Zirkus-Seelsorger Adrian Bolzern über seine Arbeit, die Liebe und Apostel Petrus
Landesweit bekannt wurde Adrian Bolzern, weil er der Liebe wegen auf das Priesteramt verzichtet hat. Wie dieser Entscheid sein Leben umgekrempelt hat und warum er nach wie vor für die römisch-katholische Kirche brennt, darüber spricht er offen.
Themen dieser Folge:
- Einmal um die Welt: Rund 40 000 Kilometer spult er jährlich ab, um zu seinen Gemeindemitgliedern zu kommen.
- In der Schweiz verstreut: Was die Gemeinde der Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler verbindet.
- Wo die Liebe hinfällt: Ein geweihter Priester und eine Kirchenmusikerin verlieben sich.
- Der «Gang nach Canossa»: Bischof Felix Gmür unterstützt seinen Priester und will ihn als Zirkus-Seelsorger behalten.
- Sakramente darf Adrian Bolzern keine mehr spenden: Wie er sich zu helfen weiss.
- Taufen darf er nicht mehr: Weshalb er das als Strafe empfindet.
- Wer ihm wichtig ist: Apostel Petrus
Transcript
Gute Freunde von mir – da bin ich sehr froh –, die sagen das heute noch. Die haben gesagt, auch als ich mich entschieden habe, Priester zu werden: Du hast es früher schon gesagt, wenn dir die Frau des Lebens über den Weg läuft, dann müssen wir wieder über die Bücher. Und das ist dann passiert, weil eigentlich damit gerechnet habe ich nicht, sonst wäre ich den Weg nicht gegangen. Aber es ist dann eben passiert. Und für mich war einfach klar oder auch für uns, also für meine Frau und für mich war klar, wenn wir den Weg zusammen gehen wollen, dann nur öffentlich. Also dass wir dazu stehen. Und ich habe das immer wieder gesagt: Ich bin sehr dankbar auch für Bischof Felix, der mit mir den Weg gegangen ist und der mich auch begleitet hat und eben auch dazu beigetragen hat mit der Bischofskonferenz, dass ich weiter in der Kirche arbeiten darf. Da bin ich sehr, sehr froh.
Sandra Leis [:Das sagt Adrian Bolzern. Er ist der katholische Seelsorger der Schweizer Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler. Als Zirkuspfarrer leitete er beispielsweise die Trauerfeier für den Hochseilartisten Freddy Nock, der im Februar verstorben ist. Vor zwei Jahren wurde Adrian Bolzern landesweit bekannt, weil er der Liebe wegen auf das Priesteramt verzichtete. Wie dieser Entscheid sein Leben umgekrempelt hat und was ihm die Zirkuswelt bedeutet, darüber sprechen wir in dieser Folge des Podcasts «Laut + Leis». Ich bin Sandra Lais und besuche Adrian Bolzern im solothurnischen Hägendorf, wo er mit Frau und kleiner Tochter lebt und auch arbeitet.
Adrian Bolzern, herzlich willkommen zu unserem Gespräch hier in Ihrem Haus. Sie kommen gerade von einem Gottesdienst in einem Oltener Altersheim. Wie ist es gelaufen?
Adrian Bolzern [:Sehr gut. Es waren nicht so viele Leute, aber die, die da waren, hatte eine Riesenfreude. Und das ist eben noch ein kleines Standbein von mir, das ich in Olten noch Altersheim-Gottesdienste mache.
Sandra Leis [:Bekannt sind Sie als Zirkuspfarrer, auch wenn Sie offiziell gar kein Pfarrer mehr sind. Was fasziniert Sie am meisten an diesem Amt des Zirkus-Seelsorgers? Um es korrekt auszudrücken.
Adrian Bolzern [:Ich bin jetzt schon zehn Jahre mit diesen Leuten unterwegs, und zu Beginn war es natürlich schwierig, den Zugang zu finden. Es ist auch so, dass sie zuerst einmal einen kennenlernen müssen, dass sie auch das Vertrauen haben. Und das Spezielle für mich ist halt, dass ich eben zu ihnen hingehe. Also sie kommen nicht zu mir, sondern ich fahre nach Zürich, nach St. Gallen. Jetzt war ich im Tessin wieder ein Besuch und das ist einfach das Schöne: zu den Leuten zu gehen und dort, wo sie sind, das Leben zu feiern. Also eben Taufe, Hochzeit, Fahrgeschäfte segnen, aber auch dann die traurigen Situationen, wenn jemand gestorben ist. Das finde ich sehr faszinierend.
