Die theologische Kehrtwende von Gustavo Gutiérrez
Gustavo Gutiérrez gilt als «Vater der Theologie der Befreiung». Aber ist er wirklich der ideale Theologe der Befreiung? Der verstorbene Peruaner machte einen Kniefall vor dem vatikanischen Lehramt und verbrüderte sich auf diese Weise mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller.
Urs Eigenmann*
Bei seiner Kritik an der real existierenden Theologie der Befreiung beruft sich Clodovis Boff auf Gustavo Gutiérrez, der als «Vater der Theologie der Befreiung» gilt und jene ideale Theologie der Befreiung repräsentiert, zu der die real existierende Theologie der Befreiung zurückkehren müsste.
Ideale Theologie der Befreiung?
Zunächst ist zu klären, ob Gutiérrez tatsächlich die ideale Theologie der Befreiung im Sinn von Clodovis Boff vertritt. Dieser Frage soll vor allem aufgrund von Gustavo Gutiérrez’ Grundlagenwerk Theologie der Befreiung nachgegangen werden.
Dabei ist zu beachten, dass die «10., erweiterte und neubearbeitete Auflage 1992» der deutschen Übersetzung dieses Werkes eine Zäsur darstellt, weil Gutiérrez ihr nicht nur eine neue Einleitung vorangestellt, sondern in ihr auch achtzehn neue Anmerkungen hinzugefügt und zudem den analytisch präzisen Abschnitt Christliche Brüderlichkeit und Klassenkampf unter dem Titel Glaube und gesellschaftlicher Konflikt abschwächend neu geschrieben hat.
«Einzigartiger Text»
Anders als Clodovis Boff hat sich Gustavo Gutiérrez ausführlich mit dem Text Mt 25,31-46 beschäftigt, und zwar zunächst im Abschnitt Christus im Nächsten. Zu Recht bezeichnet er Mt 25,31-46 «[a]ls Haupttext für die Interpretation der gesamten Botschaft Jesu» und hält ihn für einen «[…] in der ganzen Heiligen Schrift einzigartigen Text […]».
Deshalb ist er seines Erachtens «[…] so wichtig für die theologische Bedeutung der Solidarität mit den Letzten der Gesellschaft und ein Schlüssel für die Sicht der vorrangigen Option für die Armen». In allen zehn Auflagen seiner Theologie der Befreiung schreibt Gutiérrez Folgendes: «Allerdings ist der Nächste weder Gelegenheit noch Instrument, sich Gott zu nähern. Es geht vielmehr um eine echte Liebe zum Menschen, und zwar um des Menschen willen und nicht, wie man vielleicht mit der besten Absicht, aber dennoch in fragwürdiger Weise sagt, ‹um der Liebe Gottes willen’.»
Arme dürfen nicht instrumentalisiert werden
Bemerkenswert ist, dass er entsprechend seiner Forderung, der Arme dürfe in keiner Weise instrumentalisiert werden, in allen Auflagen seines Werkes aus einer Homilie von Paul VI. vom 7. Dezember 1965 folgenden Satz zitiert: «Der Mensch will nicht als Instrument geliebt sein, sondern als erster Schritt in Richtung auf das höchste Ziel, das als transzendentales Prinzip die Ermöglichung aller Liebe ist.»
Im Sinne der Nichtinstrumentalisierung der Armen und der vom Menschensohn gewürdigten Absichtslosigkeit des Dienstes am Nächsten erklärt Gutiérrez in Bezug auf den Vers Mt 25,37, wo die zur Rechten des Menschensohnes Versammelten fragen, wann sie den Herrn hungrig gesehen und ihm zu essen gegeben hätten, «[…] dass mit dieser Frage der absichtslose Charakter des Dienstes betont wird, den die Betreffenden anderen Menschen erwiesen und diese so in ihrer Würde wertgeschätzt haben, ohne dabei auf einen Lohn zu schielen.»
An kein religiöses Glaubensbekenntnis gebunden
Mit diesem Verständnis der an kein ausdrücklich religiöses Glaubensbekenntnis gebundenen Option für die Armen repräsentiert Gutiérrez nicht die ideale Theologie der Befreiung, wie sie Clodovis Boff versteht, wenn er der real existierenden Theologie der Befreiung vorwirft, sie instrumentalisiere und politisiere den Glauben, wenn sie vom Armen ausgehe statt von Gott oder von Christus.
Wie kommt Clodovis Boff dazu, sich auf Gutiérrez als Vertreter der von ihm ideal genannten Theologie der Befreiung zu berufen? Die Antwort findet sich in der Einleitung zur Neuauflage der Theologie der Befreiung.
