Iras Cotis-Geschäftsführerin Katja Joho.
Schweiz

Katja Joho: Nahostkonflikt ist eine Herausforderung für die interreligiöse Arbeit

Kommenden Samstag startet die Woche der Religionen. Die interreligiöse Veranstaltungsreihe wird von Iras Cotis koordiniert. Geschäftsführerin Katja Joho sagt, wie sich der Nahostkrieg im Programm niederschlägt, ob die Organisation noch Nachwehen des internen Konflikts um Präsidentin Rifa’at Lenzin spürt und warum das Judentum aktuell nur mit einem Vertreter im Vorstand vertreten ist.

Barbara Ludwig

Zum 18. Mal findet in der Schweiz die Woche der Religionen statt. Wodurch unterscheidet sich das Programm im Vergleich zu den Vorjahren? Gibt es etwa neue inhaltliche Schwerpunkte?

Katja Joho: Es sind rund 30 regionale Gruppen, die die Woche organisieren. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen und so entscheiden sie jedes Jahr, wie sie ihr Programm gestalten möchten. Dieses unterscheidet sich bei den Themen, erfolgreiche Settings wiederholen sich aber durchaus respektive werden von anderen Organisationen übernommen im Sinn einer Weitergabe von Best Practice. 

«Immer im Programm sind Begegnung, Feiern und gemeinsame Mahlzeiten in allen möglichen Konstellationen.»

Dieses Jahr gibt es mehrere Schwerpunkte. Etwa die Stimme: wer eine hat, wie sie klingt, spricht und gehört wird  – auch die göttliche Stimme. Es geht zudem um Bestattung und um Grabfelder für Minderheitenreligionen. Immer im Programm sind Begegnung, Feiern und gemeinsame Mahlzeiten in allen möglichen Konstellationen. Friede ist wichtig, beispielsweise in Luzern. Schöpfung, Künstliche Intelligenz und der Mensch werden in Nidwalden vertieft. Und Religion als Wegweiser oder Irrweg beschäftigt in Solothurn. 

Die "Woche der Religionen" will den Dialog zwischen den Religionen fördern.
Die "Woche der Religionen" will den Dialog zwischen den Religionen fördern.

2022 war – wegen des Ukraine-Kriegs – der Friede ein besonderes Anliegen. Unterdessen ist der Nahostkonflikt neu eskaliert. Wie zeigt sich das im diesjährigen Programm?

Joho: Im diesjährigen Programm wird das heisse Eisen des Nahostkonflikts wenige Male direkt aufgenommen. Das ist aber nicht öfters der Fall, als in früheren Jahren. Das Thema ist sehr kontrovers und heikel, auch in der interreligiösen Arbeit. Entsprechend wird es eher intern, innerhalb der interreligiösen Gruppen aufgenommen und diskutiert, als dass es für Publikumsveranstaltungen gewählt wird. 

Der Nahost-Konflikt führte im November 2023 zu einer Zerreissprobe bei Iras Cotis, im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft von Präsidentin Rifa’at Lenzin bei der Gesellschaft Schweiz-Palästina. Gibt es Nachwehen des internen Konflikts, der ja bekanntlich beigelegt wurde?

Joho: Solange der Konflikt im Nahen Osten dauert – vermutlich auch noch darüber hinaus – ist das ein sehr schmerzhaftes Thema für viele Menschen, vor allem direkt betroffene. Die Situation ist eine Herausforderung für die interreligiöse Zusammenarbeit und ein Prozess. Wir gehen den Weg gemeinsam, aber er ist nicht einfach und auch nicht störungsfrei. Aber genau unter diesen Bedingungen im Dialog zu bleiben, ist ja unsere Aufgabe. Ich würde also weniger von Nachwehen als von einer anspruchsvollen Situation sprechen. 

Im Vorstand von Iras Cotis ist mit Jonathan Kreutner vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) das Judentum nur noch mit einer Person vertreten. Wann und warum hat die andere Person den Vorstand verlassen?

