St. Galler Pressekonferenz nach Missbrauchs-Pilotstudie: Franz Kreissl, Markus Büchel, Betroffenenvertreterin Vreni Peterer (v.l.)
Schweiz

Missbrauchsprävention: Bistum St. Gallen holt Kantonalkirche ins Boot

Seit der Publikation der Missbrauchs-Pilotstudie sind dem Bistum St. Gallen 30 Missbrauchsfälle gemeldet worden, aber keine aktuellen. Nun ist das Bistum daran, sich neu aufzustellen im Kampf gegen sexuelle Übergriffe. Ein Beitrag zur Serie «Ein Jahr nach der Missbrauchs-Pilotstudie».

Barbara Ludwig

Historikerinnen und Historiker der Universität Zürich hatten rund 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche Schweiz aufgedeckt. Die Pilotstudie, die das dokumentiert, erschien am 12. September vergangenen Jahres.

Wenig später kündigten die Schweizer Bischöfe verschiedene Massnahmen gegen Missbrauch an. Auch das Bistum St. Gallen ist aktiv geworden. Für Schlagzeilen sorgte dort das jahrelange Versagen der St. Galler Bischöfe Ivo Fürer und Markus Büchel im Fall des mutmasslichen Täters und Priesters E. M., das durch die Arbeit des Forschungsteams aufgedeckt wurde.

Ivo Fürer im Jahr 2019
Ivo Fürer im Jahr 2019

Ivo Fürer war trotz wiederholten Aufforderungen des diözesanen Fachgremiums gegen sexuelle Übergriffe untätig geblieben. Erst Büchel versetzte den Geistlichen 2012 in ein Kloster; aber auch unter ihm durfte E. M. weiterhin in verschiedenen Gemeinden als Seelsorger tätig sein.

Melde-, Beratungs- und Interventionswesen wird neu aufgegleist

«In der Folge der Pilotstudie wird das gesamte Melde-, Beratungs- und Interventionswesen neu aufgegleist und auf dem Boden des dualen Systems organisiert und verankert», teilt nun Isabella Awad auf Anfrage mit. Awad ist Mitarbeiterin Kommunikation des Bistums. Ziel der Verantwortlichen sei, die Qualität des Umgangs mit den Betroffenen zu erhalten und gleichzeitig die Transparenz der Verfahren und Angebote zu erhöhen. «Die notwendigen Entscheidungen sind noch nicht spruchreif», so Awad. Aber die Zeit dränge.

Im November setzten der Katholische Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, wie hier die katholische Kantonalkirche genannt wird, und das Bistum eine gemeinsame Arbeitsgruppe ein. Der dual-paritätischen Arbeitsgruppe gehören je zwei Vertreter der beiden Seiten an. Eingesetzt wurde sie, um weitere Massnahmen gegen sexuellen Missbrauch zu koordinieren.

Staatskirchenrechtliche Seite einbinden

Im Fokus stünden transparentere Verfahren und Kontrollmechanismen, hiess es im November. «Eine Verbesserung soll dadurch erreicht werden, dass fortan auch die staatskirchenrechtliche Seite in die Verfahrenswege eingebunden ist», sagte Raphael Kühne, Administrationsratspräsident, also Chef der Exekutive der St. Galler Kantonalkirche. Bisherige Gremien und Massnahmen zum Schutz vor sexuellem Missbrauch sollten unter die Lupe genommen und die Anlaufstellen besser vernetzt und koordiniert werden. Zu diesen zählen das Fachgremium gegen sexuelle Übergriffe, die Ombudsstelle und die Anlaufstelle bei Fällen von Missbrauch von geistlicher Macht.

Administrationsratspräsident Raphael Kühne, 2023
Administrationsratspräsident Raphael Kühne, 2023

Diese Kommission kam im März in einer Zwischenbilanz zum Schluss, zentral sei eine gemeinsame Trägerschaft, in der alle Gremien vertreten sind, die beim Vollzug des Schutzkonzepts involviert sind.

50 Stellen-Prozente für Prävention

Das Bistum St. Gallen setzt zirka 50 Stellen-Prozente für Prävention ein, wie Awad mitteilt. Diese seien jedoch auf mehrere Personen aufgeteilt. Dolores Waser Balmer, Mitglied der Kommission Schutz und Prävention, habe ein Pensum zwischen 10 und 20 Prozent. Hinzu kämen drei Co-Referenten für Kurse und Mitglieder der Diözesanen Kommission Schutz und Prävention, die einzelne Themen bearbeiteten. Dazu gehöre etwa die Vorbereitung einer Studientagung zum Thema «Macht» oder die Dekanatsweiterbildungen im kommenden Jahr.

Mutmassliche Täter meist verstorben

Seit Veröffentlichung der Pilotstudie sind laut Isabella Awad beim Bistum St. Gallen rund 30 Meldungen zu Missbrauch eingegangen (bis 20. August 2024). Die Zahl der Meldungen, die verstorbene Beschuldigte betreffen, lasse sich nicht sicher eruieren. «Sicher ist, dass in sechs Fällen der mutmassliche Täter noch lebt, wobei es sich vier Mal um den gleichen mutmasslichen Täter handelt», so Awad. Das bedeutet, dass noch drei mutmassliche Täter am Leben sind.

Ein weiterer Täter ist laut Awad in der Zwischenzeit verstorben. Die restlichen mutmasslichen Täter dürften verstorben sein, was der weitaus grösste Teil sei.

Keine aktuellen Fälle

Fünf bis sechs Fällen hätten zu kirchenrechtlichen oder administrativen Verfahren geführt, wovon vier den gleichen mutmasslichen Täter betreffen. Ebenso viele Fälle sind laut Awad an die Justiz weitergeleitet worden. Auch hier betreffen vier Fälle denselben Täter. Die mutmasslichen Missbrauchsfälle betreffen den Zeitraum 1949 bis 1990, liegen also Jahrzehnte zurück. Aktuelle Fälle, die zeitlich nicht weit zurückliegen, gibt es laut Isabella Awad keine.

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St. Galler Pressekonferenz nach Missbrauchs-Pilotstudie: Franz Kreissl, Markus Büchel, Betroffenenvertreterin Vreni Peterer (v.l.) | © Roger Fuchs
5. September 2024 | 15:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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