Sandra Leis [:Das heisst, Sie sind auch sehr viel unterwegs? Ja, mit dem Auto.
Adrian Bolzern [:Etwa 40.000 Kilometer sage ich immer: so einmal um die Welt im Jahr. Das ist so ein Ziel, das ich mache. Aber meine Leute, meine Pfarrei ist ja auch unterwegs. Die gehen von Dorf zu Dorf, Stadt zu Stadt, wie sie die Zirkuszelte aufzustellen oder auch die Chilbi aufbauen oder auch die Märkte, also die Markthändler, dürfen wir auch nicht vergessen, die gehören auch dazu.
Sandra Leis [:Ich war als Kind hell begeistert von der Chilbi. Also ich bin in einem kleinen Dorf im Zürcher Weinland aufgewachsen, und da gab es neben einem Stand mit Süßigkeiten zwei Fahrgeschäfte, nämlich ein kleines Karussell und Putschautos. Wie sagt man? Autoscooter sagt man heute, genau. Es gab diese zwei. Und immer, wenn die Jetons aufgebraucht waren, die ich bekommen habe von meinen Eltern, habe ich lauthals gebrüllt. Ich musste einfach weinen, bis ich wieder zu Hause war. Können Sie so etwas nachvollziehen?
Adrian Bolzern [:Ja, weil es ist natürlich die Freude, die eben auch die Schausteller oder auch der Zirkus in die Dörfer und Städte bringt. Und das zeigt ja auch, dass eigentlich auch mit relativ wenig man viel Freude bringen kann. Und wenn man halt begeistert ist von etwas und das dann nicht mehr machen kann, dann ist man traurig, und als Kind gibt man dem Ausdruck. Und das ist etwas, was ich auch immer wieder erfahre, dass die Schausteller zum Teil sehr großzügig sind. Gerade letztes Mal habe ich wieder gesehen, wo eben ein Kind so geweint hat. Dann hat sie ein gratis bekommen. Ich weiß nicht, ob Sie das auch erlebt haben.
Sandra Leis [:Ich kann mich jetzt grad nicht erinnern, aber es kann gut sein. Oder irgendwas zum Essen oder so. Heißt das auch, dass Sie manchmal auch Besucherinnen und Besucher seelsorgerlich begleiten?
Adrian Bolzern [:Eher weniger. Schon eher die Familien und auch die Angestellten der Schausteller oder Zirkusleute. Weil die Besucherinnen und Besucher, die sind ja in ihren Pfarreien oder Kirchgemeinden zu Hause. Und die Schausteller, die haben ja natürlich auch einen Wohnsitz, aber sie sind halt bis elf Monate im Jahr unterwegs. Und deshalb macht es auch Sinn, dass ich als Seelsorger für sie da bin, und zwar von der Geburt bis zum Tod. Und das ist auch ein, sage ich mir, auch ein Privileg, dass ich das tun darf. Weil ich finde das gar nicht selbstverständlich, dass die Schausteller und die Zirkusleute uns einfach so akzeptieren. Ursprünglich war ich ein Fremder, und in der Zwischenzeit muss ich schon sagen, gehöre ich dazu. Und das ist vielleicht auch so ein interessantes Detail, wenn man nicht auf der Reise geboren wurde, dann ist man ein sogenannter «Privater» oder eine «Private». Und das bin ich ja. Aber sie haben mich unglaublich großherzig und wohlwollend aufgenommen.
Sandra Leis [:Was vermuten Sie? Was war der Schlüssel? Dass es Ihnen gelungen ist, diese Menschen für sich einzunehmen?
Adrian Bolzern [:Also ich glaube zu Beginn wirklich ein offenes Ohr haben, für sie da zu sein und das Signal zu geben: Wenn ihr mich braucht, bin ich da. Also nicht nur dann bei ihnen sein, wenn es gratis Jetons gibt und wenn man mit Freunden gratis in den Zirkus kommt, sondern auch da sein, wenn irgendwas Schönes ist oder wenn was Schlimmes passiert, das man dann präsent ist. Und wenn sie merken, auf den kann man sich verlassen, dann ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Und das habe ich glaube ich geschafft, weil die ersten zwei Jahre waren extrem intensiv. Da musste ich mich wirklich auch überall vorstellen. Ich bin dort hingegangen, habe gesagt, ich bin der neue Pfarrer und dann haben gewisse Schausteller, weil die Musik ein bisschen laut ist, gefragt: Was willst du den fahren? Sie haben «Fahrer» anstatt «Pfarrer» verstanden. Ja, und so habe ich dann wirklich das Vertrauen gewonnen. Und letztes Mal hat jemand den schönen Satz gesagt: «Weißt du, du gehörst einfach dazu. Du bist einer von uns.» Und das ist schön.
