Martin Stewen eröffnet den ökumenischen Gottesdienst zur "Zurich Pride" in der Kirche St. Peter und Paul 2023
Schweiz

Martin Stewen: «Die queere Szene ist ein Teil der Kirche»

Am Wochenende feiert die Pride Zürich ihr nun mehr 30-jähriges Bestehen. Alljährlich findet am Sonntag nach der Demonstration der ökumenische Pride-Gottesdienst statt. Vikar Martin Stewen, der 2003 den Gottesdienst initiierte, wird auch diesmal wieder dabei sein und auch an der Pride selbst mitlaufen: «Wir sollten hier Präsenz zeigen», sagt er.

Sarah Stutte

In diesem Jahr gestalten Sie von katholischer Seite aus wieder den ökumenischen Pride-Gottesdienst in St. Peter Zürich mit. Zum wievielten Mal nun eigentlich schon?

Martin Stewen*: Der Gottesdienst findet bereits zum 21. Mal statt. Ich selbst war von 2004 bis 2014 im Organisationsteam dabei und dann wieder von 2022 bis jetzt, also insgesamt schon vierzehn Mal. Zwischendurch war ich im Ausland. In diesem Jahr wird der Gottesdienst in der reformierten Kirche St. Peter, in unmittelbarer Nähe zum Fraumünster stattfinden.

Martin Stewen ist Priester in Peter und Paul in Zürich.
Martin Stewen ist Priester in Peter und Paul in Zürich.

Werden Sie dazu wieder Ihre farbige Stola tragen?

Stewen: Ja, sicher. Ebenfalls Standard sind die Tücher in den Regenbogenfarben, die jeweils am Eingang der Kirche aufgehängt werden. Das hat einfach einen Wiedererkennungswert für die Besucherinnen und Besucher.

Gibt es einen bestimmten Fokus, auf den Sie im Team der teilnehmenden Pfarrerinnen und Pfarrer dieses Jahr in der Predigt gemeinsam Wert gelegt haben?

Stewen: Wir haben das Motto der Pride «Frei in jeder Beziehung» aufgeteilt und für unsere Predigten übernommen. Da der Gottesdienst zur Pride gehört, sind wir hier thematisch verbunden. In diesem Jahr werden wir zu fünft den Gottesdienst leiten, der deshalb auch aus fünf Teilen bestehen wird.

Tücher in Regenbogenfarben schmücken den Eingang der Kirche St. Peter und Paul in Zürich
Tücher in Regenbogenfarben schmücken den Eingang der Kirche St. Peter und Paul in Zürich

Neben mir als römisch-katholischem Vikar sind die christkatholische Pfarrerin Melanie Handschuh, die reformierte Regenbogenpfarrerin Priscilla Schwendimann sowie Ash Schenker von der Mosaic Church und als Mitarbeiter der evangelisch-methodistischen Kirche (Regenbogenkirche) Urs Bertschinger dabei.

Wird auch Nonbinarität als Thema aufgenommen werden?

Stewen: Ja, weil wir mit Ash Schenker, Co-Präsident:in von Zwischenraum Schweiz, eine Person im Team haben aus dem nonbinären Umfeld. Zudem ist in der Mosaic-Church von Priscilla Schwendimann Nonbinarität ein grosses Thema.

«Ich werde auf die verschiedenen Aspekte von Freiheit hinweisen.»

Ich kann mir also vorstellen, dass Pfarrerin Schwendimann das Thema aufnehmen wird. Wir kennen aber unsere gegenseitigen Predigten nicht. Ich mache den Anfang und werde in meiner Predigt auf die verschiedenen Aspekte von Freiheit hinweisen.

In Biel wurde Nemos Gewinner-Song in einem Queer-Gottesdienst zu Pfingsten auf der Orgel gespielt. Wäre das auch eine Idee für Sonntag?

Stewen: Wir haben einige Musikstücke zusammen ausgewählt, aber der Organist sucht auch selbst welche heraus. Was dieser sich für Überraschungen ausdenkt, weiss ich nicht. Eine musikalische Brücke zu Nemo würde mich aber nicht wundern, weil Nemo am Freitagabend auf der Pride-Bühne steht und dort einen Auftritt hat.

Tobias Grimbacher und Franziska Driessen-Reding vor der Eröffnung des ökumenischen Gottesdienstes zur "Zurich Pride" 2023
Tobias Grimbacher und Franziska Driessen-Reding vor der Eröffnung des ökumenischen Gottesdienstes zur "Zurich Pride" 2023

Wen erwarten Sie als Gäste der Zürcher Kantonalkirche?

Stewen: Ich gehe davon aus, dass Kollegen und Kolleginnen aus dem Synodalrat zum Gottesdienst kommen.

Was ist für Sie das Besondere am Pride-Gottesdienst?

Stewen: Dass er so eine Scharnierfunktion hat zwischen der LGBTQI+-Szene und den Kirchen. Wir treten ganz bewusst als Seelsorgerinnen und Seelsorger unserer Kirchen auf, in einem Gottesdienst, der in dieser speziellen Form bei uns oft nicht vorkommt. Ich habe diesen Gottesdienst 2003 initiiert, weil mir gerade diese Verbindung ein grosses Anliegen war. Das funktioniert jetzt seit über zwanzig Jahren gut, jedoch nicht immer geräuschlos.

