungen erzählt er die Lebensumstände einer schillernden und in Szenerien der Einsamkeit gefangenen Gesellschaft – in Form und Inhalt vielfach verknappt und aphoristisch, sprichwörtlich kafkaesk-absurd. Die Wirklichkeit mit wachtraumartigen Darstellungen transzendierend, tun sich bei Kafka Räume der individuellen Sinnsuche in eigenartigen Schwebezuständen auf.
«Ich aber schwanke dort oben, es ist leider kein Tod, aber die ewigen Qualen des Sterbens». Seit den Zeiten Kafkas schwingt – gleichsam als ein Kernspruch der Moderne – eine Haltung mit, die sich so formulieren lässt: «Man ist nicht so, wie man ist. Man ist auch anders!» Man weiss zwar um die Vielfalt und hebt sich gleichzeitig ab von der Behauptung der anderen, die einem auf ein Muster festlegen: «Du bist nun einmal so, wie wir dich sehen!»
Jüdisch-biblischer Hintergrund
Ähnlich stehen die Gestalten bei Kafka in einsamem Schwebezustand, unentschieden meist und in gebrochener Hoffnung. Wirksam wird dabei ein jüdisch-biblischer Hintergrund, der die Lebensumstände des Schriftstellers mitbestimmte und aus ihm sowohl einen Dulder wie auch einen Kritiker der Gegenwart in ihrer spezifischen Heillosigkeit machte.
In diesem Sinn sah einer seiner Interpreten, Franz Baumer, das ganze Leben Kafkas als einen «Opfergang» und zitierte aus dessen «Landarzt»: «Verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir geschehen» – und dazu erläuternd: «Aber das Opfer wäre sinnlos. Ein Arzt kann in dieser heillosen Zeit nicht mehr helfen. Deshalb wird der Gesang, den die Kinder dem fliehenden Landarzt nachschicken, «Freut euch, ihr Patienten, Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!» als «der neue, aber irrtümliche Gesang» bezeichnet.»
Rückfall zum Wunderglauben
Es sei das Fehlen des «Gesetzes», welches auch in dieser Erzählung die Katastrophe bedinge: «Der Rückfall zur magischen Lebensstufe, zum Zauber- und Wunderglauben ist ein Abfall vom ‹Gesetz› geistiger Ordnungen», schreibt Baumer und zitiert: «Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Messgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand.» Auch der Arzt könne nicht mehr helfen, wo «der echte Glaube fehlt, die überkommenen Formen des religiösen Lebens brüchig geworden sind». Die mannigfaltige Brüchigkeit der Existenz ist darum die bleibende Herausforderung für Seelsorge und ärztliche Heilkunst.
Nun steht Kafkas Christus formal auf gleicher Ebene wie die Menschheit: «Seine christologische Pattsituation trifft eine Zuordnung von Einzelnen, nicht aber von Gott und Mensch. Dessen uneingedenk fehlt ihm die ontologische Grundlage eines Leidens-Für, da es keinen Ort für eine Wir-Verfasstheit gibt.»
Erlösung vom Wiedergeborenwerden
Dafür aber eröffnet die Gestalt des «Herrn» einen auch inhaltlich bedeutsamen Zugang zum Fest Christkönig. Auf denselben Aphorismus wie Gotthard Fuchs verweist Steffen Köhler und erläutert: «Der Herr rettet den Gefangenen des Daseins vor dem Zurückkehren in die irdische Hülle nach dem Tod, er erlöst ihn aus der Welt, aus dem Wiedergeborenwerden. Gegenüber dem Christus hat der Herr eine exponierte Stellung: Er zersprengt die Kreisbewegung der Geschichte, die nur leiden macht. Er interveniert und durchbricht.»
Kafka jongliert demnach «mit Endgestalten. Sie werden zu Wendemarken. Ihre Verwendung ist dem traditionell Christlichen enthoben. Kafka füllt die Titel selbst auf mit eigenen Inhalten und integriert sie in sein Denken. Der Messias für das Volk behält weitgehend den Sinn des jüdischen Denkens, wenn auch seine Ankunft nie kommen wird, und wenn, dann als Ankunft «nach» der Ankunft. Er bewegt sich auf der linearen Zeitachse. Der Christus betrifft den Einzelnen, vermag ihn aber nicht aus seiner Isolation zu befreien. Er ist eine Kategorie der Existenz. Der Herr hat als einziger eine wirkliche Erlöserfunktion: Er befreit von der ewigen Wiederkehr der gleichbleibenden Geschichte. Den unterschiedlichen Ebenen kommen unterschiedliche christologische Konzepte zu, die allein durch Kafkas Systematik geeint sind.»
Christkönig und Kafka
In einer seiner Deutungen rückte dann Gotthard Fuchs die Reflexionen Kafkas etwas gewagt in die Nähe des Christkönigsfestes. In Christus sei «alles erneuert» und «aus der Gefangenschaft befreit» zum wahren Leben, auf Hoffnung hin und überall doch schon im Gange. Doch habe dieses österliche Bekenntnis allzu oft «einen triumphalistischen Klang – als wäre die karfreitagliche Not vergessen. Ein merkwürdiger ‹König› ist das, der als Verlierer am Kreuz endet und so dann doch göttliche Voll-Endung findet – und schenkt. Auf dieser Spur ist zu einem Jubelchristentum kein Anlass, aber auch nicht zu fast suizidaler Weltbeurteilung.
Ganz biblisch notierte Kafka: ‹Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.› Es ist das Wesen christköniglicher Hoffnung.»
Jesus’ eigenartiger Königsweg
Am Festtag Christkönig konzentriert sich mit dem Evangelium (Joh 18,33b-37) die Hoffnung auf den von Jesus gewählten eigenartigen Königsweg mit seinen kafkaesken Zügen. Die Pilatus-Frage an Jesus «Bist du König der Juden?» kontert Jesus schliesslich mit: «Mein Königtum ist nicht von dieser Welt … ist nicht von hier.» Darum kämpfen seine Leute auch nicht dafür.
Vielmehr steht hier wie auf dem Schachbrett der Geschichte ein König, der dazu geboren und in die Welt gekommen ist, «für die Wahrheit» Zeugnis abzulegen. Und: «Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.» Ein eigenartiger Königsweg, eine Via Regis, die das Gegenbild einer Welt ist, die alle und alles in Schach hält. Aus dieser Wahrheit zu sein und beziehungsweise auf sie zu hören, lässt auf seine Stimme hören.
Ohne Königstitel
In der Realität der Welt, die in machtvollem Gegeneinander alles und jeden, der nicht auf sie hört, schachmatt setzt, die Grossen und Mächtigen jeden Schachzug beherrschen, steht einer hier, der sich selbst keinen Königstitel verpasst hat. Von sich selbst spricht Jesus als Menschensohn. Er ist kein Schachmeister, geht seinen Weg in keiner Königsklasse, vielmehr mit denen, die sich nie eine Krone werden aufsetzen können.
Der Beitrag ist zuerst erschienen im «Anzeiger für die Seelsorge. Zeitschrift für Pastoral und Gemeindepraxis» 133 (11/ 2024) 30-32. Er basiert auf Reflexionen aus dem Band des Autors, der 2020 unter dem Titel «Wenn Gott zur Sprache kommt. Zur Erschliessung des Lesejahres B» im Pustet-Verlag Regensburg erschien.
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