Sandra Leis [:sgesamt sind Sie ja für rund:Adrian Bolzern [:Also es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten. Also es gab früher grosse Gottesdienste, die sind leider seit Corona nicht mehr, die sind eingeschlafen. Aber was es zum Beispiel gibt bei den Schaustellern ist eine Veranstaltung im Dezember, die sogenannte Kinder-Bescherung, wo alle Schausteller-Familien zusammenkommen. Und da sind sie dann eben aus der ganzen Schweiz da. Aber es ist schon so, sie sind verstreut. Und natürlich sind eher die Westschweizer Schausteller in der Westschweiz, das ist sowieso die welsche Gemeinschaft ist auch noch mal eine eigene. Und daneben sind die Ostschweizer Schausteller. Aber es ist auch ein Austausch da, man kennt sich gegenseitig. Und sie sagen auch sehr oft, wir sind eine große Familie und im Zirkus ist das auch so, wobei dort ist halt schon so, die Zirkusunternehmen leiden schon auch unter der momentanen Situation, weil viele Leute halt nicht mehr in den Zirkus gehen.
Sandra Leis [:Adrian Bolzern [:Ja. Zum Glück gehen viele in den grossen Zirkus. Der Zirkus Knie, der läuft gut. Das weiss ich auch. Man hört auch immer wieder, der Zirkus Monti läuft gut. Aber andere Zirkusbetriebe haben zum Teil schon zu kämpfen und die müssen wirklich schauen, dass sie dann ihre Rechnungen noch bezahlen können. Und das schmerzt mich manchmal selbst, weil ich sehe, dass diese Leute wirklich viel arbeiten. Und dann sollte am Schluss des Jahres schon was in der Kasse sein.
Sandra Leis [:Im Zirkus leben und arbeiten ja Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Religionen. Sie sind römisch-katholischer Theologe. Wie gehen Sie auf Menschen zu, die einen anderen Glauben haben?
Adrian Bolzern [:Gerade im Zirkus ist es so, dass es ja immer – ich sage auch, der Zirkus ist wie ein kleines Universum in sich – eben weil ganz viele Nationen, Religionen aufeinandertreffen. Es ist so, dass wenn einer in einem Schweizer Zirkus arbeitet, jemand aus Marokko oder Polen oder woher auch immer und eine andere Religion hat, dann ist er eigentlich per se schon ein offener Mensch, sonst würde der gar nicht kommen. Und deshalb ist es noch nie ein Problem gewesen. Gerade auch für die arabischen Menschen sind wir die Habibis. Also das heißt ein Freund oder Schätzchen. Das ist eigentlich auch schön und die nehmen uns auch an und wenn sie ein Problem haben, dann besprechen sie das auch mit uns. Also es ist wirklich kein Problem. Es gibt manchmal zwischen Angestellten Spannungen. Da bin ich auch schon gerufen worden, um mit den Leuten zu reden. Und dann muss man halt eine Lösung finden, weil da gibt es auch gewisse Direktionen, die sagen Religion und Politik sind hier kein Thema. Das bleibt draußen. Wir sind hier im Zirkus. Ihr müsst zusammenarbeiten. Punkt.
Sandra Leis [:Was sind die Hauptanliegen, mit denen Menschen aus dem Zirkus oder der Chilbi auf Sie zukommen?
Adrian Bolzern [:Es sind natürlich die die Lebensmomente, die man hat, also wirklich die Begleitung im Seelsorgerlichen von Geburt bis Tod, aber natürlich auch eben Streitigkeiten zum Teil. Das finde ich für mich auch immer ein Kompliment, wenn jemand mich sucht, ja als Begleiter, als Coach. Und das andere ist halt schon das liebe Geld. Sehr oft geht es um finanzielle Engpässe und das ist zum Teil wirklich schwierig, dass man dann schauen muss, wie kommen sie über die Runden. Und da habe ich ja zum Glück in meinem Rücken eine Stiftung, die Philipp-Neri-Stiftung, die ich dann angehen kann und sagen: Könnt ihr da aushelfen oder auch einen Überbrückungskredit geben oder was auch immer. Also das ist ein großes Thema, weil alles immer teurer wird. Und die Leute haben ja nicht unbedingt mehr Geld. Und das ist eine Schwierigkeit, weil letztes Mal hat mir jemand gesagt, wenn ich zum Beispiel nur irgendwo einen Stecker reinstecken muss, kostet mich das 500 Franken, dass da jemand von der Stadt kommt und das macht. Und ich meine 500 Franken, da muss man zuerst wieder verdienen.