Einsatz gründet letztlich im Gott unseres Glaubens
Dort schreibt Gutiérrez: «Die Option für die Armen bedeutet letztlich eine Option für den Gott des Reiches, das Jesus uns ansagt. […] Das letzte Motiv für das Engagement an der Seite der Armen und Unterdrückten liegt weder in der Gesellschaftsanalyse, die wir anstellen, noch im menschlichen Mitgefühl, das uns bewegt, noch in der direkten Erfahrung von Armut, die wir möglicherweise haben. Alles dies sind gute Gründe, und sie spielen zweifelsfrei eine wichtige Rolle für unseren Einsatz. Nur: Als Christen wissen wir, dass unser Engagement letztlich im Gott unseres Glaubens gründet. Es geht um eine theozentrische und prophetische Option, deren Wurzeln in der Unableitbarkeit der göttlichen Liebe haften und die von ihrem Quellgrund her auch gefordert ist.»
Gutiérrez widerspricht sich
Mit der in diesem Text implizierten Absage an eine Option für die Armen, die für diese absichtslos eintritt und sie nichtinstrumentalisierend als Arme würdigt, widerspricht Gutiérrez seiner eigenen, oben zitierten Sicht der Option für die Armen.
Es bedeutet eine fundamentale Kehrtwendung, wenn er für Christen als Christen eine theozentrische Option fordert. Die Feststellung als Christen wissen wir, dass unser Engagement letztlich im Gott unseres Glaubens gründet offenbart, dass sich Gutiérrez nicht mehr am Urteil des Menschensohnes in Mt 25 orientiert, für den allein die säkular-leiblichen Werke der Barmherzigkeit zählen, sondern an dem vom kirchlichen Lehramt geforderten religiösen Bekenntnis zu Gott und zu Christus.
Bereits früher Anzeichen für Kehrtwende
Bereits 1986 gab es Anzeichen für diese Kehrtwende, als Gutiérrez schrieb: «Wer an Gott und seine ungeschuldete Liebe glaubt, fühlt sich zur vorrangigen Option für die Armen und zur Solidarität mit allen gedrängt, die Opfer von Elend, Verachtung und Unterdrückung sind und die von der gesellschaftlichen Ordnung übergangen werden.»
Gutiérrez erweist sich in der Tat als Vertreter der idealen Theologie der Befreiung im Sinne von Clodovis Boff. Er ist dies aber nicht uneingeschränkt, weil er auch in der zehnten Auflage seiner Theologie der Befreiung das Verständnis einer nichtinstrumentalisierenden Option für die Armen beibehalten hat. Wie kam es zu dieser Kehrtwendung von Gutiérrez?
Wo werden die Armen schlafen?
Eine Spur zeigt sich in Folgendem: Seine in der Einleitung zur Neuauflage veränderte Sicht der Option für die Armen hat er im Text Wo werden die Armen schlafen? fast wörtlich gleichlautend wiedergegeben. Mit diesem Text hat es seine besondere Bewandtnis. Gutiérrez hat ihn «[…] im Rahmen eines theologischen, dreitägigen Kolloquiums im kleinen Kreis im Beisein von Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, [vorgetragen]. In dem Buch ‹Salz der Erde’ geht Kardinal Ratzinger explizit auf Gustavo Gutiérrez ein.»
Auf die Frage des Journalisten Peter Seewald, ob er zu Beginn seiner Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation im Umgang mit der Theologie der Befreiung nicht zu harsch reagiert habe, erklärte Ratzinger unter anderem: «Wir mussten in Sachen Befreiungstheologie ein Wort sagen, auch um den Bischöfen zu helfen. Schliesslich drohte eine Politisierung des Glaubens, die […] das eigentlich Religiöse zerstört hätte. […] Heute ist weithin anerkannt, dass unsere Weisungen nötig waren und in die richtige Richtung gingen.
Ein herausragendes Beispiel für die positiven Impulse, die unsere Instruktionen gaben, ist der Weg von Gustavo Gutiérrez, der als der Schöpfer der Befreiungstheologie gilt. Wir sind in einen Dialog mit ihm eingetreten – den ich zum Teil auch ganz persönlich geführt habe – und dabei in ein immer besseres Einverständnis gekommen. Das hat uns geholfen, ihn zu verstehen, und er hat andererseits die Einseitigkeit seines Werkes eingesehen und es wirklich weiterentwickelt auf eine sachgerechte und zukunftsfähige Form von ‹Befreiungstheologie’ hin.»
Anerkennung des vatikanischen Lehramts
Untrennbar mit Gutiérrez’ Kehrtwende in Bezug auf die Option für die Armen vom biblisch bezeugten bekenntnisfreien – credoindependenten – Gerichtskriterium in Mt 25 zur bekenntnisabhängigen – credodependenten – lehramtlichen Konzeption ist seine Anerkennung des vatikanischen Lehramtes als letztverbindliche Instanz in Sachen Glauben verbunden. Gutiérrez bedient sich zwar nicht der von Clodovis Boff vertretenen Unterscheidung von T 1 und T 2.
