St. Gallens Bischof Markus Büchel
Story der Woche

Bischof Büchel zum 75. Geburtstag: «Bischof kann Aufgabe nur erfüllen, wenn Menschen ihm vertrauen»

Heute begeht der St. Galler Bischof Markus Büchel seinen 75. Geburtstag. Grund genug, nicht nur auf sein Leben als Priester und sein Wirken als Bischof zurückzublicken. Sondern ihn auch mit drängenden Fragen der katholischen Kirche von heute zu konfrontieren.

Wolfgang Holz

Bischof Markus, alles Gute zu Ihrem 75. Geburtstag. Wie fühlen Sie sich?

Bischof Markus Büchel*: Gut erholt von den Ferien und dankbar, dass ich gesund sein darf. Mit 75 bieten Bischöfe dem Papst den Amtsverzicht an. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis der Rücktritt angenommen wird. Erst dann kann das Wahlprozedere für einen Nachfolger beginnen. Vorerst geht also alles weiter wie bisher.

«Eine besondere Freude war für mich die Begegnung mit jungen Menschen.»

2006 wurden Sie zum Bischof gewählt und wirken seit 18 Jahren als Bischof. Was hat Sie am meisten erfüllt und stolz gemacht in dieser Zeit?

Büchel: Am wichtigsten war mir immer, mit vielen Menschen unterwegs zu sein und mich auf gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verlassen zu können. Persönlich durfte ich viel Wertschätzung erfahren. Eine besondere Freude war für mich die Begegnung mit jungen Menschen im Zusammenhang mit der Firmspendung. Wenn ich Männer und Frauen in den Seelsorgedienst für unser Bistum aufnehmen durfte, war ich immer sehr glücklich und dankbar.

Treffen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Rahmen von "Churching" in St. Gallen.
Treffen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Rahmen von "Churching" in St. Gallen.

Zudem bleiben mir die Begegnungen mit den beiden Päpsten in meiner Zeit in besonderer Erinnerung. Papst Benedikt XVI. hat mich vor der Bischofsweihe zu einer Privataudienz empfangen. Nach seinem unerwarteten Rücktritt war die Spannung auf den Nachfolger gross. Als Präsident der Bischofskonferenz durfte ich die Wahl von Papst Franziskus miterleben. Sein Programm der Kirchenerneuerung – der Mensch im Mittelpunkt und hin zu synodalen Strukturen – deckt sich mit den Entwicklungen bei uns in der Schweiz. Der Einsatz von Frauen und Männern in der Seelsorge mit bischöflicher Beauftragung ist bei uns nicht mehr wegzudenken.

«Ich war gerne Ministrant.»

Sie entstammen einer Bauernfamilie aus dem Rheintal mit einem Bruder und drei Schwestern. War Ihr Weg als Priester da schon früh vorgezeichnet?

Büchel: In unserer Familie gibt es keine klerikale Vorbelastung. Obwohl Rüthi eine fast ganz katholische Gemeinde war, gab es kaum Priester- und Ordensberufe. Es gibt auch nach mir in den letzten 50 Jahren keinen weiteren Primizianten.

Die Schweizer Fahne hängt zwischen den Türmen der Kathedrale St.Gallen
Die Schweizer Fahne hängt zwischen den Türmen der Kathedrale St.Gallen

In unserer Familie waren Kirche und Alltag ganz natürlich miteinander verbunden. Tischgebet und Gottesdienstbesuch waren eine Selbstverständlichkeit. Ich war auch gerne Ministrant. Meine Gymnasial- und Studienzeit war geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil und von den Diözesansynoden in der Schweiz. Diese Aufbruchzeit in der Kirche hat mich wesentlich für das Theologiestudium motiviert.

«Eine prägende Seelsorgeerfahrung war der Feldpredigerdienst.»

Als Priester und Geistlicher haben Sie viele Stationen durchlebt. An welche erinnern Sie sich noch besonders gerne, an welche weniger?

Büchel: Ich habe wunderbare Erinnerungen an meine zwölf Jahre als Vikar in der Stadt St. Gallen. Viele Erlebnisse mit jungen Menschen und spezielle Lagererinnerungen sind unvergesslich. Freundschaftliche Beziehungen sind bis heute geblieben. Eine prägende Seelsorgeerfahrung war auch der Feldpredigerdienst. Jährlich drei bis vier Wochen mit jungen Männern aus allen Volksschichten unterwegs zu sein, war eine besondere Seelsorgeerfahrung. Als Pfarrer in Flawil waren die sieben Jahre geprägt durch eine grosse Kirchenrenovation. Es war eine spannende Zeit mit vielen neuen und prägenden Erfahrungen.

