Bischof Charles Morerod an der Pressekonferenz zur Missbauchsaufarbeitung, 11. Dezember 2023
Schweiz

Missbrauchsprävention: Westschweizer Bistum investiert in Weiterbildung

Das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg hat seit Erscheinen der Pilotstudie vor einem Jahr 20 Meldungen zu mutmasslichem Missbrauch erhalten. In acht Fällen hat es die Justiz eingeschaltet. Noch lässt die französische Version des Verhaltenskodex auf sich warten. Das Bistum will nun die Weiterbildung in Prävention verstärken. Ein Beitrag zur Serie «Ein Jahr nach der Missbrauchs-Pilotstudie».

Barbara Ludwig

Beim Bistum Lausanne, Genf und Freiburg (LGF) sind seit Erscheinen der Pilotstudie zum Missbrauch Mitte September vergangenen Jahres 20 Meldungen eingegangen. Das teilt Laure-Christine Grandjean auf Anfrage mit. Sie ist Kanzlerin ad interim und Kommunikationsverantwortliche des grössten Bistums der französischsprachigen Schweiz. In mindestens acht Fällen sei die beschuldigte Person verstorben, in vier Fällen habe man sie nicht identifizieren können.

Acht Fälle an Justiz weitergeleitet

Fünf beziehungsweise bald sieben Fälle hätten zu kirchenrechtlichen oder administrativen Konsequenzen geführt, wofür teilweise eine andere Diözese zuständig sei. Der älteste mutmassliche Missbrauchsfall fand 1954 statt, der jüngste im Jahr 2003. In zwei Fällen laufen Entschädigungsanträge. Acht Fälle hat das Bistum an die Justiz weitergeleitet.

Jacques Nuoffer von der Sapec-Gruppe im Gespräch
Jacques Nuoffer von der Sapec-Gruppe im Gespräch

Die Zahl mutmasslicher Missbrauchsfälle, die Vorgänge im Bistum LGF betreffen, könnte aber höher sein. Denn es gingen auch Meldungen bei der Selbsthilfe-Organisation «Groupe Sapec» und der unabhängigen Westschweizer Kommission Cecar ein, wie kath.ch im Dezember meldete.

Das Westschweizer Bistum sah sich nach Erscheinen der Pilotstudie mit einer besonders schwierigen Situation konfrontiert. Bischof Charles Morerod musste am 13. September, unmittelbar nach einem Auftritt in den Abendnachrichten des Westschweizer Fernsehens RTS, notfallmässig in die Universitätsklinik Genf eingeliefert werden. Einen Tag später entfernten Chirurgen Blutaustritte aus seinem Schädel, die sich nach einem Fahrradunfall entwickelt hatten.

Generalvikar fiel wegen Missbrauchsvorwürfen aus

Im Oktober, nach etwas mehr als einem Monat Genesung, konnte Morerod wieder arbeiten. In seiner Abwesenheit leitete ein Komitee aus vier Laien das Bistum. Noch vor seiner Rückkehr trat Generalvikar Bernard Sonney wegen Missbrauchsvorwürfen in den Ausstand. Mit Jean-Claude Dunand unterstützt seit 1. Mai 2024 ein neuer Generalvikar den Bischof. Dies war nötig. Denn auch der langjährige Generalvikar des Bistums, Weihbischof Alain de Raemy, fällt wegen seines Amtes als Apostolischer Administrator der Diözese Lugano aus.

Bernard Sonney war Generalvikar des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg, hier 2022
Bernard Sonney war Generalvikar des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg, hier 2022

Im Dezember traf Morerod dann ein besonders harter Schlag. In einer Pressekonferenz gab er bekannt, eine junge Frau sei durch seinen Vorgänger, Bischof Bernard Genoud, sexuell missbraucht worden.

Verhaltenskodex auf Französisch noch nicht einführt

Noch nicht eingeführt wurde der Verhaltenskodex in französischer Sprache. Die deutschsprachige Version existiert bereits seit 2022. Die französische Übersetzung sollte angepasst werden – weniger hart und direkt, hiess es im August 2023. Daran arbeitet der «Conseil épiscopal Prévention» nun seit einem Jahr.

Das Gremium wurde im Mai 2022 gegründet, um den Bischof im Einsatz gegen sexuellen und spirituellen Missbrauch zu unterstützen. Wann der Kodex auf Französisch erscheint, ist derzeit offen.

Präventionsbeauftragte des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg - und neu auch für nationale Dienststelle Missbrauch tätig: Mari Carmen Avila
Präventionsbeauftragte des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg - und neu auch für nationale Dienststelle Missbrauch tätig: Mari Carmen Avila

Der «Bischofsrat Prävention» analysiert laut Mari Carmen Avila zudem Orte und Situationen, die potentiell für Missbrauch anfällig sind. Avila, bischöfliche Beauftragte für Prävention, leitet das Gremium.

Weiterbildung für Verantwortliche angekündigt

Sie kündigt Pläne im Bereich Weiterbildung an. So führt das Bistum LGF ab Oktober 2024 eine obligatorische Weiterbildung für Personen mit Leitungsverantwortung ein. Die Weiterbildung heisst «Abus et bientraitance. Ecouter, accompagner, prévenir» und wird gemeinsam angeboten vom «Institut Catholique de Paris», dem « Centre Catholique Romand de Formations en Église » in Freiburg sowie einem weiteren Pariser Institut.

Laut Mari Carmen Avila erarbeitet das Bistum zudem eine systematische Weiterbildung für alle Mitarbeitenden in der Seelsorge zum Thema Missbrauchsprävention. Diese soll bis 2025 stehen.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Bischof Charles Morerod an der Pressekonferenz zur Missbauchsaufarbeitung, 11. Dezember 2023 | © Wolfgang Holz
10. September 2024 | 17:15
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!