Abbé Pierre
Schweiz

Abbé Pierre: Übergriffe gegen eine Journalistin in Genf

Mitte Juli sorgten Missbrauchsvorwürfe gegen den populären Ordensmann Abbé Pierre über Frankreich hinaus für Entsetzen. Der Armenpriester beging offenbar auch in der Schweiz sexuelle Übergriffe, er verging sich 1988 an einer Journalistin in Genf.

Lucienne Bittar, cath.ch

Unter den 17 Zeugenaussagen, die Abbé Pierre der sexuellen Belästigung oder Gewalt beschuldigen und die am 6. September veröffentlicht wurden, befinden sich auch zwei Frauen, die zum Zeitpunkt des Vorfalls in der Schweiz lebten.

Eine von ihnen, eine Journalistin, die in der Zusammenfassung der Untersuchung der Gruppe Egaé** mit dem Buchstaben L.* bezeichnet wird, wurde 1988 in Genf von Abbé Pierre angegriffen, als sie ihn für die Zeitschrift «Choisir» interviewte, unter anderem zu Fragen der Sexualmoral. Der Vorfall spielte sich folgendermassen ab.

Interview-Termin im Hotel Terminus

Im Oktober 1988 besucht L.* das Hotel Terminus in Genf, in dem Abbé Pierre logiert. Sie ist mit ihm verabredet, um ihn für «Choisir», eine von den Jesuiten in der Schweiz herausgegebene Monatszeitschrift, zu interviewen. Sie ist sehr gerührt von dieser Aufgabe und bezeugt dies dem Abbé in aller Einfachheit. Glaubt er, dass dies eine Einladung ist? Auf Freudentränen folgt bald ein Schock.

«L. wurde 1988 in Genf (Schweiz) zu sexuellen Kontakten und einem Kuss gezwungen. Sie berichtet von mehreren sexuellen Kontakten: eine Berührung ihrer Brüste, ein erzwungener Kuss und ein Kontakt mit dem erigierten Geschlechtsteil von Abbé Pierre», fasst der Bericht der Egaé-Gruppe vom 4. September 2024 zusammen.

«Ich kann es nicht glauben.»

Zum Zeitpunkt der Tat ist Abbé Pierre 76 Jahre alt, L. ist 52 Jahre alt. Sie ist also nicht mehr jung. Doch der Schock, den sie empfindet, ist «enorm», wie sie im Februar 2007 in der peruanischen Wochenzeitung «Caretas» erstmals publik macht, fast 20 Jahre nach dem sexuellen Übergriff.

Plötzliche Küsse und Griff an die Brüste

Während des Interviews setzt sich der Priester neben sie, greift plötzlich nach ihren Händen und umarmt sie. Sie schreit auf und er küsst sie «auf französische Art». Trotz Verblüffung hat die Reporterin den Reflex, Fotos zu machen, bevor sie weggeht. Sie sagt sich immer wieder: «Ich kann es nicht glauben.»

Da sie das Gespräch abgebrochen hat, merkt L., dass ihr Informationen fehlen. Am nächsten Tag geht sie erneut zu Abbé Pierre und befragt ihn, «ohne ihren Mantel auszuziehen». Das hält ihn jedoch nicht davon ab, rückfällig zu werden. Diesmal ergreift er ihre Brüste. «Ich werde es nie vergessen und ich werde immer bereuen, dass ich es ihm nicht gesagt habe: ‹Ich bin hier, Herr Pfarrer, um Sie zu interviewen und nichts weiter›», so L. in ihrem Bericht, 20 Jahre später.

Nur Freunde werden ins Vertrauen gezogen. Die Journalistin ist nicht auf einen Medienskandal aus und scheint den Gründer von Emmaus weiterhin zu schätzen. Das Interview wird im Januar 1989 in «Choisir» veröffentlicht, ohne diese Tatsachen zu erwähnen. Die Redaktion erfährt nichts von dem Missbrauch, wie Jean-Blaise Fellay SJ, Chefredakteur der Zeitschrift im Jahr 1988, sagt.

Schweigen führt zu Schweigen

Zum Zeitpunkt des Vorfalls, so L. in «Caretas», wusste die Genfer Journalistin noch nichts von Abbé Pierres Schwierigkeiten, mit seinen sexuellen Impulsen umzugehen. Sie hatte keine Zeugenaussagen gehört, die in diese Richtung gingen.

Abbé Pierre hatte damals dem Direktor von «Le Monde des religions», Fréderic Lenoir, noch nicht anvertraut, die «Sünde des Fleisches» begangen zu haben. Das Interviewbuch «Mon Dieu… pourquoi» wurde erst 2005 veröffentlicht. Darin sagt Abbé Pierre: «Es ist mir passiert, dass ich der Macht des Verlangens vorübergehend nachgegeben habe.» Zwei Jahre später starb er, und L. fühlte sich von ihrem Geheimnis befreit.

Abbé Pierre spielt die Sexualmoral herunter

Gipfel der Geschichte: Im Interview in «Choisir» befragt die Journalistin Abbé Pierre über die Befreiungstheologie, den Konflikt zwischen dem Papst und Erzbischof Lefebvre und … über Sexualmoral. «Was halten Sie davon, dass Papst Johannes Paul II. die Verwendung von sogenannten künstlichen Verhütungsmethoden verboten hat?», fragt sie ihn. Darauf antwortet Abbé Pierre, dass es sich dabei um einen Aufruf zur Perfektion handelt.

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«Die Probleme, die mit der Sexualität zu tun haben, werden von allen als etwas Wesentliches angesehen, aber das ist ein Irrtum. Das sieht man an den moralischen Geboten unseres Herrn. (…) Er hat strengere Worte für Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Lieblosigkeit als für die fleischlichen Sünden… Die Lehre der Kirche in diesen Fragen lautet: Das ist das, was man anstreben muss.» Wichtig sei, dass die Männer versuchten, «ihre sexuellen Energien zu beherrschen. Sie dürfen nicht denken, dass es in diesem Bereich um alles oder nichts geht, während in anderen Bereichen Unvollkommenheiten akzeptiert werden…». (cath.ch/ Adaption rp).

* Name der Redaktion bekannt. Die Journalistin wird mit L. zu bezeichnet, wie im Bericht von Egaé. Die 88-jährige L. lebt heute wahrscheinlich im Ausland.

**Die Egaé-Gruppe wurde im Juli 2024 von Emmaus International, Emmaus Frankreich und der Fondation Abbé Pierre damit beauftragt, eine Einrichtung zum Zuhören und für Zeugenaussagen zu eröffnen und zu verwalten, nachdem die Bewegung Missbrauchstaten von Abbé Pierre publik gemacht hatte.


Abbé Pierre | © wikimedia/Studio Harcourt /CC BY 3.0
14. September 2024 | 16:22
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