Johannes Matyassy, Präsident des Vereins Haus der Religionen.
Schweiz

Johannes Matyassy: Haus der Religionen hat sich im Nahostkonflikt bewährt

Das Haus der Religionen in Bern wird zehn Jahre alt. Vereinspräsident Johannes Matyassy sagt, wie sich die Aufgaben des interreligiösen Projekts gewandelt haben, wo die Herausforderungen liegen, wie es mit dem Nahostkonflikt umgeht und wann es – gerade im Hinblick auf die Situation dort – an seine Grenzen kommen könnte.

Barbara Ludwig und Christian Maurer

Was ist heute die Rolle des Haus der Religionen?

Johannes Matyassy*: Es hat verschiedene Rollen. Einerseits ist es ein würdiger Ort für alle Religionsgemeinschaften, die bei uns eingemietet sind, und für ihre verschiedenen Aktivitäten. Andererseits bietet es einen Ort, um den Dialog innerhalb und zwischen den Religionsgemeinschaften zu ermöglichen und zu fördern. Und es hat eine weitere Funktion: Es ist ein offenes Haus für alle Personen, ob sie nun einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht. Die Konfessionslosen bilden heute die grösste Gruppe in der Schweiz. Und auch sie sind bei uns herzlich willkommen.

Wie haben sich die Aufgabe und der Inhalt in den letzten zehn Jahre gewandelt?

Matyassy: Das Haus der Religionen hat sich in den letzten zehn Jahren als ein Ort etabliert, in dem man das Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften erleben kann. Sehr viele Gruppen – vor allem Jugendliche und Studierende – besuchen uns, für einen Rundgang im Haus oder um an einem Workshop teilzunehmen. Im letzten Jahr waren es rund 350, die Zahlen nehmen stetig zu.

Das Haus der Religionen feiert seinen zehnten Geburtstag.
Das Haus der Religionen feiert seinen zehnten Geburtstag.

Hinzu kam ein Ausbildungsangebot im Bereich Sicherheit. Wir arbeiten sehr eng zusammen mit der Polizeischule Ostschweiz. Sie kommt jeweils mit ihren Schulklassen zu uns. Dabei erfahren die angehenden Polizistinnen und Polizisten zum einen, wie ein Kultusraum der Hindu oder eine Moschee von innen aussieht. Zum andern können sie mit den Angehörigen der Religionsgemeinschaften diskutieren und sie in einem anderen Kontext kennenlernen, als es sonst in ihrem Arbeitsalltag möglich ist.

Wie geht das Haus der Religionen mit dem in jüngster Zeit eskalierenden Konflikt im Gaza-Streifen und im Libanon um?

Matyassy: Bei diesem Konflikt hat sich der Wert des Hauses der Religionen sehr schön gezeigt. Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas Israel. Und bereits am Morgen des 8. Oktober hat der Muslimische Verein Bern, der bei uns Mitglied ist, in einem Communiqué seine Solidarität mit Israel und den jüdischen Gläubigen erklärt. Das hat sofort viel Spannung herausgenommen. Und es war nur möglich, weil die Jüdische Gemeinde Bern und der Muslimische Verein Bern seit Jahren in unserem Vorstand vertreten sind. Sie kennen sich und vertrauen einander. Ich war sehr froh, dass der muslimische Verein so reagierte und die jüdische Gemeinde dies positiv aufgenommen hat.

«Das gemeinsame Ausarbeiten einer Strategie kittet zusammen.»

Zehn Tage nach dem Hamas-Angriff führten wir einen Anlass mit dem Titel «In Trauer vereint» durch. In der «Nacht der Religionen» vom 11. November organisierten die jüdische Gemeinde und der muslimische Verein einen gemeinsamen Anlass. Am 4. Dezember schliesslich gab es einen Dialog zwischen dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern, einem Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund und einem Vertreter der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Bern. Damit es uns recht gut gelungen, den Vorteil, dass wir im selben Verein engagiert sind und einander vertrauen, in entsprechende Aktivitäten umzusetzen.

Wie spürt es die immer wieder beschworene Verhärtung im interreligiösen Dialog?

