Suhas Pereira
Schweiz

Suhas Pereira: «Am 15. August feiern wir in Indien zwei Mütter»

Mariä Himmelfahrt ist für die Menschen in Indien ein «wichtiges Ereignis im Glaubensleben», sagt der indische Kapuzinerbruder Suhas Pereira. Kräutersegnungen an diesem Tag gibt es in seiner Heimat aber nicht.

Jacqueline Straub

Wie wird Mariä Himmelfahrt in Indien gefeiert?

Suhas Pereira*: Wir Katholiken in Indien feiern am 15. August zwei wichtigen Feste. Das eine, das für alle Inder sehr wichtig ist, ist das Fest der Unabhängigkeit von der fast zweihundert Jahren langen britischen Herrschaft am 15. August 1947. Das zweite ist der Gedenktag der Aufnahme Mariens in den Himmel. Für uns ein wichtiges Ereignis im Glaubensleben. Während das erste für politische Befreiung steht, ist Marias Aufnahme die vollständige Befreiung von allem, was uns bindet.

«Im Gottesdienst übergeben wir unsere Heimat der Fürsprache unserer himmlischen Mutter.»

Der 15. August ist in Indien ein Nationalfeiertag.

Pereira: Genau. Am 15. August feiern wir indische Katholiken zwei Mütter: unsere himmlische Mutter, Maria und unsere Heimat Indien, die wir auch als unsere Mutter betrachten. So gehen wir schon frühmorgens zur Kirche, um das Hochfest zu begehen. Wir feiern die Mutter Gottes als die Patronin Indiens. Im Gottesdienst übergeben wir unsere Heimat der Fürsprache unserer himmlischen Mutter. Nach der Messe ehren wir auch unsere Heimat Indien, indem wir die Nationalfahne hissen, die Nationalhymne singen und die mutigen Männer und Frauen ehren, die ihr Blut vergossen und ihr Leben geopfert haben, um unsere Heimat von der britischen Unterdrückung zu befreien.

Blumen und Kräuter zur Kräuterweihe bereit
Blumen und Kräuter zur Kräuterweihe bereit

Gibt es Unterschiede zum Fest in der Schweiz?

Pereira: Von der Glaubenstradition her gibt es kaum Unterschiede zum Fest in der Schweiz. In der Schweiz ist der 15. August in einigen katholischen Kantonen ein Hochfest und daher ein Feiertag. In Indien ist er ein staatlicher Feiertag.

An Maria Himmelfahrt werden hierzulande Kräuter gesegnet. Welche Kräuter werden in Indien gesegnet?

Pereira: Soviel ich weiss, gibt es bei den indischen Katholikinnen und Katholiken diese Tradition der Kräuterweihe am Hochfest Aufnahme Mariens nicht. In vielen Pfarreien gehen die jungen Menschen miteinander in die Altersheime oder in die Kinderhorte, um dort mit ihnen und ihren Angehörigen den Tag würdig zu feiern und allen Anwesenden eine Freude zu machen.

Mutter Gottes auf einem Urnengrab
Mutter Gottes auf einem Urnengrab

Welchen Stellenwert hat die Mutter Gottes Maria für die Menschen in Indien?

Pereira: Die Mutter Gottes spielt als Fürsprecherin und als Beschützerin eine sehr grosse und wichtige Rolle im Leben aller Katholikinnen und Katholiken in Indien. Alle ehren die Mutter Gottes auch als ihre eigene himmlische Mutter, die auf sie schaut und in Not mit ihrer Fürsprache bei Gott hilft.

Die Liebe zur Mutter Gottes ist in Indien also gross.

Pereira: Ja, sehr. In Indien wird das Fest der Geburt Mariä am 8. September als Hochfest gefeiert. Als Vorbereitung auf das Hochfest werden in den Pfarreien und auch in den Familien Novenen zu Ehren der Muttergottes gehalten. Am Festtag werden in einer Pfarrei vier bis fünf Messen gefeiert, die gut besucht werden. Anschliessend wird miteinander gegessen.

«In den Familien wird jeden Abend der Rosenkranz gebetet.»

Wie zeigt sich die Wichtigkeit der Muttergottes Marias im Alltag noch?

Pereira: Es gibt Marienwallfahrtsorte, an die jedes Jahr tausende und abertausende Menschen pilgern, um dort zu beten. Auch in den Familien wird jeden Abend der Rosenkranz gebetet, ebenso vor jeder Messe in den Pfarreien. Im Monat Mai und Oktober wird in allen Pfarreien jeden Morgen und Abend vor einer Mariengrotte Rosenkranz gebetet – und zwar von Menschen allen Alters. Die Mutter Gottes wird auch von Menschen anderer Religionen wie dem Islam, dem Buddhismus und dem Hinduismus verehrt. Ihre Fürsprache bei Gott ist Grund, dass auch Menschen anderer Glaubenstraditionen Maria lieben und verehren.

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*Suhas Pereira ist Kapuzinerbruder und stammt aus Indien. Von 2013 bis 2019 lebte er in Olten bei den Kapuzinern und promovierte an der Universität Luzern im Fach Dogmatik. Derzeit ist er als Priester im Pastoralraum Olten tätig.


Suhas Pereira | © zvg
15. August 2024 | 12:25
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