Der Klosterplatz erstrahlt letzten Sommer während des Welttheaters im bunten Lichtermeer.
Schweiz

«Frauen reissen den Karren» – erfolgreicher Auftakt des Welttheaters

Am Dienstagabend fand die Premiere des Welttheaters in Einsiedeln statt. Das Publikum erschien zahlreich und zeigte sich begeistert. Hundert Jahre nach der ersten Spielzeit wird 2024 das Freilichttheater zum 17. Mal vor der barocken Klosterkirche aufgeführt und spart in der Neuinterpretation auch heikle Themen wie Missbrauch nicht aus.

Sarah Stutte

Am Dienstagabend ist es in Einsiedeln noch einigermassen frisch, stark bewölkt und es hat sich Regen angekündigt. Die rund 2000 Besucherinnen und Besucher sind aber vorbereitet und mit Regenschutz und Decken bepackt. Die Plätze auf der erstmals gedeckten Tribüne sind aufgrund der Wetterlage beliebt und schon gut besetzt. Auch die restlichen Sitze füllen sich bis zum Beginn der ausverkauften Vorstellung um 20.45 Uhr.

Spektakuläres Welttheater-Schauspiel auf dem Klosterplatz.
Spektakuläres Welttheater-Schauspiel auf dem Klosterplatz.

Die Kulisse des erleuchteten und im Laufe des Abends vielfarbig erstrahlenden Klosterplatzes ist auch im sanft einsetzenden Nieselregen eindrücklich. Im Hintergrund ragen die beiden Türme der Barockkirche erhaben in die Höhe. Sie sind schon seit 100 Jahren stille Zeugen dieses spektakulären Schauspiels.

Weihbischof Stübi im Publikum

Für die vorderen Reihen werden noch Pelerinen verteilt. Das Publikum ist bunt durchmischt. Einige Familien sind mit ihren Kindern hier. Derweil lässt sich Prominenz erspähen. Die Alt-Bundesräte Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Ueli Maurer sind gekommen. Von katholischer Seite ist Weihbischof Josef Stübi vor Ort, Weihbischof Alain de Raemy und natürlich der Einsiedler Abt Urban Federer. Auch Mariano Tschuor, Leiter des Klosterprojekts «Mariastein 2025», ist anwesend.

Der Autor und Emanuela als Kind.
Der Autor und Emanuela als Kind.

Dann wird es ruhig in den Rängen – die 17. Welttheater-Aufführung beginnt. Zuerst mit einer Absage. Das Welttheater finde nicht statt, sagt die Figur des Autors, der die Natur-Bühne als erstes betritt. Dann folgen die anderen bekannten Charaktere aus Pedro Calderón de la Barcas Stück wie die Vernunft und die Schönheit. Ein Kind entscheidet schliesslich, dass doch gespielt wird.

Ein ganzes Leben wird greifbar

Die Welt erscheint. Sie wird von Michaela Trütsch verkörpert, die mit 27 Jahren die jüngste Welt in der Geschichte des Einsiedler Welttheaters ist. Sie singt live und berührend und bleibt nicht die einzige weibliche Erscheinung des Abends. In Lukas Bärfuss moderner Neufassung des Stücks emanzipiert sich das Volk. Die Menschen lassen sich nicht mehr bevormunden. Alle Rollen hat der Schweizer Schriftsteller in die Figur einer Frau mit Namen Emanuela eingeschrieben.

Szene aus dem Welttheater in Einsiedeln: Emanuelas Herrschaft fällt zusammen.
Szene aus dem Welttheater in Einsiedeln: Emanuelas Herrschaft fällt zusammen.

Sie startet als Mädchen – das Kind vom Anfang, das unbedingt spielen wollte – das sein Recht auf das Leben einfordert und als Greisin endet. Im Stück wird Emanuela reich, arm, mächtig und schön. Sie wird von vier Frauen unterschiedlichen Alters gespielt und bekommt dadurch verschiedene Facetten. Die Übergänge dieser jeweiligen Stufen hat Regisseur Livio Andreina spielerisch fliessend gestaltet. Ein ganzes Leben, von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, wird so an einem Abend greifbar.

Kirchlicher Missbrauch ist Thema

Am Ende spricht die Welt zur Greisin: «Ich bin dini Wält und dini Wält verschwindet und in das Verschwinden nimmt sie dich mit.» «Frauen – auch hier – reissen den Karren» sagt Lukas Bärfuss im Gespräch in der SRF-Sendung Kulturplatz vom 5. Juni. «Allein die Präsenz der vielen verschiedenen Frauen ist unwiderlegbar. Es ist das feministischste Stück, das ich je gesehen habe.»

Emanuela als Greisin auf dem Klosterplatz, die Welt umspringt sie.
Emanuela als Greisin auf dem Klosterplatz, die Welt umspringt sie.

Und auch eines, das provoziert und die Kritik nicht ausspart. Nicht nur deshalb, weil durch diese besondere Inszenierung die fehlende Anerkennung der Frauen in der Kirche schmerzhaft aufgezeigt wird, sondern weil sie sich auch dem Missbrauch in dieser widmet. In der Armenszene werden Kinder dem Priester zum Verkauf angeboten. Dieser erwidert darauf: «Ich brauche nicht zu zahlen. Ich bekomme sie ja gratis».

Das Spielvolk wirbelt über den Klosterplatz

In der Kulturplatz-Sendung wird Abt Urban von der Journalistin auf diese Szene angesprochen. Er sagt dazu: «Für mich gehört das ganze Leben auf diese Bühne. Nicht nur das Schöne. Wenn die Gesellschaft und die Kirche der Missbrauch beschäftigt, gehört das auch ins Theater».

Fantastische Gestalten in tollen Kostümen wirbeln über den Klosterplatz.
Fantastische Gestalten in tollen Kostümen wirbeln über den Klosterplatz.

Und in diesem glänzen vor allem die Einwohnerinnen und Einwohner von Einsiedeln. Das ganze Dorf spielt mit. Im Laufe des temporeichen Stücks wirbelt dieses Spielvolk als fantastische Gestalten in tollen Kostümen über den Klosterplatz. Nebelschwaden ziehen darüber. Das Orchester spielt dazu unter den Arkaden. Der Chor taucht indes immer an einem anderen Ort auf.

Musik von Amstad weckt Emotionen

Überhaupt ist die Musik ein Glanzpunkt. Der Stimmkünstler Bruno Amstad konnte sie leider nicht mehr live erleben – er verstarb im Januar, kurz nachdem er seine Jubiläums-Kompositionen nach Einsiedeln geschickt hatte. Er wäre hier auch als Musiker präsent gewesen. Das erzeugt nochmals Emotionen auf einer weiteren Ebene.

Der Chor oben und das Orchester unten in den Arkaden.
Der Chor oben und das Orchester unten in den Arkaden.

Am Ende gibt es stehenden Applaus und Jubelrufe für das Gezeigte und Gehörte und die dadurch ausgelösten Gefühle. Noch bis zum 7. September besteht die Möglichkeit, sich selbst von der Einmaligkeit dieses Open Air-Theaters zu überzeugen.

Weitere Informationen zum Welttheater sind hier zu finden. Die Grussbotschaften von Abt Urban zum Welttheater hier. Am Sonntag, 16. Juni, strahlt SRF 1 um 20.15 Uhr ein «Kulturplatz Spezial» zum Welttheater und der Premiere aus.

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Der Klosterplatz erstrahlt letzten Sommer während des Welttheaters im bunten Lichtermeer. | © kath.ch
12. Juni 2024 | 17:30
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