Verwitterter Steinsarg.
Konstruktiv

Der Tod ist abstrakt, die Toten sind es nicht

Der Tod werde in unserer Gesellschaft verdrängt, heisst es allenthalben. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht.

Francesco Papagni

In den Buchhandlungen finden sich viele Bücher zum Thema, mit Titeln wie «Selbstbestimmtes Sterben». Auch gibt es Vorträge und Diskussionen dazu. Fast könnte man meinen, Sterben, Tod und Trauer seien Trendthemen.

Ein öffentliches Ereignis

Aber wie wird über den Tod gesprochen? Viele Diskussionen sind pragmatisch ausgerichtet: da kommen Ratschläge zur Patientenverfügung oder zum Testament. Dies ist alles nützlich, nur den Kern berühren sie nicht. Und deshalb stimmt es auch, dass der Tod seltsam abwesend bleibt.

Früher war das anders. Es wurde in der Regel zuhause gestorben und das bedeutete, dass die Familienmitglieder zugegen waren. Schon Kinder sahen Sterbende und waren in den Prozess einbezogen. In katholischen Gebieten war es üblich, zusammen mit dem Pfarrer die Sterbegebete zu beten. Oft kamen die Nachbarn dazu. Dann wurde der Leichnam zuhause aufgebahrt. Freunde und Bekannte kamen zum Kondolenzbesuch und zum Gebet. Dann die Beerdigung, ein öffentliches Ereignis.

Das Christentum kennt Sprache und Form

Heute werden Tote in einer Leichenhalle aufbewahrt, bevor sie kremiert oder seltener beerdigt werden. Sie sind aus der Öffentlichkeit verschwunden. In manchen Todesanzeigen heisst es: «Die Beerdigung fand im engsten Familienkreis statt». Warum eigentlich? Ist einem der Todesfall bzw. die Beerdigung peinlich?

Mit der Privatisierung von Sterben, Tod und Trauer geht nicht nur eine Unsichtbarmachung einher sondern auch ein Verlust an Beziehung. Abdankungen sind soziale Anlässe – Gelegenheiten, Freunde, Bekannte und Verwandte zu treffen, Erinnerungen zu teilen, mit der eigenen Trauer nicht allein zu sein. Das Christentum hat unserer Endlichkeit eine Sprache und eine Form gegeben. Mit der Entchristlichung haben viele die Sprache verloren und die Form, die dieser Frage aller Fragen Gestalt gab. Sie bleiben auf sich selbst zurückgeworfen.

Eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten

In vielen Todesanzeigen können wir lesen, der oder die Verstorbene lebt in unserer Erinnerung weiter. Doch die Toten sind tot. Nur Gott kann ihr Schicksal wenden. Wir können an sie denken, aber das macht sie nicht wieder lebendig. Die Kirche denkt nicht an die Toten, sie gedenkt ihrer.

Das ist keine Begriffsspalterei. Wir denken an unsere Verstorbenen in unserer Innerlichkeit, die Kirche gibt der Erinnerung eine Form. Das meint Totengedenken. In jeder Messe wird der Toten gedacht, denn die Kirche ist eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Damit ist sie die einzige Institution, die Verstorbene nicht aus dem Mitgliederverzeichnis streicht. Die Jahrzeiten, die Gedenkmessen für eine(n) Tote(n), werden bis heute in ländlichen katholischen Gebieten gefeiert. Trauer wie auch Erinnerung wird so gemeinschaftlich gelebt, und für die Toten wird gebetet.

Körperkult und Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Während in traditionellen Gesellschaften die Lebenden und die Toten eine Gemeinschaft bilden, sind die Toten bei uns grösstenteils verschwunden, vor allem in den Städten. In Zürich wird ein Teil des grössten Friedhofs in einen Park verwandelt, weil Einzelgräber immer weniger gefragt sind. Damit verlieren die Nachkommen einen Ort, aber auch die Gesellschaft insgesamt.

Die Abwesenheit der toten Körper kontrastiert seltsam mit der fast zwanghaften Aufmerksamkeit, der lebenden Körpern zuteilt wird. Der Körperkult unserer Zeit will im Endeffekt den Tod überwinden. Die Toten erinnern jedoch daran, dass jeder noch so gepflegte, noch so gesunde Körper hinfällig ist. Vielleicht sind sie deshalb den Lebenden so unangenehm, dass sie zum Verschwinden gebracht werden müssen.

Der nicht eben religionsfreundliche Philosoph Auguste Comte schrieb: Le culte des morts, c’est la civilisation – der Totenkult, das ist die Zivilisation.


Verwitterter Steinsarg. | © Pixabay/Sinousxl
2. November 2024 | 09:00
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