Sandra Leis [:Klar. Also das sind noch wichtige Themen, die auch mit Ihnen besprochen werden. Im vergangenen März waren Sie in den Medien, weil ja Freddy Nock verstorben ist und Sie ihn beerdigt haben. Und da haben Sie auch Interviews gegeben. Und beispielsweise in der Basler Zeitung haben Sie Folgendes gesagt. Ich zitiere Sie: «Wenn ich den Maßstab der römisch-katholischen Kirche auf meine Schäfchen anwenden würde, fielen 98 % durch.» An welche Maßstäbe denken Sie jetzt da ganz konkret?
Adrian Bolzern [:Sie haben genau gelesen.
Sandra Leis [:Das gehört zu meinen Aufgaben und ist mir geblieben, habe ich gedacht, Okay.
Adrian Bolzern [:Also die Aussage ist ein bisschen ein Risiko. Wobei es geht natürlich um Beziehungen. Die römisch-katholische Kirche sieht das eng. Sexualität gibt's nur in der Ehe und sonst nirgends und gerade halt, wenn man zusammenlebt im Zirkus oder auch auf der Chilbi kann es halt mal sein, dass da was passiert, das in der römisch-katholischen Kirche verboten wäre. Das habe ich eigentlich vor Augen gehabt.
Sandra Leis [:Also apropos Maßstäbe: Sie selber wurden vor zwölf Jahren zum Priester geweiht und haben sich dann in dieser Zeit in eine Frau verliebt, in die Kirchenmusikerin, also die Frau, die Orgel spielt, in eine Pfarrei in Aarau und sind dann in Konflikt gekommen mit dem Zölibat. War das ein Schock für Sie, dieser Konflikt?
Adrian Bolzern [:Nein, es war nicht ein Schock, weil gute Freunde von mir – darüber bin ich sehr froh –, die sagen das heute immer noch. Die haben gesagt, auch als ich mich entschieden habe, Priester zu werden: Du hast es früher schon gesagt. Wenn dir die Frau des Lebens über den Weg läuft, dann müssen wir über die Bücher. Und das ist dann passiert, weil eigentlich damit gerechnet habe ich nicht, sonst wäre ich den Weg nicht gegangen. Aber es ist dann eben passiert. Und für mich war einfach klar oder auch für uns, also für meine Frau und für mich war klar, wenn wir den Weg zusammen gehen wollen, dann nur öffentlich. Also dass dass wir dazu stehen, also nicht im Geheimen irgendwas leben oder dass sie dann einfach meine Kirchenmusikerin und mich überall hin begleitet und wir einfach kein offizielles Paar sind. Das war für uns ein No-Go, und deshalb haben wir uns entschieden, dann diesen Weg so zu gehen. Und ich habe das immer wieder gesagt: Ich bin sehr dankbar auch für Bischof Felix, der mit mir den Weg gegangen ist und der mich auch begleitet hat und eben auch dazu beigetragen hat mit der Bischofskonferenz, dass ich weiter in der Kirche arbeiten darf. Da bin ich sehr, sehr froh.
Sandra Leis [:Sie machen mich gerade neugierig. Wie hat denn Bischof Felix Gmür reagiert, als Sie ihm das sagten? Ich nehme an, Sie haben um ein Gespräch gebeten?