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Dass ich mit dem Abschluss des Renovationsprojektes die Pfarrei verlassen musste, haben weder ich noch die Pfarrei verstanden. Bischof Ivo Fürer hat mich als Bischofsvikar ins Ordinariat berufen. Damit hatte ich nie gerechnet. Der Abschied war schwierig. Heute darf ich im Rückblick sagen, dass die neuen Herausforderungen während 30 Jahren im Pastoralamt und als Bischof sehr bereichernde Jahre waren. Ich musste und durfte viel Neues lernen.

«Die Vorbereitung der Weltbischofssynode zum Thema Ehe und Familie weckte grosse Erwartungen und hinterliess viele Enttäuschungen.»

Drei Jahre lang präsidierten Sie die Schweizer Bischofskonferenz. Welche waren damals die grössten Herausforderungen für Sie?

Büchel: Es waren Jahre mit vielen Veränderungen: Da war die Reorganisation des Generalsekretariates in Fribourg, es gab Bischofswechsel in fast allen Bistümern und da war die Zusammenarbeit mit den staatskirchenrechtlichen Gremien. Den verschiedenen Sprachkulturen in der Schweiz gerecht zu werden, war nicht immer einfach. Der neue Papst Franziskus hat neue Schwerpunkte gesetzt. Die Vorbereitung der Weltbischofssynode zum Thema Ehe und Familie weckte grosse Erwartungen und hinterliess viele Enttäuschungen. Diese Spannungen auszuhalten war oft schwierig.

«Der Zeitfaktor für die Umsetzung schweizweiter Massnahmen gegen Missbrauch wurde unterschätzt.»

Seit der Präsentation der Missbrauchsstudie vergangenen Herbst ist die Welt der katholischen Kirche eine andere, schwierigere geworden. Wie blicken Sie auf die bislang geleistete Aufarbeitung des Missbrauchs und die Entschädigung der Opfer durch die Bistümer ein knappes Jahr später zurück?

Büchel: Die Aufarbeitung des Missbrauchs und die Massnahmen begannen nicht erst mit der Präsentation der Pilotstudie. Die letzten Jahre wurde in dieses Thema viel investiert. Die Studie wurde von den Bischöfen und Ordensgemeinschaften selbst in Auftrag gegeben. Die beschlossenen Massnahmen nach den Reaktionen im September letzten Jahres sind mit grosser Sorgfalt in Angriff genommen worden.

Schweizer Bischöfe: der Einsiedler Abt Urban Federer (l.), der Basler Bischof Felix Gmür und der St. Galler Bischof Markus Büchel
Schweizer Bischöfe: der Einsiedler Abt Urban Federer (l.), der Basler Bischof Felix Gmür und der St. Galler Bischof Markus Büchel

Der Zeitfaktor für die Umsetzung schweizweiter Massnahmen wurde aber unterschätzt – es geht nicht so schnell, wie anfangs gefordert wurde. Es wird aber intensiv an den Fragen gearbeitet. Die Finanzierung der Hauptstudie ist geregelt, und für die Entschädigung von Betroffenen wurden von den Bistümern und Ordensgemeinschaften Nachalimentierungen für den bestehenden Fond geleistet.

Wie schwierig ist es heute aus Ihrer Sicht generell, als Bischof und Gottes Hirte die Gläubigen hinter sich zu vereinen?

Büchel: Ein Bischof kann seine Aufgabe nur erfüllen, wenn die Menschen ihm vertrauen und wenn er transparent und glaubwürdig handelt. Leider haben innerkirchliche Auseinandersetzungen der letzten Jahre diesem «Hirten-Vertrauen» auch geschadet. Es bleibt eine erste Aufgabe des Bischofs, sich um die Einheit und um gegenseitiges Vertrauen zu bemühen. Dies ist nur möglich, wenn die verschiedenen Gruppierungen sich mit Respekt und Gesprächsbereitschaft begegnen.

Die Schweizer Bischöfe im Jahr 2014 beim Papst
Die Schweizer Bischöfe im Jahr 2014 beim Papst

Der Bischof ist aber auch angewiesen auf all seine Mitarbeitenden auf allen Ebenen. Die Reaktionen der letzten Monate hat mir gezeigt, dass diese direkte Beziehung zu den Mitarbeitenden in den Pfarreien zu kurz gekommen ist. Wenn ich das in meinem kleinen Bistum feststelle, wie soll es dann meinen Kollegen in den grossen Bistümern gelingen? Wir sind angewiesen, dass auch unsere Mitarbeitenden im Bistum in einer «Bischofs-Rolle» wahrgenommen werden.