Doch hat auch er eine Einschätzung des kirchlichen Lehramtes, wonach dieses die vermeintlich objektive Theologie vertrete, vor der sich jede Theologie der Befreiung zu verantworten hätte, obwohl diese Lehramtstheologie aus der Verkehrung des prophetisch-messianischen Christentums in die imperial-kolonisierende Christenheit hervorgegangen ist und er selbst von der Kontextualität jeder Theologie ausgeht. Aus der Kontextualität jeder Theologie folgt, dass auch jene des Lehramts kontextuell ist und diese nicht als geschichtsenthoben-unveränderlich-objektive Theologie verbindlicher Massstab jeder anderen Theologie gelten kann.
Wichtige Dokumente des Lehramts
In der Einleitung zur Neuauflage der Theologie der Befreiung erklärt Gutiérrez in Bezug auf die beiden vatikanischen Instruktionen Libertatis nuntius (1984) und Libertatis conscientia (1986) über die Befreiungstheologie, diese seien «[…] zwei wichtige Dokumente des Lehramtes […], die uns den Weg in Erinnerung rufen, den es zu gehen gilt […]». Dann spricht er von «[…] wichtigen Verlautbarungen des universalen kirchlichen Lehramtes», von der Theologie, «[…] die stets an den Glauben gebunden [ist], so wie er in der Gemeinschaft der Kirche gelebt und geregelt wird» und hält fest, dass sich «Kraft und Bedeutung der Befreiungstheologie […] aus der Kontinuität mit Schrift, Überlieferung und Lehramt, in der sie wurzelt, [ergeben]».
In dem wohl nicht zufällig von Gerhard Ludwig Müller aus dem Spanischen übersetzten Text Die Theologie: eine kirchliche Aufgabe erklärt Gutiérrez: «Zur Theologie gehört auch, dass sie sich vom kirchlichen Lehramt anregen lässt, dessen spezifische Aufgabe bei der Vermittlung der Offenbarung sie anerkennt.» Noch deutlicher ordnet er sich der Autorität des kirchlichen Lehramtes unter, wenn er feststellt: «In der Theologie muss man stets bereit sein, ‹seine eigenen Meinungen zu modifizieren’, um ihrer Funktion als Dienst an ‹der Gemeinschaft der Glaubenden gerecht zu werden’ [Papst Johannes Paul II.].
Depositum dei
Das ist der Sinn der theologischen Arbeit, und man kann voll zustimmen, wenn es heisst, dass kein Theologe absehen kann von der Lehre und dem Ambiente lebendiger Erfahrung der Kirche, in der das Lehramt das depositum fidei bewahrt und authentisch auslegt’ [Kongregation für das Katholische Bildungswesen].»
Angesichts dieser Äusserungen von Gutiérrez zum kirchlichen Lehramt wird dreierlei deutlich:
1. Gutiérrez vertritt in Bezug auf die Anerkennung des Lehramtes die im Sinne von Clodovis Boff ideale Theologie der Befreiung; in Bezug auf die Option für die Armen stehen bei ihm das biblisch bezeugte – credoindependente – und das vom Lehramt geforderte – credodependente – Verständnis der Option für die Armen unverbunden nebeneinander.
2. Über freundschaftliche Bande hinaus stimmen Gutiérrez und Müller in der Anerkennung des kirchlichen Lehramts als letztverbindlicher Instanz überein, der gegenüber sich jede Theologie zu verantworten hat. Dies widerspricht aber der vom Zweiten Vatikanum vertretenen Position, wonach das «Studium der Heiligen Schrift die Seele der gesamten Theologie sein muss» (OT 16,2) und das «Lehramt […] nicht über dem Wort Gottes [steht], sondern [ihm dient]» (DV 10,2).
3. Gutiérrez und Müller orientieren sich nicht am prophetisch-messianischen Christentum und dem damit verbundenen scripturalen Selbstverständnis der Kirche, sondern sind der imperial-kolonisierenden Christenheit und dem damit verbundenen magisterialen Selbstverständnis der Kirche verpflichtet.
*Der gebürtige Berner Urs Eigenmann (Jahrgang 1946) ist katholischer Theologe und Philosoph. Er wurde 1973 zum Priester geweiht und promovierte 1984 mit einer Dissertation über Hélder Camara. Eigenmann hat zahlreiche theologische Werke veröffentlicht. Von 1986 bis 1991 war er Sprecher der SRF-Sendung «Wort zum Sonntag».
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