Adrian Bolzern [:Ja, ich war schon lange nicht mehr so nervös wie vor diesem Gespräch. Ja, ich kannte Felix sehr gut, und er hat mich auch geweiht. Und ja, und das war wirklich ein bisschen ein «Gang nach Canossa». Aber ich bin dann gegangen. Es war ein heißer Tag, das weiß ich noch, und er hatte den Römerkragen so halb offen und gesagt, wegen dir muss ich mich ja nicht so chic machen. Und ich habe gesagt: Nein, völlig in Ordnung. Wir wissen ja, wer du bist. Und so haben wir dann gesprochen. Und dann hat er mich gefragt, Adrian, geht's dir gut? Und ich habe gesagt, ja, es geht mir gut. Und dann sagte er: Zum Glück, ich hab schon gedacht, du willst heiraten. Und dann hab ich gesagt, ja, du liegst nicht so falsch. Und dann sind wir ins Gespräch gekommen. Und er hat aber von Beginn an nie gesagt, du Idiot, warum machst du so was? Sondern er hat wirklich von Anfang an gesagt, na gut, jetzt müssen wir einen Weg suchen zusammen, weil ich will dich nicht verlieren als Seelsorger. Und das fand ich von Anfang an schön, dass er nicht gerade gesagt hat, gut, dann hau ab. Sondern dass er gesagt, wir suchen einen Weg zusammen und den haben wir jetzt gefunden. Ich bin im Moment noch ein bisschen mit ihm dran und will ihn dann noch ins Gespräch nehmen: Ich bin immer noch am Überlegen wegen der Taufe. Das kann doch nicht sein, dass ich nicht mehr taufen darf. Da bin ich noch ein bisschen im Clinch mit ihm.
Sandra Leis [:Ja, Sie haben gesagt, der Bischof habe Sie sehr unterstützt. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, die Entscheidung musste dann Papst Franziskus persönlich fällen, ob Sie wirklich noch als Seelsorger für die Zirkusleute und Marktmenschen tätig sein können. Also das konnte Felix Bischof nicht alleine entscheiden.
Adrian Bolzern [:sel. Und das war an Silvester:Sandra Leis [:Das umrahmt haben. Genau. Ja. Hätten Sie dieses Ja aus Rom nicht bekommen. Nur einmal angenommen, haben Sie es je überlegt, möglicherweise zu den Christkatholiken und katholikinnen zu wechseln? Wäre das eine Option gewesen für Sie?
Adrian Bolzern [:Also die sind sogar sehr offen auf mich zugekommen. Gerade nachdem wir unsere Geschichte publik gemacht haben, sind die offensiv auf mich zugekommen. Ich habe sie nicht gesucht, sondern sie sind zu mir gekommen und haben gesagt: Wie sieht es aus? Bei uns könntest du Pfarrer bleiben. Und das war für mich zu Beginn eigentlich keine Option, weil ich bin eigentlich vom Herzen wirklich römisch-katholisch. Ich bin verliebt in die Kirche, das ist ein bisschen komisch, aber ich bin mit der Kirche aufgewachsen, habe ganz viel profitiert von dieser Kirche, auch das Bistum Basel hat mich immer unterstützt. Und deshalb war das eigentlich keine Option. Aber ich habe natürlich dann schon gesagt, wenn mich das Bistum Basel oder die Kirche mich jetzt fallen lässt wie eine heiße Kartoffel, dann muss ich ja schauen, wie ich weiter über die Runden komme. Ich wäre wirklich sehr, sehr enttäuscht gewesen, muss ich schon sagen. Hätte mich extrem gemocht, aber dann wäre das eine Option gewesen. Aber ich habe sogar noch eine andere Türe aufgeschlagen für mich. Und das ist zwar eine Türe, die ich eigentlich nicht so gerne gehen würde, aber das ist die Selbständigkeit. Dass ich dann gesagt habe, die größte Konfession in der Schweiz ist ja die Konfessionslose, die brauchen auch Begleitung. Und dann wäre ein Versuch wichtig gewesen, dieses Ritualbegleitung zu gehen und dort durchzustarten, weil da habe ich jetzt schon viele Anfragen für freie Trauungen und das ist jetzt schon eine Realität, dass die sagen, uns ist egal, ob das kirchlich eingetragen ist oder nicht, wir wollen dich als Begleiter. Punkt. Und das tut mir eigentlich weh, weil ich will ja eigentlich für die Kirche einstehen. Aber wenn wir natürlich die Kirche das Stoppschild zeigt und sagt, das geht nicht mehr, weil du ehrlich warst und zu der Frau gestanden bist, dann muss ich halt sagen na gut, dann sind die halt nicht eingetragen.
Sandra Leis [:Gut. Das heißt jetzt, Sie haben Rückenwind bekommen vom Bistum Basel, es hat sie unterstützt. Gleichzeitig haben Sie aber die Stelle in Aarau ja aufgeben müssen. Das heißt, Sie hatten eine halbe Stelle, nämlich als Zirkusseelsorger. Haben Sie da auch mal Existenzängste geplagt?