Das heisst?

Stewen: 2010 hat sich der kürzlich verstorbene Bischof Vitus Huonder einmal ganz furchtbar über diesen Gottesdienst aufgeregt. Es hiess damals, ich solle hier als römisch-katholischer Vertreter nicht mehr mitmachen. Aber ich habe keine Begründung bekommen.

«Bei den anderen Konfessionen läuft das zum Teil einfacher.»

Es gab dann eine interne Diskussion mit allen damaligen Bischöfen und an deren Ende war ich immer noch dabei. Was hinter Schloss und Türen gelaufen ist, weiss ich nicht. Ich weiss nur – bei den anderen Konfessionen läuft das zum Teil einfacher.

Vor zwei Jahren wurde die Veranstaltung durch Aktivisten der rechtsextremen Gruppierung «Junge Tat» gestört. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Stewen: Ich war damals dabei, aber als Gast auf der Kirchenbank. Erst ein Jahr später bin ich wieder zum Team gestossen. Das ging alles so schnell, auch weil ein Mitarbeiter des Organisationsteams prompt reagiert hat. Dadurch konnte grösserer Schaden verhindert werden. Der katholische Seelsorger Meinrad Furrer hat vor Ort sofort die Situation entschärft und die Menschen beruhigen können. Die Gottesdienst-Atmosphäre ist also nicht eingeknickt. Das war ein grosses Glück und hatte natürlich auch mit dem klugen Umgang des Teams zu tun.

Diese Männer gehören laut Pride-Angaben zum homophoben Mob, der den Gottesdienst störte.
Diese Männer gehören laut Pride-Angaben zum homophoben Mob, der den Gottesdienst störte.

Der grosse Schrecken kam erst danach. Wir hatten einige Monate zuvor einen ähnlichen Überfall in einem Gottesdienst der englischsprachigen Mission. Dort mit militanten Tierschützern, die bis zum Altar durchgekommen sind. Wir sind im Pride-Gottesdienst also glimpflicher davongekommen. Doch es wird deutlicher, dass solche Vorfälle passieren können und wir uns wappnen müssen. Deshalb haben wir seitdem auch Security im Gottesdienst.

Jüngst verlor in Pfäffikon ein schwuler Lehrer seinen Job, aufgrund von Beschwerden freikirchlicher Eltern. Hat religiös konnotierte Homophobie wieder Aufwind?

Stewen: Ich kenne keine Zahlen. Vom persönlichen Empfinden her würde ich dies aber bejahen. Christliche Homophobie gab es schon immer. Einmal sind es die Katholiken, die sich verbal auslassen, ein anderes Mal die Freikirchen.

«Es können sich nicht mehr alle an queeren Hotspots frei bewegen.»

Es ist gefährlicher geworden. Das sieht man daran, dass ehemalige queere Hotspots in der Zürcher Innenstadt nicht mehr als selbstverständlich gesehen werden, an denen sich alle frei bewegen können. Was sicher zugenommen hat, ist die Wachsamkeit.

Wie kann die katholische Kirche hier dagegenhalten und was tun?

Stewen: Präsenz zeigen innerhalb der Szene. Das war der Grund, 2003 den Pride-Gottesdienst zu initiieren. St. Peter und Paul war damals die Pfarrei in unmittelbarer Nähe zum Festivalgelände. Ich fand deshalb, dass wir dort mitwirken sollten. Daraus ist dann die Idee des Gottesdienstes erwachsen.

Gottesdienst zur "Zurich Pride"
Gottesdienst zur "Zurich Pride"

Von Seiten Pride-Team herrschte von Anfang an eine starke Offenheit, innerhalb der Kirchen war das teilweise schwieriger. Wir wollten diesen Gottesdienst gerade deshalb machen, um zu zeigen, dass die queere Szene ein Teil der Kirche ist. Was im Moment natürlich nirgendwo besser zu sehen ist als in der Christkatholischen Kirche. Der dortige neue Bischof ist der beste Botschafter.

Im letzten Jahr wurde kritisiert, dass niemand von der Katholischen Körperschaft Zürich an der Demonstration selbst mitgelaufen ist. Wie sieht es diesmal aus?

Stewen: Ich selbst nehme voraussichtlich teil am Demonstrationszug. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die für den Gottesdienst verantwortlich sind, sollten auch an der Pride Präsenz zeigen, wenn wir das ernst meinen mit der Scharnierfunktion.

*Martin Stewen ist Zürcher Synodalrat und Vikar in St. Peter und Paul Zürich.

Der Pride-Gottesdienst findet am Sonntag, 16. Juni um 14 Uhr in der Kirche St. Peter in Zürich statt.

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Martin Stewen eröffnet den ökumenischen Gottesdienst zur «Zurich Pride» in der Kirche St. Peter und Paul 2023 | © Charles Martig
12. Juni 2024 | 14:30
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