Ist einer der fünf Heiligen für den Weltjugendtag 2027: Carlo Acutis.
Vatikan

Heiligsprechungen verbessern das Image der katholischen Kirche

Tausende Heilige verehrt die katholische Kirche. Alljährlich kommen neue hinzu – und das hat interessante Nebeneffekte. Denn manche der neuen Seligen und Heiligen verbessern auch das ramponierte Image der Kirche. Etwa der 15-jährige «Cyber-Apostel» Carlo Acutis.

Severina Bartonitschek

Nur selten haben Nachrichten über die katholische Kirche in diesen Tagen einen positiven Werbeeffekt. Skandale und Krisen verdüstern das öffentliche Image. Da kommen leuchtende Vorbilder wie gerufen, um die Kirche in ein besseres Licht zu rücken.

Um diese Vorbilder bekannt zu machen, sind die Prozesse zu ihrer Selig- oder Heiligsprechungen ein wichtiges und werbewirksames Instrument. Da sie oft mit unerklärlichen Wundern verbunden sind, umgibt sie bis heute eine mythische Aura.

Mobilisierung ideellen Zuspruchs

Dabei sind die Verfahren, an deren Ende die Kirche einen Menschen zum Vorbild für die Gläubigen und zum Fürsprecher bei Gott erklärt, nicht ganz uneigennützig. Zwar kosten sie oft viel Geld und Arbeitszeit. Aber mit Geschick und etwas Glück können sie ideellen Zuspruch mobilisieren und manchmal auch materiell sichtbare Erfolge bewirken, wenn die Zahl der Verehrer steigt.

Heiligsprechung auf dem Petersplatz
Heiligsprechung auf dem Petersplatz

Aktuell scheint sich die katholische Kirche mit einigen dieser Prozesse ein jugendlicheres Image geben zu wollen. Gezielt rückt sie das aus ihrer Sicht beispielgebende Leben junger Menschen in den Fokus – vom wellensurfenden Priesteranwärter bis zur jungen Mutter, die zum Wohle ihres ungeborenen Babys auf eine Chemotherapie verzichtete und starb.

Der Fall Acutis

Zu einem wahren Glücksfall hat sich die zügige Seligsprechung eines mit 15 Jahren gestorbenen Italieners entwickelt. Carlo Acutis (1991-2006) erlangte weltweite Bekanntheit als «Cyber-Apostel», «Internet-Patron» oder «Influencer Gottes».

Ende 2020 wurde Acutis im italienischen Assisi seliggesprochen, nun haben Papst und Kardinäle den Weg freigemacht für seine Heiligsprechung. Die Anerkennung einer tugendhaften Lebensweise und zwei Wunder «auf seine Fürsprache bei Gott» galt es bis dahin zu bewältigen. Zwei Menschen wurden laut Gutachtern auf medizinisch unerklärliche Weise durch göttliches Eingreifen geheilt, nachdem Angehörige der Kranken Acutis um Hilfe gebeten hatten.

Gestorben an Leukämie

Bevor Acutis mit 15 Jahren an Leukämie starb, soll er ein frommes Leben mit täglichen Messbesuchen, Rosenkranzgebeten und ehrenamtlichem Engagement geführt haben. Mit Begeisterung soll er sich mit «eurcharistischen Wundern» beschäftigt haben – also unerklärliche Vorkommnisse im Zusammenhang mit geweihten Hostien.

Eine Frau und ein Mann fotografieren mit ihren Smartphones den Leichnam von Carlo Acutis in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi am 3. Oktober 2020.
Eine Frau und ein Mann fotografieren mit ihren Smartphones den Leichnam von Carlo Acutis in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi am 3. Oktober 2020.

Seine Sammlung weltweiter Ereignisse dieser Art ist heute online zugänglich. Zudem tourt sie als Wanderausstellung durch kirchliche Einrichtungen.

Glaubensvorbild in Jeans und Turnschuhen

Seine inoffizielle Ernennung zum Schutzpatron des Internets verdankt er einem weiteren Hobby. Neben der Schule beteiligte Acutis sich an der Erstellung von Internetseiten, etwa für seine Heimatgemeinde in Mailand.

Seit 2020 liegt er bekleidet mit Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen in einem Glasschrein in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi, sein Herz in einem goldenen Gefäss einige Hundert Meter weiter im Dom San Rufino. Der Bischof von Assisi spricht von gestiegen Besucherzahlen, ebenso der Pfarrer von Acutis’ Heimatgemeinde.

Dem vorausgegangen war jahrelanges Engagment, die Geschichte des 15-Jährigen überregional bekanntzumachen – von den Eltern wie von hochrangigen Kirchenmännern. Denn was ein künftiger Seliger wie ein künftiger Heiliger braucht, ist eine Lobby.

Wie man heilig wird

Nach neuen katholischen Glaubensidolen sucht nämlich in der Regel nicht der Vatikan selbst. Vielmehr fungiert er als eine Art Dienstleister, der mögliche Kandidaten prüft und anschliessend über ihre vorbildhafte Eignung entscheidet.

Gläubige halten ein Banner mit der Aufschrift "Santo Subito"  bei der Trauermesse für Benedikt XVI., Januar 2023
Gläubige halten ein Banner mit der Aufschrift "Santo Subito" bei der Trauermesse für Benedikt XVI., Januar 2023

Es ist ein oft jahrzehntelanger Prozess, der von den «Lobbyisten» bezahlt werden muss. Die Gebühren entfallen dabei auf die Arbeit der Gutachter sowie kirchenrechtlicher Anwälte. Sie recherchieren im Leben des Kandidaten – suchen nach Flecken auf der vermeintlich weissen Weste, prüfen, ob sie wirklich mehr als nur durchschnittlich gute Christen waren – und ob es für die gemeldeten Wunder nicht doch eine simple medizinische Erklärung gibt. Erklären sie den Kandidaten für geeignet, bittet die zuständige Fachabteilung im Vatikan den Papst um eine positive Entscheidung.

Der erste Millenial

Im Fall von Acutis geschah das schnell. Die theologischen Berater des Prozesses bezeichneten ihn als «leuchtendes Beispiel für die Freude, die von einer Begegnung mit Jesus ausgeht». Ein Jugendseelsorger aus Mailand erklärte das Phänomen des «Internet-Heiligen» so: «In seiner Erfahrung des Aufwachsens finden sich viele Züge, in denen sich die Jugendlichen von heute wiederfinden können, im Gegensatz zu anderen jungen Heiligen, die in einer ganz anderen historischen, kulturellen und sozialen Zeit gelebt haben.»

Die internationale Popularität dieses Falles scheint ihnen recht zu geben. Bald wird mit Carlo Acutis der erste Millennial heiliggesprochen. (cic)

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Ist einer der fünf Heiligen für den Weltjugendtag 2027: Carlo Acutis. | © Associazione Amici di Carlo Acutis
8. Juli 2024 | 06:00
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