Adrian Bolzern [:Ja, schon. Auch weil zu Beginn habe ich auch nicht gewusst, wie geht es wirklich weiter. Das ist die Grundsatzfrage: Kann ich überhaupt weiter in der Kirche arbeiten? Und ich muss schon sagen, es hat mich extrem beschäftigt, weil ich habe zehn Jahre meines Lebens investiert in die Ausbildung zum Theologen. Und zehn Jahre kommen dort zusammen, weil ich keine Matur hatte. Und diese zehn Jahre wären dann plötzlich nichts mehr wert gewesen Und das hat mich unglaublich beschäftigt zu Beginn. Aber dann waren wir auf einer Alp, meine jetzige Frau und damals noch Freundin und ich. Und der Älpler, der hat gerade gemerkt, das, also er hat mich erkannt. Sie sind doch Priester, warum kommen Sie mit der Frau, und dann haben wir es ihm gesagt. Und dann hat er gesagt, das ist interessant, interessant und schön. Und der hat mir dann den Satz gesagt: Adrian, denk immer daran, wenn eine Tür zugeht, gehen immer fünf andere auf. Und das hat mich extrem getroffen, und ich habe gesagt: Das stimmt, das ist wahr. Das ist eigentlich, wenn man schaut, es gibt so viele Möglichkeiten, gerade auch als Theologe. Also da gibt es nicht nur die römisch-katholische Kirche.
Sandra Leis [:Hätte es auch die Möglichkeit gegeben, als Gemeindeleiter zu arbeiten oder einfach als Seelsorger in einer Pfarrei?
Adrian Bolzern [:Ja, natürlich. Also die hätte es schon gegeben. Aber das Thema ist halt das, dass ich diese zehn Jahre, die ich jetzt für die Zirkusleute zuständig bin, nicht aufgeben wollte, weil das war für mich eine so große Aufgabe, die Kontakte zu knüpfen. Und ich merke ja auch von der Pfarrei, es ist wirklich ein Geben und Nehmen, wir sind zusammen unterwegs, und die hätten das auch nicht verstanden, wenn ich jetzt gesagt hätte, tschüss zusammen. Und deshalb war das für mich eigentlich keine Option, diese 50 % aufzugeben. Aber ich habe dann auch über das Bistum eine weitere Stelle angeboten bekommen: Ich bin Gehörlosenseelsorger der Nordwestschweiz. Ich bin für die beide Basel, Aargau, Solothurn zuständig, für die gehörlosen Menschen und das ist eine 40 % Stelle. Und wenn man jetzt rechnet 50 und 40 sind 90, deshalb. . .
Sandra Leis [:Adrian Bolzern [:Genau, in Olten habe ich noch eine 10 %-Stelle für die Altersheime. Das hat sich wirklich gut ergeben. Auch mit der Gehörlosengemeinde: Zu Beginn hatte ich da ein bisschen Angst wegen der Gebärdensprache.
Sandra Leis [:Die mussten Sie ja lernen. Das ist ja nicht einfach, das darf man nicht unterschätzen.
Adrian Bolzern [:Ja. Doch bei den Gottesdiensten, und das hat mir zum Glück auch die Landeskirche zugesichert, werden sie mir weiterhin einen Dolmetscher hinstellen, dass ich da nicht, weil sonst könnte ich nicht mehr feiern, wenn ich immer überlegen müsste, was muss ich jetzt da gebärden? Aber für den Alltag, für das Gespräch, da reicht jetzt, was ich eigentlich kann. Viele Gehörlose, eigentlich alle können auch Lippenlesen, und deshalb kann ich mich gut verständigen mit diesen Menschen.
Sandra Leis [:Kehren wir zurück zum Zirkus: Als Zirkusseelsorger dürfen Sie ja heute keine Sakramente mehr spenden. Stört Sie das?
Adrian Bolzern [:Ja, sagen wir so: Es stört mich wirklich, weil ich habe das zehn Jahre gemacht, und jetzt darf ich das plötzlich nicht mehr. Natürlich, ich habe ein Versprechen gebrochen, das ich gegeben habe. Aber ich sage immer, das ist für mich halt schon ein bisschen eine schmerzliche Geschichte, weil ich ehrlich war, gesagt habe, ich will zu dieser Frau stehen. Und auch, dass wir eine Familie gründen wollen. Jetzt habe ich diese Konsequenz. Und das ist halt ein bisschen schmerzvoll, weil auch viele Leute mich immer noch anfragen: Kannst du uns trauen? Kannst du unsere Kinder taufen? Das muss ich mir halt einfach zu helfen wissen und muss ein bisschen – das Kirchenrecht nicht biegen, sondern einfach den Weg finden, dass das erfüllt ist. Und da habe ich jetzt eine gute Methode, dass ich meinen Vater, der eben Diakon ist, mitnehmen kann und als Diakon auch taufen und trauen darf. Wir gestalten diese Feiern zusammen. Und das ist eine gute Lösung.