Matyassy: Im November gab es diese Auseinandersetzung um die Präsidentin der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Schweiz (Iras). Das haben wir auch wahrgenommen. Generell spüren wir die Polarisierung und was in den Medien abläuft. Aber bei uns zeigt sich das nicht in dieser Dimension. Ich stelle nicht fest, dass sich die Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften im Haus verhärtet hätten – im Gegenteil, man ist zusammengewachsen.

Wie kriegt man heute Juden und Muslime ins gleiche Haus – und was ist die Rolle der Christen dabei?

Matyassy: Wir haben den Vorteil, dass diese Religionsgemeinschaften sich schon seit einiger Zeit in unserem Verein engagieren. Die jüdische Gemeinde ist dabei, obschon sich ihre Synagoge ausserhalb des Hauses der Religionen befindet. Wir haben eine Moschee, Tempel und eine Kirche im Haus. Man ist also schon am selben Ort. Uns gibt es seit zehn Jahren mit dieser Infrastruktur. Am 14. Dezember werden wir das 10-Jahr-Jubiläum feierlich begehen – mit zehn Veranstaltungen über zehn Wochen hinweg. Man spürt zurzeit sehr, wie intensiv die Religionsgemeinschaften gemeinsam an diesem Projekt arbeiten. Zudem haben wir unsere Strategie aktualisiert, der Vorstand hat dazu viele Sitzungen abgehalten. Auch da spürt man, das gemeinsame Ausarbeiten einer Strategie kittet zusammen.

Affengott im Hindutempel im Haus der Religionen Bern.
Affengott im Hindutempel im Haus der Religionen Bern.

A propos Strategie: Wo steht das Haus der Religionen in zehn Jahren?

Matyassy: Ich hoffe erstens, dass wir die positive Dynamik in den Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften vertiefen und weiterentwickeln können. Und zweitens, dass wir international weiterhin ein Vorzeigeprojekt sind. Kürzlich waren wir an einem Treffen der europäische Mehrreligionshäuser und stellten fest: Unser Haus der Religionen ist einzigartig und vorbildlich. Ich wünsche mir, dass er vermehrt solche Häuser gibt.

«Ich möchte, dass wir diese Lokomotivfunktion auch in zehn Jahren noch wahrnehmen können – aber nicht mehr alleine.»

Vereine, die sich im interkulturellen und interreligiösen Dialog engagieren, gibt es sehr viele. Jedoch verschiedene Religionsgemeinschaften unter einem Dach zu haben, das ist einzigartig. Ich möchte, dass wir diese Lokomotivfunktion auch in zehn Jahren noch wahrnehmen können – aber nicht mehr alleine. Was ich in diesem Zusammenhang erwähnen möchte: Wir haben eine sehr aktive Hindu-Gemeinschaft. Einer der Priester, der gleichzeitig als Chefkoch unser Restaurant leitet, hat in Sri Lanka ein Projekt für ein Haus der Religionen angestossen, das schon recht weit gediehen ist.

Was sind die Herausforderungen?

Matyassy: Sie wären erstaunt, wenn ich jetzt nicht von den Finanzen sprechen würde. Das Haus der Religionen war in seiner Anfangszeit ein Pionierprojekt, sehr geprägt von einem Laborcharakter. Heute befinden wir uns in einer Konsolidierungsphase. Da stellt sich die Frage, wo wir künftig Schwerpunkte setzen und wo wir weniger investieren. Es tut weh, liebgewordene Projekte und Aktivitäten loszulassen. Doch das müssen wir. Zweitens ist auch die geopolitische Lage und die zunehmende Polarisierung eine Herausforderung. Es kann jederzeit wieder irgendwo ein Konflikt aufbrechen, der zwei oder mehr unserer Religionsgemeinschaften tangiert. Allerdings wissen wir unterdessen relativ gut, wie wir das auffangen können. Eine dritte Herausforderung ist die Gruppe der Konfessionslosen. Konfessionslos sein bedeutet nicht, dass man sich nicht für religiöse Fragestellungen interessiert. Wir müssen die Konfessionslosen noch vermehrt ansprechen.

Stichwort Geld: Ist die Finanzierung denn gesichert?