Joho: Die andere Person war David Feder, damals Präsident der Plattform der liberalen Juden Schweiz (PLJS). Er hatte schon vor der schwierigen Situation seinen Rücktritt angekündigt, weil Ende November letzten Jahres seine Präsidentschaft zu Ende ging. Er hätte sich sowieso aus dem Vorstand zurückgezogen.

«Der Vorstand möchte ein zweites jüdisches Mitglied aufnehmen.»

Die PLJS war vor seinem Eintritt im Jahr 2023 während über zehn Jahren nicht im Vorstand vertreten und wir hatten nur ein einziges jüdisches Vorstandsmitglied, eine Vertretung des SIG. Die aktuelle Einzelbesetzung ist also nichts Aussergewöhnliches. Der Vorstand möchte aber gern bei Gelegenheit noch ein zweites jüdisches Mitglied aufnehmen, für eine stärkere Stimme der Juden und Jüdinnen. 

Woche der Religionen 2018 im buddhistischen Tempel von Gretzenbach (SO).
Woche der Religionen 2018 im buddhistischen Tempel von Gretzenbach (SO).

Sind die fünf jüdischen Organisationen, bei denen damals angesichts des internen Konflikts der Austritt drohte, noch Mitglied von Iras Cotis?

Joho: Bei zwei jüdischen Organisationen ist die Mitgliedschaft im Moment pausiert. Eine Organisation beruft sich darauf, dass sie durch die Mitgliedschaft des Dachverbands SIG schon Mitglied sei und eine zusätzliche Mitgliedschaft strukturell eine Dopplung sei. Es werden aber auch finanzielle Gründe aufgeführt. Das strukturelle Argument mag stimmen, für uns ist es aber doch sehr wertvoll, Organisationen von verschiedenen Ebenen an Bord zu haben, Dachorganisationen sowie regionale Gemeinschaften. Die andere, die PLJS, ist daran zu klären, ob jemand als Nachfolge des zurückgetretenen Vertreters im Vorstand mitarbeiten könnte, und verbindet damit auch die Frage der Mitgliedschaft. 

«Sehr selten treten vereinzelte Organisationen aus.»

Gab es andere Mutationen bei den Mitgliedsorganisationen?

Joho: Sehr selten treten vereinzelte Organisationen aus. Der Grund ist meist ganz banal der Mitgliederbeitrag. Gerade kleinere Organisationen haben extrem schmale finanzielle Möglichkeiten. Vielerorts nimmt der Spardruck zu und so kann es vorkommen, dass unter anderem die Mitgliedschaft bei Iras Cotis weggespart wird. 

«Die Woche der Religionen ist eine sehr unkomplizierte Art für viele Menschen, mit dem Thema Religion in Berührung zu kommen.»

Neue Mitglieder sind beispielsweise neu gegründete Organisationen wie das Bündner Forum der Religionen, Religionen im Dialog Nidwalden oder der Schweizer Dachverband für Hinduismus. Oder dann sind es Kirchen oder Religionsgemeinschaften, die uns mit ihrer Mitgliedschaft unterstützen und unsere Arbeit längerfristig sicherstellen wollen. 

Warum braucht es die Woche der Religionen in der Schweiz?

Joho: Die Woche der Religionen ist eine sehr unkomplizierte Art für viele Menschen – religiöse und nichtreligiöse, säkulare und spirituelle – mit dem Thema Religion und mit religiösen Menschen in Kontakt zu kommen. Besuche bei Religionsgemeinschaften und das gegenseitige Kennenlernen sind einfach möglich. Das fördert das gegenseitige Verständnis und baut Vorurteile ab. Es braucht die Woche der Religionen, um den religiösen und kulturellen Zusammenhalt in der Schweiz zu stärken. 

Das Interview wurde schriftlich geführt.


Iras Cotis-Geschäftsführerin Katja Joho. | © Vera Rüttimann
28. Oktober 2024 | 12:00
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