Sandra Leis [:Das heißt, es geht Ihnen eigentlich wie einer Frau, einer Gemeindeleiterin.
Adrian Bolzern [:Einer Gemeindeleiterin oder einem nicht geweihten Mann. Wobei, und deshalb habe ich das vorhin von der Taufe angesprochen, Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter dürfen in ihrer Pfarrei taufen.
Sandra Leis [:Wenn sie die Erlaubnis bekommen.
Adrian Bolzern [:Ja, im Bistum Basel dürfen Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter in der eigenen Gemeinde taufen. Nicht überall, aber in der eigenen Gemeinde, und meine Gemeinde sind ja die Zirkusleute. Deshalb hätte ich eigentlich die Hoffnung, dass ich irgendwann auch mal wieder taufen darf. Weil das ist ja das Spezielle an der Taufe, Da darf ja auch jemand, wenn jemand eine Not hat, wenn jemand am Sterben ist und nicht getauft ist, darf sogar ein Nichtchrist taufen. Also dann finde ich das noch speziell, dass ich, der Theologie studiert habe und eigentlich immer noch geweiht bin, das nicht darf. Also dann ist es für mich halt einfach eine Strafe, und das tut weh, weil ich ja in der Zwischenzeit 20 Jahre für die Kirche stehe. Also das klingt jetzt ein bisschen eigenverliebt, aber ich habe viel gemacht in diesen 20 Jahren in der Kirche und auch für die Kirche, weil ich versuche, den Leuten auch immer zu zeigen, die katholische Kirche ist nicht nur die Übergriffsgeschichte oder nicht nur alt und verstaubt, sondern die katholische Kirche hat so viel Schönes zu bieten, die Gemeinschaft, die Lebensfreude, die die Kirche eben auch hat. Das versuche ich den Menschen zu zeigen.
Sandra Leis [:Also wie die Schausteller und Schaustellerinnen eigentlich auch.
Adrian Bolzern [:Ja genau. Ja natürlich auch mit dem Zirkus und den Märkten bringen wir die Freude zu den Menschen und feiern dort eben auch sogar noch das Leben mit den Gottesdiensten oder Segnungen.
Sandra Leis [:In der Boulevardpresse konnte man jetzt lesen, dass sie demnächst Nina Burri verheiraten werden. Das ist eine bekannte Schlangenfrau. Da stehen Sie dann auch und trauen die beiden, sie und ihren zukünftigen Mann. Nehmen Sie da auch den Vater mit bei diesem Grossanlass, oder wie läuft das dort?
Adrian Bolzern [:Also dort ist es jetzt so, dass dort, wo sie wohnhaft sind, hat sich der Pfarrer gemeldet. Dieser Pfarrer wird das begleiten. Ich kenne ihn vom Studium, und er hat ganz klar gesagt, er ist auch bereit, eine Reihe zurückzustehen. Weil ich ja die Leute begleite und weil auch die, die Nina und der Marco mich als Seelsorger, das ist ganz klar. Aber halt, der Trauerakt macht der Pfarrer selbst. Das ist dann halt einfach der Kompromiss, den sie auch eingehen mussten, weil sie wollen eine römisch-katholisch gültige Trauung, und dann ist das halt der Kompromiss, den ich immer jetzt eingehen muss. Und da denke ich, da kann ich wahrscheinlich auch nichts anderes erwarten. Bei der Taufe hoffe ich immer noch.