Schmerzen Sie die zahlreichen Kirchenaustritte?

Büchel: Ja, sie schmerzen mich sehr. Vor allem, wenn Menschen die Kirche verlassen ohne Gesprächsbereitschaft über ihre Gründe. Ich beurteile die Kirchenaustritte nach der Devise: «Es gab für Sie persönlich einen Grund auszutreten. Vielleicht gibt es auch wieder einmal einen Grund, einzutreten. Sie sind herzlich willkommen.»

«Oft geschieht ein Kirchenaustritt doch aus einem persönlichen Ärger heraus, der später neu bedacht werden kann.»

Ich bin froh, wenn Menschen ihren ganz persönlichen Weg zum Glauben an Jesus Christus nicht aufgeben und ihn auch finden. Von allen erwarte ich, dass sie auch in unserem schweizerischen Kirchensteuersystem das Positive anerkennen, das durch die Finanzen der Kirche in der Gesellschaft gefördert werden kann.

Schritt zum Kirchenaustritt? Mann verlässt eine Kirche.
Schritt zum Kirchenaustritt? Mann verlässt eine Kirche.

Ich denke an die Vermittlung unserer christlichen Grundwerte, an die Kinder- und Jugendarbeit, an die Solidarität mit den Armen, an die Friedensarbeit, an die Frauenförderung in allen Kulturen unserer Hilfswerke und vieles mehr. Oft geschieht ein Kirchenaustritt doch aus einem persönlichen Ärger heraus, der später neu bedacht werden kann.

Welche Kraft und welche Bedeutung kann der Glaube an Gott für die Menschen heutzutage noch haben?

Büchel: Ich bin in meinen Priesterjahren nie so vielen Menschen begegnet, die nach Lebenssinn und religiösen Erfahrungen existentiell fragten und auch suchten. Fragen nach Lebenssinn und Lebensglück sind allpräsent. Auch die Fragen nach dem Tod beschäftigen Menschen über das christliche Bekenntnis hinaus. Heute dürfen wir uns diese Fragen persönlich stellen, ohne nur vorgegebene Antworten bekennen zu müssen.

Bischof Markus Büchel salbt den Altar.
Bischof Markus Büchel salbt den Altar.

Das gemeinsame Fragen und Suchen sehe ich als grosse Chance, aber auch als Herausforderung, Seelsorge immer persönlicher und auch individueller zu gestalten. Das fordert uns heraus, mit Menschen persönlich auf dem Weg zu sein. Möglich ist das nur, wenn überzeugte Christinnen und Christen diese Aufgabe als Getaufte wahrnehmen in ihrem persönlichen Umfeld und in ihrem Berufsleben. Das Modell der synodalen Kirche von Papst Franziskus, das in der Volk-Gottes-Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils gründet, will uns weltweit auf diesen Weg führen. Darin sehe ich grosse Kraft und Zukunft.

Sie können sich Frauen als Priesterinnen vorstellen. Wie lange wird es aus Ihrer Sicht noch dauern, bis Frauen zur Priesterweihe zugelassen werden?

Büchel: Das weiss ich nicht. Bei uns kann diese Frage sicher früher entschieden werden als in anderen Teilen der Weltkirche.

Frau im liturgischen Gewand.
Frau im liturgischen Gewand.

Ich teile die Sorge von Papst Franziskus, dass diese Frage nicht zu Spaltungen führen darf ebenso wie seinen Weg, dass Einheit nicht Einheitlichkeit heisst. Wir beten, dass sich im synodalen geistlichen Erkennen Wege für kontinentale Lösungen öffnen, ohne die universale Einheit in Frage zu stellen.

Was wünschen Sie sich von Ihrem Nachfolger?

Büchel: Dass er mit Mut und Gottvertrauen sich den Aufgaben stellt und auf den vielfältigen Ebenen beglückende Erfahrungen machen kann. Letztlich ist es immer Christus, der durch ihn wirkt. Das gibt auch eine gewisse Gelassenheit.

*Markus Büchel ist Bischof von St. Gallen. Am 9. August wird er 75 Jahre alt und muss dem Papst seinen Rücktritt anbieten. Das Interview wurde schriftlich geführt.


St. Gallens Bischof Markus Büchel | © zVg
9. August 2024 | 06:00
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