Matyassy: Wir haben einen Eigenfinanzierungsgrad von über 50 Prozent bei einem Gesamtbudget in der Höhe von 1,5 Millionen Franken. 300’000 Franken erhalten wir auf der Grundlage einer Leistungsvereinbarung mit der Stadt Bern. 150’000 Franken kommen von der evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirche der Stadt und des Kantons Bern. Das ist ebenfalls eine sehr grosse Unterstützung. Wir werden zudem von verschiedenen Stiftungen unterstützt. Trotzdem ist es jedes Jahr einen Kampf, die Finanzmittel zusammenzubringen. Deshalb haben wir im Frühjahr im Grossen Rat des Kantons Bern einen Vorstoss eingereicht, um die Möglichkeiten für einen Leistungsvereinbarung auch mit dem Kanton auszuloten.

Wer konkret hat den Vorstoss eingereicht?

Matyassy: Es ist ein überparteilicher Vorstoss. Die Fäden gezogen hat aber Grossrätin Nicola von Greyerz von der SP, die bei uns im Vorstand ist. Es war wichtig, dass es ein überparteilicher Vorstoss ist.

Moschee im Haus der Religionen
Moschee im Haus der Religionen

Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass es muslimische Zwangsheiraten gab im HdR – was ist seither unternommen worden, dass solches oder Ähnliches nicht mehr passieren kann?

Matyassy: Das schlug ein wie eine Bombe. Die Vorfall hat dazu geführt, dass wir für diese Problematik wesentlich mehr sensibilisiert wurden. Mit dem Resultat, dass wir einen Verhaltenskodex erarbeitet haben. Zwangsheiraten sind nicht ein Problem sind, dass es nur bei Muslimen gibt. Deshalb gilt der Verhaltenskodex für alle Religionsgemeinschaften. Ein wichtiges Element des Verhaltenskodex ist, dass die Sakralräume nicht mehr offen sind, wenn niemand von der betreffenden Religionsgemeinschaft anwesend ist. Es konnte zu einer Zwangsheirat kommen, weil die Moschee immer offen war. Das ist heute nicht mehr so. Als weitere Massnahme intensivierten wir die Zusammenarbeit mit der Fachstelle Zwangsheiraten. Mehrere Workshops wurden zu diesem Thema durchgeführt, mit dem Hauptziel der Sensibilisierung.

«Wenn wir nur noch übereinander und nicht mehr miteinander reden und keine Empathie mehr da ist, dann stossen wir an die Grenzen.»

Toleranz und Offenheit ist das Wesensmerkmal des HdR – wann kommen Sie damit an die Grenzen – gerade im Hinblick auf die Situation in Nahost?

Matyassy: Der Nahostkonflikt stellt eine besondere Herausforderung dar, weil er extrem emotionalisiert ist und tief verwurzelte historische, religiöse und politische Spannungen berührt. In diesem Umfeld ist es schwierig, die Balance zu finden – einerseits verschiedene Sichtweisen zuzulassen und andererseits, Extremismus und menschenverachtende Positionen klar zu verurteilen. Wenn es uns nicht mehr gelingt, den Dialog zu pflegen und aufeinander zuzugehen – wenn wir nur noch übereinander und nicht mehr miteinander reden und keine Empathie mehr da ist, dann stossen wir an die Grenzen. Das ist zum Glück im Moment nicht der Fall.

Was nehmen Sie derzeit stärker wahr, Antisemitismus oder Islamophobie – was ist nach Ihrer Ansicht gefährlicher?

Matyassy: In den Medien wird der Antisemitismus stärker wahrgenommen und thematisiert. Das ist eindeutig. Aber beides sind zu verurteilende Haltungen, beides ist gefährlich. Wir müssen Antisemitismus und Islamophobie bekämpfen.

Der ehemalige Diplomat Johannes Matyassy* (67) präsidiert seit Juni 2023 den Vorstand des Haus der Religionen – Dialog der Kulturen in Bern. Er ist im Ruhestand, zuletzt war der Volkswirtschaftler stellvertretender Staatssekretär im Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. Der Berner ist Präsident der Ortspartei «FDP.Die Liberalen» in Muri-Gümligen.


Johannes Matyassy, Präsident des Vereins Haus der Religionen. | © Christoph Knoch
17. Oktober 2024 | 17:45
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