Sandra Leis [:Vor zwei Jahren, wir haben es vorhin schon kurz angetönt, haben Sie geheiratet, da waren Sie selber auch schon über 40 Jahre alt. Sie sind heute 45, Sie sind Ehemann und Vater einer kleinen Tochter. Das heißt, Ihr Leben hat sich nicht nur beruflich, sondern eben auch privat sehr stark verändert. Jetzt stelle ich Ihnen eine Frage, die man sonst den Frauen öfters stellt: Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Adrian Bolzern [:Also der Vorteil ist sicher, dass ich gerade bei dern Zirkusleuten, den Schaustellern und Markthändlern schon zehn Jahre bin. Das heißt, die kennen mich, da muss ich nicht mehr Lobbyarbeit in dem Sinne machen, wie wenn ich frisch anfangen würde dort. Das ist ein großer Vorteil. Dadurch kann ich auch mal abwesend sein. Und Sie wissen trotzdem, dass es mich gibt. Das ist ein Riesenvorteil. Beim Gehörlosenamt, Da ist es so, dass ich mich natürlich einarbeiten musste, aber das ist eine relativ kleine Gemeinde, das sind nur etwa 250 Personen. Also da ist man schnell bekannt, sage ich mal, Und natürlich, ein großer Teil, der neu dazugekommen ist, ist wirklich die Familienzeit. Also das ist meiner Frau und mir sehr wichtig, dass ich auch sehe, wie meine Tochter aufwächst, dass ich nicht erst später merke, jetzt ist sie schon 18 Jahre und das war's dann, sondern dass ich jetzt auch wirklich Zeit zu Hause bin. Der Vorteil ist, dass ich hier gerade auch viel Homeoffice machen kann. Also was ich früher im Büro war, bin ich jetzt halt mehr hier zu Hause in unserem Haus-Büro im Homeoffice.
Sandra Leis [:Ursprünglich haben Sie einmal Landschaftsgärtner gelernt. Ist der Landschaftsgärtner ein Stück weit auch ein Sinnbild für Ihr Leben?
Adrian Bolzern [:Ja, das kann man so sagen, weil das haben auch viele immer gesagt: Ich habe vom Garten und der Erde zum Garten Gottes gewechselt. Und das hat schon auch ein bisschen was. Also der Unterschied ist einfach wirklich der: Früher beim Landschaftsgärtner, da habe ich gesehen, was ich gemacht habe. Ich habe einen Garten umgestaltet oder auch neu gestaltet. Und dann hat man gesehen, hier ist ein neuer Garten. Jetzt bei der Arbeit ist es manchmal schwierig zu sehen, was wir eigentlich machen, was wir erreichen. Aber jetzt hatte ich gerade letzte Woche eine Beerdigung, und der Enkel kam auf mich zu und sagte: Weißt du, und ich bin noch wegen dir in der Kirche, weil du mich bei der Erstkommunion begleitet hast. Wenn das nicht gewesen wäre, wäre ich schon lange ausgetreten. Und das sind solche Momente, die einen freuen. Ich bin schon eine gewisse Zeit unterwegs und eben die Früchte vom realen Garten sieht man dann so im Garten Gottes, wenn man das so sagt.
Sandra Leis [:Ich kann mir auch vorstellen, dass Sie glaubwürdig wirken und auch sind, gerade weil Sie an die Öffentlichkeit getreten sind mit ihrer Geschichte und das eben nicht heimlich machen. Ich glaube, das ist dann wahrscheinlich ein gutes Zeichen.
Adrian Bolzern [:Ist mir auch sehr wichtig, dass man ehrlich ist und dass man auch lebt, was man predigt. Natürlich ist es immer schwierig und das Evangelium hat einen Riesenanspruch an uns und auch ich scheitere sehr oft. Und deshalb ist für mich der Petrus das beste Beispiel, weil Petrus hat so eine wichtige Rolle bekommen in unserer christlichen Geschichte und ist eigentlich so ein Versager. Er hat dreimal gesagt, er kennt Jesus nicht. Deshalb sage ich immer: Da können wir alle noch lange Fehler machen, weil Petrus hat auch viele Fehler gemacht.
Sandra Leis [:Adrian Bolzern. Vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch und den Einblick, den Sie uns gewährt haben in Ihr Leben und Arbeiten.
Adrian Bolzern [:Danke sehr. Danke auch fürs Interesse.
Sandra Leis [:Das war die 31. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Adrian Bolzern. Er ist katholischer Seelsorger der Schweizer Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler.
Wenn ihr, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, uns Feedback geben wollt:
Schreibt gerne per Mail an podcast@kath.ch
oder per WhatsApp auf die Nummer: 078 251 67 83.
Und: Abonniert den Podcast, bewertet ihn positiv und teilt ihn, wenn er euch gefällt.
Für die nächste Folge von «Laut + Leis» reise ich nach Deutschland in die Abtei St. Hildegard zu Philippa Rath. Die Benediktinerin und prominente Theologin hat ein Buch über die Hoffnung geschrieben und ist überzeugt, dass es eines Tages geweihte Frauen in kirchlichen Ämtern geben wird.
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.




